Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 23-24 (30.10.1918)
- Date
- 1918-10-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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«Kit- 4. atUffr St 23-24 Moritz Frühling. Der Kriegder so viel blühende Jugeud dahßnigerafft, läßt die Lücken, die sich km Hinterlanlee ditrch!das Sterben der Allerbesten, der geisti'gen Elite nicht so schmerzlich empfinden, wie in Friedenszeiten. Sinh doch die Nerven so abgespannt-, -das Gefühl so abgestorben, daß man über den Tod sogar -der Allergrößten hast gleichgültig zur Tagesordnung übergeht. Die Kleineren werden schon gar nicht beachtet, sie gehen sanD- und klanglos dahin, ohne daß die Mitwelt sich darum kümmern täte. Und ׳doch geschieht!es oft, daß solche Männer trotz ihres mittelmäßigen Talentes doch einen seelischen Rei chtum hatten׳ und einen Idealismus, d'er sie über den Durchschnitt ekmiporzuheben dermochtie. Zu dieser Kategorie gehörte unstreitig der in jüngster Zeit an der Grippe verstorbene Schriftsteller Moritz Frühling. In einem Mlizischen Krähwinkel geboren verstand er es aber, als Wahrer s!slf made Man sich über die. Banalität und Plattheit seiner Umgebung zu entheben und sich ein Wissen cviMeignetn, das ihn befähigte für die meisten literarischen Dünge Pewstänidims zu haben. Er hatte Sinjn! für Iblile schöngeWge Literatur und ׳er vermochte bereits ihn 14. Lebensjajhrtz Lefontaine und Fenvlen i!m Original zu lesen. Er liebte das LäMiche über alles, wird!aber dann idem Landleben entzogen und er macht einen Brotkampf in seiner,ganzen Härte mit. Er kommt nach Lemberg, Berlin! und anderen Städten und überall nagt e!r am Hungertuche. Ein DrcAg, sich schriftstellerisch zu -betätiigen macht sich bei ihm bemerkbar. Er schreibt Artikel für Blochs Wochenschrift, ״Allgemeine Zeitung dies Judentums", ja sogar für das ״Berliner Tageblatt" liefert er Aufsätze. Er wiivd Militärschriftsteller und zwar nicht aus Vorliebe für den Militarismus, Iblrn! er so grünt»־ lich verachtete, sondern aus idealen Gründen. Ms IM wollte er.auf Grund Von! archivalen Studien beweisen, daß die Juden perzentuell in wallen Armeen Europas besonders Oesterreich- Ungarns m großer Zahl vertreten sind. Das Merk ״Die Juden! in der Wehrmacht Oestorreich-Ungarns" -das in GoldmjaniO Verlag ierschsmen wird umfaßt 3 Leriikonbände. Ein riesiger Fleiß gibt sich hier kund, ameisenartiig trägt er unbekannte, entlegene Daten zusammen. Dieses Buch könnte apologetisch für das JMntum wirken, wenn unsere Zeit so mMärisch gestimmt wäre wie die früheren. Da aber der Militarismus seiner Gloriole beraubt ist, wird es immerhin Ms!hilstor»isches Dokument seiner Zeit gelten. Frühling beschloß nach dem Kriege der Schriftstellerei Valet zu sagen, nach Palästina zu fahren und sich dort der Landwirtschaft zu widsmlen. LeWr ist es ein Traum geblieben. Oft staunte ich, wie ein Mann, der obwohl nüchtern sich in Phantasterien erging. Da er die Bibel hochhielt und besonders die 10 Gebote als!das Höchste, was djie Menschheit Hewotzbrachte betrachtete, deshalb sagte er, die Menschheit täte gut statt für Mordwerkzeuge Geld, auszugeben etwas Positiv-Ideales zu schäften. Am Berge Sinai, wo die Menschheit eine geistige Umwertung aller Worte.erfahren hat, soll ein Denkmal, cm dem alle Kulturvölker beteiligt wären, errichtet werden!, das in imposanter Größe die Bedeutung dieses Ereignisses m Marmor und GM veranschaulichen und ausdrücken würde. Dieses Denkmal sollte ein Foiedens- und Verbrüderungsdenkmal sein. Ein edler Träumer ist mit Frühling dahingegangen, der vom Allerschönsten geträumt hat, währerH sich die Menschheit zerfleischte und ein IM, dem, das Judentum ein Heiligtum war. Er stand erst im 48. Lebensjhre. Friede seiner Asche! W. O. 2000 jüdische Flüchtlinge ans Palästina unterwegs hieher. Auf unsere Anfrage beim hohen k. u. k. Minifteriüm des Aeußern, wie den in Konstantinopel aufgshaltenen und laut telegraphischer Nachricht unseres dortigen Konsulates von der schwersten Not bedrohten österreichischen u. unigavilschen Staatsangehörigen von hier aus geholfen werden könnte, wurden wir von dem genannten Ministerium telephonisch verständigt, daß nunmehr auf seilne VeranlassuM 2000 jüdische Flüchtlinge auf dem Wage über Odessa hierher reisen. Der Zustand, in dem diese Armen, die seit Wochen und Monaten unterwegs und des Notwendigen bar sind, hijer ׳ankommen worden, stellt uns vor die Aufgabe, schon jetzt Vorkehrungen zu treffen, um dieses Zustromes Herr zu Werden. Wir wenden uns an alle Menschenfreunde m!i!t der dringendsten Bitte, uns in der Fürsorge für diese Unglücklichen nach Kräften zu unterstützen. Die Hilfskommission 1915 für Palästina. Wien, 4. Bez., Frankenberggasse 14. Spenden erbeten an das Bankhaus S. M. v. Rothschild, Wien, 1. Bez., Renngasse 3, auf Konto ״Hilfskomjmiffion 1915 für Pjalästma." KimÜschau. Hussarek und die Judenfrage. Die ״Vossische Zmtung" meldet: Minister- Präsident Hussarek empfing die Abgeordneten Reizes und Breiter, id!i.o ihm b-i'e Frage vorletzten, was aus -den 600.000 Juden aus Galizien werden solle. Der MinGerPirästdent antwortete, daß! die Frage wohl im Zusammenhang mit der Gründüng eines jüdisches Königreiches in Palästina gelöst werden könns. Die Abgeordneten erklärten sich von dieser Antwort nicht befriedigt und teilten dem Ministerpräsidenten mit, daß die ostgalitzischeu Juden jedenfalls jetzt nach deim Rechte der Selbstbestimmung zur Gründung eines Nationalrates schreiten Würden. Tagung des innerösterrerchischen zionistischen Distrikts. Der am 13. Oktober a'bgohaltene innerösterreichische Distriktstag erwies sich als außsrordentlich arbeisfroudig. Es hielten Referate: Ludwig Dato Wen Organisationsfragen, Adolf Böhm über Palästina, Dv. Meisels über dejn Jüdischen Nationalfond, Dr. Siegfried Bernfeld über Jugondfragen. Es waretnl 108 Delegierte anwesend. Die Wahlen zum Distriktskomite ergäben: Adolf Böhm, Präsident Otto Abeles, Ludwig Bat-o, Dr. Max Präger, Moses Rath, Dr. Siegfried Bornseid. Ein mißglückter äntizionistischer Versuch. Die von Rabbiner Phiilippson in Cineinnatiunternommenen Schritte zur Einberufung einer antizionistischen Konforanz für 'den 20. d. haben einen absoluten Mißerfolg ergeben. Keine einzige der führenden Persönlichkeiten in den Ber einigten Staaten hat die Einladung zu der geplanten Konferenz am-genommen. Jakob Schis schreibt, indem er die Einladung zur Konferenz ablehnt: ״Ich fühle jetzt, -daß die Schaffung eine! jüdischen Hsiniftättel in Palästina außerordentlich wünschenswert ist." Diel beachtet werden auch di, ablehnenden Antworten von Oscar Strauß, frü. herein Botschafter der Vereinigten Staaten in Konstantitmopel, imÄ Louis MarshM, .dem Vorsitzenden des American Jewish Eomitee. Der Judenstaat. Einqm Vertreter des Jüdischen Korrespondonlzbureaus sagte Ider türkische Botschafter in Wien Hussein Hilmi Pascha, daß der bevorftehende Friedenskongreß aller Voraussicht nach den JMnstaat in Palästina schaffen werde. Das selbständig iiidische Staatswesen werde jedoch kaum b!!1e HoffnunWnder Juden erfüllen, da es in seinem.ganzen! kulturellen Aufbau weit mehr englischen als jüdischen Charakter tragen dürfte. Aufhebung der jüdischen Gleichberechtigung in -er Don-Republik. Wie die Petersü^rrger TMszei-tung ״Uns« Taaebl." und ״Nastwstt" von durchaus zuverlässigen Ouellen erfahren, bat das neue Reich der Donkosaken die iiidische Gleichberechtitzuna oufgehoben und die alten Deschjränikungen aus der Zeit Nikolais wiederhe-mestellt. Das Wohnrecht wurde nur für Rostow -und Tagan'wg aewährt. wahrschemlich Weil dort bereits aroße jüdische Gemeinden bestehen und M Negierung von allzu umfonpreschen Answeisungen ab sehen Wollte/ Alle übrigen Städte des Don-Gebietes wurden׳ für b!i!e Juden gesperrt. Des ist der erste Versuch eines von Rußland losgeristenen Teiles, i׳m> Restar!- rationseiifer auch die Rechtlosigkeit der Juden aus der VorrevolutionszeK wiederherzustellen. Pogromstimmung in Warschau. /Pöb'elerzeste ׳oeaen die Juden.i Am 23. st., Wiederholten sich in Warschau di!e> Angriffe ae>oen die JMn. Diesmal fanden Schlägereien zwischen indischen und christlichen Trägern dim Grosecer Kleinbähnihof ilr'der Warschauer Dorstadt Mokotow statt. Nach den Berichten der Zeitungen. die sich dem amtlichen Polnischen Posizei bericht anlehnen, entstanden hpivaus größere Erzeste. Ungefähr 2000 Personen beteiligten sich gn den Ausschreitungen. Eiine jüdische Kaffewirtschäft wurde zertrümmer-t, diie Würtsleute und Gäste mißhandelt und beraubt. Jüdische Läden und Wohnungen wurden! durchsucht rm,d verwüstet und auch zu Messerstechereien kam es. Diie iiidische Bevolkerunig Mokotows lebte in großer Angst. Kein Jude waate sich nach Anbruch der! Dunkelheit mehr auf die Straße. Eine Zeitung schreibt, wenn auch noch kein Pogrom in großem StA borgekommen ist, so herrschte doch unzweifelhaft eine Pogromstimmung in Warschau, woran die fahrelange Aufhetzung der niederen polnischen Bevolkerung gegen die Indern! schuld sei'. Die indischen Blätter verzeichnenmit Empörung die absichtliche Hinausschiebung bfr Beratung dies iüdischen Anträges -betreffend die Pogromhetze in der Warschauer Stadtperordn,eton>versammluna. desten Verzögerung das Treiben der Dunkelmänner u. diie Zunahme idler Judeuerzeste begünstigt hatte. Eine Proklamation der zionistischen Weltorgamsätion. Aus Kopenhagen, 26. Oktober, witzd telegraphiert: Das Kopickchagensv Bureau «der zio-n. Organisation »richtet folgend. Zirkulartelegramm an sämtliche zionistische LcmdesvaMnde: Der Augenblick ist nähergsrückt, da! die Grundlagen für einen dauernden und gerechten Friedenge-