Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 25-26 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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«eite 4. ,Mische B,tt-st1««e" . R. 26-26. Die Mißverständnisse, De sich um diesen Gedanken türmten, entwirren sich allmählich. Wir wollen die Juden nichtin) ein Ghetto schließen, wir wollen dils Juden öietmdjt aus dev Unfreiheit und Abhängigkeit, i,n!der sie bisher lebten, herausführen; wir wollen, daß die Juden die Bestimmung ihres Schicksals als Juden in die jhand nehmen. Wir fordern innerhalb des deutschösterreichifchen Staates, daß gemäß den Grundsätzen der Demokratie vollkommene polnische und bürgevliche Gleichberechtigung für alle Bürger tatsächlich durchgefüW werde. In allen Angelegenheiten, die an das Territorium gebunden und daher allen Bürgern gemeinsam sind, wollen wir im besten Emvsmchmen mit dem deutschen Volke am Aufblühen des Staates Mitarbeiten. Wir wollen, wie es die Juden stets getan haben, unsere geistigen und materiellen Kräfte in der, Dienst des Gemeinwesens stellen. Wer wir tun dies nicht als rechtlose und geduldete Einzelpersonen, sondern als Angehörige des jüdischen Volkes. Wir fordern im -dieutschösterrsichischen S-ta-a te unsetze Anerkennung als Nation. Wir wollen nicht zu einer Lüge gezwungen sein, wir wollen das Recht haben, als Söhinje des jüdischen Volkes uns zu unserem Volke zu bekennen. Wer nicht nur die Anerkennung ist unser ftM; wir fordern auch die Gewährung und Sicherung nationalsv Rechte. Die Rechte, die wir als MinderheMnatiou geltend machen, müssen dev Gilgenart unserer Lage entsprechen. Alle Angelegenheiten, welche ausschließlich »das jüdische Volk angehen, wollen wir in autonome Verwaltung übernehmen. Wir wollen an Stelle der Kultusgemeinde die jüdische Volksgemsinde setzen, welche auf Grund des demokratischen Prinzips nach dem allggmseinen gleichen Wahlrecht aller Männer und Frauen konstituiert wird. Dieser Volks׳ gemeinde obliegt die Verwaltung des ^ganzen Gebietes des jüdischen kulturellen Lebens, vor allem ajuch des Schul- und Erzishungswesens. Das jüdische Volk soll selbst die Verantwortung für die Erziehung seiner Kinder tragen; wir Wollen unsere Jugend zu aufrechten Menschen und ganzen Juden erziehen. Ebenso wird die Volksgemeindtz die vom jüdischen Volke stets hochgehaltene Wohlfahrtspflege und und soziale Fürsorge nach modernen Grundsätzen als eijn^ wichtige Aufgabe zu betrachten haben. So schassen wir für uns die Möglichkeit einer freien Entfaltung unserer nationalen Eigenart, totte besMilgen die Ursache vieler Konflikte und schaffen gleichzeitig die Voraussetzungen für ein würdevolles und reibungsloses Zusammenlsben mit den anderen Bürgerin dieses Staates, das auf gegenseitiger Achtung gegründet sein muß. Wir sind überzeugt, daß dies nickt nur? für uns Juden zum Heile gereichen Wird!, sondem daß wir dadurch auch in dis Lage versetzt werden, für das Aufblühen des politischen und Wirtschaftlichen Lebens im Staate zu wirken und den Wiederaufbau dev durch den Krieg zerstörten Güter zu fördern. Juden Deutsch-Oesterreichs! Eine neue Zeit ist angebrochen, sie soll auch für uns ei-Ne stolze und glückliche Zeit werden. Das System der alten Politik, die auf unrichtiigjen Voraussetzun. gen aufgobaut und zu ängstlich war, um! jüdische Interessen mannhaft zu vertreten, ist zusammengebrochen und muß M.nev gesunden Volkspolitik Platz machen. Es djarf auch bei uns keiue Ge- Heimdiplomatie und keine Notäbelnwirtschaft mehr geben. Wir müssen eiin .ehrliche, aufrechte, selbstbewußte Politik machen, nur dcmu werden wir uns schützen und auch den anderen Achtung einzuflößen vermögen. Juden Deutsch-Oesterveichs! In diesem entscheidenden Augenblick hat die nationale Grup- Pe im Judentum! di'e Führung übernommen und wird mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft ausschließlich den Jnteressen.des Volkes dienen. Wir fordern euch alle auf, den Nationalmt bei seinen Arbeiten zu unterstützen und euch der nativnalen Bewegung anzuschließen. Eine Gruppe von Menschen, die sich nicht organisiert, die nicht Selbstbestimmung und SeNstschutz übt, ist tatsächlich schutzlos. Juden Deutsch-Oesterreichs! Brüder und Schwesteuu! In dieser großen Stunde müssen Wir einig sein. Wir wollen dev Welt nicht mehr das Bild der Zerfahrenheit und der Schwäche geben. Wiv wollen zeigen, daß!das jüdische Volk! mündig geworden ist und daß ein heißer Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit sich vereinigt in dem Wünsche der Gutgesinnten aller Völker. Scharet euch alle einmütig um die einzige Vertretung, die ihr habt, um den Jüdischen Nationalvat! Der Jüdische Nationalrat für Deutsch-Oesterreich. Demission des Präsidenten der Wiener isr. Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern. In der am 6. November d. I. stathgshabten Plenarsitzung -des Vorstandes der Wiener isrml. Kultusgemeinde legte -dev Präsident Dr. Alfred Stern, dev vor einigen Tagen seine Demission gegeben hatte, die Gründe!derselben ausführlich dar. Für ihn sei nicht hohes Alter oder geschwächte Gesundheit bestimmend gewesen, sondern dijs Ueberzeugung, daß der dem Vorstände zuv Beschlußfassung vorliegende Kompoomiß- Antrag mit der Jüdisch-Nationalen Partei eine Legitimierung des vor einigen Dag enkonMuierten ״Jüdischen Nationalrates für Deutsch- Oesterreich" beinhalten würde, der or für seine Person absolut nicht zustimimlen könne. Er mißbillige insbesondere,die Bestrebungen des Jüd-l scheu Nationialrates hinsichtlich der Schaffung eines besonderen Katasters, den e!v für die Ju- -denschaft Wiens und Deutsch-Oesterrreichs als in hohem Grade -verderblich ansehe. Da er jedoch der von anderer Seilte erhofften friMichen Austvagung der Gegensätze nicht im Wege stehen, wolle, lege er seine Stelle als Präsident der Kultusgemeiinde nieder. Nach Mgabe seiner Erklärang entfernte sich Herr Präsident Dr. Alfred Stern aus dem Sitzungssaale. — Nachdem mehreve Vovstandsmitglieldsr, sowohl zum Kompromis-Antvag, wie zur Demissiouserklävung des Präsidenten!das Wort ergriffen hatten, wurde bei der Abstimmung mit Stimmenmehrheit die erfolgte Demission! des Präsidenten unter dem Ausdrucke innigster Dankbarkeit für sein bisheriges Wivken und unbegrenzter! Verehrung für seine Person mit tiefstem Bedauern zur Kenntnis genommen. Hierbei war für die Mehrheit des Vorstandes die Erwägung matzgebend, ׳daß das Judentum in dieser Zeit ällgemeiner Bsdräintzinis nicht auch noch durch innere Kämpfe — und solche wären unvermeidlich ge- Wesen — geschwächt und erschüttert werden düyfe, daß über eine Bewegung, die weite Kreise der Juden ergriffen hat, bei aller Betonung des gegensätzlichen Standpunlktes nicht einfach hinweggegangen werden könne und daß endlich in dieser schweren Zeit die Leitung der Wiener jüdischen Gemeinde ein in seiner unverminderten Geistesfvische wohl bewunderungswerter, aber un!te!r /den körperlichen Beschwerden seines hohen Alters leidender Präsident nicht ohne Schädigung der Sache und ohne Gefährdung feiner GssundheM führen könne. Knndgebnrtg der Wiener israelischen Kultnsgemeiude. In dev!am 6. November 1918 unter dem Vorsitze des Ersten Vizepräsidenten, Hofrates Dr. Benjamin Rappaport stattgehabten Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener isvael. Kultusgemeinde wurde folgender Aufruf beschlossen: ״Audie Mitglieder der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Der Ernst -der Zeit, die Sorge für unsere Gemeinde und ihre Angehörigen, erfordern Den festesten Zusammenhalt aller Juden. Jeder Untevschied in politischer, religiöser und nationaler Beziehungmuß zurücktreten, um die Juden Wiens und ihre Gemeinde — das größte und wichtigste Zentrum der Juden Deutsch-Oesterrsjichs — in diesen schweren Tagen nicht unnö- Ligen Erschütterungen auszusetzen. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde richtet diesen Appell an alle jüdischen Bewohner Wiens angesichts der vor Kurzem 6*- folgten Pvokliamierung des.״Jüdischen Nationalrates für Deutsch-Oesterreich", dessen Schaffung bei allen in Wien lebenden Juden Neunruhigung hervorgerufen hat, die nicht auf dem Baden des jüdischen Nationalismus stehen und in dem Aufgeben des Standpunktes, daß die Juden nur eine Glaubensgemeinschaft sind, eine Gefahr in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung erblicken. Nach der festen UeiberzeuMng des KultusvotvstanÄes bilden diese Juden die zweifellose Mehrheit in Wien und Deutsch- Oesherreich. Diese Mehrheit will aber die Minderheit nicht unterdrücken, so wenijg sie sich selbst zu Anschauungen zwingen lassen will, die sie nicht teile. Der Vorstand hegt die Hoffnung, daß ein Ausgleich der Gegensätze nicht iim Kampfe,, sondorn im Wege gegenseitigen Verständigung geliegen werde. Unter den jetzt bestehenden Gegensätzen darf jedoch — darüber sind beide Parteien einig — di>e Lösung jener Aufgaben nicht leiden, die i;m gemeiin'fajmien Interesse gelegen und dringlich sind. Zu diesem Zwecke wird aus 'der Mitte des Kultusvoristandes eine Permanenzkommission gebildet, in der beide Parteien vertreten sein worden, und die sich mit allen besonderen Fragen zu befassen haben wird, die laus dev gegenwärtigen allgemoilüen Lage sich ergeben, insbesondere aber mit der Ausarbeitung des Ent- Wurfes einer -neuen Wahlordnung auf demokratischer Grundlage. Diese Kommission wird ihre Tätigkeit solange fortsetzen, bis nach erfolgten Neuwahlen der Wille und die Anschauung d!6r GemeindMitglieder unzweifelhaft feststehen und in einem neugewählten Vorstande Ausdruck gefunden haben werden. Der Vorstand erklärt schließlich, dgß hie Schaffung -eines ״Jüdischen Nationalvaites für Dleutsch-Oestevrieich" und auch die! angestrebte Anerkennung der Juden als Nation keinen wie immer gearteten Zwang für den Einzelnen bikden wjivd, und darf. Jeden Juden wird und muß es vollkommen fveistehen, nach feiiner Ueberzeugung sich zu jener Nation zu bekennen, der er sich zugehörig fühlt. In keinem Malle aber — und dies betont ׳der Vorstand mit allem Nachdruck — wird den vollen Rechten und vollen Pflichten der Juden als Staatsbürger Deutsch- Oesterreichs, dem sie!in hingebungsvoller und opfevbsvoitov Treue ergeben sind, Eintrag geschehen. Der Vorstand bittet, unter allen Umständen und unbeirrt durch etwaige Aeußsvungen und Handlungen extrenter Elemente, treu zur Gemeinde zu stehen." Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien. xxxxxxxxxxxxxxxxx M. Hlckl-Verlag. BrOnn-Wlen. Wien, II., TaborafiaBe Nr. 52 b Soeben erschien das erste Heft von: GEWULOTH — גבולות — Hahr. Monatsschrift für moderne Literatur Herausgegeben von 0. Schoffmann und Z. Dieaeadruck. Aus dem Inhalte: H. Bergmann, Die wahre Freiheit. 8. Schneuer Die Gefangene. O. Schoffmann, Vier Skizzen. E. Diesen druck, Von der Groteske. Z. Grünberg, Gesang der Kämpfer, Zeitglossen etc. Abonnement beträgt: halbjähri. K IS — (10 Mk.) Einzelheft inklusive Porto K 3 20 (Mark 2*20). Einzelverschleiß: Administration: Wien, Taborstraße 52b sowie sämtl. Buchhaltungen u. Zeitungsverschleißstellen XXXXXXXXXXXXXXXXX Jüdische Soldatenversammlung in Wien. Am 11. November wurde von einem Komitee der jüdischen Offiziere und Soldaten in Wien eine MassenversamnTuNig einbsvufen, zwecks Besprechung und Stellungnahme gegen die in Weftgalizien ausgebrochenen Pogrome, gegen die dortige Judenschaft. Die Redner schikdorten dis traurige Lage der Juden im Westgalizien im jetzigen Momente, erhoben feierlichen Protest ,gegen die JudenexMe und forderten die jüdischen Offiziere und Soldaten auf,