Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 9-10 (3.5.1918)
- Date
- 1918-05-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 910. jüdische BslttstimE ttli 3 Polizisten malträtieren auf allen Bahnhöfen die vorbeifahrenden Juden und schleppen täglich Zehnlinge ״Verbrecher" durch alle Straßen der Stadt, deren Verbrechen größtenteils im Besitz von lächerlich gerimigen Lebensmittelquantitäten besteht. Als Beispiel möchte ich eine Requisition anführen, die in meiner Gegenwart in einem der größten Spezereiwarengeschäfte in Rzezow vorgenommen wurde und deren Ertrag aus drei Dekagramm Tee, 10 Liter Himbeer, zwei Gläschen Senf, zwei Kilogramm! Bonbons und 20 Liter Essig bestand. Der ״Hamsterer" wurde unter großem Wacheaufgebote und Aufsehen dem Strafgerichte übergeben, das feststellte, daß für ein offenes Geschäft derartige Quantitäten wahrlich nicht zu viel sind. Derartige Ch-ikannen sollen die Bevölkerung auf die wahrhaft ״Schuldigen" aufmerksam machen und die richtige Pogromstimmung schaffen. Eli. ׳Niederreißen und Ausbauen. Bei gelegentlichen Gängen durch die Straßen Wiens kann man jetzt auf Schritt und Tritt geschlossene Geschäftsläden finden, auf deren Türen Zettel mit Aufschriften wie ״Auf Kriegsdauer geschlossen", ״Wegen Einberufung geschlofsen", ״Wegen Warenmangels geschlossen" u. a. m. prangen. Ganze Stvaßenzüge liegen verödet da und dies an Geschäftstagen und zu Arbeitsstunden. Aber auch die Menschen, die man in den Wohnvierteln die Gassen beleben sieht, machen einen wesentlich anderen Eindruck als zur Zeit des seligen Friedens, die einen verhungert, verstört und abgehärmt, die anderen gezwungen ausgelassen, kein Mensch natürlich heiter und zuversichtlich. Sie alle sind im unseligen Wirbel der Kriegsereignisse hart mitgenommen u. scheuneu einer harten Sühne unterworfen zu sein. Und melancholisch sinnen wir dem Vergehen nach, das unsere Zeit solch harte Strafe einträgt. Es muß ja etwas faul gewesen sein an unserem Leben vor den! Kriege und vielleicht läßt sich dieser wunde Punkt kurieren, wenn wir ihn finden. Denken wir also prüfend an die Zeit vor den: Kriege zurück/ so will es uns scheinen, als wäre eines der Hauptmerkmale Neses letzten Jahrzehnts eine unersättliche Genuß- und Gewi:nsucht. die alle Schichten erfüllen und der nichts heilig war, ein Annerikammsus in verschlochterter Auflage nach Europa übertragen. Und wie sah es erst bei unserem Volke aus? In unserer überwiegenden Mehrzahl vergaßen wir — namentlich, was Mitteleuropa anlangt — unserer großen Ehrenpflicht, taten alles, nur nicht das, was jüdisch gewesen wäre, und tanzten tu erüer Reihe mit ums goldene Kalb. Und es ist nicht mehr als natürlich, daß diesem Wirbel nunmehr diese Zerstörung gefolgt ist und roischen Selbstlosigkeit ״ganz ohne Fehl, rem ohne Mackel". Das Mindeste kann schon diese ideelle angestrebte Reinheit stören. Dem ״Jluj" Chananju sind die Jahre gekürzt, eine große Busse mußte er auf sich nehmen bloß Weil ״seine Klügeleien in der Thova (als Gelehrte) sind nicht der Sinai". Die Lehre durchleben, und nicht begründen! Ein frommer Vorbeter erhält sein ״Obkumenisch" (Busse), weil er einen Augenblick lang sündigte: sein Weib küssend, sah sein Auge die schöne Herrin!. Die Seele des großen Gelehrten in ״Lo sachmod" wird noch einmal verwandelt, weil er einen Augenblick nur die .׳Goiim" in der Schenke beneidete, die da trinken und gemütlich plaudern, aus großem Zugebundensein untereinander, und die Schwierigkeaten der Thoragrüblerei nicht kennen. ״Heilig sollt ihr sein, weil. . Nur die Absicht sundigt! Und nun die einfachen Seelen, für die me Thora ein versiegeltes Buch ist und «in Talmid- Chochem — ein Ausländer? Leben Ne etwa m der Gnade der Lamdonim, der Gelehrten Aristokratie? Nein, Ezechiel, als erster, prophezeite: ״der Vater ist nicht verantwortlich für den Sohn"; das individuelle Sich-Beziehen zur Verantwortung für exiratische Handlungen lebt bis heute im Volke und führt es, in seinem Leidensweg. zu ständigem Sich-Läutern. ״Nur durch meine eigene Gottesgunst Un ich Judo geblieben", betont der Kantonist in "'s ist gut". ״Nicht hie Feingeborenen, sondern die selbst hinaufgedaß buchstäblich, wie es Hl. B. M. 26. 34, heißt, das Land jetzt jene Sabbathe abzahlt, die es sich selbst und der Gesundheit der Weltgeschichte schuldig geworden ist. Und nun, sollten wir nicht doch einmal aus der Geschichte lernen und diesem Niederreißen, das ja schließlich nicht das erste ist, ein Aufbauen folgen lassen, das die Gefahr solcher! Katastrophen verringert, wenigstens so weit es uns im Persönlichen und volklichen Leben möglich ist. Wir würden dadurch auch den anderen Stationen ein gutes Beispiel geben zur Gesundüng ihres täglichen Lebens und manchen Stern des Anstoßes wegräumen, den wir bisher in Verblendung vielleicht gar für einen Eckpfeiler hielten. Da wir grundlegend beginnen müssen, leuchtet es ein, daß eine entsprechende Änderung ver Erziehung das erste Postulat sein muß, eine Änderung, mit der auch eine Erziehung der Erwachscnen Hand in Hand gehen müßte. Und da kommt zur rechten Zeit ein kleines Schriftchen*) und gibt ׳dem allgemein verbreiteten Gefühl beredten Ausdruck, daß es so nicht weiter gehen könne und ein Riegel vorgeschoben werden müsse, wenn nicht der Schaden irreparabel werden soll. Der Herr Rabbiner spricht uns ganz aus dem Herzen und scheut auch vor der kühnen Forderung nicht zurück, daß an den allgemeinen Volksschulen der Unterricht an Samstagen über- Haupt zu entfallen habe, oa gegenwärtig dm Ge- Wohnung in! der Schule, auch wenn formell nicht geschrieben wird, zur gänzlichen Außerachtlassung des Säbbath im Leben den stärksten Vorschub leistet. An Stelle des schulfreien Sonntages könnten ja die üblichen zwei schulfreien Niach? Mittage in der Woche entfallen und wenigstens auf diesem Gebiete wäre die Gleichberechtigung unseres Volkes tatsächlich durchgeführt, auf einem Gebiete, wo sie viel mehr in die Breite wirken und uns allgemeine Achtung einbriugen müßte, als etwa die Zulassung einzelner Juden in den Generalstab u. dgl. mehr. Das Kind, das schon in der Schule zwischen Sabbath und Werktag unterscheiden und am Gottesdienste teilzunehmen gelernt ha,t wird viel mehr Widerstandskvaft ins Leben bringen. Warum bleibt der Herr Rabbiner aber dabei stehen? Ist es denn so ganz und gar undenkbar, auch von dem. Erwachsenen die Sabbathruhe zu fordern?! Leider kommen aber derartige Vorträge und Schriften den maßgebenden Kreisen ontweder gar nicht zur Kenntnis oder werden mit Achselzucken abgetan, so lange nicht eine Volksbewegung sich diese Ziele setzt und die seit Jahren erstrebte Zusammenfassung der Kulutsgemeinden und ihre Umwandlung in wirkliche jüdische Gemeinden vollzogen ist, in deren Mitte bei Fra- *) Wie erziehen wir unsere Kinder zum Judentum? Ein Vortrag. Von Rabbiner Dr. I. Ziegler, Karlsbad. Prag 1918. Vrlcpg ״Selbstwehr". Preis 1 Krone. klommenen liebt man bei uns", erklärt der Wächter des Paradieses. Und die ״stummen Seelen"? Wenn nur in ihrem Herzenein Feuer aufflackert, ein Feuer von großer Liebe zum Weltschöpfer, so daß ״gute und schöne Taten darin wie Opfer verdampfen", erreichen sie die höchsten Stufen, Ne es im geistigen Glück gibt. Der Fischer Satia, den Wasserträger Jochanan, der Jüngling mit der Baßgeige, der Jude vom ״Schatz", sie alle finden gerade den kürzesten Weg zu Gott. Nicht nur dein Zaddiks Schir-hasehirim — singen macht den Baum im Walde grünen; das schlechte Buchstabieren des Amhaaraz's Jochanan beim Psalmenlesen belebt die am Balken des Bethauses gemalten musik. Instrumente, ״jedes antwortet ihm anders gestimmt, und Vögel fangen Ne Worte und entfliehen mit ihnen"; Pfeift der Baßgeigenspieler, »so wird ein Getümmel im Himmel, kommen Vögel in die Höhe geflogen und er lächelt ihnen zu". Eins mit der Natur! Glaubensglück! . . .Wollt ihr das Geheimnis der Jüdischfeit lüften, wollt ihr hineinsehen in das Herz unseres lebendigen Volkes, dann blättert nur in den ״Volkstümlichen Geschichten" von Perez! Ist es euch schwül durch die graue Alltäglichkeit des Lebens, tauchet unter und laßt euch bespülen von unserem Nationalschatz! Prag. Samstag-cholhamoed-Pessach 5678. ge!r der Erziehng die dazu in erster Linie berufeneu Lehrer die Entscheidung zu treffen haben, frei ich Lehrer, die verläßlicher Gesinnung sein und von einer zentralen jüdischen Aufsichtsbe- Horde eingesetzt werden müssen. So lange in diesen Punkten kein Wandel eintritt, muß alles, was über dieses Thema gesprachen und geschrieben wird, im Winde verwehen. Die KulLusgemeinden in ihrer jetzigen Form mögen ja gang gute lokale Verwaltungskörper sein, wie das bei ihrer Zusammensetzung aus Advokaten und Finanzmäunern gar nicht anders zu erwarten ist, — aber sie verwalten das Judentum zu Tode. Der jüdische Kongreß wivd nur dann segonsreich wirken, wenn er zum Ausgangspunkt einer Umgestaltung im beschriebenen Sinne wird imb damit der Erziehung unserer nächsten Generation zum Judentum den Weg bahnt. Eine Gesundung unseres ganzen Lebens in der Zukunft wird die Mühe lohnen. Leopold Mosrs. Brief aus Belgrad. Seit einigen Monaten ist Herr Jakob Hofs» mann, der in weiten Kreisen wohlbekannte Be» zirksrabbiner von Radautz, hier als k. und k. Feldrabbiuer für den Bereich des k. und k. Mil.» Gen.-Gouvernements in allen Zweigen der Militärseelsorge segensreich tätig. Dem Eifer und dem geschickten Eintreten für die Sache ist ׳es zu verdanken, daß es Herrn Rabb. Hofssmjann geungen ist, von den Militärbehörden Ne G«n>ehmigung zuerlangen (und dies zum ersten Male!) im Etappenraume jüd. Mannschaft die Errichtung von rituellen Küchen zu ermöglichen, bezw. bei geringer Anzahl Verpflegsartikel in natura auszufolgen. Hier in Belgrad ist bereits eine solche rituelle Küche im Betriebe. Ferner war- Rabb. Hoffmarm um Ne Versorgung mit Maz» zoth und um die Verköstigung der israül. Mann» schaft an den Pessachtagen bemüht und sein Be» streben war von bestem Erfolg gekrönt. Auch diesbezüglich fand Herr Rabb. Hofftmgun bei' den militärischen Behörden und Kommanden allseitiges Entgegenkommen. Besonders hervor-- zuheben fei, daß Herr Major Chromek des Etap- Pen-Baons Nr. die Bemühungen des Feldrabbiners in jeder Weise förderte. Das Gelingen ist umsohöher einzuschätzen als die hiesigen beid!en (aschken und sephard) Gemeinden sowohl iinr materieller als in orgamisatorischer Hinsicht infolge Mangels an Mitteln und Erfahrung keine Unterstützung leihen konnten. An den beiden Sederabenden, bei welchen Herr Rabbiner Hoffmann in Anwesenheit zahlreicher Offiziere feierliche Ansprachen hielt, und an allen Festta» gen war No Mannschaft reichlich und vorzüglich versorgt. Dreimal täglich wurden je 600 Mann ausgespeist. Trotz aller Vorarbeiten wäre dies nicht so gelungen, wenn nicht die Frau Feldrabbiller, gäorene Schlesinger aus Wien, ununter-, brachen vom frühen Morgen bis zum späten Abend an diesen Tagen Übermennschliches geleistet hätte. Durch Überwachen und tätiges Zugveifen jeder Küche und beim Verteilen der Speisen sorgte sie, daß alles in bester Ordnung sich abwickle und jeder Soldat zufriedengestellt sei!. In bewegten Worten dankten die Soldaten, daß es ' ihnen zum ersten Male gegönnt war, auf okku- Piertem Gebiete die Pessachtage in traditioneller Weise zu begehen. Auch Ne Mannschaft des übri» gen k. und k. Okkupationsgebietes wurde mit Mazzoth beteilt, und für dieselbe ebenso wie für die Belgrader israel. Mannschaft die Dienstfreiheit an!den ersten und letzten Festtagen erwirkt. Streiflichter. Wie weit wir in Österreich noch von Wirk» licher Gleichberechtigung entfernt sind, zeigt ein einziger Blick in die offiziellen Hand- und Adreßbücher, die in rührender Übereinstimmung die Zurücksetzung des Juden in jeder Beziehung demonstrieren. Nehmen wir z. B. das ״Hof- und Staatshandbuch der österr.-ung. Monarchie" zur Hand, so finden wir in allen Kronläindern — und dies im Jahrgang 1917, nach allen söge-