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Jüdische Volksstimme · 1919-01-01 · Heft 1 (1.1.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 1 (1.1.1919)
Date
1919-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1, ״Mvische «tiitjfaMtf* Ctitc L. Zangwill über die Pogrome in Pole« und Galizien. In der jüngsten jüdischen Versammlung in London, wurde ein Brief ZangwillS vorgelesen, in dem er sich folgendermaßen über die Pogrome in Polen und Galizien äußert: Niemanden hat der Kreig so hart getroffen wie die jüdische Gasse. Alle Heldentaten unserer Soldaten in jedem Lager und unserer Bürger in jedem Lande konnten uns nicht vor den Angriffen schützen, und betonte, daß das, was die Regierung der Republik gegenüber den jüdischen Mitbürgern empfinde, keineswegS eine bloße Toleranz sei, sondern eine tiefe Achtung vor der religiösen Überzeugung. Was der Präsident der von uns bewunderten und geliebten französchen Republik über das Verhältnis der republikanischen Regierung zum Judentum sagte, möge auch der Wahrspruch der tschechischen Republik im Verhältnisse zu den Juden sein, die treue und loyale Bürger der Republik sein wollen. Juden Brünns! Bei der in den ersten Jännerlagen stattfindende« Bevölkerungsaufnahme wird zum ersten male daS Bokenntnis zu einer Nationalität verlangt. Bisher wurde stets die Umgangssprache angegeben und die Juden Mährens bezeichneten. zum überwiegenden Teile, — den Tatsachen entsprechend, — als die ihre, die deutsche. So wurden fie den Deutschen zugezählt. Diele von -ihnen hielten und betätigten sich auch als Deutsche, und halfen mancherorts die Tschechen majorisieren. Judenkravalle, Plünderungen und der drohende Wirt» schaftliche Boykott sind die Folgen dieser Politik. Die Ententeregierungen haben die Juden als Natton anerkennt, und gibt auch der tschecho-slovakische Staat als Alliierter den Juden die Gelegenheit, sich als Angehörige einer Nation zu bekennen, und die große Wge aus der Wett zu schaffen, daß die Juden nach dem Belieben der jeweiligen Machthaber, da zu diesem, dort Kü jenem Volke gezählt werden. Die Minister unserer Regierung haben wiederholt «cklärt, daß kein Jude, somit auch kern in öffentlichen Diensten stehender Jude, durch sein Bekenntnis zur Mischen Nationalist irgend einen Nachteil erfahren Werde. Wir Jüdischnationalen haben seit jeher davor gewarnt, sich von der einen Nationalität sich zur Bergewaltigung der anderen mißbrauchen zu lasten und wir erheben auch heute wieder unsere warnende Stimme, weder den Deutschen noch den Tschechen nationale LandSknechtsdienste zu leisten. Durch daS Bekenntnis zum jüdischen Volke soll ausgedrückt werden: daß wir «nS in den nationalen Streit nicht einmengen wollen, daß wir ein Jntereste an dem Fortlebe» unsereS Volkes haben, datz wir Juden loyale Bürge» deS neue« StaaleS sein wolle», daß wir alle Bürgerpflichten auf uns nehmen, aber auch alle daraus fliehenden Rechte beanspruchen. . Durch daS Bekenntnis zur jüdischen Nationalität wird selbswerständlich keinerlei Zugehörigkeit zu irgend einer Partei erklärt, Die Behörden unserer Stadt wollen daS wahre Zahlenverhältnis der hier seßhaften Nationen festste!- len, trüben wir nicht das Ergebnis dieser Zählung. Tue jeder Jude seine Pflicht und bekenne sich zur jüdische« Nationalität. Der Jüdische Bolksrat inWrünn. Korrespondenzen. Brünn. Der Verein ״Machsika Hadas", der auf Line äußerst segensreiche, erfolgreiche Tätigkeit zurückblickt, hat auch im heurigen Jahre eine Bibelschule ins Leben gerufen. Die Bibelschule wird reorganisiert und können Schüler derzeit Aufnahme finden. Jeden Mantag und Donnerstag, 6 Uhr abends, werden im Vereinslokale Borträge aus dem Talmud mit anschließender Diskussion abgehalten. Gäste willkommen. Güding. Am 29. Dezember, nachmittags, fand eine vom hiesigen Jüdischen Volksrate einberufene öffentliche Versammlung statt, um zu den aktuellen Fragen auf jüdisch-nationalen Gebieten Stellung zu nehmen. Nach Begrüßung-der zahlreich Erschienenen durch den Vorsitzenden Herrn Viktor Kohn erstatteten die Herren Dr. Theodor Haas (Brünn) und JUT. Jellinek (Ung^ Hradisch) die Referate in deutscher und böhmischer Sprache, über Antrag des Herrn Sternlicht wurde an Stelle des bisherigen provisorischen ein definitiver Jübischer Volksrat gewählt. Herr Seelenfried beantragte die Absendung einer Huldigungsdepesche an den Präsidenten Masarhk, welcher Antrag einstimmig angenommen wurde. Nachdem noch der erschienene Vertreter der Gödinger Stadtgemeinde Herr Lasiea daS Verhältnis der Juden zu den Tschechen von tschechischem Standpunkte aus beleuchtete und der Hoffnung auf ein besseres Einvernehmen Ausdruck gab, wurde die Verfammlung geschloffen, von -er zu erwarten ist, daS fie auch in unserer Stadt dem jüdisch-nationalen Gedan- Een neue Anhänger zuführen wird. Ung.-Brod. Unter den alten jüdischen Gemeinden, ist noch Ung.-Brod eine der idealsten, weil noch dort ein gewiffer Grad von religiösem Leben pulsiert. Die Gemeinde ist bekannterweise seit zirka SO Jahren, seit der Reformierung des Tempels in zwei Lager geteilt in sogenannte ״Orthodoxe" und «Fortschrittliche". Beide Parteien sind jetzt im Stadium des Erschöpfungsgrades angelangt und die Luft zeigt, datz irgend etwas geschehen mutz. — Es hat sich hier auch ein Jüdischer Nationalrat gebildet mit dem städtischen Gemeinderate Herrn Markus Fuchs an der Spitze, welcher die jüdische Jugend zu organisieren versteht und auch bei den nächsten Kultuswahlen dafür sorgen wird, daß die Ansprüche der Jugend gewahrt werden und daS über- Haupt ein anderes Regime ans Ruder kommen wird. — Ung.-Brod hat eben noch seine eigenen Gestalten, und will ich unter anderem erwähnen, daß. es noch Leute gibt, welche ThoraS spenden und so will ich auch den nachträglichen Bericht der vom Herrn Jakob S. Schön am 30. August 1918 gespendeten Thora nachholen. Am Freitag, den 30. August 1918, hat der hiesige Samen-Kleinanstalt-Besitzer Herr Jakob S. Schön eine Lhoraspende dem Betlokale der orthodoxen Bereinigung gemacht. Die Feierlichkeit war eine sehr stille, einerseitS, weil die Gemeindeverhältniffe hier sehr gespannt find, zumal man eS auf keine Weife durchsetzen konnte, daß die hiefige Kultusgemeinde, welche über 2V Betrollen verfügt, auch nur ein Stück käuflich überlasten wollte, anderseits, weil die Mitglieder der Privatbet- Versammlung diesen Akt nicht zur Befriedigung der Schaulust des Publikums machen wollten. Am DonneeStag. abend», wurde die Thora vom'Wohnhaus des Spenders, Herrn Jakob S. Schön, durch eine Deputation, bestehend au» Herrn Jakob H. Glück, Herrn Markus Bock, Herrn Rab. Afeffor Josef Weiß und Herrn Rab. Cand. Sigmund Lowh abgeholt. Die Thora wurde in unauffälliger Weife in die Wohnung de» Bruders des Spenders getragen. Freitag, um 7 Uhr abends, vor Eingang des Sabbath, versammelten fich hier einige angesehene Flüchtlinge und einige Vereins- Mitglieder. Herr Jakob H. Glück hielt eine feierliche An, spräche, erklärte den Wert der Thora und die Verwirklichung des Ideales der Spende. Hernach sprach der Spender Herr Jakob S. Schön dem Allgütigen den Dank aus, daß seine von ihm gespendeten drei Thoramanterl endlich ihre eigene Thora haben. Der Spender übernahm die Thora und trug selbe in Begleitung der Anwesenden, seiner Frau und seiner Kinder in da» in der Nähe befindliche Betlokal. Beim Eingänge erwarteten die Flüchtlinge mit den drei anderen Thoras die neu gespendete und nach Absingung jüdischer Psalmen wurde die Thora der heiligen Lade übergeden. Am Samstag wurde der Spender zur Thora gerufen, spendete namhafte Beträge, nachdem er auch früher durch freiwillige Gaben das Werk verschönerte. Durch die Veröffentlichung dieser Zeilen wird der Beweis erbracht, daß noch religiöser Sinn hier pulsiert, daß man noch hier Sinn und Verständnis für Thorastudium hätte, wenn eS gelingen würde in den Ausschuß Männer zu entsenden, welche versuchen würden, die Vergangenheit mit der Zukunft dadurch zu verbinden, daß das konservative Judentum mit dem zioniftischen verbunden würde, daß die jetzt hier, seit der Gründung des jüdisch-nationalen Vereines ״Hatikwah" mit besonderem Eifer in allen Häusern gepflegjte Kultivierung der jüdischen Sprache nach der Berlitz-Methode nicht nur als jüdische Sprache, sondern auch gleichzeitig als heilige Sprache durch Erlernung der Thora von Kindheit auf, in der Schule gepflegt werden könnte. Die Zeiten sind ernst, der Ort ist empfänglich und kann ein Gedeihen in Aussicht gestellt werden, welches zum Muster der anderen Gemeinden dienen könnte. Für die unglücklichen Opfer der Pogrome in Holleschau und Lemberg werden nahmhafte Summen gezeichnet und wird das Resultat in der nächsten Zeit bekanntgegeben werden. Posen, den 20. November 1918. Der ״Zent-vcrlverem deutscher Staatsbuvgev jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Posen" empstehlt in oi!nem Rundschreiben voimi -19. v. Mts., sich von öffentlichen Versammlungen und Kund« gedungen der natilonaljMschen Bewegung in Posen im J-nte/vesse der Geschlossenheit des Judentums fernzuhalten. Gegen diese Boykotte>r!kläruinjg, bfe. sich ge» gen einen Teil der jüdischen Gemeinschaft r!ichtet, muß Verwahrung chngeileigit werden. Dev Boykott ist eine verwerfliche Waffe, die, fctfoiu dsrs auf geistigem Gebiete angewandt, bestehenide Gegensätze verschärft und Gehässigkeit hervovmfen muß. Das Interesse der Geschlossenheit des JudentuMs, die.durch das Rundschreiben angeblich gewahrt werden soll, und die uns in dieser vrnsten Zeit so bitter not tut; wird!durch dts gehässigq Boykotterklärung aufs Gröblichste verletzt. Gegen die Behauptung des Rundschreibens, ״daß wir eine Glaubensgemeinschaft, nicht abev ein jüdisches Volk sind und sein wollen" erklären wir, daß wir Juden, das alte Volk der Bö bel, das älteste Volk der Weltgeschichte waren, sind und bleiben werden, das den Jahrtausenden gedrvtzt hat und durch Gottes Gnade nach göttlicher Verheißung nicht untexgehen wird; ein Volk, das durch seinen Nationalbesitz, di« Thora, charakterisiert und geadelt wird; eiin Volk, das sich seit Urbeginn als Gottesvolk gefühlt und bekannt hat; ein Volk, bei dem sowohl die Bezeichnung als bloße Glaubensgememschast, wie auch als bloße Nationalität als Torso empfunden wird; ein Volk, dessen Religivnsgesetz es gebietet, daß alle seine Volksangehörigen gute Staatsbürger iü Men Ländem ihres Aufenthalts seien. Dies ist der Standtpunkt der gajnzen Horatreuen Judenheit. Die Arbeitsgemeinschaft der HoraLrenerr Vereine der Stadt Pose«. Literatur. Die Nervefität -ei de» Jude». Ein Beitrag zur Raffrnpshchiatrie für Arzte und gebildete Laien. Bon Med.-Dr. Rafael Becker. Astistenzarzt der Kantonalen Heil- und Pflege-Anstalt in KönigSfel-en -ei Brugg. Preis 2.— Verlag: Art. Institut Orell Füßli, Zürich. In dieser Arbeit gibt der Bersaffrr nebst eine» tritt- *

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