Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 25-26 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrg. X1X. Nummer 25-26. «ezußSpreisez Für Oejt«re1ch-Un>arn, halbjährig . Kronen 720׳ ganzjährig.Kronen 14 — Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12׳— Rußland, ganzjährig ....... Rubel 8׳— Balkan, Frankreich Frank» 14׳— V°«׳ c. * Herausgeber?Max Hickl. Redaktion und Administration: Brümr, Adlergaffe 0 Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Laipzlk Inserate: die 6«spaltige Petitzeile 60 5. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Brünn. 22. korümber 1918. 18. Klslew 5679 Prag—Lemberg. Jüdische Politik. Von Mar Joseph. Man mmt die Juden ein kluges, ja sogar ein sehr klujges Volk. Wenn wir aber!diie Politik betrachten, die seine gebildeten, führenden Kreise seit einem Jahrhundert im jüdischen Dingen lnachen und! die von der Mehrzahl der westmropäischen Juden noch heute gemacht wird, dairn Wird es uns schwer, dieses Urteil bestätigt zu finden. Es müßte sich denn dia nur um eine Klugheit handeln, der Wohl der Blick für das Nahe, Nächste gegeben ist,!die ׳Mir! überall dort versagt, wo die rechte Entscheidung Men etwas weiteren Horizont notwendig macht. Als Kleinkrämer der Politik müssen wir dem prüfenden Blick erscheinen, als Kleinkrämer, die jede untejrgeovdnete, jede Deilaufgabe!nicht ungeschicktt irr die Hand nehmen, nicht aber .sind wir jenen stolzen, unternehmienden, vielbewußten Handelsherren zu vergleichen,die mit weitem Blick und!großzügigem Wollen eine umfassende, leine ganze Aufgabe zu begreifen und zu lösen fähig sind. Da besteht die eine erstaunliche Torheit darin, daß man allen Ernstes glaubt, die Judenfrage von Land zu Land besonders lösen zu kün- ׳nen. Man zerschlägt oder, sagen wir Ijiter richtiger, man zerschlug das Gesamtjudentum in lauter Juidentümev der einzelnen Länder und Staaten und betrachtete es nun als ׳die Aufgabe de>r, Juden jedes einzelnen Landes, ihre! politischen und sonstigen Schwierigkeiten, so gut es!gehen mag, .allein Herr zu werden und den Kampf um Existenz und Recht, um Ehre und Zukunft. auf eigene Faust zu führen. Man übersah dabki völlig, ׳daß ׳!MN durch eine solche Zerschlagung das Judentum nach inWen und außen schwächte u!nd es so der Kräfte beraubte, deren es bei dem ohnedies schweren Kampfe, den!es in seiner mißlichen Lago zu führen hat, so dringend! bedarf. Man übersah ferner, daß die Beurteilung, die politische, die soziale, die wirtschaftliche Stellung, daß das Los der Juden in dem einen Lande für Beurteilung, Stellung und Schicksal der Juden in den anderen Ländern nicht gleichgültig sM>, sie nicht unberührt lassen kann. Die Leiden dar ofteuropäischen, die elenden Verhältnisse der oriejm tolischen Juden zwangen ihre westeuropäischen Stammesgeniossen, sich mit ihnen, ste mochten wollen oder Nicht, immer wieder und immer stärker zu befassen. Diese Leihen zogen׳ sie selbst durch Wanderbeittel, Ein- und.Durchwcmderung nur allzu stark in Mitleidenschaft und störten ihre, wie sie wähnten, schon iw. besten Zuge befindlichen Bestrebungen zu einer rein terrikovialen Lösung der Judenfrage. Und was am Peinlichsten empfunden wurde, man mußte sich übeu> zeugen, ׳dgß das UrtM der Umgebung über die Juden durchaus nicht durch die Juden eines Landes bestimmt wird. Die ״Maure isrvielite" universelle!" stellte nun! freilich nach ihren ursprünglichen Motiven eftre gesunde Reaktion und eins Abkehr von diesem Geiste und dieser Politik dar. Mer wir wissen ja, wie sehr sie im Verlauf ihrer Geschichte diie Tendenz zeigte, nach und nach in den alten Irrtum zurückzusinken, und wie sehr sie, zumal in!den letzten Jahren, völlig zu ümer Hilfstruppe der französischen Politik zu entarten drohte. Und heute sind nicht,'.׳ nur in der ״Alliaucs", sondern auch auherswo und ijni,allen Ländern, jene Juden noch immer nicht ganz selten, die eben aus ihjrpv verkehrt orientierten jüdischen Politik heraus, jede Gemeinschaft mit ihren Brüdern jenseits der Grenzpfähle ihres Vaterlandes aufheben und sich, mehr oder weniger gewaltsam, innerlich von ihnen loslösen möchten. Dieser. Standpunkt ist nun allerdings von den Führern des offiziellen westeuropäischen Judentums, wenigstens in ihrer Mehrzahl, auf. gegeben. Sie sind bestrebt, ihr gemein!-!üdisches Interesse, Wicht ganz im Einklang mit den Tatsachenreligiös zu begründen oder aus allgenrein-menschlichen, humanen Empfindungen abzuleiten. Daß man aber! Mch hier zu einer gs» fanden, folgerichtigen jüdischen Gemeiinpolitik noch lange nicht duxchgedrunMN ist, zeigt nur allzu deutlich jene wunderliche Politische Or'rentievung, die in diesen Führerkreisen während dies Weltkrieges und infolge der durch ihn, bewirkten Veränderungen und Erfahrungen beliebt zu wjejrden beginnt. Man ha!t dort den ursprüniglichen Irrtum! durchaus nicht ganz auf-!gegeben, man׳ hat vielmehr nur, durch die ehernen Tatsachen gezwungen, der alten Zerschlagungspolitik eine modifizierte Form gegeben. Das Motiv der alten Politik war! bekanntlich dies, djaß die Juden durchaus keine Volksgemeinschaftt bilden, daß sie national zur Bevöl- Feuiüoton . I. L. Perez: Zusammen. Mit dem Lehrer Jossel ging es zu Ende... Er selbst hielt zwar seinen Zustand nicht für \0 besovgniservegand. Warum auch? Er hatte ja des Lebens Bitternisse in Hülle und Fülle — von den Süßigkeiten des Lebens hat er noch ׳Me gekostet . . . Und jung ist ör!!auch nicht . . . So recht gesund War!er zwar nie. Aber diesmal liegt er, Gott s-ei's׳ geklagt, schon einige Wochen zu Bett. Darüber ging der Monat Kislow zu Ende, doch dir Hoffnung, gesund zu werden, hat ihn wieder getrügit. Er stöhnt und stöhnt, wälzt sich hin und her, einmal mit dem Gesicht zur Wand, dann zu Frau und Kindern gewendet . . . Ja, auch das Sterben ist schwer. Die geplagte Seele will sich von dem geplagteren Körper noch nicht trennen . . . Die!müden, glanzlosen Augen blijnzeln zum Tisch, wo die Kinder neben der Murter sitzen. Die flehenden Blicke bitten um Erbar. men. Seine Frau und die Kinder weichen nicht vom Bette und verrichten Totengebete. Da erfaßt sogar den Himmel Mitleid. Des Nachts hört man vom Fenster her ein eigentümliches Rauschen, das allmählich iin!eigenartige Täue übergeht, ln etwas nie Gesungenes, etwas nie Gehörtes, so mächtig Ergreifendes, so süß Durchschauerndes, daß es!den Leutchen in! Zim- ׳njor alle Glieder erbten macht . . . Alles ist ruhig, TotenstMe herrscht. Jossels Frau und Kinder können gegen diie süße Müdigkeit, die ihren!ganzen Körper beinahe lähmt, nicht länger ankämpfen. Sie lassen sich zur Erde Weder׳. Die Augen fallen ihnen zu. Sie schlafen fest ein ... Jossels Seele beeilt sich, dein Körper zu ent- Weichen, um ein wenig auf!die Wanderschaft zu gehen. Es ist nicht so leicht, den Erdenstaub abzuschütteln und die Flügel ins richtige Gleichgewicht zu bringen. Dann muß die Seele ja auch warten, bis ihre irdische Hülle in geweihter Erde bestattet wird, bis sie die Trauernden auf dein Friejdhof gesehen und Käddiisch gehört hat. Erst wenn die irdische Hülle ganz mit Erde bedeckt ist, dann entflieht die Seele durch diie Nase und erhebt sich frei hinauf in die Lüfte.*) Jossel hatte aber ein׳ gutes, stets nachhenkliches, philosophisches Gemütunlbl so ist es nicht zu verwundern, wenn seine Seele in dev Zer. streutheit nicht gleich den richtigen Weg nahm. Sie schlägt die Richtung nach dem Markt ein. Dann begibt sie sich außerhalb der Stadt, vorüber an den letzten Häusern, und flitegt weiter.. Dar Totenengel beobachtet sie und mW die Zeir, d ie sie herum irrt. Denn fliegen konnte diie Seel!» ja noch nicht. Da kommt sie zu eiinem kleinen Berge und hört aus der Höhe ein seltsam Geräusch wie Flügelschlag. Das verführt die Seelb, zu glauben, ihr Leib sei beretits in die Erde gesenkt und bestattet, sie habe ihn schon verlassen *) Diese Darstellung entspricht einer alten jüdischen Saigs. und fliege den himmlischen Höhen entgegen . . . und das Flügelrauschen stamme von den Engeln her . . .!Pen Engeln, die de,r Himmel einer jeden Sseile zur Begrüßung antgsgenschicke . . . Das stachelt die Seele zu freudiger Eile an. — Doch was sieht sie da? Es waren keine Engel mit rauschendem Flügelschlag/ sondern eine Windmühle, deren leises Klappejvn durch die Totenstille der Nacht bis zu ihr drang. Trotz dev Enttäuschung fliegt sie weiter und kommt so ganz,nahe an die Mühle heran. — Ja, es ist wirklich eine Windmühle, die von leichtem Winde gedreht wird. Als sich! die Seele weiter umschaut, bemerkt sie ׳sin Häuschen mit einigen erleuchteten Fenstern. Und sie wundert sich über das Helle Licht. Jetzt, so spät brennen noch Lichter? Ja, jetzt kann sie sich genau erinnern, djaß sie diese Mühle einmal,gekannt hat. Diese Müh» le gehört gewiß der Wittfrau Freidel . . . Bei ihr hat Jossel oft zu Mittag gegessen. Wie Mt haben ihm bei ihr die Gänsegrammeln geschmeckt. Dann hak er sich nach dem Essen die Buben hergenommen, um mit ihnen ism! Pentateuch zu lesen. Die Buben waren schon ziemlich groß. Aber wenn die Wikwe Freidel ihre Kinder anblickte, konnte sie Gott den Vorwurf nicht ersparen, daß e>v ihr den Gatten in seinen besten Lebensjahren genommen und sie, die noch junge Frau, mutterseelenallein mit ihren Kindern m einem kleinen Dorf zurückgelasjen hatte. Die Mühle ging ja leidlich gut. Aber über ihren Konkurrenten, den Mühlenbasitzer im angrenzenden Torfe, mußte sie sich oft bei Jossel beklagen. Er