Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 29-30 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Glitt 4 ״FL-ische BsttSstimme" Nr. 29-30. Bei der Angelobung von Militärärzten. Mittwoch sollten im Staatsamt für Volks» Gesundheit die Militärärzte angelobt werden. Dabei hat sich ein Zwischenfall ergeben. Er wird Von der ״N. F. P." so dargestellt, daß sich Staatssekretär Dr. Kaup geweigert habe, das Gelöbnis der Aerzte jüdischen Glaubensbekenntnisses entgegenzunehmen. Das vemnlaßte Generaloberstabsarzt Dr. Alois Pick, in seinen und int Namen der übrigen anwesenden jüdischen Militärärzte entschieden Protest gegen diese Auffassung ׳einzulegen und sich!Mit den anderen jüdischen Aerzten — fünfundzwanzig bis drei- Mg an der Zahl — zu entfernen. Staatssekretär Dr. Kaup behauptet nun, daß das Mißoevständnis dadurch herbeigeführt wurde, daß Herr Dr. Pick und andere Aerzte meinten, daß sich jeine amtliche Bemerkung Kaups gegen das Glaubensbekenntnis einzelner Herren gerichtet habe. Herr Dr. Kaup sei vor der Angelobung Mitgsteilt worden, daß sich eimiige der Aerzte zur jüdischen Nationalität bekennen und darum habe er in Befolgung eines Kabinettsbeschlusses, einstweilen die Angelobung nur Beamte leisten zu lassen, die deutscher Nationalität sind, vor der Angelobung aufmerksam machen müssen, daß können, daß davon aber Herren ausgeschlossen sind, die sich zur jüdischen Nationalität beken- Men. Gegen das Glaubensbekenntnis der Militävärzte habe er keime Bemerkung gemacht. . . . Wir finden, daß er da überhaupt nichts zu fragen, zu beanständen und zu erklären hatte. Und also nur solche .Herren di!e Angelobung leisten warum ist die Sache nicht von ihn!׳ gleich borichtet worden? Im übrigen wird der Staatskanzlsy, der alles in Ordnung bringt, auch diesen ״Zwischenfall" in Ordnung bringen, zu welchem Zwecke er eine Abochnung von- Aerzten unter der Führung des Generalarztes Dr. Pick empsangen wird. Ueber׳ die Vorgänge bei der Angelobung wird uns berichtet: Heute mittag um 12 Uhr erschienen Generaloberstabsarzt Drastich mit un> yefähr 100 bis 120 Militärärzten, teils aktiven, teils Zivilärzten, die sich noch in militäriischer Stellung ׳befinden, beim Staatssekretär für Volksgesundheit Dr. Kaup, um das vorgeschriebene Gelöbnis abz,ulegen. Der Staatssekretär machte die Herren darauf aufmerksam, daß nur diejenigen die Angelobung leisten können, die auf Grund dev heute veröffentlichten Gesetzesbestmlmungen über das!deutschösterreichifche Staatsbüvgerrecht «nicht als Ausländer zu betrachten feien. Von den Bekennern des israelitischen Glaubens könne er das Gelöbnis nicht an>t- >gegennch)men, da nach der Definition des deutschösterreichischen Staatsrates nur ein Ängehöriger der deutschen Nation als zur deutschösterreichischen Republik zugehörig betvachtet werden könne. Wegen der Zulassung der Juden müsse erst mit ׳dem jüdischen Nationalrat Rücksprache gepflogen werden. Generaloberstabsarzt Professor Dr. Alois Pick legte im eigenen Namen und im Namen dsr übrigen Aerzte mosaischer Konfession entschiedsnien Protest gegen diese Auffassung ein. Er persönlich leiste seit 31 Jahren Militärdienste und habe sich stets als treuer Deutscher und als Deutschösterreicher gefühlt. Zu einer Zeit, da dsr Herr Staatssekretär Wohl noch die Schule besucht habe, fügte Professor Pick bei, wäre er bereits an der Hochschule deutscher Coulerstudent gewesen. Nach diesem Protest verließen die Aerzte mosaischer Konfession, etwa 26 bis 30, den Saal, ohne das Gelöbnis ׳abgelegt zu haben. Zionistische Massenversammlung in Berlin. Fuß des ersten Kosaken und schmiW sich an ihn wimmernd. Die Menge tobt und läuft unaufhaltsam Marsch! Halt! Haut die Kosaken! , wie ein Bergbach. Dumpfe Fußtritte von! Klirren dsr Hufeisen begleitet! Kaum daß sich die Pferde zwischen den Splittern der Gläser, Möbel und verschiedenen Hausgeräten,י die die Straßen bedecken, bewegen können. Mit einemal bleiben sie ganz stehen. Auch die Menge hält an und wendet sich den Kosaken zu..t 50 Mann rücken heran. Die Menge brüllt und harrt. Aber hinter her am Straßenende erscheinen Kosaken und Polizisten. Jetzt erst laufen die Leuts über Tor und Zsun nach dem Innern dsr Häuser, werden aber alsbald von den Polizisten aufgefangen. Vor einigen, Augenblicken noch waren sir wilde Tiere, die sinn- und erbarmungslos solch elende und unglückliche Geschöpfe, wie sie selbst es sind,!gemartert י haben, und jetzt sind diese Tiere nur elendige Feiglinge, ldie ebenso sinn- und erbarmungslos geschlagen werden und wie gehetztes Vieh schmählich flie- Am selben Abend ging ich durch die Straße m einigen Kosaken vorbei und hörte einen von ihnen sagen: ״Sie haben vierzehn Juden zer- Wckelt." ״ Und der andere rauchte ferne Pfeife nuhrg Weiter und erwiderte darauf kein Wort. Dre öffentliche propagandistische Tätigkeit der Berliner Zionisten im neuen Deutschland leiteten zwei Riesenversammlungen ein, welche die Berliner Zionistische Vereinigung auf Montag, den 18., und Mittwoch, den 20. November, einbevufen hatte. Das Thema der beiden Voranstaltungen lautete: ״Die Forderungen des jüdischen Volkes". An beiden Abenden wurden von den zionistischen Rednern die Forderungen des Kopenhagener Manifestes Proklamierte u. eingehend begründet. Es wurde vor ׳allem auch die Bedeutung des Manifestes für die zukünftige jüdifche Politik in Deutschland ausführlich dapgelegt. Der erste Abend zog ein vieltausendköpfiges Publikum an, das der große Festsaal der Spichernsäle bei weitem nicht fassen konnte, sodaß zu gleicher Zeit in einem anderen Saal noch eine zweite große Versammlung veranstaltet werden mußte. Die Zahl der Versammelten war über 3000, unter Abrechnung der Violen Hunderrte, die wegen Ueberfüllung keinen Platz mehr fanden. Unter der Leitung des Vorsitzenden der Berliner Zionistischen Vereinigung, Dr. Egon Nosenberg, der die Versammlung begrüßte, gab Dr. Arthur Hantke ein umfassendes Bild der gegenwärtigen politischen Lage des jüdischen Volkes in allen Ländern und entwickelte an Hand der gemeinsamen Forderungen dieser jü» dischen Volksteile das Programm des Kopenhagenev Manifestes. Als Korreferent behandelte Dr. Alfred Klee im besonderen die Anwendung des Kopenhagsner Manifestes auf das in einem zweiten Saal eingerichtet werden mußte, und wieder kamen Hunderte Besucher in die überfüllten Versammlungen nicht hinein. Ueber 3000 Personen waren anwesend. In diesen Versammlungen sprachen von zionistischer Seite Dr. Hantke, Nahum Gold» mann, Julius Berger, Leo Hsrrmann, Karl Glaser, Dr. Löwenstein, Lazarus Barth. Als Gegen redner antworteten Lehrer Hirschfeld und Fritz Cohn. Andere Redner vertraten einen der» mittelnden Standpunkt. Die zionistischen Redner stellten sich sämtlich ׳auf den Boden des Kopenhagener ManifeftS der Zionistischen Organisation und führten, auch an Me Erwiderungen anknüpfend, besonders die Forderungen aus, die an das deutsche Judentum auch in Bezug auf seine eigene Entscheidung für das nationale Programm gestellt werden. Der Eindruck der beiden Abende war ein außerordentlicher. Die stürmische Zustimmung der Versammelten bewies, wie stark der Iivnismus und die national-jüdischen Forderungen das Judentum in Deutschland ergreifen. Die Versammlungen ergaben auch Huniderte von Anmeldungen zur Berliner Zionistischen Vereinigung. נבולות — hebräische Monatssschrlft. politische Leben in Deutschland. Er warnte vor drei Gefahren: vor der Selbstausschaltung des deutschen Judentums aus der allgemeinen jüdischen Politik, vor einem durch die neuen Verhältnisse drohenden assimilatorischen Kosmopolitismus und vor der durch die möglicherweise eintretende Trennung von Staat udn Kirche zu befürchtenden Atomisierung der deutschen Indenheit. In der Diskussion sprachen von gegnerischer Seite Dy. Apfel und Fräulein Cora Berliner, die beide sich in der gegenwärtigen Stunde restlos zum deutschen Volkstum bekannten, aber sich nicht prinzipiell gegen die im Kopenhagener Manifest enthaltenen Forderungen aussprachen. Von zionistischer Seite entgegneten den Opponenten die Herren Kurt Blumenfeld, Richard Lichtkeim und — ׳m Schlußwort — Julius Berger. Außer den beiden Opponenten sprachen noch einige Redner, die einen versöhnlichen Standpunkt einnahmen. Besonderes Interesse fanden dabei die persönlichen Ausführungen eines K.C.ers, der mit großer Wärme und Be- Wunderung die Verdienste des Zionismus um die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins hervorhob. In der Parallelversammlung sprachen von zionistischer Seite u. a. die Herren Dr. Hantke, Dr. Klee, Dr. Witkowsky und Julius Berger. Am Mittwoch, den 20. November fand die zweite Riesenversammlung der Berliner Zionistischen Vereinigung im Lehrervereiinshaus am Alexanderplatz statt. Der Andrang war so gewattig, daß wieder eine ParallelversammLung Eine verunglückte Monarchisten- Versammlung Die sogenannte ״Deutsch - österreichische Volkspartei", die ihren klerikalen Hiutenmiännern und Drahtziehern als Werkzeug für monarchistische Hetzereien dient, hat Mittwoch abend beim ״Auge Gottes" iin der NuWorferstraße eine Versammlung abgehalten. Es kamen aber auch viele Sozialdemokraten. Ein Korporal, der den Vorsitz führte, eröffncte die Versammlung mit ׳ein« Paar christlichsozialen Phrasen. Er wurde oft von Zwischenrufen unterbrochen und als daun ein ״Schriftsteller" Orel das Wort ergriff, um in einer langen Hetzrede gegen die ״Republik der Juden" die Hetze der Volkspartei gegen die Republik überhaupt zu verschleiern, wurde dieser Redner oft von minutenlangem Lärm unterbrochen. Als er etwas von der Wahrheit redete, die seine Partei .suche und anstrebe, wurde ihm die Antwort: ״Eure Wahrheit ist der Weltkrieg!", und als er von jüdischen Verbrechern und Gewalthabern sprach, erschollen Icntte Rufe: ״Die Verbrecher saßen auf Kaiserthronen!" Eine kräftige Antwort wurde ihm durch den Sozialdemokraten Hoffmauin zuteil. Er sagte: ״Als Arbeiter will ich dem Schriftsteller ant- Worten. (Pfuirufe, die nach dem Worte ״Arbeiter" von einigen Anhängern der ״Volkspartei" ausaestoßen wurden, kennzeichnen den Geist dieser ״Volks"parteileute zur Genüge.) Wir müssen vor allem sagen: Gerichtet wird nicht danach, ob einer ein Christ oder Jude ist, aerichtet wird nach der Schuld. lStürmischer Beifalls Wir müssen uns fragen : Wer hat die Macht in diesem Staate gehabt? Die Macht hat der Ka>iser gehabt: die Macht haben den Generalstab gehabt und die verbrecherischen Minister. Diese Leute waren alle Christen. Die guten Christen, allen voran die ״Neichspost", haben im Jahre .1914 für den Krieg demonstriert.. Jetzt wollen sie wieder gegen die junge Freiheit Hetzen. Ich warne Sie. damit fortzufabren. Heute erleben Sie «nur eine unruhige Versammlung, aber morgen kann es passieren, daß Ihnen das arbeitende Volk, das «Wesen furchtbaren Krieg mitgemacht hat, eine andere.Aufwartung macht. Die Sozialdemokratie hat für die Niederringung des Absolutismus gekämpft und gelitten, als es noch nicht so leicht und billig war, von der Frei!- heit zu reden wie jetzt. Ihr gehört darum die Stimme aller politisch reifen Menschen." (Stur- Mischer Beifall.) Ein Redakteur Germ versuchte nun in einer Rede ״gegen die Indien" den Eindruck zu verwischen, den die Worte des sozialdemokratischen Sprechers hervorgerufen hatten. Es gelang ihm! aber nicht und er mußte . frühzeitig ab treten. Als nach ihm der Vorsitzende «noch einmal zu reden anfangen wollte, sprang ein Soldat auf Re Tribüne und rief: ״Pfui! Schande! Ein Soldat «gibt sich zu monavchistt-