Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 29-30 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zahrg. XIX. > ^raryoer SftiKfisiauutt a mfiugv.—-.. Nmnmer 29-30. )Lilischt DlllKsstiMk. m-ם vrs«s»preiser halbjährig .Kronen 7-20 ganzjährig.Kronen 14•— Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig ....... Rubel 6׳— BaÜan, Frankreich ........ Frank» 14׳— O---:-K Herausgeber: Ma^ Hickl. ' Redaktion und Administration: Brünn, Sdlergaffe 9^ Buchhändlerische Vertretung: Ott, Klemm, Azlyzlg Inserate: die g.spaltige Petitzeile 60 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht L rno» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügra. m---» Wien—Brünn 6. Dezember 1918. 3. Tebeth 5679 Prag—Lemberg. Feiges Polen! Zweifellos: was jetzt in Galizien cm Entsetzlichem geschieht, .dafür ist selbst der Begriff ״Pogrom" unzulänglich. Was dort vor sich geht, ist nicht mehr Mißhamdeln, Plündern und Töten von Juden um ihres Judentums willen, sondern vorbedachtes, gemeines Morden um Gedes und Geldeswertes willen, ist der brutale und feige Machtmißbrauch eines Volkes, das für sich das Attribut ״edel" beanspruchte, ist die ungchemmte Entfaltung und Entfesselung seiner tierischen Vernichtungsinstinkte unter dem Schutze der polnischeu Behörden, unter Mittun und Anführung polnischer Legionäre und der Blüte des polni- . schen Volkes: seimer akademisch Graduierten, der ,Geistlichkeit und der Offiziere. In der gleichen Zeit, da in Wien Ritter v. Galecki, der Bevollmächtigte des polnischen* Lst quidationsausschusses ״erklärte", den Juden sei gestattet worden, eigene Schutzwehren zu errichten, wirrriden diese in Galizien allerorts über Auftrag ebendesselben Liquidatiionsausschuss.es entwaffnet. Und diese Entwaffnung war ausnahmslos überall dem Massenmorden vorangegangen, was aus sämtlichen Pogromberichten unzweidsutig heirvorgeht. Damit ist historisch festgestellt, daß die Polen erst dann zu plündern und zu morden begannen, als sie die Angegriffenen Wehr- und waffenlos wußten, ihrer Willkür auf Gnade und Ungnade preisgegeben. Wehrlose vorbedacht angreifen nennt der Sprachgebrauch feig. Wohl geben die Polen vor, die Erregung der Legionäre hätte sich deshalb gegen die Juden gewandt, weil diese die Ukrainer unterstützt Feuilleton Die Plünderung. Von Maxim Gorki. Eine Wolgastadt war vor fünfzig Jahren der Schauplatz des Niedergeschriebenen. Ich arbeitete an einem heißen Julitag, wie immer, am Ufer des Flusses, als ich Plötzlich ein dumpfes, zorniges Geräusch vevuahm, das dem Gebrüll hungriger Wölfe ähnlich war. Da auch ich vor der nahen Mittagsstunde schon Hunger verspürte, so machte ich mich fleißig an die Arbeit und schenkte dem mich umgebenden Lärm keine Aufmerksamkeit, obgleich derselbe immer zunahm und sich, wie dar Rauch beim Fouerbrande, immer mehr Verbveiiete. Eine dichte Staubwolke hing in der heißen Luft, die jeden Augenblick von den verschiedenartigsten Lauten zitternd widerhallie und vibrierte. Und immer schriller wurden die Töne, immer dichter der Staub und mitsamt der Luft erzitterte das Herz in bösen, traurigen Vovahuungen. ... Es hielt mich nicht länger; ich erstieg das sandige Ufer und sah, wie aus den Haustüren der muhen Stack Menschen hinaussprangen, hätten! Da bleibt denn die Frage: Warum wurden nirgends im -ganz Galizien die Ukrainer in gleicher Weise behandelt? Wohl entweder, weil diese an Zahl ungleich größer, sich wehren konnten, oder weil es bei diesen nichts zu rauben gab? Beides gleich traurig und schmählich. Beides Beweise Polnischen Natio-nalcharaktors, dessen die Polen sich zu schämen Grund genug haben. — Dis Wogen werden sich auch im Glizien glätten und wie so vieles aus diiesem Skandallande, wird die Welt auch die letzten Unmenschlichkeiiten und SchäMichkeiten Wer den Sensationen nächsten Alltags vergessen. Was aber bleiben wird, was kein Dementi und keine Rechtfeirtigunig, kein Vertuschungsversuch und keine offizielle Lüge aus'der Welt schaffen wird, das ist das Prädikat der Feigheit, das ab nun rächt dem Begriff ׳des Polen-. Lums untrennbar verknüpft sein wird. Das Polen der letzten Tage ist ehrlichen Hasses nicht wert, denn es hat sich selbst aus den Reihen dchr KrckLrrrAÄke r Mtrieben. Was man. "dafür übrig haben kan!gist Verachtung und Eckel. ״Fei>ges Polen". A. E. Reiner. Preßestimmen. aer — Unter dem Titel: ״Soll's die Welt sehen" schreibt das Lemberger ״Jüdische Tag- Blatt" vom 27. November unter anderem: ״Die große Gemeinde Lernberg mit ihren 70.000 Juden ist in Schwarz gehüllt. Arm und reich befinden sich in tiefster Trauer.- -Soll sich Europa das Blutbad ansehen, soll das europäische Gewissen und das Gewissen der transatlantischen Menschen anszittern über dem Verbrechen, das einige Tage von Kindern und Hunden gefolgt, wie alles, wie toll, die Straße hünunterlief, wie di!e erschreckten Tauben über ihren Häuptern flatterten und die Hühner vor ihren Füßen hin- und herliefen. Ein Schrecken erfaßte mich, und ich wurde vom allgemeinen Tumult so ergriffen, daß auch ich den anderen nachrannte. — Man schlägt sich in,der Elisabethstraße! hörte ich jemanden rufen. — Man schlägt die Unsrigen, Kammernden! antwortete von der entgegengesetzten Seite ein Reiter, der i/m schnellen Trab die ungepflasterte Straße dahinrannte. Ich bog um eine Ecke und blieb Plötzlich stehen, denn die schmlale Gasse war von Menschen so überfüllt, daß sie wie ein vollgestopfter Sack aussah. Von der Ferne her ertönte das Schreien und Wimmern von Menschenstimmen und Klirren dar Gläser; schwere, dumpfe Schläge, die wie Herbstnebel sich dicht in einander hüllten, schwollen in eine bleischwere Wolke m der Luft zusammen. — Man schlägt die Juden! rief vergnügt ein kleines altes Männlein. — Und es geschieht ihnen recht! fügte er tiefbefriedigt, die kleinen ab gemagerten Hände reibend, hinzu. Ich drang immer vorwärts durch den furchtbaren Lärm uud wurde von seiner Gewalt heftig angezogen. Und ich war leider nicht der Einzige, der diese Gewalt über sich ergehen ließ: j alle Gesichter, die ich sah, waren von einem vor dem Friedenskongreß iin einer der größten jüdischen Gemeinden begangen wurde. Kommt und scht die zerstochenen und verbrannten jüdischen Leiber in den Totenkammevn. Kommt und helft zwischen den muchenden Trümmern Hände und Füße und verbrannte Gebeine ganzer jüdischer Familien suchen, seht euch in der Synagoge den verkohlten jüdischen Burschen cm, der mit der Thora in der Hand von einem polnischen Barbaren Uiedeirgemetzelt wurde, weil er die heilige Schrift laus -den Flammen retten wollte. Werfet einen Blick in einen anderen Winkel, wo eine jüdische Frau in einem! Säckchen die Gebeine ihres Mannes sammelt, geht einen Augenblick durch das.HWche Viertel und hört das Wehgeschrei und verzweifelte Klagen von jüdischen Weibern,.Me Gr Schmerz wahnsinnig worden sind! Wer ist dafür verantwortlich? Oder ist jüdisches Blut vogelfrei? Das Völkertribunal soll uns Antwort geben! Dort werden wir nicht weinen, sondern anklagen und Rechenschaft und Vergeltung fordern für.das geraubte jWsche Eitznlum und das vergossene jübische Blut. — Die ״Wiener Sonn- und Montags-Zeätung" schreibt in ihrer Nummer vom 23. Nov. unter der Marke: Die edlen Polen! Zu den. Bieten Axiomen, die eine ebmso'un- Wissende wie eingebildete Bureaukratie bei uns so lange predigte, bis sie sich im Weltkrieg ein״ fach als lächerlicher Wahn erwiesen, gehört auch das Schlagwort von der Liebe und Treue unserer Men Polen zum österreichischen Vaterlande. Und um dieser Fiktion willen hat man es zugegeben, daß die ״tapferen" Nachkommen Kosciuszkos in eleganter Uniform i!m Hinterlande stumpfen, bösen Groll durchwühlt, aller Augen glänzten; man sah, daß diese unzählige, fessellose Bande zu allem fähig war; sie war bereit, Mauern zu brechen, d!ie sie iin ihrem Zerstörungszug hinderten, und den Nächsten zu Boden zu werfen, um über seine Leiche hinweg immer weiter zu toben. Ich stürzte in einen Hof, sprang von da über den Zaun in einen zweiten und fiel wieder mitten in einen Menschenschwarm. Er erfüllte den Hof eines eng gebauten Hauses und schien in sinnloser Tobsucht kaum an sich halten zu können. .Wie toll, wie verhext schrieen sie und! stießen erhobenen Hauptes mit geröteten Gesichtern und knirschenden Zähnen gegeneinander, um sich -auf das Dach hinaufzuschwingen; sie fielen herab und krochen aufs Neue hinauf. Aber in all' diesem Wirrwar, diesem- Chaos von Stimmen, Bewegungen unid Gestikulativnen lag doch etwas Gemeinsames, etwas, was alle beseelte und zu einem Ziele amspornte; man sah, daß sie alle von einem Wunsche, von einem Streben beherrscht waren und daß jeder sich als Glied des Gesamtorganismus fühlte. Hoch über dieser wütenden Menge auf dem Dache des Hauses stand neben dem Schorinstein eiiu großer, hagerer Jude. Er riß mit den Fingern einzelne Ziegel vom Schornstein! ab und warf sie hinunter. Der lange, graue Bart zitierte auf seiner Brust und die weißen Beinkleider waren Mt Blut bedeckt.