Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 23-24 (30.10.1918)
- Date
- 1918-10-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ecfct 1 ״Jüdische Volkssttmme^ ■** Der jüdische Antisemitismus. I 1m& <*cwi;6 ״w ייז »w!«wen fomite fa« * ™ ־ I Judentum mit seinem Ärmlich ״Talmud!'schon ck k. ß״״t . .. »». Jwri.". wie der erwähnte Redner mit seiner ge- -Zon Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann, Blrodltrca danken schweren Neide über uttgaftnsch-jüdiischen (Slavonien.) Jüdischer Antisemitismus! Klingt dies nicht paradox? Da aber das Leben zum größten Teile aus Paradoxien besteht, so müssen wir uns lei,der auch miit der traurigen Tatsache abfinden, daß das Prajdoron ״Jüdischer Antisemitismus" keine Ausgeburt der Phantasie, kein Schreckbild, gemalt von irgend einem erfindungsreichen Kopfe, sondern eine wirklich bestehende und tatsächliche Erscheinung ist. Das antisemitische Schlagworh des ״Jüd. Anitsemitismus" ist und bleibt ״der polnische IM" oder ״der Galizianer". In Gali- -ien sollen, so höre ich wenigstruS. auch Nichiju-- den wohnen?) Wenn jedoch der ungarische Jude das Wort ״Ga>lizian«r" ausspricht, fühlt man schon, we.n und was er damit sagen Witt. So fand diesen Sommer in Budapest em: Art ״ungarischjüdische Patriotensitzung" statt. Den Vorsitz derselben führte nach Zeitungsberichten mei«n guter bekannter Freund, Herr Rabbiner Dr. Hievest, den ich selbst als einen .ausgezeichneten Inden mit einem warmfühlendsn jüdischen Herz, kennen gelernt habe. Das hinderte aber nicht, daß ein vornehm fenins wollender Jude eine zweifache Geschmacklosigkeit bei dieser Sitzung beging. Zuerst wurde ,des Zionismus gedacht, der so abgetan wurde, als wäre es!die größte Selbstverständlichkeit, daß der Zionismus in Ungarn im Interesse des jüd.-ungarischen Patriotismus von den ungarischen Juden aufs Erbitterste bekämpft Wochen, müßte. Zweitens haben Wir aus der Demosthe- Nischen Kunst, die der vornehme Herr Redner zum Besten gab, erfahren, daß es mehrere Formen von jüdischen Empfindungen gebe, die eimqnder Esschlioßen. Diie richtige Empfindung, jedoch, die dem Judentum zuträglich wäre, sei die, welche die jüdischen Söhne Arpaidischer Abstammung zur Schau tragen. Selbstverständlich hat Nachman Krochmal nicht so fein -empfunden, nicht so großartig jüdisch gefühlt, wie,der geschätzte Hierr Festredner der genannten Sitzung. War doch Nachmain Krochmal nur lein galizischer Jrchtz, der fürs Judentum! nichts getan, als den׳ More Nebuche hazmdn h emusgegeben hat. Wer weiß, ob!er je im Besitze einer Aktie oder einer Oblil- Wtion War. Ben Sew -war auch so ein Polnischer Jude, -der keine!einzige ungarische Rede gehalten ג) Der längst verstorbene Brodyer Wunder rabbi Reb Jzikel Leschnower hat nicht seinen aggdiisch-chassidiftischen Vortrag mit dm Worten eingelei'tet: Ich habe gehört, daß es in dieser Welt Mekomos gibt, wo auch Gojim wohnen. habe ich nur Verluste gehabt. Und so bin ich herMteirgekommM. Ich kaufte und׳ handelte, und hie anderen haben beschwiinidelt und betrogen und jetzt sind sie die Hennen. Nu, Was läßt sich tun? Gott sei auch dafür dank. — Nuchim, und wo sind euere Söhne? -Hm, was für Söhne? Ich Hab' nur einen ׳gehabt und dieir ist gestorben. Nu, und wie geht's euerem, daß er gesund sei? — Gebe Gott auch euch Gesundheit. Er verdient beim Militär und wird nächstens entlassen. Aber wartet nur, Ihr habt doch zwei Söhne gehabt; wo ist dieser, dieir die Schule besuchte? -Hm, ich Hab' nur einen gehabt. Dieser zweite — er existiert nicht — er hat sich getauft.. Lesch bemerkte, daß dies den Alten schmerze, Und stellte keine weiteren Fragen. Es trat Schweigen ein.. Nuchim verfiel in Nachsinnen. -Hm, diese Kiinjder.... Der ältere hat mich verlassen, und der jüngere ist gestorben, ebenso die Fmu. Denkt Ihr, daß ich mich noch für etwas interessieren könnte? Allein, wie ein Finger. Und für wen? Dieser jüngere, was ist düs für e!in Künld gewesen.... Noch ein Examen und er wäre Rabbiner worden. So jung, gelehrt und Mt..... Manchmal Pflegte ich ihm zu sagen: ״Melchior, leg' schvn die Bücher weg, schau wie bleich und schwach du bist." Und er: ״Papa", sagte er, ״ahne Lernen kann ich nicht leben". — Wenn ich ihn anschaute, sah ich den Himmel. ״Papa", sagte er manchmal, ״Jossel hat uns ver- Lassen, ich ober werde euch nicht verlassen. Weder euch, Vater, noch mein airmes Volk, das schon zweitausend Jahve •in der Welt umherirrt." Und Patriotismus und die andersgeartete Empfindüng, als die des polnischen Juden. BarÄiczewsky ist zwar kein polnischer aber doch ein russischer Jude. Und was ist dieser arme Geist,esmensch, dieser arme Literat, Dichter, Mystiker gegen die herrliche und andersgeartete Empfindung des hier iin Nedestehenden Versammlungsredners, -des reichen jüdischen Magyaren? י Von den ganz ungebildeten, gegen unsere galizischen und polnischen Stammesbrüder sich geradezu pöbelhaft gabävdendon ungarischen Juden in Budapest und -der Provinz will ich gar nicht sprechen. In den Niederungen Budapests findet man sie zu Tausenden. Das sind Leute, die aus dem Bihaver, Szabolcsev, Araber, Marinaroser und Boreger Komitat noch Budapest eingewandert sind, in ihrer Jugend nichts Rechtes gelernt haben und ohne irgend welche kommerzielle Vorbildung zu besitzen, allerlei Geschäfte betreiben. Dgß da von ethischen Prinzipien keine Rede sein kann, ist etwas SÄ'b'stverstäMiches. Diese Leute, die keine Ahnung haben, was Edles und Erhabenes -die jüdische Seele bewegt, erheben ihr: Gekläff gegen die ״polnischen Juden", um! umso- ' sicherer im Trüben fischen zu können. Welchen Antisemitismus sie dadurch schaffen, haben die Ereignisse in den letzten Tagen gezeigt. Mir ist mit solch einem skrupellosen in׳ Budapest wohnenden aus Marmaros-SzMt stammenden Herrn folgendes begegnet. In Bares besteigt ein halbelegant gekleideter Herr das Koupee 2. Klasse um nach Viivovitiva zu fahren. Es war dies an einem Freitag vormittag. Nachdem dieser fragwüvdi!ge Herr sich über die galizischen und polnischen Juden weidlich ausgeschimpft und sie mit den ausluchtesten Schimpfnamen belegt hatte, bemerkte er unter dein Violen christlichen Mitreisenden einen Judenvon Pom dieser fluchwürdige, Pflichtvergessene L...... vorausgesetzt zu haben schien, djaß er konservativer Gesinnung sei. ״Ich bitte Sie", sagte der die polnischen Juden beschimpfen- >djo Geselle, ״gibt »es -iin Virovitioa ein jüdisches Haus, wo man für gute Bezahlung rituell zugefertigte Speisen bekommen» könnte? "Dev Befragte bejahte die Frage und nannte ihm ein hochanständiges jüdisches Gasthaus wo er über Sabbath I . . . t . ¥1 'fl CY^l.W rt U tii« /V/V /YA M Tt*H> östA Vergnügen seines Besuches verschaffe, meint \u der Sch. ... zuerst, d!aß or das Bedürfnis hch , an SabbatlM Rabbiner aufzusuchen, um vy, ihnen etwas zu lernen. Bald aber sollte es si, zeigen, daß dieser gute Mann nur das koschr Chaserfüjßchen gezeigt hat. Denn im Grunde m nommen, hatte es sich ihm nur darum gehandelt - durch den erheuchelten und zur Schau getmgenei frommen und religiösen Idealismus einen grö ßergu Geldbetrag leichter hglfausschwindeln z, können, was ihm auch gelungen ist. Nach eintgei Minuten begann der raffinierte Beschimpfsr de, d polnischen Juden seine Lamentationen und Je rem Laden zum Besten zu geben. Er ekwarte einer größeren Geldbetrag telegraphisch «angewiesen, bi -> aber, wite er erfahren habe, die Post bezw. das E TelegjmphetnjamL in Virovitioa ,grundsätzlich am s! Sonntag kein Geld «ajusfolgt, er jedoch Sonntm unbedingt weiter reisen müsse, infolgedessen er d sich in der größten Verlegenheit befinde. Diese! $ elende jüd. Bileam ׳nannte einen größeren! Geld betmg, der ihm nur für die Dauer bis er nach Budapest komme, leihweise vorzuschießen wäre. Sonntag darauf veranstaltete ich eine Kollekte, zugunsten des angeblichen Weinhändlers mit dem Beiuerken, daß wir das Geld zurückerstattet erhalten und -arm mit demselben diie Schulden, die uns für die rituelle Verkästiigung der jüdischen Soldaten am Passahfeste entstanden sind, werden bezahlen können. Heilige Eidte beim Leben semer Frau und Kiudier schwor er, däst er mit tausend Dank den Betrag, den er!also von mir empfangen hat, retournieren werde. Auch dem jüdischen Nestauraieur Weber, hat dieser L... um die koschere Zeche geprellt. Dagegen erfuhr ich, -laß Bileam i,n gatuz Virovitioa die polnischen Juden beschimpfte, sie als Gauner und Betrüger hiingestellt hat. Nach Monaten bsgplgnete unser Kantor, deir auf einer Reise begriffen war, auf einem nach Baja dianlpfenden Schiffe dem Hochstapler, der in der 1. Klasse fahrend, sich beim Weine und beim Kartenspiel Mist schr hohem Einsatz amüsierte. Und dies,es Gelichter, daß in dgn schweren ernsten Kviegszeiten kleinen jüdischen Gemeinden Wh aus ©ailiären stammenden RaLbitnnen int hochstaplerischov Miso Geldbeträge herauslockt, um sie im Kartenspiele und m Gelagen leichtsinnig gru vergeuden, erd reistet sich über galizische Juden di!e Geißel der Verleumdunig zu schwingen. Dieser v.evbvechetrische jüdische Antisemitismus, der den Prohaskischen Antisemitis- ןvGm10|uCy^9 JUUr|VlJ(Lv ivU vi4. tmivit v^lwvV'Uitj ן ÜJvi. UfCH vWlvvi'lvUHVw* gut aufgehoben sein werde. In Vi׳rovitica gab sich mus iin Ungarn hövvorigerufen hat, müßte allerder gute Mann als Weiinhändler Es, besuchte Pas Gotteshaus, spielte den orthodoxen Juden, dem alles m Virovitioa zu wenig fromM erscheint aber Fleischspeistin ließ er sich nicht entgehen. Am Sabbath um 4 Uhr nachmittags hatte ich das Vergnügen, den guten Mann mit dem bösen Gewissen zu empfangen. Auf meine Frage, was mir orts auf das Entschiedenste bekämpft wachen. — Ansätze hiezu findet man schon selbst unter den ungarischen, Mit der imodernen hebräischen Literatur vortMuten Juden. Begeisterte jüdische Schriftsteller in Ungarn nehmen Stellung zu den rüden Ausfällen geM, die galizischen Juden׳ und weisen auf die Gefahr hin, welche durch einen auf im Sterben sagte «eir: ״Es tut mir nicht leid, daß ich von den Welt gehe — das harrt jedermann, aber das tut mir leih, was hier iin» der Brust verloron!gpht." — O, Melchior, Melchior... Er barg das Haupt in den Knien unid zitterte wie Espenlaub. Der Bauer seufzte. Der Greis richtete sich ei»n wenilg aus und flüsterte wie im einem schweren Traum. -Im Stein auf seinem Grabe ließ ich einen Baum aushauen — mit einem abgebrvchenen Gipfel. Ja, ja, er hatte schon blühen sollen, und dg kam ein Sturm un knickte ihn. — Nuchim, überlasset euch nicht der Trauer. Gottes Wille. -O, Lesch, dieses Weh, das ist mein Licht Md Wärme im Winter und in der Finstern׳is... Leben und Leid kann mau nicht vergessen.. — Wie das Glück brilcht.... -Hm, Glück bricht, aber bei Gott gilt das nur viel, wenn .der Mensch nicht bricht... Ich habe für mich und für!andere gehabt, jetzt Hab' ich nicht einmal für mich. Nu, was läßt sich tun.... Gott sei. dank auch dafür. Was brauch ich denn? Eine lAMcholle worden auch Fremde «Mir hineinwevfen. In unseren Büchern steht: ״W' halach l'fanvcha zWecha — Z'aka tazil mi-maweth." (Deine gute Taten» werden dir voraugehen — was du Gutes getan, wird dich vom Tod erlösen.) Ja, ja. Diese Worte sind nicht umsonst be,i> uns ׳Ef dem schwarzen Leichsntuche geschrieben.. Wenn ein Mensch nichts Gutes getan, ist er kein Mensch und nicht würdig des Lebens... — Welloicht möchtet Ihr, Nuchiim, was geniesten? Wartet, ich werde den Schankwirt herbeirufen. -Nein, niem. Vergelt's Gott, ich habe keimien Hunjger. Aber! es ist mir׳, als hätte ich schon gegessen. Ein aufrichtiges Wort reicht für eine Tat.... Der Bauer machte sich reisefertiig. Sie hielten sich bciii den Händn und es fiel ihnen schwer zu scheiden. — Nuchim, wann worden wijr uns wiedersehen? -Hm, weiß ich es... Es scheint, wenn ich mit meinem, Sohne zusammenkomme. Ihr ichaut nach dem eu-srigen aus und «er wird kommen, und ich schaue nach dem meiuigctn ldie Augen aus dem Kopf und Miß. daß er nie zurückkehren wird. Euer Wog ist ein anderer, und der meine ein anderer. Bei euch ist noch Mittag und es geht langsam bergauf, bei mir ׳ist schon Abenid und es geht langsam bergab. Ja, ja, miu, was läßt sich machen.... Gott sei auch dafür dank. — Und vielleicht möchtet Ihr zu miiv iln den Wagen steigen und fahren wohin Ihr braucht? -Vergelt's Gott — ich kann nicht mehr fahren!. Mir ist's so, als wäre ich gefahren.... Er senkte düstew das graue Haupt und starrte zu Boden׳. Plötzlich spmug er »empor. -Lesch, ha, ha, Md mit welchen Pferden werden w,i!v heute fahren? Vielleicht mit diesen weißen und zahmen, wie Kinder? Odev mit diie- ^grauen und raschen, wie der Sturmwind, oder vielleicht mit den schwarzen und feurigen׳, wie djile Vipern? Er sank auf »die Bank zurück und lachte und weinte, daß sein Kopf schier barst....