Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 21-22 (25.9.1918)
- Date
- 1918-09-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sem L. ״Iüdistyr Kottsstname" ״ r 21-22. mitunter Hand m Hand» und sind kompleinentäre, den RMnsn. Uer Geschichte ergänzende und üusfüllende Faktoren. W-e die Anfänge der griechischen, so waren auch die Anfänge dem Mischen Geschichte Heldenmutig, •cm Heroenzeitaliier, die Heroen waren Halbgötter, die eipe Zwischenstellung zwischen Mensch un-di Gott ein,nehmen. Ebenso sind die letzten Ausläufer der gvi'echi-schoni. Philosophie Pessiimistisch, septisch, wie auch die jüdiiische Wletanschauung.dieselben Züge aufweist. Am Sukkuthfeste wird zu Hause Koheleth geliefen, das ,am meisten skeptische Mrk der! Weltliiteyatur. Die Skeptiker und Pessimisten aller Zeiten, idliie, wenn .nicht von der buddhistisch-peissimisti- .schon Weltanfchatuung hren Ausgang nehmeM haben dijefem Arsenal ihre spitzen» Pfeile entlehnt. Dadurch haben sie oft die Gesellschaft vom dogmatischen Schlum!m!6v aufgeweckt und die Manischen die Scheuklappen Megan lassen, um auf die in der Welt sich befirtdenidiM Probleme aufmerksam zu machen^ Koheleth, sagt Renan, legt schon den härenen Mantel ab Md wird Salonmensch, kürnnMt sich nM um das Wohl und Wehe der Nation, ist egoistisch, genußsüchtig, um dann zu allerletzt auszurufm:׳ הבל הבלים Koheleth ist das kl,assi>scheft!e Werk dies Skeptizismus und das Wscjk, das in sich die herrlichsten -aphoriistschsn Aussprüche der Weltliteratur enthält. Nur macht sich hier, wie gesagt, der IM- Vidtualismus, Egoismus, PMikularismus, ja sogar die Abbröckelung und' Atomisierung breit und das Ich erhebt sich über die Nation. Ein Stirner des Altertums war de>r! Verfasser des Koheleth. י Montan'tginje, -bler alles beschnüffelt und »be^ zweifelt, Pascal, der überall Abgründe!und Tiefen wittert, Larochefonoauld, dein Me Taten, auch djie edelsten, auf den Egoismus zurückführt, Shaftesbury, Grazijain, La Brühers 2c., reichen sich in diesem kuriosen, von Ewigkeitswelck angehauchten Werke die Hände. » Jinis Buch Koheleth, das eine eiserne! Logik aufweist, schleichen sich '.doch oft Widersprüche Din, die das logische Gebäude, auf dem es aufgebaut ist, zu erschüttern drohen. Wie kommt es? Es kommt daher, da das Leiben selber so widavspruchsvoll ׳ist und weil dessen Erscheinungen wie auf entert gemein- -schaftlichen Nenner zurückgs führt werden können, u!ml restlos darin auszugehen. gefällig, ihre Gebete sind ohne Gehalt, solche Leute sind kurzweg ״Poschim", Sündige...... Wie kann und darf ein Mensch den andonn mit ״Posche", Sündigen bezeichnen? Welcher Mensch ist es nicht, unid! welcher ist vor Sünden gefeit? Sonderbar genug ist es W schon, wenn sich Sterbliche vermessen, für den Ewigen in den Streit zu ziehen. Geradezu abscheulich ist es aber, wenn unsere vermeintlich frommen Volksgenossen sich «aus dev Mehrzahl ihrer Briidöv absondern und so ׳einen Zwiespalt im JUdantume herbeiführen. Das Traurigste und Böüwerflichsie zugleich ist ׳es jcidoch, wenn sich ein Jude über den andern überhebt, um diesen als Sündler zu bezeichnen. Das ist fürwahr nichts -anderes als verblendeter Eigendünkel, Intoleranz, die im Laufe der Zeiten unermeßliche Menschenopfer verschlungen hat. Wi-e sollten denn Andersgjläudi ge gegen Juden handeln, wenn in ihrer Mitte solch tiefe Kluft besteht?! Mein Sohn! Nach -außen sind wir alle Juden ein Körper, und jene, -von! denen du sprichst, sind unseve kranken Mieder, die uns beständig Schmerzen verursachen, die nur wir empfinbien. Diese Glieder müssen wir durch radikale Kur heilen. Denn so lange die Krankheit währt, kcqnn der Körper sich nicht entwickeln, nicht arbeiten. An Mancher Stelle könnte sich sogar die Not- Wendigkeit für einen schmerzlichen Einschnitt ergeben; auch dissen dürfen wir nicht scheuen, so7 der Körper völlig gesunden. Das sijnid «cwer eigenartige Ansichten. Wenn Infolgedessen werden Witz gar nicht st-aunten, wenn wir hier BorührulMpunkie des Epikurismus, der Stoa und des Skeptizismus erblicken. Die Freuden und Leiden des Menschen, der Zustand der. Ekstase und derjenige der Apathie lösen eiiirander ab, und darauf ist daß meiste zurückzufühven. Koheleth stimmt die Leier vevzweiflungsvoll an, noch ein Schritt, und wir sehen die Weltanschauung jener jüdischen Männeül, die diese Welt als Vorhalle zu der zukünftigen Welt betrachten. Infolge der!Übersättigung des sich cm foto vergänglichen Genüssen erfreuenden Menschen wird jeder Freude Valet gesagt und der Prachtvolle Palast Davids mit dessen zerfallener Hütte vertauscht. Die allzugroße Freude hat hier in ihr Gegenteil umgeschlagen. Und weil sich Koheleth davon keine Rechenschaft ablogen kann, deshalb gibt er seiner Vorzweiflung Raum und -der Skepsis ist Tür ujn-d Tor geöffnet, obwohl dieser skeptische Stand- Punkt von Zeit zu Zeit durch den Agnostizismus gemildert wird, -der das ״Wer weiß" cm Stelle des sicheren ״Nein" setzt. Da Koheleth die Frage stellt: ״Wozu sich überhaupt freuen," schlägt er den Ton jenes griechischen Philosophen an, der gesagt hat: ״Besser verrückt sein als vergnügt sein." Wenn Koheleth die markanten- Worts prägt, daß das Licht der Aufklärung, der Verstand, mehr ist als das Glück, das mit Unoerstand gepaart ist, schlägt er den Weg des Epikus ein, der!da sagte: ״Besser mit Vernunft Unglücklich. als ohne Vernunft glücklich seim" Auf diese Weise wird den hedonistischen Lustäußerungen der Faden, abgeschnitten und das Vernunstleben quasi als das Höchste hingestellt. Das Individuum, das sich willig von der Gesellschaft loscpKrQmrt hat, baut zu derselben wieder eine Brücke, die es über alle Abgründe hinwegführt und in den Schoß der Nation, Gottheit und Menschheit zurückführt. Daß der Zustand der Untätigkeit trotzdem nicht aufgeigsben Wird, das ist di/s Tragik des Menschen, der durch Spintisieren das Tun verlernt hat, die Tragik endlich einer Nation, die, da sie den Weg der Passivität einmal cmgetreten, denselhev nicht mehr verlassen kann. Ist also Koheleth -nicht das Symbol des ganzen jüdischen: Volkes, im Goluth wenigstens, das sich mit Problemen abgibt, mit Fragen ahplagt, nm selbst dann eine Frage, -eitn, X zu werden?! Eine unermeßliche Tragik, die um so größer ist, diasie von Zeit zu Zeit vom Komischeu abgelöst wird! Oder soll man sich demMgenüber ״jenseits von Gut und Böse!" stellen und sich über alles erhaben fühlen»? einlö Hand den Körper kratzt, oder wen»: die Zunge von einem Zahn gebissen wird, sollte man diese KöWerteile beseitigen? Im Gegenteil! Ei״ zu radikale Kur könnte den ganzen Körper in Leidenschaft ziehen und dabei -auch foiiü sogenannten gesunden! Glieder zugrunde richten. Denn mit Wunden spielen ist ׳es gar zu gefährlich! Wie stellst du dir es anders vor? Hier fällt mir ein der bewährte Rat des Rabbi. Als ein Vater den Rabbi um Rat fragte, wie er sich zu seinem schlechten Sohne verhalt׳.״.-׳ soll, der täglich schlimmer wird, -antwortete der weise Gelehrte: ״Umsomehr sollst du ihn lieben׳ und zur Erläuterung fügte er noch hinzu: ״m״ durch Livbe, durch Verträglichkeit ,durch rück, sichtsvolle Behandlung kann der Schlechte ז־׳'יו zum Guten verwandeln." Unsere Frommen sollten auch diesen Rat beherzigen. Wo aber die sinisteren Mächte walten, Wo Eifersucht, Unduldsamkei-t und Verachtung toben, da muß man sich, wie vor rauhem Sturmwind, den Rock umso enger zuknöpfen. Und solange »wicht Einsicht, Verträglichkeit und brüderliche Eintracht zwischen den Juden plaitzgreifM, da kann und wird sich kein gesundes Judentum entwickeln. Das ist meine Ansicht! Du bist -noch jung mein Kind. Du kennst noch nicht Iden Ernst des Lebens. Dir sind noch die Geheimnisse der heiligen- Lehre, »die Ersahruwgen des jüdischen Lebens verschlossen. D!em auserwählten Volke wurden vom Herrscher der Wett eine feshgetegte Bahn angewiesen. Den Wäre dies nicht dH? einzig richtige Stand- Punkt? ״Eitelkeit der Eitel ketten", sagt doch Koheleth״, Mes ist eitel." Wilhelm Ost. Was sollen wir tun? Von Rechtsanwalt Dr. C. Kohn, Altona. (Aus Hickls ״Jüd. Kriegs- und Friedens-Kalender 1918—19.) Motto: ״Und er häufte in. der Tochter Juda Jammer und Klage." Als die Judenheit am Abend jenes vorhängnisvollen 1. August 1914 in Trauer gehüllt sich niedersetzte zu -dien Klageliederndes Propheten Jeremias, ahnte niieimcmd der Klagenden, i׳n Welch jammererragenden׳ Weife der Inhalt der Lieder sich in der Judenheit der Gegenwart wiederhol an! würde. In keiner menschlichart Gemeinschaft hla׳t der Wettkri'e'g so viele Tränen gehäuft, Wie ikr der jüdischen. In den meisten Zentren der Judenheit hat der Schrecken d»es Krieges gewütet, -in Polen, in Südriußlmrd, in Rumänien, der Bukowina und in Palästina. Männer, wurden gemordet, Frauen geschändet, Kinder von ihjren׳ Eltern gerissen, ganze Famitten dem! Hungertode preisgegeben, ihr Hab und Gut geraubt und geplündert: die eben erst aufkeimende Hoffnung, der Judtznheit, i!m Lande ihrer Bäten neues Leben aus den Ruinenansblühen zu sehen, hat der Weltkrieg geknickt. Auch die jungen Keime jüdischen Lebens in- Palästina sind in all dem Jammer vernichtet worden; auch hier wütet »der Hunger und fordert schreckliche Opfer. Was sollen wir nun beginnen,? Können wir hoffen, daß dieses Unglück der Keim fvsudenvoller Zukunft ist, daß wir, die wi!r iln» Tränen -gesäst haben, einst in Zukunft mit Jauchzen!ernten werden? Welcher Zustand trägt schuld daran, dlaß gerade wir Juden fast immer dvn Prügelknaben der Weltgeschichte abgeben? Als ich vor kurzem über diese Frage Mich!mit einem angesehenen nichitjüdischen Politiker unterhielt, meinte dieser, der Grund sei», daß den Juden die staatenbildende Kraft fehle. Wjenn sie Ib'ite Kraft besäßen, ein eigenes Staatswesen zu bildlen, würden sie einen Zufluchtsort vor Min Unbilden! Weltgeschichtsicher Wettortstürme haben. Ist dieser Vorwurf berechtigt? Ist dies üb>erha>u-pt ein Tadel? Ich glaube, daß Wir Indien stolz darauf sein kömten, an d!e»r Machtpolitik staatlicher Regierungen während der letzten zwei Jahrtausende^ keinen- Anteil zu haben, daß wir niiemals in die. Lage kommen, andere zu unterdrücken und zu verfolgen, wozu die auf Macht aufg-ebvute Politik >W MW!WMWWWMMIW.» «—Will ■II > IWJUIJTilirii IBW Jriden hat -er seine heilige LHve anvertraut. ״Das ist das Gesetz der Thora!" Ein Baum des Lebens ist sie jenen, die sich an ihr festigen. In ihren Bahnen müssen wir» wandeln. Wir Menscheu, winzigen Ameisen -gleich, wir dürfen uns nicht erdreisten, in die verschlossenen, unlösbaren Rätsel der heiligen Lehren ei-nzudringein!, in das wunderbare Gefüge der göttlichen Allmacht ein- Angreifer». Fürwahr, das ist aber gegen den Willen Gottes! Denn der ewige Schöpfer des allepherrrlichsten Kunstwortes kannnur gerühmt werden, wo sich das Verständnis für die erhabene Leistung findet. Um aber das Wunderbare zu offenbaren, welches seine Werke beinhalten, um die Geheimnt-sfe d. göttlichen Absicht klarzulegen, um fürsei-nen hehren Willen Verständnis ׳in der irdischen Welt zu verbreiten, hat -der weise Weltenlenkec von seiniom leuchtentden Wesen auch auf das menschliche Geschöpf übertwgen. Und so besitzt der Mensch -die klare Vernunft zum Glücke der Wett beizutvagen und das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Uns Juden hat der Ew-ige mit seiner weilsSn, heiligen Lehre bedacht. Es hieße daher gegen seinen Willen handeln, wollten wir nicht diese Lchre erforschen, sie unserem Smne ׳nach, 'dem Geiste dev Zeit auslegen und darnach unser Tun und Lassen einrichten. ״Sollen wir gegen unseve Gewohnheit, gegen unsere Ueberzeugung handeln; sollen wir Jahrtausende -alte Schranken ׳niederreißen, weu es euerer modernen Ansicht so gefällt?"