Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 29-30 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 20*30. Dem S.!spotten. Das heißt: die Blutschuld mA auf sich nehmen. Merkwürdig: Die Ukrainer entlassen die Verbrecher und diese beginnen genau in der Stunde zu rauben, da die polnischen Legionäre eimziehen. Und keiner dieser Befreiten wendet sich gegen polnisches. Gut, wie man erwarten sollte, sondern stürzen sich nur ans die Juden, nachdem-diese von den polnischen Le* gionären vorher vorsichtig entwaffnet wurden! ״Die polnischen Militärbehörden schritten ungcsäumt ein". Unseres Wissens nach dauerten die Hiiuschlachtungen 48 Stunden von Fretitag früh bis Sonntag morgens, wo erst das Standrecht kundgemacht wurde. Und bis dahin? 48 Stun* den wurde gebvastrdschaht, schrie die Verzweifluwg hell zum Himmel, brcmnten 60 Häuser lichterloh und man nenne die polnische LsgionsabtMung, Kompagnie oder nur Patrouille, die sich während dieser Langen 48 Stunden in iirgenA einem Teile der Stadt den Plünderern und Brandstiftern, den Mördern und Verbrechern entgegengeworfen hätte? Ist das ungesäumtes Eilnschreiten? Nein, Min, sie lügen und verleumden di« feigen Polen! Polnische Leavonäre haben geplündert und gemordet, polnische Offiziere und polnische Intelligenz sah untätig zu oder tat vielfach mit. Die Aussagen von Hunderten von Augenzeugen sind sich darin einig. Jüdisches Blut schreit um Rache und die polnische Liquidationskommission findet den Hohn eine Fünfmänner-Kommission, m׳ der ein Dr. Diamond und Steinhaus nebst anderen ״Bericht" erstatten sollen. Indisches Blut schreit um Rache! Unsere Hoffnung wendet sich zur Entente, daß sie durch ihren Einmarsch Ordnung schafft in einem Lande, wo brutale Gewalt, Unduldsamkeit und Verlogenheit oberstes Dogma ist, und das blutdürftige Heuchlerpack mederhält, das sich zu einem Staat zusammengeMossen hat. Und uns anderen Juden erwächst eine heiilige Pflicht an der Bahre der vielen Hunderte unserer gemordeten Brüder: Keine Hand einem Polen! Und über unsere Lippen kein polnisches Wort! A. E. R. Pogrome im tschechoslovakischen Staate, Ungarn und Polen. Die Stadt Holleschau war in der Nacht auf Mittwoch der Schauplatz wüster Ausschreitungen. Gegen viertel 11 Uhr nachts drangen tschecho-slodakischen Soldaten, wandern in die Menge hinsingeflogen. Mt zurückgsworfenem Haupte, aufgelöstem Haare lief sie mit weitgeöffneten Augen und blassem Gesichtchen gerade vor sich hin. Hspp! Hepp! Haut die Jüdin! jauchzte es Von allen Seiten, und bald verschwand das Mädchen in der Menge, Wie ein Stückchen Zucker unter einem Fliegenschwamm. Ein Chaos von menschlichen Körpern stürzte auf sie, Faustschläge Wimmeln, Zischen wie von Schlangen, ein Winseln wie von Tieren, Bewegungen wie von Würmern — alles kamin buntem Durcheiinander zum Ausdruck. — Achtung, Leute! Sslmanln kommt! rief ׳sin Haufen Burschen, welche das Pflaster ent- Lang etwas mit sich schleppten. Es war ein Mensch oder eigentlich die Leiche eines solchen — ein hailbnackter, hagerer Körper, zerdrückt, halb mit Blut und Kot bedeckt. Ein Bein mit einer Schnur umringelt, so schleppten sie ihn durch die Straße; ein langer Streifen Blut bezeichnete ihren Weg. Die hageren Hände schleiften, und geigen das Gestein stieß der blutüberströmte, abgerissene Kopf .. . eines Menschen. Ein Laufbursche sprang auf den Körper, vergrub seine Füße im Leid wie in eiinem Teig, und fiel beim Hellen Aufjauchzen der Bande zu Boden. Seiman war ein reicher Warenlieferant, den ich sehr gut gekannt habe; das aber, was ich da vor Augen hatte, war weder Selman noch überhaupt einem Menschen ähnlich. Betäubt und besinnungslos von Gesehenem, vor Staub und Rauch erstickend, drehte ich mich in der Menge wie ein Span im Bach und glaubte einen ׳nachdem sie vorher in einem Gasthause gezecht hatten, in die Judengasse ein. wo sie sämtliche Geschäftslokale und Magazine gänzlich ausplünderten. Die Wachmannschaft wurde.nach kurzem Handgemenge entwaffnet. Der jüdische Kaufmanu Grünbaum, der vor kurzem, als Jnvalider aus Pom Felde heimgekehrt war, wurde durch zwei Bajonettstiche und einren Bauchschuß getötet. Ferner wurde der Likörerzeugor Hugo Grätzer erschaffen. Die Plünderungen dauerten die ganze Nacht an. Am Morgen griffen die Ausschreitungen auf den übrigen Teil der Stadt über. In der Früh traf eine militärische Assistenz aus Kojetein eim, um die Ordnung wiederherziustellen, Düe bekannte Kleiderfabrik Beer wurde vollständig verwüstet und ausgeplündert. Der hier angerichtete Schaden beträgt allein 600.000 Kronen. Insgesamt dürfte sich der Schaden auf mehrere Millionen Kronen belaufen. Fast die meisten Juden Holleschaus haben, ihrer Habseligkesten beraubt, im Laufe des gestrigen Tages Holleschau verfassen. Das Jüdische Preßbüro Zürich berichtet: Auch Ungarn scheitnt seine Selbständigkeit durch Judenpogrome proklamieren zu wollen. Die ״Allgemeine Züricher Zeitung" berichtet Wer Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Szabadka, Mavadas, Petrowacholo. Der jüdische Oberleutnant Dr. Pongracz wurde ermordet. Auch in der Umgebung von Oedenburg werden Pogrome gegen die jüdischen Einwohner veranstaltet. Auch Mähren will nicht hinter Polen und Ungarn zurückstehen. Im Städtchen Wesely wurden alle jüdischen Geschäfte cmsgieplündsrt, weil dieselben ״Deutschen" gehörten. Ebenso i'n Ung.- Bvod und Reichenau, wo leere Säcke für das Wegführen der geraubten Gegenstände bsreitgestellt wurden. Polnische Schreckensherrschaft in Przemysl. Kontribution von drei Millionen mit Pogromdrohung. 20 Juden getötet, 80 verwundet. Das Jüdische Preßbüro in Stockholm erhielt vom Jüdischen Nationalrat in Wien folgende vom 21. November datierte Depesche: Der Polnische Kommandant von Przemysl Oberstleutnant Tokanzewski erließ eine Proklamation an die jüdische Bevölkerung, iln der er sie aufforderte, bis zum 21. November 12 Uhr mittags drei Millionen Kronen zu erlegen und furchtbaren Traum zu träumen. Da hängt z. B. ein weißer Rock aus der Wasserrohre, unten steht!ein altes eingetrocknetes Weib und streckt, -auf Nie Zehen gestellt, gierig die hageren Hände danach aus. Neben ihr hüllt sich ein bärtiger Mann in einen Sammetrock ein. Kleine Buben irren zu Füßen der Erwachsenen und sammeln Die Splitter zusammen; einer läuft einer fliegenden Bettfeder nach und will sie fangen. Ein Polizist kommt endlich herangeeilt, und wird von der Menge gvob bewillkommt. — Faßt ihn! Halt' ihn fest! Jemand wirft ihm einen Kasten in den Weg, worüber der Schutzmann zur lebhaften Befriedigung des Pöbels laut aufschreiend zu Boden stürzt. Nun sah auch ich herab und fand ein Stück blutbedeckte Haut mit einigen Haarsträhnen zu meinen Füßen. Hierher Kameraden! erschallte es vom Hof her und übersträmt die ganze Bajnde jauchzend und wild tobend hin. Hspp! hspp! heW es jetzt von allen Seiten. Im zweiten Stockwerk des Hauses arbeitet man emsig, in die Mauer zwischen zwei Fenstern diutvchzuibvechen. Ziegel, Kalk, weißer Staub fliegen durch die Luft; eine Platte stürzt durch das Fenster gerade auf den Kopf einer alten Frau die laut aufschreit und niedersinkt. Die Kosaken kommen! Rette sich wer kann, Kameraden! Die Kosaken!!! Am Eingang der Straße werden Pferdeköpfe und blaue Kosakenmützen sichtbar; die ihr cmdrohte, daß sonst die Soldaten selbst das Geld von den Juden holen werden. Dar. jüdische Nationalrat m Wien richtete an die polnischen Regierungen m Krakau und Warschau den schärfsten Protest gegen diesen unerhörten Terror und forderte den sofortigen Widerruf des Befehles. Di!e polnischen Pogrome gegen die Juden dauern mit ungeschwächter Kraft fort. Die Warnung der englischen Regierung an Polen &Ue& wirkungslos. Alle Juden Galiziens schweben in größter Gefahr. Eiin anderes Telegramm des Jüdischen Nationalrates in Wien, das in der schwedischen Presse am 22. November veröffentlicht wurde, meldet von siiner entsetzlichen Judenmvtzolei in Przemysl, in der 20 Juden getötet und 80 schwer verwundet wurden. Vorderhand sind wir noch m/icht in der Lage festzustellen, inwiefern diese Judenmetzelei im Zusammenhang mit den Drohung des Polnischen Oberstleutnants Tokanzewski in Vsübindung steht. Das Kopenhagen er Zionistische Büro meldet: Bei den letzten Pogromen in Przemysß wurden viele Juden ermordet und fast sämtliche jüdischen Geschäfte von den polnischen Legionären ausgeplündert. 2000 Juden im Alter von 10 bis zu 70 Jahren wurden interniert und! sind seit' Tagen ohne Nahrung. Jüdische Häuser wurden angezündet. In Hunderten von kleinen Ortschaften fanden ebenfalls Pogrome statt. Das jüdische Blutbad in Kielce. Dem Krakauer ״Nowy Dziennik" zufolge wurde am 11. November in KiSloe ein entsetzliches jüdisches Blutbad angerichtet. Im Ludwig-Theater Weser Stadt fand sine Versammlung der Vertreter sämtlicher jüdischer nationaler Parteien statt, die eine Resolution faßte, in der die Solidarität der jüdischen Bevölkerung mit dem polnischen Reiche ausgedrückt und Anerkennung der Juden als nationale Minderhsit!gefordert wurde. Als die Versammlung geschlossen war, überfiel eine Bande von Hooligans zusammen mit einen aus 20 bis 30 Sol-daten bestehenden Patrouille die Versammelten mit Messern, Kolben und Bajonetten und tötete cm Ort und Stelle 7 Inden. ־־־־־ גבולות hebräische Monatsschrift. ״Nagaikes" bliinzeln, und eine laute rohklingende Stimme kommandiert: ״Zu -Dreien! Galopp! Marsch! Ein Haufen Ziegel fällt zur Erde. Dis Mauer zwischen den Fenstern ist nicht mehr da und in. das abscheuliche Loch wird ein kolossaler Schrank vorgerückt, wankt einen Augenblick, rutscht dann langsam die Mauer entlang und bricht dröhnend auf diem Straßenpflaster zusammen. Die Luft ist von einem uniruhigen Nauschen erfüllt, als ob ein unsichtbarer, Wilder Strom durch sie flösse, der -alles in rasender Tobsucht und Zorneseifer mit sich fortreißt. Die Menge lauft unter den Nagaikahieben und Pferdestößen blindlings und stumpfsinnig wie das Rindvieh davon. Sie könnten nach den Höfen über den Zaun springen, tun es aber nicht und lassen die nicht aiufliörenden Schläge auf ihre Köpfe, Nacken, Arme ruhig über sich ergehen. Der rothaarige Bauer dreht sich plötzlich im Laufen und schlägt mit voller Kraft gegen den Kopf eines Pferdes und verschwindet zwischen den Kosaken. Nun sausen auf den Ort, wo er verschollen, die Nagaiken mit> verdoppelter Kraft und Zahl hernieder. Die Kosaken reiten weiter dicht aneinander gerückt, Kopf an Kopf und vor ihnen läuft die aufgelöste Menschenmenge stumpfsinnig und blind gegeneinander. Werfet Ziegel auf die Kosakenköpfe! ruft Jemand von der Höhe. Ein halbnacktes, blutüberströmtes Weib wirft sich Plötzlich unter die Pferdehufe. Sie kam plötzlich, wie aus der Erde heraus, faßt den