Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1918-09-06 · Heft 19-20 (6.9.1918) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIX (1918)
Issue
Heft 19-20 (6.9.1918)
Date
1918-09-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2621806-2622015-2622026--3802-2625023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

ימויסיי ־־fTVUU 'L . י '-?d 7־“ri־T| Nr. 19 20. Fittich» etac 3. Angriffe. Verfolgenwir heute die Konsequenzen der Realisierung dieses Rates. Gesetzt den Fall, wir hätten die Jntelligenzberufe verlassen, w;1 Raiten heute die Lanow'riichaft domunerend in Händern. Was stände uns -bevor? Nur uns machte man verantwortlich für alles Böse, wir wären schuld -an der Teuerung, man erlieste scharfe Gesetze und es bliebe uns wahrlich nicht dieser Gewinn, den unsere biederen Landsleute einheimsen. Nehmen wir ׳nun an, wir werden heute, gemaß des Rates des Herrn Rabbiner Dr. Ziegler, alle Handwerker, nehmen wi-r an, wir derzichten auf unsere errungene Positron, nehm/en wir an, wir ließen uns die Rolle der billigen Arbeitskraft aufoktroieren, diese Rolle, die mne Nation der anderen zuzuschieben trachtet und die letzten Endes der eigentliche Grund dieses großen Krieges ist— wir könnten trotz alledem von niemanden die Sicherheit erhalten, -haß wir in Ruhe und Frieden auch nur trockenes Brot essen könnten. Ja, wollten wir sogar, wie m alten Za• gen Lehm kneten und Ziegel ohne Stroh machen, so wäre immer der Aegypter da, der uns erschlagen wollte und unsere Erstgeborenen wären ihm zuviel. In einer derartigen Situation nachzudenken, was wir am -besten werden sollen, hat nicht viel Sinn. Denn, was immer wir werden, es kann -uns unter diesen Umständen nicht dauern gut gehen. Erst mutz die Position entstehen, oi-e uns die Einheit schafft. Dann können wir auf den Weltmarkt uns begeben, dorthin wo alle Völker sich einen Platz sichern wollen, dann brauchen wir kein Herumstohen im engen Kreis, gleich -einer Familie, deren Mitglieder anstatt jiu, draußen im Treibender Welt ihren Vorteil zu erringen und mit diesen Gewinn in Händen nach Hause zurückzukehren, miteinander streiten, wem der begrenzte Besitzstand gehört. Denn wir Juden, als arbeitsfähige und -arbeitswillige Menschen, ,sind auf dem Weltmarkt nötig. Wir können alles werden, taugen zu jedem Berus, wenn man ׳uns nur nicht böswillig die Möglm-- keit dazu nimmt. Wenn ,im allgemeinen es sich darum handelt über Berufswahl sich zu entsche:!- den, dann geht die Frage hauptsächl. den Mittelstand an. Die oberen Zehntausend behandeln i-hn als Liebhaberei oder als Ehrenpflicht, währen^ die untere Klasse, besonders i׳n unserer demokratischen Zeit besondere Förderung genießt. Wir Juden aber haben nur scheinbar ein soziales oben und unten. Der jüdische Reiche hat Wohl erwas, aber er besitzt es nicht und wird es unter solchen Umständen niemals besitzen. Das, was die jüdische untere und mittlere Schichte schon heute fühlt, kann nwr-gen sein- Schicksal sein. Viele jüdische Reiche!aber, wenigstens in unfeurer Landeshauptstadt, sie sind noch so fangen im Taumel eben erworbenen- Vermögens, daß sie nicht imstande sind, die gebieterischen Forderungen nach unserem engen Zusammen״ schlusse, in ihrem Rausch zu begreifen, obwohl sie ihr vermeintliches Eigentum mit ungezählten Bücklingen nach seitwärts, nach rückwärts, nach oben und unten, mit fortwährenden Entschuldigungsstammeln verteidigen müssen, den eigenen Brüdern,gegenüber aber so tun, als gälten sie in der Allgemeinheit wirklich etwas. Dieses mehr traurige, als lächerliche Vorgehen!, es erinnert an jenen Professor, der seinen Schülern von seiner Unerschrockenheit im Verkehr mit den Be- Hörden erzählt und sich rühmend äußert: ״Ich bücke mich vor niemandem, ich beuge mich vor niemanden". Im selben Moment aber, da sein Direktor ein tritt, sich unaufhörlich verneigend, hinter ihm hergeht. Noa-ul Auernheimer, behauptpt irgendwo, nur der Reiche gehe aufrecht und gerade durchs Leben. Der arme Mann, müsse sich ewig ducken, beugen und um leben zu können, allerlei groteske Sprünge ausführen. Von ׳den Reichen unserer Stadt kann man dies nicht sagen. Sie führen b!iie groteskesten Sprünge aus und sind doch — wie sonderbar — für eine -jüdische Einheit schwer zu haben. Sie denken!nicht daran, daß diese Einheit eines Tages kommen wird, kommen!׳ muß und schaffen wir sie uns nicht selbst, dann wird sie uns von Außen aufgezwungen werden. Diese Einheit aber, sie wird ganz anders aussehen, als die, die wir an gestrebt hätten. Wenn einige von uns meinon. die Gründung jüdischer Vereinshäuser sei zur gewünschten Einheit nötig, so ist dies eine Hypotese. Gewiß, solche ein nicht zu unterschätzender Faktor. Aber was gehoben -und gestärkt werden soll, muß doch zuerst rinmal vorhanden sein. Kann selbst das prächtigste jüdiische Vereinshaus, die Einheit in unserem Sinne erwecken? Diejenigen unter uns, die diesen Brennpunkt sozialer Zusammenkunft ersehnen>, ja diese werden Wohl in unser Haus hinch-nströmen, sie werden in ihren Bestrebungen gestärkt, •m ihrsm Wollen gefestigt werden. Wir aber brauchen alle. Alle Juden, aller Schichten, aller Partei schattierungen, aller sozialem- Stufen, aller Geistesrichtungon, sie alle müssen einig werden, dann werden wir in allen Berufen Tüchtiges leisten, dann wenden wir die Früchte unserer Arbeit voll genießen, ungehetzt und ohne Bangem dann wird es keine speziell jüdische Berufswahlfvage geben, dann werden wir nicht isoliert sein. Hätten wi-rdamals, als in- Rußland Pogrome entstanden, russisches Geld, ׳russische Waren so boykottiert, wie wir jetzt feindliche Waren boykottieren, hätten wir selbst Millionen geopferte unsere Millionäre wären davon nicht ärmer geworden, um unsere russischen Brüder zu unterfür sie völlig unwürdigen Tauniel fremder Intercfsen stürzen, sich selbst vortäuschend, eifrige, vollends überzeugte Anhänger der von ihnen verfochtenen fremden Ideen zu sein, was sie im Grunde genommen, nicht waren, weil eben diese Ideen ihrem ursprünglichen Geiste fremd sein mußten. Aber auch sie entdecken früher oder später ihre sachliche Nichtzugehörigkett, ergreifen wieder etwas anderes, dem sie auch nur vorübergehende Begeisterung schenken können, und so erklärt sich ihre ewige. Unbeständigkeit, ihre scheinbar stark ausgeprägte Charakterschwäche, die aber doch nur ihrem emanzipierten, vereuropäischten Golusge-ist zuzusprechen ist — ein Moment, das besonders hervorstechend und scharf bei Heinr i ch H e i n e, den man als den typischsten Vertreter eines emanzipierten Europäer-Juden ansehen kann, hervortiritt. ,,**rr mip wlr wuimmiv Luurrll vont Alle diese Gestalten, die im Westliudentum wir! ZfTLtti f^rnb ^zerstörend iflimtfm» mHrlm da׳vnn m&t änm-'r! wlrken mußten, smd eme Folge der Demoral!״ satwii des indischen Geistes rm Westen! die wieiDoroiCTif uni urnere ru111|C3jvn xjruovr su unrcr*, י^ cv f t ö ך« » , *•, « stützen, dann hätten Win den Grundstein unserer - Zolge der arges Unheil anrichtenden Einheit geleigt. So aber gehen, Mspmngen aus. ® deutsche Literatur, unserer charakterlosen Zerfahrenheit, die Söhne vieler Schichten durch Taufe i-n andere Völker über, und stärken durch ihre Intelligenz, durch jüdische Fähigkeiten die andern, während wir alle Mann an Bord brauchen. Unsere Einheit müssen wir von innen heraus wollen, unsere Führer müssen sie in» die Wege teilten, sie müssen für uns oi'nstehen, gleich den tschechischen Führern, der Letzte und Geringste von uns, muß sich von ihnen geschützt und gefördert wissen, ebenso wie wir, bis zum Letzten und Geringsten einmütig zu unseren Führern stehen und für ihre Forderungen ein״ treten müssen. Gelingt uns dies aber nicht, sind wir wirklich schon! so hembgekomimen, so evniedrigt, so ohne! jeden Halt und ohne Charakter, dann sind wi)v nicht berechtigt uns über Zurücksetzung, über- Anfeindung: zu beklagen-, dann sind wir -nichts Anderes, nichts Besseres wert, dann müssen wir auch die hohlen Phrasen und salbungsvollen Reden unseres Führers uns gefallen lassen, dann, sind wir unser Schicksal wert. Die Juden und die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts. P. Haller. gehört zum unnatürlichen historischen Lebensprozeß des jüdischen Vokes, daß ein Teil seiner größten Geister den eigenen nationalen Boden verließen, um sich den Preis für ihr Schaffen in einem fremdgeistigen Milieu zu holen. , Es liegt darin eine gewaltige Tragik für das Volk eine noch .gewalti-gera, vielleicht für den, dev gezwungen war, seinen Geist einem völlig anders gearteten anzupassen, wobei stets etwas Unfertiges, Halbes, geistig Zerrissenes und Verstümmelt-Verworremes hervar-kommen mußte. Erlitt das Volk selbst dadurch einen gewal- Ligen Einbuß seiner schöpferischen Kräfte, war es dadurch gezwungen, stets -eingutes Stuck des geistigen Entwicklungsweges zurückzubleiben, den es bei normalen Lebensbedingungen nn Laufschritt durchmessen hätte, so verzehrten! sich seine besten- Geisteskräfte, die bei ihren! ^genen Volke die Befriedigung ihrer Neigung nicht fmden konnten, oder den Mut nicht hatten, sie zu suchen, in einer ewigen Disharmonie, weil, wenn Heine bezeichnend ist ״die Gegensätze grell gepaart sind, des Griechen Leichsinn und der Gottaedanke Judäas!",. . . ״weil dieser Streit mmmer enden wird"; sie wurden Opfer des Dilemu!as entgegengesetzter Weltanschauungen. Und es mußte schon ein so großer Geist w!e SP'vn o t-a sein, nicht unterzugehen in diesemunyeuvollen Kampfe, sandenp als Verkünder neuer Wahrheiten, die einen Umschwung der Anschauv,״.״״ ,_״ n_ >7 unaen bedeuten, hervorzugehen! ‘ . j scheu ein Meister und Schöpfer der modernen Ja, das 19. Jahrhundert, das Jahrhundert! putschen Sprache wurde: Moses Mendelssohn der westeuropäischen Judenemanzipation, d1e,s %T1 folgenden Jahrhundert . vornehmlich deS neunzehnte!n Jahrhunderts sah sich vor solche Phenomene gestellt, dile sie erstaunt cmstarrbe, aber nicht wußte, wie sie sie eigentlich zu fassen habe. Sie sah etwas Fremdes, das sie zwar in ihrer Form erhielt, aber doch nicht wagen konnte, es vollends ihr eigen zu nennen. Dies auch der Grund des heillosen Streites, der beispielsweise um Heinrich Heine entbrannte und ,noch heute nicht.geschlichtet ist. Es war und ist -ein Don Quirote-Kampf um Windmühlen! Wer diese Gestalten verstehen, wer ihren Geist definieren und vollends, nicht bruchstückweise erfassen will, der muß sich' zuerst mit der betreffenden zeitlichen Strömung im Judentum, aus der diese Erscheinungen hervorgehen, im. Klarem sein und den spezifisch-jüdischen Geist, der ihnen, ob sie wollen oder nicht, anhaftet, in Rechnung ziehen. Wenn das geschieht, so muß man zum en'vg-iltigen Resultat kommen: daß sie alle, ausnahmslos, einen echt jüdischen Stempel tragen, daß ihre Gefftesentwicklung, wohin sie sich auch immer gewendet haben mag, eine in jeder Beziehung jüdische ist, daß nur.das Aeußerliche an ihnen einen nichtjüdischen, dem Wirtsvolke entsprechenden Charakter trägt, das Innere aber-, das Wesen, der Kern., durchaus jüdisch zu -nennen ist. — Das läßt sich nicht etwa nur von Heine, Börne, Auerbach usw. sagen, ja sogar von Ernst Lissauer, der sich -in Haßg-esängen gegen die Franzosen erläßt, als ״Urgermane". Und wenn viele Deutsche -behaupten, Heine sei gar nicht deutsch, so könnten wir das -nur begrüßen, wenn es nur nicht den Beigeschmack der Gehässigkeit gegen Jüdisches hätte,, wenn darin, nicht verschämter Antisemitismus läge und wenn nicht zugleich eine Schmälerung des Heineschen Geistes beabsichtigt wäre. Ja, es ist allzu wahr: Heine und alle die anderen sind nicht deutsch, sie sind jüdisch, ihre Bedeutung aber gilt nicht dem Judentun!, son״ dern eben!dem Volke, in deren Sprache sie geschrieben haben. Aber das dürfen wir uns nicht vechehlen und -wollen wir auch!nicht verschleiern: zum Segen gereichen sie ihren! Wirtsvolke nur zun! Te!l, zum Teil aber auch zum Unsegen, weil sie einem dem Arischen ganz konträren Geist mit sich brachten. Es ist zwar wahr: das Geistesleben der Wirtsvölker hatte auf sie eine!! mächtbgen Emfluß, konnte aber nur zur Verwässerung des 1ud. Geistes in ihnen, nicht aber zu sem-or Tilgung beitragen, vielmehr waren sie selbst imstande, den rein -arischen Geist des Wirtsvolkes in. Verwirrung zu bringen, was auch geschah, wofür He!ne und Börne Exempel abgeben. . . ' Bereits im 18. Jahrhundert tauchen m der deutschen Literatur vereinzelt Juden auf. za sogar einer, dsr zun! grütztm Erstaunen der Deutein r’״ ~ ־ .. * Zeit unserer geistigen Schmach zeist^uns eme Fülle solcher "halber, geistig zerrissener sozial-e Sammel- und Brennpunkte sind zur Heschwankender Gestalten, die im Chaos der Ver׳ bung des nationalen Einheitsgefühles nötig!, die-l Mischung auf eme .geistig tragische Speise zu׳ ses wird gestärkt und div Gelegenheit dazu ist gründe gingen. Andere w!eder, d!e sich ־vn e!׳nen Im folgenden Jahrhundert nahm die Zahl rapid zu. Die bis nun im Ghetto eingesperrt Gewesenen stürzten sich mit Extase in den brausenden Strom des fremden Lebens, suchten hast!g all das abzustreifen, was sie an ihre Abstammung und an ihr früheres Leben erinnern konnte, man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.