Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 27-28 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«ritt 4 Vertreter der norwegischen Juden, an! 2. November 1918 zu einem Bankett versammelt, mn den Jahrestag der bvitöschen Deklaration zugunsten einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina zu feiern, sprechen ihren tiefsten Dank an die britische Regierung aus, welche uns immer ihre Sympathie gezeigt und jetzt durch die Proklamiemmg Palästinas als Heim- Stätte der Juden ihr Werk gekrönt hat. Wir sind Überzeugt, daß das jüdische Volk, in Gleichheit mit allen unterdrückten und kleinen Nationen, für welche die britische Regierung gekämpft hat, den Dank, d enes der edlen britischeil Regierung schuldig sei, niomials vergessen wird. Im Namen 'der norwegischen Zionisten M. Dsenselsky. Der Schulzwang in Polen und die jüdische Schulfrage Die polnische Regierung arbeitet gegenwärtig an einem Entwurf eines Schulgesetzes, der die Einführung des Schulzwanges vorsieht. Wie der Bildungsmimster Panikowsky im polnischen Staatsrat mitteilte, wird der Gesetzentwurf im Herbst fertiggeshellt und in den Staatsrat eingebracht werden. Der Bildungsminister hielt bei dieser Gelegenheit eine Rede, in dar er den gegenwärtigen Stand des elementaren Schulwesens in Polen schilderte. Der Abgeordnete N. Prilutzky, der Führer der jüdischen Volkspartei eygiriff hierauf das Wort, um die Wünsche der jüdischen Bevölkerung zur bevorstehenden Regelung des Volks- Schulwesens in Polen zum Ausdruck zu bringen. Den Nationalitätencharaktor Polens betonend, fetzte dar Redner auseinander, wie die Zwangsschule, die ja zweifellos ׳eine Wohltat für das ganze Land werden könnte, für die nichtpolnische Bevölkerung zu einer Plage werden müsse, falls ihre Muttersprache, wie dies hinsichtlich oer Inden beabsichtigt sei, aus dem Lehrplaft! ׳ dar Volksschulen ausgeschaltet wevd!en sollte. Die Deutschen, die nur etwa vier Prozent der Bovölkerung bilden, besitzen Schulen mit eigener Unterrichtssprache, das gleiche dürfen die Juden für sich fordern, die 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Der Redner schildert die Schikanen, die der jüdische Schul- und Bildtungsversin in Warschau bei der Einführung des Jüdischen als Unterrichtssprache in den von ihm begründeten Schulen seitens der Polnischen Behörden ausgesetzt ist. Auf Grund der Erfahrung weist er nach, daß bei den jüdischen Kindam mit dem Unter- ,richt in ihrer Muttersprache pädagogisch selbst hinsichtlich dar polnischen Sprache unvergleichlich bessere Resultate erzielt werden, als mit dem Unterricht in der ihnen fremden polnischen Sprache, Äsr sie zu!geistigen Krüppelin mache. Der Redner schloß mit einem Appel, die zwei Millionen Juden des Landes nicht des Rechtes auf ihre Schulen und den Unterricht in ihrer Muttersprache zu berauben. Prilutzkys Rede war jedoch ein Ruf in die Wüste, sie wurde nur mit Hohngelächter begleitet. Hingegen wurden sehr beifällig die Reden des Assmnlanten Eiger und des Orthodoxen Pfeffer aufgenolmjmen, die Prilutzky entgegentvaten. Diese beiden Herren, die als nominierte Staatsratsmitglieder jüdische Volksvertreter von polnischer Gnade sinid, sind mit vollem Erfolg bemüht, sich des in sie gesetzten Vertrauens der polnischen Politiker durch die Besudelung der jüdischen Volksbewegung, würdig zu erweisen. Wie man sich übrigens in> den polnischen Rgeierungskreiisen die Zukunft dev Juden Polens vorstellt, zeigen folgende Informationen des Warschauer Korrespondenten des ״Berliner gDcvsblatt" E. Dombrowski: ״Sie WM (die polnische Regierung), wie mim erklärt wurde, dabei vom Grundsätze der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung ausgehen. Das schließe, sagt sie, nationale Sonderrechte aus. Das Verlangen der jüdischen National!- sten, die sich allerdings eines wachsenden An- Hanges erfreuen, nach einer nationalen Sonder- Stellung sei schon deshalb nicht berechtigt, weil dis Juden im! Polen weder räumlich noch, sozial ein .goschlosienes Gemeinwesen mit ׳einer in sich ausgeglichenen Berufsgliederung bilden. Einen ״Mische «BttljHmufc« , R. 27-28. Staqt im Staate könne man nicht dulden. Praktisch werde sich die Verleihung der staatsbürgerlichen Reiche so vollziehen, daß jeder Einwohner einen staatsbürgerlichen Ausweis, einen Paß erhalte. Wer sich dabei als Pols bekenne, übernehme mit diesen! Paß alle Rechte und PflWen eines Polnischen Staatsbürgers, wer nicht, werde fortan als Ausländer betrachtet werden. Die Religionsfreiheit werde nach jeder Richtung hin unangetastet bleiiben. In das jüdische Sonderschulwesen werde man nicht sofort regulierend eingreifen. Man gedenke die Choderschulen noch fünfzehn bis zwanzig Jahve fortbestehen zu lassen, bis das staatliche und kommunale Schul- Wesen vollständig ausgebaut sei. Aber man werde das Polnische als Pflichtssprache in sämtlichen Schulen des Landes verlangen, und kein Examen, kein Zeugnis einer Lehranstalt werde staatlich anerkaunt werden, das nicht das Polnische zur Voraussetzung habe. Auf diese Weise hoffe man die Juden allmählich soziail in den polnischen Staat einfügen zu können. Wiirtschaftlich wolle man dem Genossenschaftswesen die größte Fürsorge awgedeihen lassen, um! dadjurch indirekt die Juden nach und nach auch in die -anderen Berufe hiiueinzudrängen und so eine gleichmäßigere Verteilung ans die verschiedenen Erwerbsschichten zu erzielen. Die durchgehende!geschäftliche Tätigkeit der Juden am Sonntag, die von den polnischen Geschäftskreisen stets als efjttte sehr unbequeme Konkurrenz empfunden wurde, glaubt man dürch eine teilweise obligatorische Sonntagsruhe wenigstens am Vormittage, in den Stunden von neun bis zwölf Uhr, einschvänken zu können. Letzten Endes läuft diese Politik auf einen Versuch hinaus, die Juden mllaählich zu assimilieren." In diesen Mitteilungen kündigt sich eine kaum verhüllte Gewaltpolitik der schlimmsten Art gegen die Juden an, ein Kurs gewaltsamer und gewalttätiger Assimilation und eines von Staatswegen organisierten ökonomischen Boykotts. Und das wagt die ״Regieivung" eines Volkes in einem Zeitpunkt zu verlcqutbaren, wo dieses so sehr auf die Sympathien der Welt zur Sicherstellung seiner Zukunft angewiesen ist! Eine amtliche Erklärung der polnischen Regierung. Der Bevollmächtigte der Polnischen Liquidati'onskommission in Wien Dr. Kasimir Ritter v. Galecki versendet folgende Mitteilung: ״Nach einer Mitteilung der Polnischen Liquidationskommüssion in Krakau stellt sich die iin der Presse vielfach besprochene Angelegenheit dev Judenpogrome, in Westgalizien wie folgt dar: Gleich nach den! politischen Umsturz haben sich in einzelnen Gegenden Westgaliziens aus Deserteuren Banden gebildet. Diese Banden gingen vor allem auf Plünderungen von Kaufläden los. Nun befindet sich der Detailhandel in den westgalizischen Städtchen meist in den Händen der Juden, so daß diese der Raublust entspringende Bewegung von selbst einen antisemitischen Charakter bekam. Gewissen Anzeichen zufolge wurde diese Bewegung stellenweise von auswärtigen Agenten gefordert, deren Machthaber offenbar ein Interesse ׳daran haben, in Polen Unruhen zu stiften und Polen vor der ganzen Welt als ein Land der Anarchie darzustellen. Es ist begreiflich, daß ׳es in der ersten Zeit der Polnischen Liquidationskommission nicht möglich war, dieser Situation Herr zu werden, da Westgalizien im ersten Moment über keine eigenen Truppen verfügte. Ungeachtet dessen hat die!Polnische Liquidationskommission nichts unterlassen, was unter den gegebenen Verhältnissen möglich rmd geeignet schien, die eingangs «erwähnte bedenkliche Bewegung einzudämmen. Es wurde ein Aufruf an die Bevölkerung erlassen, es ist sofort an die Bildm»g von Bürgevgarden geschritten worden, es ist den Juden gestattet worden, -sine eigene Schutzwehr zu errichten, und es sind auch nach den meisten bedrohten Städtchen reguläre Truppen entsendet worden. Dank dieser Aktion ist es der polnischen Liquidationskommvsiion trotz unsäglicher Schwievijgkeiten gelungen, die Ruhe teilweise herzustellen, und es besteht die begründete Aussicht, daß das Treiben der Banden paralysiert werden 1 wird. Die ärgsten Ausschreitungen halben in Chrzanow und Brzecko stattWfumiden. Die Gesamtzahl an Menschenopfern beträgt sechs Juden und zwei Christen. Gegenwärtig ist in beiden Städtchen, die öffentliche Ordnung wieder« hergestellt. Di>s Verkündigung des Standrechtes hat zu diesem Resultat wesentlich beigetragen. Alle bisherigen Anstrengungen über eine angebliche Beteiligung der polnischen Regierungsorgane und der Angehörigen der polnischen Truppen an den bedauernswerten Exzeßen, bezw. über ׳rin passives Verhalten derselben Organe haben sich bisher als unwahr erwiesen, obwohl in jedem ,einzelnen Falle, selbst auf Grund von Zeitungsnotizen, eingehendste Untersuchungen gepflogen worden." Die Polnische Regieruing täte gut daran, statt amtlicher Beschwichtigungen in Wien gemessene Befehle aiu ihre Leute hevauszugeben, den Pogromen entgegenzutreten. Pogrome sind eine Kulturschande, eine barbarische Grausamfeit, unter der Wehrlose und gewöhnlich die ärmsten Existenzen am meisten leiden. ־־־ גבולות hebräische Monatssschrlft. Landesverband der isr. Kultusgemeinden in Schlesien. Am 10. November l. I. fand im Sitzungssaalg der israelitischen Kultusgemeinde Mähr.- Ostrau unter den hiezu n-Lugewählten Delsgiierten eine Vollversammlung des Landesverbandes der israelitischen Kultusgemeiuden Schlesiens statt. Mährisch-Ostrau wurde als Versammlungsort mit Rücksicht auf die!günstige Lage und die Zugsverbindungen gewählt. Die israelitische Kultus gemeinde Mährisch-Ostrau wurde als Gastgeberin zu der VerbaindsversaMmlung selbst zu Gast geladen. Es waren bei der Verbandsversammlung die Kultusgemeinden Troppau, Taschen, Bielitz, Oderberg, Jägerndors, Wagstadt, Freiwaldau, Skotschau, Fr-iedek-Mistek, Freistadt und Mähr.- Ostvau vertreten und es waren die Rabbiner Dr. Friedmann aus Troppau, Dr/ Steiner! aus Bielitz und Dr. Obstler aus Freistadt auwesend. Im ganzen nahmen 30 Personen an der Beratung teil. Von der Verbandsversammlung wurde eine Entschließung -einstimmig angenommen, die wörtlich mit der vgm mährischen Landesverband auf dessen Verbandsversammlung vom 30. Oktober 1918 angenommenen Entschließung ׳übereinstimmt und ׳nachstehenden Wortlaut HÄ: ״Als Angehörige eines eine untrennbar« Einheit bildenden 14 Millionenvolkes verlangen die Juden vom Friedenskongresse, zu dem ihre Vsvtreter zuzuziehen sind: 1. Die Anerkennung als Nation- und demgemäß die Zuerkennung Mer Rechte, die den einzelnen Nationen zustehen, im deren Mitte sie leben; ferner als Bürger jener Staaten, in welchen sie wohnen, die volle politische und bürgerliche Gleichberechtigung, ohne Rücksicht auf ihre Umgangssprache. Der Verband spricht aber gleichzeitig aus, daß die jüdische Glaubensgemeinschaft nach wie vor alle Juden ohne Unterschied der Umgangsspräche umfajßt. 2. Die Errichtung einer nationalen Heimstätte für dvs jüdische Volk in Palästina, Ge- Währung weitgehender Rechte zum Aufbaue eines jüdischen Gemeinwesens daselbst unter eigener Verantwortlichkeit und!internationaler Garantie." Trotz der,gegenwärtig.ungeklärten Verhältnisse, ujach denen es nicht feststeht, ob Schlesien ungeteilt bleibt oder welchen Staatswesen dessen einzelne Teile zufallen sollen, beschloß der Verband seine gegenwärtige Form aufrechtzuerhalten und es wurde nachstehende Vevbandsleitung gewählt: zum Präsidenten Herr Dr. Sonnenschein, Troppau; zu dessen Stellvertreter Herr Salomon Pollak, Bielitz; zum Schriftführer