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Jüdische Volksstimme · 1918-11-22 · Heft 25-26 (22.11.1918) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIX (1918)
Issue
Heft 25-26 (22.11.1918)
Date
1918-11-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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-reite 2. ferumg!ihres Landes gehören sollen und daß sie als solche, nur als solche, als Anhänger ihres bloß religiös verschiedenen Bekenntnisses, für ihre staatsbürgerlichen Rechte und Interessen zu kämpfen hätten. Jetzt im Weltkrieg sah man sich nun aber, so schmerzlich mau es empfchtp, gezwungen, den nationalen Charakter des östlichen Judentums halb, dreiviertel, ganz zuzugeben, aber im Interesse der alten Politik, von der sich -das Herz, wie von einer schwer zu vergassenden Jugendgeliebten, nicht lossogen n׳.vchte, handelte man von dem neuen, tmr widerwillig eingeräumten Standpunkt so viel ab, wie sich von ihm irgend abhalntdeln ließ. Ja, so spricht man, ׳die östlichen Juden sind eine besondere Nation, aber — wir,-wir sind, — hm! — wir bleiben Deutsche, Oesterreicher, Magyaren, Engländer jüdischen Glaubens, Das Wunderliche, Verschnörkelte, Aussichtslose eines solchen Standpunktes fühlen diese Wortführer dev sieualten Politik nicht: Die großen Massen der Inden im Osten bilden einen nationalen Körper, der als solcher für sich Minoritätsrechte bmnspruchen!darf, aber wir, ein kleines, numerisch unbedeutendes AnhänMel des jüdischen Volkes, wir, wir sind nur Konfession,sjuden. wir sind Deutsche, Magyaren, Engländer! Glaubt man denn allen Emjstes, ׳hör! internationalen Politik, die die Judenfrage wahrend des Weltkrieges nun glücklich als nationale Frage verstehen gelernt hat, — irrt tiefsten Gesunde ist ihr das von früher der nicht allzu schwer geworden — glaubt man wirklich, dem politischen Verständnis der Staatsmänner -und der öffentlichen Meinung , der verschiedenen Kulturländer dies gewundene A B C des neuen ״jüdischen" Standpunktes, diesen so feint ausgeklügelten Chiddusch zu Ge- >müte fühjrlen zu können? Vielleicht wirbt aus Rücksicht auf die bekannte Empfindlichkeit der ״jüdischen Deutschen" und ihrer consratres in anderen Ländern, auch Wüter die!alte schonende Höflichkeit i,n!allen offiziellen Kundgebungen und Acheru-ngen geübt werden, aber mehr als eine Höflichkeit, über die man im stillen und vertraulich schmunzelt, Wird es Wohl nicht werbjeirtu Doch nun die deutlich vora-uszusehetrlde Kurzlebigkeit dieser jetzt beliebten neue-alten Politik! Meint man! wirklich,!das künftig in Freihoi-t sich entfaltende national-kulturelle Leben der übrigen Juden in der! Welt werde uns hier in Westeuropa unberührt lassen? Meitrt man, dä!s i'm Lande der Väter sich treu entwickelnde Leben, das jene offiziellen Kreise in dankenswerter Weise doch nun mitschasfen helfen wollen, werde ohjne Einfluß auf uns bleiben, auch datm, wenn es, wie wir alle hoffen dürfen, sich schön entfalten und unseren Stolz und unsere Freude Wecken wird? Drei Millionen Juden HMWW«MMWW^MMIW>«»WVMMWMsW>WSMWSM wollte sie um die paar Kunden, die sie hatte, bringen . .. Doch warum diese festlich erleuchteten Schei- Len? Fragt die nachdenkliche Seele wiederum. Die Neugier ersäht sie. Sie nähert sich den Fenstern, unr ins Zimmer hmeinschauen zu könneu. ׳ Es ist ja Chanuka. Deshalb liiqgt auf dem Tische schimmerndes Linnen, und darauf der siebenarmigs Leuchter mit den Chanukakerzen.. Doch, wo sind denn die Kinder? Hier im erleuchteten Zimmer sind sie mergends zu finden. Vielleicht schlafen sie schon in. der anstoßenden dunkeln Stube? Wer sitzt denn da am Tisch? Freidel in ihrem! besten Kleide, ein weißseidenes Tuch über Kopf und Schultern gezogen. Ihr gegenüber sitzt eiU Jpde in neuem Rock mit einem großen Hute auf den! Kopfe. Da kombiinievt sich die erstaunte Seele: Das ist ider Müller aus den! angrenzenden Dorfe. Er ist noch ledig und man weiß, daß er Fvsildel gern zur Frau haben möchte. . . Sie scheinen sich da dyinnen ganz gut zu unterhalten. Jetzt erheben sie!ihre Gläser, stoßen an und trinken gegenfestig auf ihr Wohl. Doch beinahe selbst über ihr Tun! erschreckt, bittet sie ihn, sich ruhig zu verhalten, -damit die Kinder, die im Nebenzimmer schlafen, nicht geweckt werden. So unterhalten sich die Beiden in ruhig einsamer Nacht, unbelauscht, wie sie glauben, weiter ... Da plötzlich verdüstert sich Freidels Miene. Die Freude auf ihren Zügen verwandelt sich jäh in Trauer. Mit Wb erstickter Stimme fragt sie: »Und die Kinder?" . . . ״Kinder?" fragt ״Jüdische wohnerr heutein den Vereinigten Staaten und der Weltkrieg hat sie zttm größten Teil nationalisierN Mit den orientalischen, östlichen Juden und den auch weit überweigend nationalen eingewanderten östlichen Juden der anderen Länder bilden oie Juden Amerikas tnehr als dreiviertel der gesamten Judenheit: Glauben wir wasteuroväifchen Juden wirklich, daß wir der natim.«alen Strömung, -dem«nationalen Leben ringsum werden widerstehen können, auf die Dauer auch nur werden widerstehen wollen? Wer die jüdische Seele und die in ihr wirkenden Kräfte irgsno ke ׳nt, wer nur ein wenig gje. schichtlich zu denken vermag, dem: muß das Groteste dieses neuen offiziellen Standpunktes ein halb mitleidiges, halb staunendes Lächeln ׳anbrigen. Jeder neue Tag tttnß seine Vertreter starker ins Gedränge bringen, und das Rad der Geschichte Muß über sie, wie über alles aus der Angst Gebomnie, Schwächliche, Erkünstelte, i1׳t sich Widerspruchsvolle, achtlos hilnwegrollen. Nur eine starke, ehrliche, tnmmhafte nationale Politik kann die Interessen des Gesamtsudentums wirklich wahrnehmen und auch in. jedem rinzelnen Lande reine Verhältniiste schaffen, wenigstens in den maßgebenden und besseren Kreisen gegenseitiges Vertrauen Herstellen und schließlich überall zu einer gerechten, hmnanen und befriedigenden Lösung -der Judenfrage führen. .׳Wie die Asfiwilativnsperiode die jüdische Politik zu einetri räumlichen Einengung ihres Gesichtskreises geführt und verführt hat, so auch zu einer Einengung in Hinsicht auf die Zeit. So gibt as noch immer gar zu viele Juden, die sich ihre jüdische Politik lediglich aus den heutigen Verhältnissen, ja, aus der politischen Konstellation!der unmittelbaren Gegenwart undeiner höchstens noch ganz nahen Vergangenheit aufbauen, als wäre das Judentum sin!geschichtslossr Faktor im Völkerleben. Die Juden, so denken sie, sind eine zerstreute, schwäche Gemeinschuft, ihr nächstes, einziges Interesse liegt in! der Gleichberechtigung, und der humaner, demokmtischor gewordene Geist der neueren Zeit scheint ihnen die Aussicht auf dije Durchsetzung dieser Gleichberechtigung zu eröffnen. Das Intevesse au der Gleichberechtigung verdrängte! alle Rücksichten, die Vergangenheit und! Zukunft fordern -durften und fordern mußten. Es täuschie für!den Fall, daß es befriedigt -würed«, ein-e wirkliche, endigültige Lösung Äe!rl Judenfrage vor. Diese!ausschließlich auf idjas Gegenwärtige, zeitlich Nächstliegende eingestellte Politik dergaß nur inihrer Kurzsichtigkeit, daß die naturgegebenM, geschichtlich bedingten, tiefliegenden Gegensätze unter den Völkern «nichtt kurzerhand aus der Wielt geschafft werden können, daß eine wehrlose, zevstvoute Genrenischast materiell und ideell djauiernd in -der Hand ihren Umgebung und sie ihr Freier. ״Da hätt' ich mir doch gleich ein junges Mädchen nehmen können und nur eigene gchabt!" Sie rückt von ihm weg... Gr ergreift ihre Hand und blickt ihr in die Augen .. . Sie möge sich nur keine Sorgen machen ... Er habe einen Verwandten, der sei Lehrer, da würde man schon einen Buben untoribringen . . . Und den anderen — aber . . . schließlich . . . wie sie wolle . . . Freidel schluchzt noch ein bischen, dann schluckt sie die Tränen herunter, stößt wieder-an: ״Auf unser Wohl!" Der erste Hahnenschrei dnrchdringt grell die morgenkühle, reine Luft. Freidels Bräutigam springt auf. Er fährt ins Städtchen,um die für die Hochzeit nötigen Besorgungen m machen . . Freidel begleitet ihn bis zur Tür. Er« verabschiebet sich eilig und verschwindet im Morgengrauen. Auf schwanken Füßen geht Freidel ms Zimmer zurück. Schweren Herzens geht sie weiter zu der Tür-, hinter deir die Buben schlafen. Die Tränen drängen -sich ihr in die Augen. Sie küßt die Mesufe -und fragt sie mit weinender, tränenerstickter Stimme: ״Warum hat mir Gott meinen Mann genommen -und mich hier auf der. Welt allein zurückgelassen? Warum n!ahm er uns nicht beide zusammen von dieser Welt? Dann wären unsere Kinder Waisen . .. und sie -hätten ... ach Gott! o Gott! keinen Stiefvater bekommen . . . Da erwacht mit einem Schläge «die Seele aus ihrem Traume. Sie fragt sich selbst, wo sie denn herumirrt und kehrt so schnell wie möglich nach- Hause zurück. Es wird schm zum Beten «gerufen. Von dev nächtlichen Wanderung der Seele Jossels weiß -och noch niemand. Froh darüber 26 -26. von ihrer Gnade abhängig bleibt, also auch nicht, im wahren, wirklichen Sinne des Wortes, gleichberechtigt werden kann. Rechtliche Verhältttisse müssen m der Wirklichkeit des Lebens, des natürlichen und moralischen Empfindens der Völker verankert sein, oder sie sinken zu eiinem bloßen Schein, zu einer bloß papierenen Herrlichkoiit herab. Wer aber will die Völker, bevor der Messias kommt, lehren, einandre zu umarmen? Wer will den Starken hindern, den N-e!:<d über den wirklichen, vermeintlichen Reichtum des Schwachen, seinen wachsenden wi«rtschaftlichen, geistigen, sozialen, politischen Eitnflulß zum giftigen Haß anschtvellen, in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Boykott, in Verfol-gungen und Pogrome -ausarten zu lasten? Diese enge, bloß m der Gegenwart ortentiertc Politik vergaß dann aber auch noch die Kleittigkeit,!daß die Juden eine große Vergangenheit haben, von der sich loszulösen, dom Ge׳ wissen dem Hortzen nicht so leicht gelingen will, und daß die Juden in dieser langen Vergangenheit und ihrer so langen Leidensgeschichte das ohnedies von Hause aus sehr starke Bruidergefühl noch wesentlich verstärkt mrd vertieftt haden, -daß sie also, rem ilnstinktib, von innen haraus, dies Bruderband nicht lösen können-. Sie vergaß, -aß dies Volk einer großen Vergangenheit zwei Jahrtausende hindurch auf eine große Zukunft gehofft, und, um diiefer starken, zähen, tröstenden, beseligenden Hoffnung willen, ein zwei Jahrtausende langes, nicht gpintz gewöhnliches Martyrium «getragen und ertragen hat. Sie übersah also, mit einem Worte, die außerordentliche Kraft, die gesichi'chtliche Macht des jüdischen Lebenswillens. Das Judentum hat seinen Grund ja nicht letztlich in den äugenblicklichen, gewissermaßen zufälligen Verhältnisses, oder Mißverhältnissen. Die gegebenen Verhältniste sind vielmehr Mr die natürliche Folge einer langen, langen Geschichte des jüdischen Volkes, und diese wiederum hat ihren letzten tiefften Grund in dem Leben und Wollen, in Gestalt und Gehalt der jüdischen Volksseele selber. Das jüdische Volk wollte sich infolge seines starken, unbezwinjglichen Lcibeusdmnges auch in der Zerstreuung behaupten. Wohnte ihm dieser heiße Lebensdra«ng« nicht tilef innen im Herzen, dann gäbe es -auch keine Judensrage, weil es längst — keine Juden mehr gäbe-< — Auch hier köninen Wir -die wunderlichen Müten. die dieser verengerten . Betrachtungsweise -entstatmimen, nicht ohne mitleidiges Lächeln, aber freilich auch nicht ohne Beschämung, beobachten. Zunächst schien den ausschließlich auf den Tag icmWstiellten Blick fast alles von dem Versuch einer politischen, nationalen und kulturellen Renaissance des jüdischen Vo«lkes abzuschrecken. Um der Gleichberechtigung willen war zwängt sie sich eilig «durch däs eftn wenig gjeöffnete Fenster. Alles schüft noch. Und so kehrt die Seele unbemerkt wieder in Jossels Körper zurück, als ob gar nichts geschehen wäre.... Ueber «den frühen Mortzen kommt der Vormittag heran. Bauern fahren mit schwerbelajdenen Fuhren zum Markt, das Leben im Dorfe beginnt, und Geräusche, Lärm dringen in die Krankenstube. Die Schläfer erwachen und begeben sich sofort an )das Krankenbett. Doch waS ist das? Ein Wunder ist geschehen.... Der Lehrer Jostel schwitzt. Ueber Nacht hat er «eine Krisis durchgemacht. Besucher kommen, beten und!gehen. Alles freut sich. Frau und Kinder frohlocken... Jostel ist gerettet. Doch.... warum spricht er denn gar nicht? Es wird in ewemfovt gebetet... Jostel, so sagen sie, wird uns erhalten bleiben.. Daran glaubt auch Jossels Frau. Und sv schickt sie die Kinder fort un-di will selbst einkaufen gehen. Doch kaum befindet sich Jostel!ganz allein mit seinem Weibs im Ziimjmer, richtet e>r den siechen Oberkörper im Bette -auf und spricht also mit feierlicher Stimme zu ihr: ״Du wirst heute oder morgen von ׳dieser Welk gehen. Deshalb mußt du dafür sorgen, daß du Veit,ne Schulden und sonstigen Verplichtungen vollkommen ins Reine bringst. Geh' darum zum Markt, trsibe -eine Forderungen ein und zahke was du selbst schuldig bist.... Wenn du das getan hast, dann koMne nachhause, und vergiß nicht, Männer) mitzubringen, daß wir MinjüN machen können. Dann wirst du dich inS Bett legen und die Totengebete sprechen. So habe ich es mir gewünscht.... Warum?.... Sollen meine Kinder nach meinem Tode einen Stiefvater be-

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