Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 27-28 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«Mit* 2. ״Misch* Lolksflkmmrm. 27 2S mrfgestellten Götzenbilde, Ächtete einen Neuen BUtac auf und zündete das ewige Licht all. Für das Sieges- und Fr-iedensfsst!der Juden ist es bezeichnend, daß es nur durch das Airzünden des ewigen Lichtes gefeiert wurde. Das ewige Liicht im Tempel, wie das CkMmkkalicht als Silegeslicht gibt uns den Sinns, die Bedsutung und die Lchre des Friedens im Geilste und m der Auffassung der jüdischen Religion. Kriegführende Völker schlielßen nach beendetem Kriege Friedensvertmge. Wer bürgt dafür, idaß si-e Mch gehalten werden? Wer ist die überwachende achtunWsbietende Macht, daß die beschworenen besiegelten Verträge nicht als Parier fetzen zerrissen werden und die Käjmjpfe vom neuen beginnen? Haben wir -das -alles zu!unserem tiefsten Schmerze Mid zu unserer schwersten Niederlage nicht an unseren Bulrdesgenossen erlebt und mi!t eigenen Augen mit angesehen? Zu einem wahren dau- >ovnden.Miorschütteirlichen Friodlen genügen nicht Friedensschlüsse, nicht Vorträge, auch nicht BundeHgenossen und .nicht Völkerbünde. Frieden schasst -emgilg und allein, wie der Prophet uns lehrt: ״Gott muß in uns wahnen", Gott, .der Gottesgedanke, die Liebe zu Gott, die wahre, echt« Religion muß in uns wahnen, in uns leben, muß iu unseren Herzen, in unsere Häuser,!in unsoven Gemeinschaften, in jedem Volke Md in der Gesamtheit aller, Nationen lebendig sein und wohnen. ״Gott ist die Quelle alles Friedens, ist der Frieldo selbst." Er allein kann die Menschen zum Frieden veranlassen und führen, er kann sie im dauernden Frieden erhalten. Das bezeichneten die siegreichen Makkabäer mit dem Anzünden des Sieges- Md Friedenslichtes im Gotteshause. ״Licht, das bedeutet die Thora, die Gott-eslehre." Leuchtet das Licht der Gotteslehre in unfern Geist, in unser Gemüt, in unser Le- -ben hinein, beleuchtet es üns das Verhältnis der Menschen zu einander als Kinder!Gottes, dann fijndet,es jeder nur natürlich, erkenllt es als oberstes Gottes- Md Naturgesetz, wie es der Patriarch Abraham scholl aussprach (Genes. 13, 8): ״Es darf kein Streit unter Brüdern, keine Feindischgft unter dien Gotteskiindorn sein!" Die ersten Chanukkalichter wurden nach einer Ueberlieferung (Pefikta) auf die abgelegten Speere der Krieger gesteckt zum Zeichen und zur Lehre für die Zukunft: Soll das Kriegsschwert für immer zur Ruhe gewiesen Md -abgetan sym. dann muß es nur durch das Licht Gottes, durch djie Religion geschehen. Der Krieg muß aushöreu, Ms der Menschen Mitte verschwinden durch das Bewußtsein: Gottes Licht, Gottes Auge und Vorsehung wacht über den Frieden. Gott allein kann,ihn!erhalten Md gegen den Friedenswillen Gottes vermag auch die stärkste Macht auf Er» den nichts. Wenn! wi>r -nach den harten Erfahrungen des beendeten Krieges ׳ein neues Leben begin» neu, eine neue Welt zu -erleben hoffen, soll es ״Jüdisch, Herr!" Der Mann horcht auf. ״Ihr seid also Juden?" ״Und was bedeutet jener Brauch?" ״Ich will's erzählen, 's ist gut, daß die Knaben es auch hören!" Sie setzen sich um den Herd. Der Vater erzählt. Die alte Geschichte ist's, die Geschichte der Makkabäer. Die Augen der Knaben glänzen, der Vater spricht lauter, zärtlich. Der Fremde hat das Haupt in die Hand gestützt; man kann nicht sehen, was seine Mienen sprechen. Der Vater spricht weiter. Von dem kleinen Volk der Juden — vom Tyrannen, der ihm sein Hsi'ligstes rauben wollte — von den Helidensöhnen Matithjahus, des Hohenpriesters. Dann von dem hohen, herrlichen Siegle, — vom Jubel des Volkes und von dem Wunder im Tempel, dessen Erinnerung die acht züngelnden Fl-ainMien am Fenster bewahren. Licht, das ist das Symbol ü־;feines Strebens, wo Juda ist, muß Licht sein! MHt des Glaubens, Licht der Freiheit. Jude sein, heißt dis Freiheit lieben, Tyrannen hassen. Frei will der Jude sein, wie Matithiahu und fein Hrldenstamm! So spricht der Vater. Der Fremde einhobt sich. Er geht auf den Hausherrn zu. ״Jude, es gibt einen Mann, viele schelten ihn einen Tyrannen, der hat den Juden feines Landes die Freiheit und Gleichheit gogeben! Kennst Du den?" «Ihr meint Napoleon? Ja, den kenne ich Wohl! Nicht weit liegt dieses Haus von der Straße, die er vor wenigen Monden zog. Kühn kein Loben ohne Gott, keine Welt ohne wahre Religion sein. Gott und die Religion soll unserem Leben einen hohem innern Gehalt geben, der Welt eine göttliche Seele, einen Gottesgeist einycmchen. Nicht mit einem äußern Schein der Religion, nicht mit -sillelmi glänzenden Kunst- und Prachtbau, einem geistlosen Hinweis auf Gott, nicht Mit fast leeren Gotteshäusern und mit rsligiioinleeren Herzen den Beter dürfen wir uns begnügen. Die neue Zeit, das -neue Laben, die neu aufzurichtende Welt verlangt gotterfüllte Herzen, gotterfüllte Geister, einen Herzensdienst Andächtigem Religion und Sittlichkeit im großen Tempel des Lebens. Wie das Chanukkalicht mit jedem Tage an Zähl, a!n Glanz Mjd Heiligkeit fortschreitet, so muß auch der Geist Gottes, der Geist der Religion, der Geist der Menschlichkeit und Menschenliebe als -ewiges Licht fortgesetzt und unvevlöschlich jeden einzelnen, alle Völker, diie ganze Menschheit beleuchten. Das wird dann der wahre Fortschritt der Menschen, das Freuden- und Friedensfest, das letzte ewige unvergängliche Sieges- und Segensfest auf Er׳ -den sein, M letztes Chyrnukka, die Tempelweihe für die ganze Menschheit. Das neue jüdische Leven. (Aus Hickels ״Jüdischer Kriegs- und Friedens- Wender.) Von Fabins Schach. Ein neues Loben ist es, daß wir Juden erhoffen, — -erhoffen müssen, um nicht an Zweifel und Verzweiflung zugrunde zu gehen. Aus dem Blute unseres Söhne soll neue Erkenntnis und neues Leben für ihreKinder und ihre Väter erblühen. Noch wissen wir nW, -welche Gestalt das new Leben annehmen wird, noch ist nicht -einmal die Kristallisation des stanken Willens vorhanden, aber die glühende Sehnsucht ist da, die Grundlage alles Strebens und Fovtschreitens. Es ist wie der schmale, grünblau schimlnernde Streifen, der sich aus der Dunkelheit der Nacht ejmpomingt und uns den Sonnenaufgang verkündet, die Herrschaft des Lichtes nach langen Kämpfen und Ringen. Ujnd wir wollen keine stillen Zuschatuer seiln. Wir wollen dem neuen Großen eine Straße bahnen, — durch Blut und Schmutz, durch menschliche Torheit und Niedrigkeit. Was schadet es, wenn wir -Nicht genau wissen, wohin der Weg führt? Schon das Aussteigen aus der Niederung erhebt und befreit uns. Und mit jedem Schritte, -den wir emporkliMmen, dehnt sich diie Brust und Wim atmen Höhenluft. Wissen es denn Menschen überhaupt jemals genau, wohin sie das Leben führt? Die Hauptsache ist, ׳daß man nicht stille steht, daß Man ein leuchtendes Ziel vor sich hat. Den Gipfel erreichen nur -die Auserwählten der Gottheit. Selbst Moses schaute!nur mit dem ist der Manu, drunr bewundve ich ihn, vielleicht auch gerecht, drum verzeihe ich ihm manches. Doch er hat Völker geknechtet, will auch meine Heimät -unterworfen, darum, hasse ich ihn." ״Schweigt!" Der fremde Mann hat's gernfen! Wie sein Auge blitzt! ״Herr, Ihr vergießt, dies Haus ist -mein. Da darf und will ich reden, was ich denke. Wo die acht Lichter heute brennen, da feiert man haut ein Freihei-tsfest. Und ich hoffe, so wahr sie brennen, noch dies Jahr Wird uns Gott frei machen." Der Fremde tritt zum Fenster Md mit einem Stoße der Haind wirft er die acht Lichter auf den Boden. ״Sie brennen nicht mehr, Jude!" Der Hausherr ist erschrocken, dann sagt er ruhig: ״Doch Herr, sie brennen!" Am Boden zerstreut, brennen die Lichter des Festes der Freiheit. ״Da seht, der!dla droben vorspricht's mir heute, er hält sein Wort. Napoleon si>eht Polen nicht wieder! Glaubt's dem Juden!" DvMßen klingeln Schellen. Der kleine Mann setzt den Dreispitz auf. Ju der Tür dreht er sich um und zieht den Hut tief zum Dank für die Gastfreundschaft. Die Pferde zogen an. Die Richtung: Paris. Das war Chanukah 1812. Auge «der Sehnsucht das gelobte Land. Aber scholl der Wog zurGottheA ist göttlich. Das alle überwinden durch den Kampf für das Neue, — das ist jüdische Weisheit. Das alte Leben ist tot. Es versank von unseren Augen in einem Mseve von- Blut. Es war aufgübaut auf Schein und Trug, es fehlte ihm die innere Wahrhaftigkeit, die Göttlichkeit. Unstne Kultur diente der Befriedigung der Eitelkeit und der Sinneslust und unsere Zivilisation war Form ohne Inhalt. Uns fehlte die Menschlichkeit, die allein zur Göttlichkeit führt. Wir suchten falsche Schönheiten, trügerische Wvhrihe'üten, uns war der äußere Wd nicht der innere Mensch Ziel des Strebens. Und so näherten wir uns dem Abgrunde, ohne es zu ahnen. Und wir Juden fehlten doppelt. Wir haben den Gott unserer Väter verleugnet, den Gott den Wahrheit und Hoheit. Auch wir> di'o noch äußerlich zum Bunde gehörten, verleugneten ihn häufig. Wir riefen ihn mit Namen, aber unser Herz letzte nicht nach ihm, unsere, Leidenschaft und Liebe gehörte nicht Gott. Wir waren bsmfen, ewige Wahrheiten zu verkünden durch das Wort und das Leben,wie unsere Väter es taten, und wir dioniten fremden gleißnerischen Idealen, Cijntiggswahvhoi-ten. Wir haben aufgehövt jüdisch zu sein, denn jüdisch sein -heißt, der Reinheit -und Hoheit Wen. Unser Lebenselemont ist das Judentum, wir haben es vockassen, wie sollten wir leben können? Andere Völker haben einen Boden, auf dem sie feist ruhen. Wir sind die Priester ohne Besitz, deren Erbe Gott ist. Verleugnen wir dieses Gvb'e, dannhört für uns der Sinn des Lebens auf. Und so strafte uns Gott, die er -am! meisten liebte, am schärfsten. Hunderttausende unserer Söhne und Brüder ruhen auf!dem Felde d>es Todes Md Millivvjen sind -voyarmt und enterbt und irren umher -ohne Heimat, ohne Glück. Aber die draußen!gestorben, sind niicht für die Machtevwekteivung der Völker Mstorben, sondern für den Gott Israels. Draußen im Schlacht-getöse halben sie den Gott ihre Väter wiedergefuind'en, und aus ihrem Blute soll das neue Geschlecht der Gottvorkünder erstehen. Und unsere Brüder und' Schwelstevn, die im Osten ein Leben voll Schmerz und Elend führen, leiden niicht für den Sieg irdischer Ideale, sondern göttlicher Wahrheit. Ihr Schmerz ist der Wegweiser zur alten indischen Herrlichkeit. Nicht im Reichtum, sondenn iin der Armut zeigt sich die wahre Größe «des Judentums. ׳ So lasset uns vovwävtsschnMen,-über den Tod hinweg zum neuen Leben. Das alte soll MK nur Lehre, Mahnung sein, — wir gehen weiter, über das Vergängliche hinweg «dem Ewigen entgegen. Die Feuersäule geht uns voran und wir schreiten. Wohin? Nach Zion — zunächst dem Zion in unserem Herzen, dem Zion unserer Väter. Nur das innere Zion kann uns das äußere bringen. Zion ist für das Judentum bloß kein geographischer Begriff, sondern das Symbol göttlicher Sehnsucht, der Inbegriff -aller Hoheit des Geistes, Mer HeMgkeit des Herzens. Unser erstes Ziel soll diie Aussöhnung der Juden untereinander sein, dann diie AussöhnMg mit ihrem inneren Wesen, mit dem Göttlichen in -ihnen. ״Gott und die Lehre und Israel bilden ׳eine ewige Einheit." Vor uns ist Zwist und Zerklüftung und in ׳:ms Zerrissenheit Md ewige Unruhe, das ist unser Fluch. Partei engeist. Eigendünkel und Eitelkeit haben Scheidewände zwischen uns,gerichtet, halben die Brüder von einander getrennt. Und sie gehören doch zuoiinander, sind auf einander angewiesen. Vor lauter Richtungen und Parteien ist das Judentum ganz unsichtbar geworden. Berge türmen sich vor! uns auf, und sind doch nur Nebelgebilde, gähnendtz Klüfte schrecken uns, u-nid sie sind doch uur theatvalische Vortäuschungen. Mit eineml HMche der Wahrheit könnt ihr diese Hindernisse fortwehen. Findet den Mut, einig sein! zu wollen, und ihr seid einig und groß und stark. Streifet das Gewand der Phrase, der Heuchelei und Eitelkeit ab. und ihr seid wieder Brüder. Aus der Penspektive der Zukunft gesehen, schwinden alle Unterschiede der Parteien und Richtungen Mid es bleiben nur zwei Arten: jüdische und Miüdische Juden, Juden, die sich bewußt oder unbewußt intach Vertiefung und Erstarkung ihres jüdischen Wesens sehnen, und Juden, deren höchste Schnsucht die Verblassung, Verwässerung und sndlkche Abstreifung ihres Judentums ist. Zwischen diesen beiden Richtungen führt keine Brücke.