Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1919)
- Date
- 1919-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrg. XX, Nummer 2 )Oislhe Mksßmm. «er»,»-reifer halbjährig. Steiüjdjlanb? ganzjährig Rußland, gachjährig . Balkan, Frankreich , . Jtamen 12*50 Kronen 24׳— Mar! 18׳— Rubel 12׳— Frank» 24 - Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brümt, Adlergasse 8 Buchhändlerische Vertretung: Ott« Klemm» Lei-zir Inserate: der 6-spaltige Zentimleltermum 2 Unverlangte redaktionelle Beiträge Verden nicht ysnm riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. m- Wien—Brünn 10. JSnner 1919. 9. Schebath 6679 Prag—Lemberg. Dr. H. Die jüdisch-polnische Assimilation auf neuen Bahnen. Die jüdisch-polnischen Assimilationshelden waren in der letzten Zeit sehr geschäftig. Vor einigen Wochen war in den verschiedensten polnischen Zeitungen die Nachricht zu lesen, daß der Krakauer Abgeordnete Dr. Groß an die Schaffung einer allgemeinen Repräsentanz für die Juden in Polen und Galizien geht, die sich auf der Grundlage der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden stützen wird. Die jüdische Öffentlichkeit war sich dessen bewußt, daß es sich bei dieser ״Aktion" einzig und allein um die Rettung der Positionen der Assimilations- Politiker handelt, die infolge der neu geschaffenen Politischen Lage und des Anwachsens der jüdisch-nationalen Bewegung äußerst bedroht sind. DaS Fiasko' der Bestrebungen der Moschkos war vorauszusehen. Die jüdischen Massen haben einen sehr guten Instinkt und wußten gleich, daß nicht ihre Interessen für diese Herren die Hauptsache sind, sondern die sogenannte ״polnische Idee", d. h. das eigene persönliche Strebertum. Inzwischen sind aber die Pogrome in Westgalizien und sodann auch die an Juden verübten Greueltaten in Lemberg gekommen, welche der Assimilationspolitik den letzten Stoß versetzten. Die Wimilanten, die noch immer von einer polnisch-jüdischen «Verbrüderung" mit dem altpolnischen Ausruf: ״Kochajmy sie" (laßt uns einander lieben!) zu erzählen wußten, verloren auf einmal den Boden unter den Füßen. Sie wurden durch die tristen und haarstreu» Lenden Tatsachen des Besseren belehrt. Die ehrlichen und denkenden Elemente unter ihnen haben eingesehen, daß es falsch und nachteilig ist von einer Assimilation der Juden zu sprechen in einer Zeit, wo die polnische Öffentlichkeit in organisierten Pogromen danach strebt des frenüien, jüdischen Elementes los zu werden. Der Feuilleton. Dr. Max Steif, Raußnitz. Der Khille-Gelehrte. Wenn ein großer Dichter es bekanntlich einmal von sich sagen durfte: «ich stand eines Morgens auf und war bemüht", hätte da jemand eS als lächerlichen Größenwahn verurteilen dürfen, wenn auch Michael KröSler etwas ähnliches von sich behauptet haben würde, -aß nämlich auch er eines Tages sich plötzlich von der Gloriole eines Khillegelehrten umstrahlt gesehen? Und mag auch für gewöhnlich der zwar nützliche und ehrbare, jedoch unbestreitbar etwas zu prosaische Beruf eines Schnittwarenhändlers mit solch' auszeichnendem Titel in nur losen Beziehungen stehen, so vermöchte eben dieser Ausnahmsfall den Beweis zu erbringen, wie sich beides mitunter wohl zur schönsten Harmonie vereinigen lasse. Solch' plötzliche Erhöhung zum Khillegelehrten war allerdings ein wenig teuer erkauft mit der versteckten Gegnerschaft Kantor Trällers, der bis dahin allein sich im unbestrittenen Besitze dieser Würde ge. sonnt und sich nun derselben mit einem Male von einem ganz unebenbürtigen Rivalen beraubt sah. Und wie die Ursache großer geschichtlicher Umwälzungen in verbreitet bekannte galizische Assimilantenführcr Dr. Tobias Aschkenase verurteilte aufs schärfste die Pogrome und trat für die jüdisch-nationalen Forderungen ein. Auch die unter dem Namen ״Bürgerliche Gleichberechtigung für die polnischen Juden" in Warschau vor kurzem gegründete assimilatorische Partei hat sich zu einem scharfen Protest gegen die Judenpogrome aufgerafft, in dem hervorgehoben wird, daß Dank der systematischen Aufhetzung seitens gewisser Preßorgane die Ausschreikungen gegen die Juden Resultate gezeitigt haben, die den polnischen Namen mit Schmach bedecken. Daß die jüdisch-polnische Assimilation sich auf neuen Bahnen befindet hat man auch an der Assimilantenkonferenz, die am 15. Dezember in Warschau abgehalten wurde, merken können.-An dieser Konferenz beteiligten sich auch mehrere Assimilantenführer aus Galtzien und war ihr Zweck ״den politischen Gedanken der ganzen assimilatorischen Intelligenz i n Polen und Galizien zu koordinieren und eine einheitliche Front zu schaffen". In dieser Konferenz erklärten Dr. Groß und mehrere Warschauer Politiker, daß es gegenwärtig nicht ratsam wäre, sich den jüdisch-nationalen Elementen entgegenzustellen. ״Cs bedarf ihren Bestrebungen gegenüber Neutralität bewahrt werden." Wenn dem so ist, wozu die unternommene Aktion zwecks Schaffung einer Repräsentanz für die Juden. Assimilation, das ״Prinzip" der Entäußerung der eigenen Individualität, des Handelns nach einem fremden Willen, das Prinzip der Kriecherei und Anbiederung kann mit Volkspolitik unmöglich Hand in Hand gehen. Deshalb ist es klar, daß die «neuen Bahnen" der jüdisch-polnischen Assimilation nur eine neue Aufläge der alten, sehr schiefen Bahnen sind. All die neuen Gründungen sind nur auf die Köderung der jüdischen Massen angelegt, bei denen die Assimilation jedes Der» trauen verloren hat. Was die Assimilation vermag, ist, an sich gute Gedanken zu verderben. Das jüdische Volk verlangt von seinen Führern die Realisierung aller sei» ner Bestrebungen, positive, erfolgreiche Arbeit auf allen Gebieten des jüdischen Lebens. Die jüdischen Massen verlangen von ihren Führern, daß sie sich energisch für die ihnen gebührenden Rechte einsetzen. Rabbiner Dr. E. Landau, Strakonitz. Offener Brief eines Rabbiners an die Geistlichkeit Böhmens Nicht Ehrgeiz, nicht Ruhmsucht, nicht Selbstüberhe. bung, nicht materielle Vorteile, nicht die Popularisierung meiner Person und auch nicht die Furcht vor dem Martyrium, — ich bin zu sterben bereit, wenn ich wüßte, daß mein Tod das immerwährende Heil meines viel geprüften und viel geschmähten Volkes herbeiführen würde, — sondern die verzweifelte Lage der böhmischen Judenheit auf dem flachen Lande und meine innerste Überzeugung von Ihrem vorurteilslosen Gerechtigkeitsgefühl gegen die Judenheit, verleihen mir die Kraft Sie, den Apostel der Nächstenliebe, den Ver» künder der Weltversöhnung, den Träger der göttlichen Fahne der Weltverbrüderung, den Priester der heilig, sten Güter des Lebens und Erzieher der Verwalter der höchsten Gaben Gottes, inständig zu bitten und zu be-> schwören, sich der verzagenden Judenheit anzunehmen. Ehrfurchtsvoll beuge ich mein Haupt vor Ihrem anerkannten Gerechtigkeitsgefühl gegen die Judenheit und in Stunden höchster Gefahr appelliere ich an das humane Gefühl des einflußreichen Vertreters des Christentums, das christliche Gerechtigkeitsgefühl in den Dienst der Weltversöhnung zu stellen, das allein das beste Bollwerk sein kann gegen die Entgleisungen einzelner Personen, insbesondere aber der unreifen Jueinem oft ganz unscheinbarem Faktum zu suchen ist, so hatte auch hier nur eine winzige Blöße in dem Wissen Kantor Trällers es bewirkt, daß die allgemein hohe Meinung von seiner Gelehrsamkeit einen empfindlichen Stoß bekam und hiedurch ganz ins Wanken geriet. Ja, hätte diese Blöße noch die krasse Unkenntnis in Talmud oder Midrasch vorgetan, man hätte es vielleicht hingehen lassen können, — aber sich gegen eine klare Bestimmung des ״Luach" (Kalenders) zu vergehen, nein, das war etwas Unverzeihliches, wie immer man es auch drehen und wenden mochte! Nämlich, wenn an einem Sabbatnachmittag das sog. Zidkoscho Zedek-Gebet gemäß der im Luach ausdrücklich verzeichneten Bestimmung wegzulasfen war, und trotzdem gesprochen wurde, von einer Seite, von der man unbedingt voraussetzen durfte, daß sie sich der Folgen einer solchen Handlungsweise bewußt sein mutzte, — dann war dies eben etwas so Ungeheuerliches, das direkt zum Himmel schrie. Diesen Schrei vernahm allerdings nur einer, eben unser Michael KröSler, der sogleich durch lauten Zwischenruf dem Unheil, wenn auch vergeblich, zu steuern versucht hatte, — aber eS genügte, um einerfeite Karttor Träller, wie gesagt, seines bis nun innegehabten Nimbus eines Gelehrten zu entkleiden, andererseits Michael KröSler dafür zur Höhe eines solchen emporrückend zu machen. Jedermann wird eS nun begreiflich finden, daß der Inhaber einer solchen neuen Würde bei jeder Gelegenheit jetzt da» Bestreben an den Lag legte, sich ihrer s—s vollauf verdient zu erweisen. Man sollte sehen, daß sie an einen Würdigen verabfolgt worden, und daß er nicht bloß im Luach, sondern auch sonst seinen Mann zu stellen verstehe! Wenn es darum auch nicht als ganz den Kern der Sache treffend hingestellt werden kann, als Michael KröSler einige Tage darauf bei Bespre. chung der politischen Lage vor Beginn des Gottesdienstes diese kurz mit den hebräischen Worten: ״schauwer kol azmaussow", d. h. daß man jetzt allen die ״Baner" breche, zu kennzeichnen unternahm, — so waren sie immerhin klug gewählt als Übergang und Einleitung, um dem Gespräche einen mehr gelehrten Anstrich zu geben. Denn KröSler fuhr im Verfolg solcher Absicht sogleich sort: ״Übrigens merkwürdig! Da sagt man Hunderte Mal einen Satz vom ״Siderl" und merkt gar nicht, daß er, so wie er steht, gar nicht verstehen ist: Soll mir nur einer erklären, wag es heißt: ..er zerbricht alle Gebeine", und gleich darauf im selben Satz: «eines von ihnen ist nicht zerbrochen." Den Widerspruch wird mir so bald keiner lösen können!" Und dabei blickt KröSler Anerkennung heischend ob seiner Entdeckung einer solchen schweren Siddur-Stelle, an der man bis» her achtlos vorübergegangen im Kreise umher, nicht ohne gewisse Absicht, selbst Kantor Träller jetzt einen kleinen Zoll der Bewunderung für ihn abzunötigen. Doch dieser, der ein wenig abseits stehend nur mit hal» bem Ohre hingehört, fühlt sich im Gegenteile gedrängte den Triumph seines Gegners sofort ein wenig abzu» schwächen und bemerkte geringschätzig: «Erstens, wep die Jüdische Uolksstimme".