Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 25-26 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 25-26. »Milche *•fÜlHttwt9 ®eite 3 man also fcireit, der jüdischen Volksseele den Todesstoß zu versetzen. Nun kann es ata auch einmal, wie z. B. im Verlauf des gegenwärtigen Krieges, scheinen, daß die Verwirklichung der alten Zionshoffnujng ohne Gefährdung der Gleichberechtigung sehr wohl möglich sei. Was sehen wir da auf einmal? Man Abt die alte Gegnerschaft auf, und selbst manche alte Führer einer antinatioinalen Politik schwenken ins Lager des Nationalismus und« sogar Zionismus ab, und -große Massen, dtio bisher unentschieden oder ablehnend dagestanden hatten, stürzen ihnen nach. Und noch etwas anderes kann man -da, n,icht ohne peinliche Empfindung sehen: die innere Situation ist itm gleichen Augenblick und wegen bau -abweichenden Verhältnisse njicht iiw Men Ländern dieselbe, und also, je nach dem, sind die Juden hier national, dort antinationail! In der Tat, ein schönles, würdiges, imponierendes Bild, ein Bild, in dem sich eine wahrhaft männliche Kraft und währe Seelenhoheit offenbtart! Natürliich zeigt «die Massenbekehrun,g zum Zionismus im Osten und in Amelriika, was wirklich im Innersten der Judenseele lebt und webt, was im tiefsten voin ihr ersehnt und erstrebt wird׳. Mer woher soll «der Betrachter idckaußen, woher der nichtjüdi'sche PoliEer -das Vertrauen in die volle Aufrichtigkeit der jüdischen Politik nehmen, woher soll -rr Klarheit Mar das Wollen der Juden gewinnen, worin eine Bürgschaft blaifür erblicken, daß sich jetzt wirklich lebendige, schaffende Kräfte im Judentum regen? Wie glaubt man, auf diesem Wgge für die Herstellung dev so notwendigen reinlichen Verhältnisse wirken und die Welt- Politik, deren wohlwollende Förderung wir brauchen, eindeutig orientieren zu können? Welches also ist das Ergebnis? Eine ernsthafte, wirkliche Lösung der- Judenfrage kann nur gefunden werden, wenn das Judentum nichts als ein bloß momentaner, hier und׳ da׳ auftrstender Faktor itm Völkerleben, sondern als eine einheitliche, geschichtliche Größe erfaßt, wa׳׳-u es aus seiner Vergangenheit verstanldien wtird, und wenn darauf, -Äs auf etwas Festem, Unabänderlichtem, eine vernünftige, nicht kurzatmige jüdische Politik -aufgebaut und an ihr durch alle Wirren hindurch unerschütterlich festgehalten wird, auch wann diese Politik «nicht sofort zu praktischem Erfolge führen und sogar auf starke Widerstände stoßen sollte. Will «das jüdische Volk sich behaupten, djann wird die Welt zuletzt schon genötigt werden, mit ihm zusajmmen nach dem «rechten Wege zu suchen, auf dem die beidevseits -empfundene-^ Schwierigkeiten zur beiderssitilgen Befriedigung behoben werden könneu. Wir können, was wir nieinen, etwas vornehmer, auch so ausdvücken: Di>e erste Aut, das Juhenproblem anzusehen, ist ratmnalistisch im schlechten Sinne, entstammt, also einer längst kommen? Nie und nimmer! Besser sie bleiben als elternlose Waisen zurück. Dann werden die Leute mit ihnen Erbarmen haben und sich ihrer anmjehmen." All' diese Worte kamen Jo-ssels Frau wie eine Meberphan taste vor. Sie, dachte sich, ihr Mann fei noch nicht bei klaren Gedanken. Um ihn aber nicht unnütz durch Widerspruch aufzuregen, nickt sie bejahend mit dem Kopse und geht weg. Inzwischen wird es Nachmittag. Als Jossel seine Frau wieder ins Zimmer treten sieht, fragt er sie, ob sie das alles getan׳ hat, was er ihr am Vormittag auftrug. Auch jetzt nickt sie bejahend mit dem Kopfe, um ihn nicht aufzursgen. Als er sie wegen des Minjans fragt, tut sich, bevor sie antwoüen kann, die Tür auf, und es treten elf, zwölf Männer omj, die sich nach Josssls befinden erkundigen wollen. Er glaubt aber, sie seien auf Veranlassung seiner Frau gekommen׳. Da sagt er ihr, sie solle zu Bett gehen.... Darüber erschrickt sie sehr. Aber dije Männer reden׳ ihr zu, Josiel werde schon sem-e Gründe haben, und so legte sie sich in das zweite Bett nebenihren Mann.Nun befiehlt er, es solle jemand mit chr die Totengebete sprechen..... ״Mit mir auch!" Bei diesen Worten verändern sich feint Mienen auffallend, über sein Gesicht breitet sich ein sonderbarer, beinahe freudiger Glanz. Der Vorbeter sagt die Totenjgebete vor. Jossel befiehlt seiner Frau, sie nachzusprechen. Sie sträubt sich ahem. Die umstehenden Männer aber drßtngen in sie: ״Er weiß sicher, was er will!" Da spricht auch sie di« Totengebete und schlägt sich an die Brust.. veralteten Betrachtungsweise und erweist sich zuletzt als unfruchtbar. Die. andere Amt ist die historische, steht somit auf dem Boden, den die Wissenschaft schon etwas lariM, seit etwa hundert Jahren, unverändert sostihält, -Md sie allein ist bestijm-mt und auch dazu imstande, wirkliches, versprechendes Leben zu schaffen u!Nd eine ge. deihliche Lösung der Juden firgge in die Wege zu leiten. גבולות — hebräische Monatsschrift. Rück- und Ausblicke. Von Berus. (Wegen Raummangel verspätet.) Dip Ereignisse Morstürzen sich, wie bsii Begirnn so zum Schluß «des nun baW vier eiinhalb Jahve dauernden Krieges. Wähjrend dieser lärm gen Zeit hatten die Regierungen und Parteien Zeit genug gehabt, Altöstevreich zu liquidieren uNd di>e Grundlagen zu dein ueiwsterrreichischen VölVlibunjde — dem ״Europa" itm! kleinen zu legen. Nun ׳aber, -da von keiner Seite etwas po° sitilves geschah, überall nach dem alten Systeme weiter gewurstelt wurde, mußte sich etn Chaos herausgestalten, als plötzlich das kaiserliche Ma- -nifest, — einerseits zu spät, anderseits zu früh kam und durch seine Beschränkung auf Cislc-ithanien — einen anderen befriedigte. Als aber die magyarischen Oligarchen zur Rettung ihrer Gewaltherrschaft in Ungarn- Kroatien bie Personaluntion proklamierten, folgte,als Antwort hierauf: Der tschecho-slowakische Staat —btlc in Prag proklamiert wuvdje, der in Agvqm, ausgerufene südslawische Staat, sowie weiters die Konstttuietrjung dies deutschösterreichischen Staates in- Wien, der auch Wie deutschen Teile Ungarns für sich fordert, sowie weiters die ForderungIdjerr Ukrptiner uNd Rumäinen nach Zusammenschluß der Koninatilonalen dies- und -jenseits der Leitha. Der erste Akt ist nun vorüber. Folgt nicht als zweiter Akt: Die Föderation —der! veretWg-׳ ten Donaustaaten. Dann ist ein Mdlosets Chaos, ein Kampf atCCqr!gegen alle, bbnin) sind russische Zustände die Konsequenz. Der preußisch-österveichtische Krieg im Iahre 1866, welcher zum Ausscheiden Oesterdeichs aus Deutschland führte, zeitigte den österreichisch-ungarischen Dualismus, der nun 4 teim halb Jahre dauernde Weltkrieg verfügte den Uebevgang vom Dualismus zum Föderalismus, Welcher einerseits durch das kaiserliche Manifest angebahnt wurde, atndiwftits durch die Vorgän» ge in Kroatien und innerhalb detv inlichtmagyarischen Völker in Ungarn allmWiig zum׳ Durchbrache ,gelangen mutz und wird, vielleicht erst Ihre Augen werden glanzlos und blutunterlaufen. Das Gesicht wird totenbleich, die Lippen Verziehen sich wie in einem -itnnern Schmerz unv werden weiß — den Männern stockt der Atem, ein entsetzlicher Schreck durchkram pst ihre Glie. der. Nur der halbblinde Vorbeter sieht nichts. Er liest ׳unablässig die Totengebete vor... Jossel spricht sie WjgeMvächt »mit einer gewissen Freude -nach. Sein armes Weib kann kaum nrehr die Lippen bewegen.... Plötzlich ergreift ihren ganzen Körper ein Krampf. Ihr ganzer Leib zieht sich convulsiv zusammen und streckt sich eben so plötzlich mit einem letzten Seufzer über das ganze Bett aus.Im gleichen Augenblicke Doch unheimlich: Mit jedem Satze wird ihre Stimme schwächer, stockende und stockender... entflieht -der Odem -auch Jossels Körper.... Doch siehe, was für ein Wunder eiveignet sich da?.Ein heiliger Schreck erfaßt die betenden Juden: Aus der Nase Jossels und seines Weibes steigen äthepische Flämmchen und sie fliegm zusammien zum Fenster, verschmelzen draußen zu einem einzigen Flämmchen und dieses enteilt himmelwärts auffteigend iihren verwunderten Blicken. ״Boruch dajen emmeth" (Gelobt sei der ewige Richter), entringt es sich den Lippen der Männer.... den: Vorbeter entfällt -das Gebetbuch.... Ja, so blieben Jossels Kinder ohne Mutter und Vater zurück.... Und sie werden nie einen Stiefvater bekommen. nach einem langen chaotischen Zwischenstadium. Sowie man im Jahre 1866 nach Küniggrätz den Untergang Oesterreichs prophezeite und dieser durch die Entwicklung wiederlegt wurde, so könneu auch derWiit verschiedene separatistische Strömungen wirtschaftliche und geographische Notwendigkeiten, die zu einem Zusammenschluß se der iim Dormujbecken gemischt unter eilnandsr wohnenden Völker und Völkersplitter drängen, n׳icht aus der Welt schaffen. Gerade die Vorgänge der letzten Zeit, sowie visve-inhalb Jahre Weltkrieg -bestätigen die Richtigkeit des vom deutschen BiMntarck, -dem Tschechen Palacky, dem Italiener Cvispi, dem Rumänen Popovici unÄ dem Serben Pirotschanatz verfochtenen Mel'- nung, daß Oesterreich geschaffen werden mühte, wenn es nicht bestände, allerdings ein modernes föderativ-demokratisches Donaureich. Es ist nicht nur eine Notwendigkeit für die Völker der Do- -Mnmonarchie, sondern für das Gleichgewicht und den diauernldeln Weltfrieden ganz Europas. Diese Erkenntnis hat sich — besonders seit dem Angebote nach einem Separatfriteden von Seite Oesterreichs — -immer weiterer Kreise in Amerika, England und Fpankrjench bemächtigt. Dort, wie -in der Schweiz und anderen neutralen Staaten, wird aufs schärfste -gegen den Anschluß Deutsch-Oesterreichs an Deutschland, für eine Neuorgantisation des Donautrieiches a-üf födsyativer Grundlage elingetreten. Diese Forderungen nach Bereinigung der neuen Nationalstaaten zu einem Bundesstaate oder einem Staatenbundv —, welche heute dis Entente erhebt, — wird man sich früher oder später in Prag, wie in Krakau, in P^st und Agram' anbequemen müssen und ihnen gegen׳ über Warden alle alldeutschen und deutschnatio- ׳nale ״Hochziele" — ein Thema auf das ich noch nächstens zurückkomme — in dien Hintergrund treten müssen. —'— Vorläufig herrscht überall Spaltung, Zerklüftung und Chaos trotz der scheinbaren Einigkeit ׳in den verschiedenen Lagern. Einigkeit herrscht nn-r im — AntisemitiSmus, der durch die neuerlich wieder dsutschtümelnde Politik der liberalen und soziatldHmvkratischen Juden DeUtschöstevreichs mächtig gsför- -dort wird. Für die Inden dter ganzen Reiche fotam im jetzigen Momente aber nur die Politik der jüdischen Demokratie am Platze sein. Manifest des jüd. Nationalrates für Deutsch-Oesterreich. Au die Juden im deutsch-österreichischen Staate. Der Jüdische Nationalrat für den deutschösterreichischen Stakt hat sich konstituiert und übernimmt die Wahrung der Interessen -der Juden im dptutsch-österreiichischen Staate. Bis zum heutigen Tage haben wir Indien bei -allen großen Umwälzungen der Geschichte nicht als Juden gehandelt. My warteten, was mit uns geschehen werde, wir sind Abhängige geblieben, die,aus -das Wohlwollen der anderen angewiesen, ihorm UebeKvollen schutzlos Preisgegeben waren. Wir waren nicht Herren unseres eigenen Schicksales. Die neue Umwälzung, welche -die endgültige Befreiung von aller Fremdherrschiast und allem ׳.natiionalen Zwange bringen soll, muh auch uns Juden -aus dieser schmachvollen Lage erlösen. Auch wir Juden wollen unser Schicksal selbst bestimmen. Das jüdische Volk, dessen nationale Existenz seit zweitausend Jahren bedroht ist und das sein Volkstum allen Schwierigkeiten zum Trotz unter großen Opfern bis auf den heutigen Tag schalten hat, muh bei «der Neuordnung der Welt, die große und kleine Nationen in gleicher Weise schützen wird, Gerechtigkeit finden. Schon haben die großen Demokratien des Westens die jüdische Nation als gleichberechtigtes Glied der Völkersamilie anerkannt und die Zusicherung gegeben, daß ihre Forderung nach eiiner nationalen Heimstätte in Palästina Erfüllung finden wird. Durch unsere Aufnahme in den Völker« bund wird unsere Stellung überall in der Welt geschützt und sichergestellt werden. Unser! einziger Rückhalt ist unsere eigene Krastt, die zusammengefaßte Kraft des jüdischen Volkes von vierzchn Millionen, das eine untrennbare Einheit bilbet, obwohl es über die ganze Welt verstreut ist.