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Jüdische Volksstimme · 1919-01-01 · Heft 1 (1.1.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 1 (1.1.1919)
Date
1919-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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-JÄII.-. «►"■-J~'״.-l*L~.r-«ULUU.P^1pf י־ייו WSSqM^VWVP Mit r. ״LSdtsch« Lollsstrmme" ׳^. l. -uschlüpfen. Mer rechtzeitig wird er wieder hinaus« geworfen werden. Wenn die Herren StaatSrSte nur etwas Sinn für Männlichkeit und Offenheit haben, so werden sie ihre Taktik ändern. Dem aufrichtigen Juden nach Talent und Verdienst gebührt die Stelle, um die er sich bewirbt. Dem feigen Täufling, der in seiner Talentlosigkeit und Verlogenheit die Stelle nicht derdient, darf sie nicht auf dem Präsentierteller gleichfam als Belohnung für die Gemeinheit gereicht werden. Achtung vor jedem, der sich aus Überzeugung bekehrt, aber Mißachtung vor den allzueifrigen Geschäftsmachern, die mit der Religion zu schachern wagen. Wieviele jüdische Kriegsgewinner, Ausbeuter, Wucherer versuchten jetzt der Wut des christlichen Volkes dadurch zu entgehen, daß sie sich schnell Taufschein und Heiligenbilder anschaffen. Aber eS wird ihnen nichts nützen. Man wird sie noch auf der Flucht demaskieren. Allen Hatz haben sie heraufbeschworen und aufs Haupt deS jüdischen Volkes gesammelt und nun lassen sie eS km Stich und wollen auch jene Kreise verseuchen, die sich streng von ihnen absperren sollten. P. Haller. Eine Betrachtung über Perez und Asch. (Airs einem Vovtrag in Prag.) .Und so ist es wohl angebracht jenen Momenten näher nachzugehen, die bedeutend sind für das Heranbrechen der Morgenröte an unserem allzutrüben Himmel vorhergehender mittelalterlich-nächtlicher Finsternis und darauffolgender Dämmerung ziel- und planloser Zerstörungswut. — Wie immer und überall ist es rein geistige Tätigkeit, rein geistige Ereignisse, geistige Um- und Verwandlungen, in der Atmosphäre der Zeit liegende zur Frucht gereifte Samen, die mit elementarer Wucht den Durchbruch wagen und erzwingen, mag er auf noch so granitstarke Abwehrmittel stoßen. Die Waffen, die eine solche für die Unternehmung reif gewordene Zeit benützt, ist immer nur daS unerschrockene und mit lautem Pathos hinausgeschrieene Wort, das ein bleiches Abbild dessen ist, was die Geister revolutioniert, was ihre Herzen so stürmisch bewegt, kurz ein Verhandlungsbote einer neu herangebrochenen Ära, der mit der alten und veralteten Rechnung hält und ihr seinen Stempel aufdrückt. Ich sehe es als einen, wenn auch kurios scheinenden Wink der Vorsehung an, daß der politischen Rennaissance deS jüdischen Lebens eine geistige vorangeht. Kurios deshalb, weil sie ganz unjüdische, bisweilen sogar antijüdische Ten- Lenzen trägt, nichtsdestoweniger aber unbewußt und widerwillig der später folgenden nationalen Bewegung als Argument, ja Waffe ihrer unumgänglichen Berechtigung und Möglichkeit diente und noch heute dient. Das Sonderbare an der Haskalahepoche, die ich hier meine, ist, daß sie das bewies, was sie nicht beweisen, was sie vielmehr widerlegen wollte, daß ein Kosmopolitismus, seicht und rege, wie er bei den Haskalahmännern war, nur in einer zum Spassen aufgelegten, mit Spaßvögel!: reichlich angefüllten Epoche haltbar sei, mangelt ihm an Atem . . . nein, er will nicht sterben! ... er will nicht! ... er will nicht! . . . —-Und was weiter? . . . waS dacht er weiter? . . . Und ich fange wieder von Neuem an . . . Die Post trägt mir eine Bitte, eines im neutralen Auslande lebenden Freundes, zu. Ich möge ihm einen genauen Bericht von den Lemberger Vorfällen einschicken. Einen genauen Bericht? Ja, den soll er haben. Ein guter Jugendfreund. Und ich setze mich zu meinem Arbeitstisch hin und hole weit aus. Wie zu einem Zeitungsartikel. ..Und das Schreckliche ist geschehen!", fange ich an. .Die entfesselte Bestie hat ihren Hexensabbat gefeiert. Selbst für daS 20. Jahrhundert ist eS zu grausam! . Und weiter kann ich nicht! ... Wie ein Sturm wirbelt eS in meinem Gehirn. Ich höre daS Röcheln der Hingeschlachteten, sehe daS Entsetzen der Brennenden und spüre das Verzweifeln der Sich-retten-wollenden. In einem wüsten Reigen tanzen die blutigen Ereignisse vor meinen Augen und betäuben meine Sinne und bringen meine Gedanken in Unordnung . .. Nein, lieber Freund .. . Diesmal kann ich deiner Bitte nicht willfahren . . . nein, ich kann e» nicht... Und weiter rast der Taifun in meinem Kopfe herum... daß eine solche Seifenblase wie ihr Weltbürgertum nichts anderes bedeute als eben ein gedanken- und Hirnloses übernehmen eines anderen, ihrer Wesensart ganz fremden nationalen Volkstums. Allein sie waren nur die Mittel, die den Zweck vorbereiteten — und das ist der merkwürdige BorsehungSwink! Jiddisch, daS sie bekämpften und verachteten, wurde gerade von ihnen geschaffen und gestaltet, in Formen gegossen, so daß es derart elastisch wurde, um unter dem Drucke der kommenden Meisterhände sein heutiges für alle kulturellen Ausdrucksformen zugängliches Aussehen annehmen zu können. Hebräisch feierte gerade damals seine Auferstehung, um dem späteren zionistischen Gedanken Vorschub zu leisten. So hatte die Haskalah das Entgegengesetzte von dem, was sie wollte, erreicht. Die Meisten aus ihrem Lager, nachdem sie den Bankrott, der notwendigerweise eintreten mußte, eingesehen und begriffen hatten, versetzten ihr den letzten Gnadenstoß, indem sie in die die entgegengeschten Ideale verfechtende nationale Bewegung eintraten. Wie überall, fo stehen auch hier, am Tore des Eingangs, Männer, die eine Rolle — manchmal eine sehr große Nolle — in der Literatur spielen. Und es ist bedeutungsvoll, daß sie alle, die Schöpfer unserer litera» rischen Rennaissance die Haskalah durchmachten, daß sie fast alle diese Stufe, die sie später zu ihrem reinsten Künstlertum führte, überschreiten mutzten und überschritten. So sehen wir Mendele Mocher Sforim mit einem hübschen Teil seines Schaffens in dieser Geistessphäre stecken, so sehen wir auch I. L. Perez das eine Bein, daS in der Haskalah wurzelte, plötzlich und energisch hervorziehen; so sehen wir unter diesem Einfluß, der nachhaltend wirkte und wirkt, jenes Aufblühen der modernen jiddischen und hebräischen Literatur, auf die wir heute mit Stolz Hinweisen. Zwei Männer, die im jüdischen Dichterolymp treten, wollen wir nun Revue passieren lassen: den, rein künstlerisch genommen, bedeutendsten Älteren I. L. Perez und den bedeutendsten der Jüngeren Schalom Asch. Perez ist der, der das Menschlich-Hohe, Unendlich- Schöne des Volksgeistes hervorholte. Das, was das Volk im Verlaufe von drei Jahrtausenden in sich an rein ethischer Weltanschauung aufgesammelt hatte, WaS sich in der wunderbar-reinen und klaren Volksseele zu einem äüßerkich Unsichtbaren, doch monumentalen Bau gestaltet hatte, sichtbar nur für den, der wie Perez ein Auge hat, das einzudringen vermag in den dunklen Geistesschacht des Volkes, wo soviel Kostbarkeiten und Schätze verborgen liegen, die eben nur ans Tageslicht zu bergen sind. Und nur einer, der sein Volk wie Perez liebt, der bei ihm in solch einer Harmonie schwelgt, der das Extatische seines Wesens in ihm wiedererkennt und es mit ihm zu einem bunten Kranze sticht, der sich ewig nach dem Urquell alles Jüdischen sehnt, nur ein solches vermag es. Perez findet Sinn und Erklärung seines Wesens im Volke; beim Volke sucht er nach der Wurzel seines Stammes und dem Gipfel des obersten Zweiges — und beides findet er in ihm, bei ihm und mit ihm in einem so mitreißenden Volkstümlichen Pathos in einer so gewaltig entströmenden Extase. Und!dadurch sind seine ״Bolkstttmlichen Geschichten" künstlerisch-jüdisch, dadurch ist er ein jüdischer Künstler und dadurch unterscheidet er sich von den anderen künstlerischen Juden, die in ihrem Judentum nicht künstlerisch und in ihrem Künstlertum nicht jübisch sind. Bei der Lektüre der Perez'schen Bücher ist man in einer sonderbar staunend-gespanten Lage. Man staunt den Dichter, man staunt das in seinen Werken so wunderbar verklärte, in einem so dichten GeisteSkolorit ein- und umgewobene Volksganze an. Man ist ergriffen von all dem bunten Getriebe, daS sich in Weltfremder, mit Gott so innig verwachsener Primi: manifestiert. Hier kommt das so grell zum Ausdruck, WaS uns von Europa trennt, von Europa, das ein unendlich fortgesetzter, bald geistreichelnder, bald wehmütiger Feuilleton ist. AIS ich Perez las, wurde mir klar: wir und das, WaS man heute Europa nennt, sind nicht zu identifizieren. Nein, diese Geistigkeit, die hier pulst und schäumt, diese alle Materie verachtende Ergebenbeit an das Abstrakte, welches alles, Gott, Welt und Mensch in sich einschließt, dieses extatische Fordern des Absoluten, daS alles, das sich hier in gewaltigen Wellengängen ergießt, das ist absolut orten--׳ disch, daS ist verwebt und verwachsen mit der Urform und dem Urgebot unseres geistigen Seins, daS ist die unüberbrückbare Kluft, die uns verwehrt, in Bezug auf rein Geistigeden Europäern, besser gesagt den Jndogermanen die Bruderhand zu reichen, ja, daS ist auch der Samen, der in un» fortwanderte und jenes große «Halt" sprach, als wir versuchten, das Eigene abzuwerfen und in Anderem aufzugehen, hier ist der Grund zu suchen, weshalb ein Teil unseres Volkstum-, das Judentum des Westens, das die Schmelztiegel, theorie zu praktizieren versuchte, sich geistig verstüm« melte und unfähig machte, eine geistig reine, einwand« freie, nicht unfertig-halbe, zerrissene Persönlichkeit her« vorzubringen; hier ist auch der Grund des Bankrott-, der diesem Versuch teilweise bereits gefolgt ist und sicherlich einmal zur Gänze folgen wird. Dieser Geist lebt sein eigenes Leben, schöpft aus ganz anderen Quellen, die wie ihre Gewässer mit denen der Suro« Päer vermischen, damit nicht Kristallklares trüb werde; er ist eben Naturgebot. Und Perez' Werke werden ewig von ihm Zeugnis ablegen. Perez hat uns das Wesen des reinsten Teils unseres Volkstums wie kaum ein zweiter aufgedeckt. Daß er Dichter sei, Künstler, wahrer Künstler, beweist, daß er das Schöne, Große und Ewige im soviel geschmähten Chassidismus erkannte, sich mit wahrer, inbrünstiger Liebe darin vertiefte und Schöpfungen von unvergänglicher Schönheit daran knüpfte. Nur das Prophetenauge eines Dichters, eines Sehers weiß im Schmutzigen das Reine, im Vergänglichen daS Unvergängliche, im Niedrigen daS darin verborgen liegende Hohe zu entdecken und es wohl zu sondern und zu scheiden. Das tat Perez im Chassidismus. Und er tat es in einer fast klassischen Gewandtheit. Er tat eS, um das Wort, das Winkelmann von den Griechen sagte, zu gebrauchen, «in einer edlen Einfalt und stillen Größe". Es gibt wohl niemand, der eS vermöchte, die« sen Geschichten ohne tiefe, nachhaltige Rührung zu lesen, niemand, der nicht ergriffen dastünde vor dieser Welt des Eintönig-Kleinen, die doch, wenn man ge» nauer hinblickt, ins Kompliziert-Große geht. Jeder wird mit fortgeriffen vom Hellen Gange seelischen GeschehenS. Manchmal steht man wie vor Rätseln da; man sieht Probleme aufgeworfen, mit denen man durch das Leben geht, beständig begleitet vom großen Fragezeichen, man sieht sie hier gelöst auf eine Art, die einen traurig stimmt, weil man sie selbst so zu lösen nicht vermag. Man sieht Gestalten, die so stolz ganz sind und wird sich selbst seiner grenzenlosen Halbheit bewußt. Man möchte weinen über das Fragmentarische, daS man sich in sich entdeckt, gegenüber der seelischen Vollendung der Typen, die uns hier vorgeführt werden. ES ist etwas Rätselhaft-Buntes, in seinen Milieu BeständigeS, in dieser Zeit der chaotischen Wirrnis so grell Konträres. Und das alles packt einen mit einer undefinierbaren Wucht dieses Lebenspathos, getragen und gehoben von echt jüdischem Optimismus, zeigt einem in so unerbittlichen Farben die eigene Zerrissenheit, die eigene in der Zeitepoche begründete Unvollständigkeit. Und augenblicks taucht der Wunsch auf: könnte man doch zurück, könnte man doch so werden, für einen Augenblick so ganz werden, wie es die hier sind! Bei all seiner Abtrünnigkeit, Angestecktheit von europäischer Zivilisation und Abgeneigtheit von reinem orientalischen Spiritus, bei all der vermeintlichen und nicht vermeintlichen Verwurzelung im sensudlitischeu Griechentum, wie es Heine auffatzte, bei alledem und trotz alledem findet man sich so gewaltig zurückge« zogen zum Urquell des Eigenen und man würde, vermöchte man es nur, allen Habitus des Europäisch-Kulturellen abwerfen und wieder ganz hineinschlüpfen in die weiten luftreichen Gewänder des jüdischen Orient-. Man würde es bei der Lektüre des Perez, wenn man nur das bisher Eingeimpfte ohneweiteres auslöschen könnte, Wenen sich da nur nicht die Unzulänglichkeit der Verwandlung zeigte. — Das ist das, was man emp» findet, wenn man Perez' ״Volkstümliche Geschichten" und ״Chassidische Geschichten" liest. Diese zwei Bücher und die «Goldene Kette", jenes Drama des ChassidiS« mus, die zum Größten gehören, was die ostjüdische Literatur geschaffen hat, werden für immer, auch wenn diese Literatur mit Stumpf und Stiel vom Erdboden verschwände, als Leichen jüdischen, echt jüdischen Geistes bestehen bleiben. Und wohl keine Generation wird dem, der diese Bücher mit seinem ganzen Herzen, seiner ganzen Liebe und seinem ganzen Pathos geschaffen hat, die Größe äbsprechen. — Hat nun Perez das Legendarische der jüdischen Ver« gangenheit zur Realität geformt, fo hat Schalom Asch daS Reale deS gegenwärtigen jüdischen Lebens legendarisiert. Sehen wir in Perez den abstrakt ethischen Ge« danken des jüdischen Geisteslebens verkörpert, so vertritt Asch daS Rein-Dichterische, Jüdisch-Dichterische, Allgemein-Menschlich-Dichterische. Asch ist ein zarter Zweig am großen, dicken, rauhen Stamme des jüdischen Lebensbaumes. Ein Zweig, der ruhig und gelinde weht und mit seinem sanften Fächeln die Luft reinigt. Er verklärt daS, waS in daS Bereich seiner Feder gerät, mit einer mädchenhaften Grazie. Die Anmut im Ernsthaft-Trotzigen de» jüdischen Geistes, noch mehr aber de» jüdischen Leben», löst sich bei «sch in einer plastischen Form loS. Wa» ich früher von Perez sagte, daß er ein jüdischer Künstler und ein künstlerisch«

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