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Jüdische Volksstimme · 1918-09-06 · Heft 19-20 (6.9.1918) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIX (1918)
Issue
Heft 19-20 (6.9.1918)
Date
1918-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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־* vf: km s ׳ ׳״ j׳׳ ׳« ^zSdijchr B«Lts-nm»r'?*־ די t. Kriegsjahve überzeugen können, wo die Kriegsfurie rast, bfe Geschütze dröhnen und ׳die menschliche Sti!m1me sich nicht mehr vernehmbar macht. Unter den Waffen schweigen die Musen, schweigt das Gefühl, das Mitleid und ein Mensch ist dem anderen ein Wolf. Klio hat mit ihrem Griffel in die Blätter ׳der neuesten ' Geschickt.׳ Sturm und Wetter hineingeschrieben, die Erde ist mit Menschenblut getränkt, Thränen vergießt die geplagte, zerfleischte Menschheit und der Genius verhüllt sein Gesicht. Besonders wurde das jüdische Volk von diefem männermordenden Kriege bitter heinkgesucht, die Leidenschaften des Mob hat sich in dielen Ländern im Judenhaß entaden, denn der Pöbel schüttete sei',wen Groll und Zorn über das jüdische Volk aus. Dann sind eine Menge von Juden im Kriege gefallen, die sich nebenbei gesagt trotz den Verleumdungen der Judenfeinde sehr tapfer gezeigt haben. Aber eine noch rühmendere Siegesfackel wird,der Jude hoffentlich ergreifen können, die Fackel des ewigen Friedens, dieses Friedens, beit schon seine Propheten vor Jahrtausenden vorhergesagt und herbeigewünscht haben. Die Menschheit muß endlich einsehen, daß der Friede mehr bedeutet, als ,der mit Mord- Waffen ausgetragene Krieg, der Menschen ver- NeujahrSbrtef. Meine lieben Freunde! Ihr habt Euer Befremden darüber geäußert, daß ich schon seit Jahron Eurem Kreise ferngeblieben. Es fehlte nicht viel und Ihr hättet mich einen Verräter an unseren gemeinsamen Idealen ganannt, da Ihr hörtet, daß ich fast feine andere Zeitung mehr lese als die ״Arbeiter-Zeitung", den ״Neuen Abend" und den ״Friede". Nun, ich will Bekenntnis oblegen, naht doch Neufahr, der Tag das Gedenkens und Rückwärtsschauens! Es wird Manche s in verschiedenen Zeitschriften berichtet über Vorahnungen, die dem Kriege voran,gingen. Sensitive Naturen haben in Träumen und auch sonst im Unterbewußtsein gewisse Bilder geschaut, die sie jetzt m der Weltkatastrophe wieder erkennen. Auch ich, meine lieben Freunde, kann Euch nuimnehr erzählen, wie ich schon etwa ein Iah׳ vor Ausbruch des Krieges immer das bange Gefühl in mir trug, daß sich über meinem Haupte ÄKaZ Schwarzes zusam menziehe, und daß ich im Hochsommer 1913 in einem Wiener Stadtbahnzuge beim jähen Uebergange aus der von der ~01:nc grell erleuchteten Brücke über den Wiennichtet, Kulturen zerstört und alle Güter des Le-, kluß nächst dem Kriegsministerium ins Dunkel bens dem Verfalle Pveisgibt. der Untergrundstrecke'vermeintes einen blutigen Mau hat sich geradezu daran gewöhnt, daß Menschenkorper gesehen zu haben, der Krieg unendlich bauert, daß er eine Notwen- Diese beiden peinlichen Vorstellungen in digkeit geworden ist, ein Fatum, dem mau mit! Vorstellungen in Verbindung mit dem. mich tagverschränkten Armen zufchauen muß, bis nicht endlich ein Wunder geschieht und Maß seine Kriagsgeißel nicht mehr schwingen wird. Wir Juden sind erber feine Fatalisten, wir sagen doch im Rosch haschanah, daß es kein Verhängnis gibt, das unabwendbar wäre ותשובה ותפלה וצדקד, die Einkehr, das Gebet und die Tugend können das böse Fatum Ms der Welt schaffen. Halten wir (Si'nfe^r, machen wir Seelenbilanz, beton wir, daß des Geschickes böse Mächte uns nichts anhaben sollen und üben wir Tugend, daß die Völkerschlächtereii doch ein Ende nimmt. Israel ist für die Fviedensidee bereits reif; Kn der übrigen Menschheit liegt es, ihm diesbezüglich gleichzutun. Die Menschheit muß den Geist der Versöhnlichkeit auf sich wirken lassen. Die Menschheit wird, sagen wir es offen, versöhnlich sein oder sie wird nicht sein. תכלה שנה וקללותיה תב׳א שנה וכרחותה lief) in neuen Aerger versehenden Si vis paeem para bellum, der größten Lüge aller Zeiten, die von jener Stelle aus auf der Rückseite des Kriegs- Ministeriums sichtbar ist, wollten mich lange nicht verlassen, so lange bis der Mord von Sarajevo das Bangen zur fürchterlichen Gewißheit steigerte. — Me gesagt, die Rückseite des Kriegs- Ministerialgebäudes trägt diesen Spruch, da man sich möglicherweise doch ein wenig schämte, ihn öffentlich auf der Ringstraße zu bekennen. Nun, Ihr Wißt, daß auch ich der Landsturm- Dienstpflicht gehorchen und unvermittelt aus der Not .meines bürgerlichen Daseins dort hinaus mußte, wo Tag und Nacht die Geschütze donneL-- ten, um dann froh zu sein, in der Etappe halb- Wegs ruhigen und sicheren Dienst tun zu dürfen, der nur :::einen inneren Organen schaden konnte und auch schadete, ohne mein׳ Leben in nnmittelbare Gefahr zu bringen. Was ich dort im äußersten Nordosten Galiciens an echter Herzlichkeit und Güte Juden und Jüdinnen verdankte, wird mir ewig, unvergeßlich bleiben. Der echt patriarchalischen Gastfreundschaft jenör war es zuzuschreiben, daß ick in äußerster seelischer und leiblicher Not vor Verzweiflung gewahrt blieb, und oft erinnerte ich mich, wenn bei meinem bloßen Anblick eine alte Jüdin ihrem Erbarmen! Nusdruck gab, als wäre sie!meine Mutter, jenes Ausspruches der Weisen, daß ein Hauptmerkmal des jüdischen Volkes die Barmherzigkeit sei. Heute gedenke ich all des Schweren aber -auch ches ׳geschoben, damit der Vater nachher das herkäm/mliche überraschte Gesicht machen konnte, das uns jedes Jahr so viel Befriedigung gewährte,. ^_.. ״״ _ ..v und ich stand da ohne Brief und schluchzte über - des Tröstlichen, das hinter mir liegt, und wenn den unersetzlichen Verlust meiner schriftstelleriich in meinem Wiener Tempel mit seinem marscheu Arbeit. Zum Glück war der Brief nicht auf der Straße, sondern im Hause eines Kameraden zu Boden geglitten, und mein Freund kam keuchend gelaufen, um den Fund noch im letzten Augen blick in meine Hände zu legen. Aber jetzt Krhob sich eine neue Schwierigkeit, mein Vater wendete unter künstlich gesteigerter Verlegenheit den Brief nach allen Seiten, wie sollte er den versiegelten Brief am Jomtow lesen? ״Nun, ich werde deinen Brief nach Jamtow lesen", sagte er gutmütig. ״Die Schabbesgojte", stieß ich schluchzend hervor. ״So?" fragte der Vater lang gedehnt, ״darf man denn das?" ״Vielleich kann er den Brief auswendig," fiel die nie um ein Auskunftsmittel verlegene Mutter ein״ ,׳und er sagt ihn her". Ob ich ihn auswendig konnte! Ich war von meinem ersten, und wie ich mir selbst einrsdete, selbständigen Brief so eingenommen, daß ich mich heute noch seines Wortlautes erinnere, und er fand auch mündlichי dieselbe freundliche Aufnahme, wie die Briefe der Brüder. Einen versiegelten Rosch haschonobrief gab ich nicht wieder ab. fierien Judentum stehe, denke ich fast mit Schnsucht an das niedrige, schmtutzige Beth-Hamidrasch zu U., aus dessen verborgensten Winkel am Fasttage des 10. Toweth der Allerbarmer mich erhört hatte. Ja, wahrlich, keiner: anderen Eindruck kann ich dem Betriebe unserer großen Gottes- Häuser abgewinnen als den des bloßen kalten Markierens von Formalitäten, die nur den Zweck haben, einigen noblen Herren Gelegenheit zum Kaddisch-Sagen zu geben, wenn ich mir dagegen das mächtige glutvolle Dröhnen in jenen: gedrängt vollen Beth-Hamidvasch des Freitag Abends vergegenwärtige, das mit Psalm 29 die Stimime Gottes verkündet, die die Zedern des Libanon zerschmettert und in gewaltigen Fluten über Wüsten und Wälder donnert, um dann ganz allmählich zu verebben und der demütig-feierlichen Stimme des Chasan die Herrschaft zu überlassen, die unserem Volke Friede und Heil verkündet und dann die Sabbathbraut willkommen heißt. Das ist wahrhaft erlebtes Judentum, bei dem das Herz erbebt.... Doch auch bei uns im Westen könnt Ihr wahres, lebendiges Judentum, finden. Leset nur einmal beispielsweise in der ״Arbeiter-Zeitung" vom 4. August 1918 den Artikel ״Friede in Ehren" und Ihr werdet nur recht geben, wenn ich behaupte, daß dieser eines Jesaia würdig wäre. Mögen die Verfasser derartiger Aufsätze auch getauft sein oder in ihrem sozialethischen Bemerkungen und Erörterungen ihre Meinung als den Ausdruck echten Christentums bezeichnen, es ist doch Jüdisches, nur Jüdische;׳ und wahrhaft Jüdisches, das ihrem Innern als Produkt ihrer jüdischen Abstammung und der Geisteswelt -Huer Vorfahren entspringt. Ter Kampf gegen Uebevmut und Herzensroheit, gegen Unrecht und Bedrückung, den diese Blätter, deren Lektüre ich nun der der ״Judenpresie" vorziehe, in heroischer Weise führen, er gehört mit zur wahren Mission des Judentums. Diese Journalisten sind unbewußt und ungewollt bessere nd erfolgreichere Prediger des Judentums als die bestallten Rabbiner von heute. Sie haben das Erbe der Propheten übernommen und g«ü׳ ßeln alles Schlechte u. Falsche unsever Zeit. Was bedeuten unsere Prediger von Beruf nun, da ihnen der Wind aus den Segeln genommen? Es wäre abzuwarten, ob der seitens unserer Parteifreunde mit solcher Genugtuung begrüßte neue Oberrabbiner von Wien neues Leben in die Reihen derjenigen bringen wird, die sich leider die Krone der geistigen Führerschaft entgleiten lietzen und sie solchen Männern überlassen mußten, die das Judentum verraten und gleichzeitig verkünden. Mögen uns endlich Männer erstehen, die wackere Vertreter des Judentums und zugleich auch offene und bewußte Verfechter seiner menschheitbsglückenden Ethik zugleich wären! Dies mein aufrichtiger Neujahrswunsch für unser Volk und gewiß auch der Eurige, denn ich weiß ׳mich eins mit Euch in dem Sehnen nach dem Glück unseres Volkes inmitten einer erneuten, brüderlich vereinten Menschheit. Wien, in: Monate Elul 6678 Leopold Moses. Zur Frage der Berufswahl. 2 Bon Lya Steif, Brünn. Es gibt Leute, die wenn von Berufswahl die Rede ist, denken: ״So jetzt werde ich hören, wie man es machen muß. Ich werde erfahren, welchen Weg ich gehen, welchen zu vermeiden habe, ba'miit ich ja nicht irre, damit ich sicher mein Ziel erreiche. Diese Forderung ist!gewiß naiv. Denn, sowenig jemanden in allen Dingen Straße und Hausnummer an geben kann, so wenig ist di es, im allgemeinen, in dieser Frage nötig. Die jüd. Bernfswahlfraige ist eine allgemein jüdische Frage, die mit der bereits .geforderten unzerstörbaven und lückenlosen internationalen Einheit steht und fällt. Wären wir uns einmal über das Prinzip des Entstehens dieser Einheit im Klaren, hätten wir diese, für alle Schichten der Judenheit existierende und unumgänglich notwendige Einheit, die für uns eine Lebensfrage ist, dann wäre die Ausführung der Wege zur Berufswahl der individuellen Anpassung, dem jewelligen Geschmack und der Veranlagung mit Erfolg überlassen. Fvüher einmal, wenn die Tschechen etwas erreichen wollten, mußten sie Deutsch lernen, deutsche Schulen besuchen und die zweite Generation war schon deutsch und stärkte so mit ihrer Intelligenz das deutsche Lager. Jetzt wo die Tschechen sich aus sich selbst besonnen haben, können sie als Tschechen eine angesehene Nolle spielen. Ebenso müßte es uns ergehen. Wir müssen und können als Juden und nur als das, eine angesehene Stellung einnehmen. Wir müssen aber eine Einheit von innen heraus werden. Solange aber spezifisch jüdifche charakterlose Zerfahrenheit und Ibugöschlosienheit herrscht״ die noch dazu vielfach als besonders klug gilt, müsien wir es uns auch, wie in allen anderen in der Berufswahlfrage gefallen lasier, wie der Vater mit dem Sohne und. dem Esel in der bekannten Fabel behandelt zu werden, dem jeder Vorübergehende sich berechtigt fühlte, Ratschlage erteilen zu dürfen und der zum Schluß erst recht nichts wußte. So wollt man uns vor Jahren durch Zurückfühvung in den landwirtschaftlichen Beruf selig machen. Auch erwartete man von׳ der Ausführung dieses Planes und i«ndem man unsere:: Gegnern gefällig sein wollte, weniger feiMiche

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