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Jüdische Volksstimme · 1918-12-06 · Heft 29-30 (6.12.1918) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIX (1918)
Issue
Heft 29-30 (6.12.1918)
Date
1918-12-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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mn 1 Attische Nr. 29-30. spazieren gingen, es anderen überlaffend, ihre Heimat zu Beftaeien. Die Ruhmestaten der pol- Nischen Legionen an der Front ließen sich sogar van unserem k. u. k. Kriegspressequartier in keiner Art und Weise Ausbeuten, trotz aller Vemsuche dieser gerade in dieser Hinsicht so cmßervrovntlich leistungsfähigen Institution. Das hat Itch nun alles gründlich geändert. Kaum, ist es Gum Waffenstillstand gekommen, hat die ganze Kchlachta ihre kriegerischen Eigenschaften wieder entdeckt. In!ganz Galizien gibt es derzeit nur Helden, und laut ertönt ihr Schlachtruf — gegen wie unbewaffneten Juden. Gegen Frauen und Kinder lassen sie MaschinengÄvehre knattern, und jüdische Warenhäuser beschießen sie mit ßchworen — natürlich gestohlenen — Geschützen. Man würde fehlgehen hinter diesen Metzeleien und Meuchelmorden in Galizien einfach vms nationale Bewegung zu vermuten. So eine Art austrvpolnischer Frage, die kurzerhand da» durch gelöst würde, daß alle Polen alle (noch zu Hinein Oesterreich haltenden) Juden erschlügen. Den Polen ist es bei allen ihren nationalen Belangen in letzter Linie immer ums Geld oder Geldeswsrt gegangen. Die Ereignisse der letzten Wochen haben gezeigt, daß auch der neue polni-- sche Staat und seine Trabanten die alte Nationalleidenschaft nicht abstreifen können. Und der Wiener Gesandte dieses merkwürdigen Produktes einer Weltziivilisationsbestvebung, Dr. Hadicht, hat für eins ihn um Hilfe bittende Deputiation, an deren Spitze der Wiiener Großrabbiner stand, nur Warte des Bedauerns über die schamlose Fovm der Erpressungen, nicht über die Verbrechen selber. Das sind die ״edlen Polen" -in ihrer wahren Gestalt! Jüdische Vereinigungen der ganzen Welt haben sich um Hilfe an England und Amerika gewendet. Die Antwort der englischen Regieruüg läßt keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die Alliierten nur mit Völkern zu tun haben wollen, dis der Bezeichnung: zivilisiert auch wirklich würdig sind. Wie wir ber hören, ist auch eine diesbezügliche Note Wilsons unterwegs, die, wenn überhaupt möglich, noch schärfer und Prä- Kiffer gehalten ist. Maximilian Harden schreibt über die!Kriegsgewinner unter anderem folgendes: ״Unter den mit Geld gemästeten Lieferanten, Konjun ktuvschmaroHern, Warenschiebern, Wucherern isst sicher mancher Semit; kaulm, einer unter den Hauptgewinnern. Alles von Juden aus der Kriegszeit Erraffte verschwände neben dem Papiergslidgöbirge, das im NheinlcmAe, in Westsalen Md Obenschlesien himmelan ragt. Uransche Christen, denen der Krieg eine Viertelmilli-- avde, eine halbe eingebvacht hat, kennt jeder; keiner!einen Juden, dem auch nur ein Fünftel solchen Ertrages zufloß. Nicht Israel hat Schätze gehäuft, aus denen, als wärs Papenstiel, Verbänden, Parteien, Meinungsplantagen, Millionen ,Dutzende, gespendet werden; diese Verpestung deutscher Politik ging von Germanen aus, dis sich für Christen halten." Das Wochenblatt ״Kopenhagen" schreibt mr seiner Nummer von! 17. November folgendes: ״Die Abschlachtunigen und Metzeleien geschehen ganz offen. Die Welt weiß davon und doch findet sich kei'n Pole der sie!rechtfertigen, keiner der dagegen scharfen Protest erheben oder dafür wirksn wüvde, daß das grausame Hinfrachten und Plündern und Schänden ein Ende nimmt. Die ״Jüd. Rundschau", Berlin, vom 22. November schreibt unter anderem: Man hat sich gewöhnt, das raubende Gesindel mit dem Ausdruck ״Mob" zu bezeichnen und will damit andeuten, daß nur der Auswurf der menschlichen Gesellschaft sich an solchen Plünderungen und Morden beteiligen kann. In Westgalizien liegt der Fall anders. Es haben sich große Teile ganzer. Bevölkerungsschichten an jüdischem Gut und jüdischem Leben vergriffen. Die Novemberpo. grome in Galizien sind ein Schandmal auf der Ehre des ganzen polnischen Volkes Die polnische Erklärung! Krakau, 28. November. (Polnische Telegiraphenagentur.) Der polnische Liquidationsausschuß veröffentlicht folgenden Bericht: Während!der letzten Kämpfe in Lemberg haben die Ukrainer mehr als hundert Verbrecher aus dem Lembevger Zuchthause befreit. Der Rest dov Sträflinge entfloh dann selbst. Diesen Verbrechern haben sich Deserteure zugesellt, von denen sich einige sogar als Polnische Soldaten verkleideten. Nach dem Rückzug der Ukrainer aus Lemberg haben ׳diese Elemente gemeinschaftlich mit jüdischen Plünderern im Krakauer Stadtviertel in Lemberg Wohnungen und Geschäfte überfallen und zu Plündern begonnen. Es entspann sich auf beiden Seiten ein Kampf, tz-obei einige Dutzend Zivil- Personen getötet wurden. Während der Feuersbrunst, Ai>e von den Banditen gelegt wurde, wurden ungefähr dreißig Häuser emgeäschert oder stark beschädigt. Die Polnischen Militärbe- Hörden schritten ungesäumt gegen die Banditen ein und konnten alsbald den Aufruhr unterdrücken. Auch das Standvecht wurde vemhängt. Bis jetzt wurden auf Grund des Standrechtes eimige Plünderer erschossen. Am 24. v. herrschte in Lemberg schon Ruhe. Alle anders lautenden Meldungen sind unrichtig. Der Liquidationsausschuß hat eine Kom- Mission zur Untersuchung der Unruhen in Galizien eingesetzt. Dieser Kommission, die ans fünf Mitgliedern zusammengesetzt ist, gehören unter anderen Dr. Diamand und Dv. Stein- Haus an. Die Aufgabe dieser Kommission ist, die Ursache der Unruhen und deren Verlauf auf Grund von Verhören mit dien Beschädigten uns mit Augenzeugen zu untersuchen und dem Liquidattonsausschuß sodann Bericht zu erstatten. Weiter gibt der Liquidationsausschuß bekannt, daß die Verhängung des Standrechtes in einigen Bezirken den Ausschreitungen kein Ende gemacht haben, weil die Verbrecher in die Benachbarten Bezirke zogen und dort ihre räubert schen Ueberfälle weiter betreiben. Außerdem׳ erhielt der Liquidationsausschuß einen amtlichen Bericht, daß in Ostgalizien aus dortigen Gefängnissen Hunderte von Sträflingen entlassen wurden und sich in alle Richtungen zerstreuten. Infolgedessen ist der Liquidationsausschuß genötigt, über ganz Galizien das Standrecht zu verhängen. Dem Tode durch Erschießen unterliegen folgende Verbrechen: Mord, Raub, Plünderung, Brandstiftung, Sabotage, Beschädigung des Privateigentums im Werte von mehr als 6000 Kronen und schwere Körperverletzungen. Wer hat sie nicht erwartet, diese Erklärung die eine Lüge und Heuchelei, Verleumdung und Niedertracht das Höchste leistet, wias bisher sogar von polnischer Seite kundgegeben wurde? Erstarrte Ms ,das Blut, La wir di« uttet> hörten Schreckensnachrichten vernahmen, so wallt es heiß in uns auf vor Wich und Zorn, da wir Wese Zeilen zu Gesicht bekommen. Seit Wochen schon wird in ganz Galizien geplündert. Nach Hunderten zählen di« Namen der Städte und Städtchen in denen gemordet und geraubt wurde: nur von Polen und polnischen Legionären und zwar vor den Metzeleien in Lemberg. Namen von Ortschaften, die zum Großteil m Westgalizien liegen. Waren da auch die ״mehr als hundert von den Ukrainern aus dem Lemberger Zuchthause Befreiten" dis Schuldigen? Oder? . . . Und wenn schon Verbrecher es waren, die Aas Blutwerk verrichtet haben, wirft sich denn da nicht von selbst die Frage auf: warum! di« Gräueltaten nicht verübt wurden, solange Ws Ukrainer in Lemberg waren, sondern׳ erst nach ihrem Abzüge? Bleibt es nicht sonderbar, *>en> dächtig sonderbar, daß di« wenigen Ukrainer Ordnung zu halten imstande waren, während die vielen polnischen Legionär« in ״ihrem" Lemberg es nicht vermochten? Heißt es nicht der Welt jede Vernunft absprechen, wenn man ihr weiß machen will, die Juden hätten selbst geplündert? (vielleicht auch wohl sich selbst erschlagen nur um wie der ״Kurier Warschawski" sagt, die polnische Ehre zu beflecken!) Das heißt auf unsere blutenden Wunden noch Salz gießen. Das heißt die Toten ver- — Erschießt ihn! tobte es von allen Seiten. — Gieb ein Gewehr! Steinigt ihn! — Klettere hinauf zu ihm! In verschiedenen Fenstern des großen Hauses kamen unzählige Menschengestalten MM Vorschein, die die Rahmen ausrissen und Hausgerät durch die Oeffnung warfen. Das Glas klirrte. Da kommt ein rothaariger, breitschult-riiger Bursche mit einen! großen Wandspiegel ans Fenster und mit dem Ruf: — Vorsicht, Kameraden! fieL das Glas, das noch im Flug die Sonnenstrahlen auffing!, klirrend zu Boden. Gleich darauf sprang auch der Bursche nach. Sonderbar war, wi« ernst er aussah: keine Aufregung, kem Groll ward an ihm zu merken. Im anstoßenden Fenster stand ein dunkelbärtigsr Bauer mit einigen Kissen in den Händen. Im Nu riß er sie auseinander und ein dichter Regen von weißen Federn flog durch die Luft. — Es schneit, Kinder!( Schaut, daß ihr nicht friert! rief der Bauer, indem,er der weißen Wolke nachschaute. Da tobte es wieder in dem Hof. — Hierher, Kinder! Ich habe, in einem Fasse Judenbuben gefunden! — Schlagt sie tot! — Mit den Köpfen gegen die Mauer!י — Hör' Du alter Jud! oben. Komm' herunter, wir haben Deine Brut in Händen. — Komm' herab, sonst vertilgen wir׳ Deine ganze Rasse. Eine herzzerreißende Kinderstimme durchdrang die Luft — sie wirkte wie der Blitz ste- ^chend und blendend inmitten des dumpfen Tobens des Pöbels. — Nicht anrühren, rief Jemand. — Di« Kinder nicht berühren! — Nur Erwachsene totschlagen! Wieder das markerschütteirnde Hilferufen ׳muss Kindes, das in die tiefste Seele emdr-ang und alles ringsumher mit seinem Grauen bedeckte. — Ach, Aas Scheusal! wütete einer. — Hat er den Kopf abgehauen? —Nein, die Beine. — Du alter Teufel Du! — Du, Luzifer, komm her, wir hauen den Juden herab. Und zwei gewaltige Burschen drangen durch die Menge und erstiegen das Dach. Im Fenster erschien wieder der ernste Burschs und schob mit Aufgebot aller Kräfte einen Schrank oder einen Kasten in die Oeffnung: ״Kinder, fangt das Geschirr." Der Kasten wollte aber nicht in die Oeffnung, der Bursche riß ihn deshalb an sich, verschwand einen Augenblick, um bald wieder mit dem Ruf: ״Vorsicht, Kinder", einen Stoß Teller und einen blin-- kenden Samowar hinauszuschloudern. Die Menge auf dem Hof faßte sich beim Kopf und lief lachend auseinander. Nur der dicke rothaarige Bmffche hob den Samowar in die Höhe, schleuderte ihn zu Boden und zertrat ihn mit den Füßen. Ein grauenvolles Wimmern ertönte vom Dach. Plötzlich kam etwas Großes am Giebel des Daches zum Vorschein; es blieb eine Sekünde in der Luft hängen. Ein lauter durchdvingender Schrei! Und der Gegenstand lag am Boden. Nur noch ein leises Wimmern. ... Ich lief, wie rasend, fort und hörte hinter mii-r wilde Tviumphrufe: Aha, Aha! — Wir haben ihn abgehauen! In den Straßen brach W>e Meute Stühle, Tische, Kasten und Schränke entzwei, riß Kleidungsstücke, Kissen auseinander; Bettfederin flogen nach allen Seiten in der Luft. Aus den Fenstern der beiden nächsten Häuser fielen zu Füßen der Menge Kissen, Körbe, Möbel, Kleider und der Pöbel, vom Zerstörrungsdrang erfaßt, fing die Gegenstände auf, brach und riß sie entzwei. Zwei Frauen, zerzaust, mit ^röteten Wangen, ergriffen einen Kasten und zerrten ihn hin und her. Sie «Niesen sich etwas zu, öffneten weit den Mund, denn ihre Stimmen wurden vom Toben des Pöbels, vom Krachen und Klirren, von schaueverregenden Hilferufen übertönt. Dicht an mir kam ein großer Bauer vorbei. Unbedeckten Hauptes, in zerrissenem Hemde, blutbedeckt, giing er ruhig einher und lächelte stumpfsinnig: Das Lächeln eines sattgefressenen Tieres. Jetzt näherte er sich dem Laternenpfahle, umfing ihn und rüttelte an ihm, dtas Holz gegen seine breite Brust drückend. Die Laterne erzitterte und stürzte hinab. Brich' sie entzwei! rief ein anderer Bauer, sprang an We Stange heran und begann an ihr, schweratmend, zu rütteln. Plötzlich kam, wie eine Tube m eine Rauch- Wolke, ein junges Mädchen in zerrissenen Ge-

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