Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 19-20 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nummer 19-20 Jahrg. XIX. «-»»,«Preise: Für Oeüerreich-UnGarn, halbjährig . Kronen 720׳ ganzjährig ..Kronen 14•— Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, gangMrig Rubel 6׳— Balkan, Krankretch Mrank» 14׳— lW$«i Redaktion: ‘ Wie« VIII. Lerchengaffe 6 a. Redaktisn und Administration: Brümr, Adlergasie 8 Buchhändlerische Vertretung: Ott» Al»««, ^-äPzig Inserate: die 6-spaltige Petitzeile SV h. Unverlangte redaktionelle Beiträge «»erden nicht ^no. riert. — Manuskripten ist Rückporto deizufügen. Wien—Brünn. fl. Ssptimbir 1918. 29. Elul 5678. Prag—Lemberg. Soeben erschien: HICKL’s Jüdischer 1918-19. Aus dem Inhalte: Beim Dr. Frledr.: Jüdische Qrabdenkmäer in Galizien Benedikt Clotilde: Weil sie Jüdin war Bergmann Dr. Hugo: Ein jüdisches Märchenbuch Birnbaum Dr. N.: Kein Schabbes mehr Bloch Chaim: Die Gemeinde der Chassidim Cohn Dr. Carl, Altona: Was sollen wir tun Dienemann Dr., Rabb.: Judentum u. Friedensidee Fahn Rüben: Das alte Flußbett Freudmann Dr. G.: Belgrad im Kriege Gelles Dr., Rabb.: Messianismus und Weltkrieg Joseph Max: Jüdische Politik König Elsig: Zwei Gedichte. Moser Benzian: Kinderlos׳ MMüller Ernst, Dr.: Psalm 23 Neuburger, Universltäts-Prolessor: Zwei Wiener Aerzte jüdischer Abkunft als Pioniere der Wissenschaft im Orient Rawitsch Meilech: Gott gloiben Schach Fabius, Hamburg: Das neue jüdische Leben — Jüdische Aphorismen Scherlag Lorenz: Ruhlose Zeit Schorlag Marek: Drei Gedichte Tag Bernard: Stehen wir im Judentum vor einer religiösen Erneuerung? Zuckermann Hugo: Ich hab ein Ziel Ehrentafel der auf dem Felde Gefallenen J'ciäUdon Mem erster Neujahrsbrief. Von L. S. Wenn acht Tage vor Rosch haschono in der Schule alle Kinder unter' Leitung des Lehrers ihre Neujahrsbriefe schrieben nach dem bekamtten Muster: Beim Jahreswechsel erinnere ich mich mit besonders lebhaftem Dankgefühle der großen Liebe und unzähligen Wohltaten, die Ihr mir im verflossenen Jahre wie in allen Tagen meines Lebens erwiesen habt u. s. w., u. s. w.-—-;- dann hatte ich es gut, die andern quälten sich und wurden gequält, recht viel Dank zu empfinden und sehr viel Besserung zu versprechen, ich brauchte das nicht, nicht weil! ich weniger Dank schuldig toar, oder Besserung nicht nötig gehabt hatte, sondern ich schrieb nicht mit, weil der Lehrer mein Vater war. Dagegen ging ich denselben Nachmittag oder einige Tage später mit dem Pfiffigsten Gesicht zu meiner Mutter und hatte mit ihr dieselbe Unterhaltung, die meine Brüder schon in vorhergegangenen Jahren gehabt. ״Mutter, gib mir einen Silbergroschen". ״Ein Silbergroschen ist viel Geld, was willst du denn damit machen?" XXXXXXXXXXXXXXXXX Zum Jahreswechsel entbieten unseren Freunden, Mitarbeitern, Abonnenten, Inserenten und Lesern die herzlichsten Glückwünsche כתיבה וחתימה טובה Redaktion und Administration ״Jüdische Volksstimme." xxxxxxxxxxxxxxxxx Rosch haschana 5679. Im Gegensätze zu anderen Feiertagen wie Pesfach, Schebuoth und Sukkoth zeichnet sich das Rosch haschanah-Fest dadurch aus, daß es kein rein Aenßerliches besitzt und daß es vielmehr einen psychischen Hintergrund hat. Es ist eine Verinnerlichung, em in sich Hinemgehen, eine seelische Einkchr, wie es sonst kein anderes Fest aufweist. Strenger Ernst charakterisiert dieses Fest, aber dabei entbehrt es nicht der optimistischen Lebens- und Weltanschauung, von denen es durchweht und durchpulst ist. Rosch haschanah ist eine wichtige Etappe im jüdischen Leben, die Versendung des Geistes, die währeitd^des^ ganzenJahressich bemerkbar ge- ״Das darf ich nicht sagen, das ist ein Geheimnis." ״Nein, wenn du es nicht sagst, kann ich dir soviel Geld -nicht geben." ״Ich sage es dir, aber du mußt mir versprechen, daß du dem Vater nichts sagen willst." ״Kinder dürfen ihrer Mutter keine Vorschriften machen; wenn sie es für recht hält, wind sie es schon, von selbst vor dem Vater,geheim halten." ״Ich will dein! Vater einen Rosch haschonohbrief schreiben." ״Das ist recht, aber schön sauber, hier ist ein Silberjgroschen, ich werde dem Vater dein Geheimnis nicht verraten." Nun wurde ein Bogen Papiar gekauft, so bunt wie man ihn bekommen konnte, und da zu jener Zeit die Briefumschläge noch nicht erfunden waren, man also die Briefe zusannnenfalteu, ineinander schieben und mit Siegellack oder Oblaten schließen mußte, bekam ich zwei schön schillernde Oblaten, eine rote und eine grüne, zu detrn Bogen. Diese Oblaten machten mir so viel Freude wie der bunte Bogen selber, denn für die Korrespondsnz wurden gewöhnlich nur gemeines Aktenschreibpapier und ordinäre Weiße Oblaten benutzt. Damit der Brief nicht mit den! in derSchule diktierten gleich war, wurde ein anderer Eingang gewählt: ״Wieder ist ein Jahr verflossen und ein neues kommt heran", und dann wurden dieselben Gefühle des Dankes ausgedrückt, dieselbe befcheimacht hat, räumt Platz dem tieferen Durch- ׳drungensein von der höheren Weise, die dem menschlichen Leben zuteil werden kann. Es ist die höchste Spannung im jüdisch, menschlichen Leben, denn der Jude erlebt so viel Inneres, daß ihm auch für später ein Reservoir von Idealen zurückbl-eibt. Es ist,ein Vorwärtsdrängen, ein übet sich Hinausgehen umsomehr, da wir geradezu wie auf einer hohen Warte stehend unser Leben überblicken, denn wir vermögen in die Tiefen des ntenschlichen Lebens hiuabzufchauen. Da empfinden wir auch mit Schmerz, daß wir mitunter Niederungen ausgesucht haben, wo wir die Höhen hätten wählen sollen. Rosch haschanah ist ein Erinnerungsfest, ein Fest, das uns längst Verigessenes ins Innere zurückruft, unser Gewissen schärft, unsere Herzen höher schlagen läßt, unsere abgestumpften Gefüh׳ le wieder wachruft und lebendig macht. Das Schofar wird geblasen, die Stövgeister werden verscheucht und der Mensch wird sich de.- Kontrastes, der zwischen der Ewigkeit und Vergänglichkeit herrscht bewußt, um! sich danach zu ׳richten. ׳■ בראש ׳ השנה יכתבו Am Rosch haschanah wird geschrieben, was im menschlichen Leben das ganze Jahr vorkommen wird, alles läßt die Gottheit Revue passieren und kein Wiesen ist von dieser Musterung frei. Hoch und niedrig, reich und arm, gebildet und ungebildet, alle Menschen ohne Unterschied des Standes müssen Rechenschaft ablegeu und ihr Schicksal wird ihnen vorhepbestimmt. Was wir immer zu sagen pflegten, ohne ohne etwas Tieferes dabei empfunden zu haben, davon haben wir uns während der 4 schrecklichen siILliBHjBB*■■ 1 juLj■!!!׳'PilljillB bene Versicherung, daß man soviel Liebe unverdient genossen, oft durch Mangel an Fleiß und Ungehorsam sich derselben unwürdig gemacht und dieselben Versprechungen hinzugefügt,- daß daß man, im folgenden Jahve bestrebt sein werdet usw., wörtlich so wie iim; offiziellen Schulbriefe gestanden. Trotzdem war ich stolz auf meinen, wie ich mir einredete, selbständig verfaßten Brief. Der Brief wurde gefältelt, auf die Vorderseite di!e Adresse des Vaters geschrieben und dann wurden die zwei wunderschönen Oblaten zum schließen benutzt. Am Evow Rosch haschono wurden die Festkleider schon drei Stunden vor Beginn des Festes ungezogen, denn zu Ehrendvs Festes gab es funkelnagelneue und die mußten doch so schnell wie möglich den Kameraden gezeigt werden. — Diesmal war es ein Kittel aus silbergrauem Sarsenet — Nussenkittel heißt man jetzt dies Kleidungsstück, das früher alle deutschen Knaben trugen — und mit unendlich vielen Weißen Porzellänknöpfchen war er verziert, und anstatt des bisherigen Gürtels aus Lackleder gab es etwas ganz neues, hochmodernes, einen Gürtel aus elastischem Gummi mit einer breiten gelben Schnalle. Da die Kameraden diesen Gürtel auch einmal in der Hand bewundern wollten, siel der Brief,, der unter dem Kittel an meinem Herzen ruhte, unbemerkt zur Erde, und als!die Zeit der Verwendung kam, war er verschwunden. Die Brüder hatten ihre Briefe schon unter die Bartoforitö ״Ms Wischen MskMer".