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Jüdische Volksstimme · 1918-04-19 · Heft 7-8 (19.4.1918) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIX (1918)
Issue
Heft 7-8 (19.4.1918)
Date
1918-04-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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nt. 7 8. Seite ö. Einen kleinen Fortschritt bedeutet die Gründung -es Vereines ״Zukunft". Wenn auch der Umfang der Tätigkeit dieses Vereines in keinem Verhältnisse zur notwendigen Fürsorge steht, so nähert sich sein Arveits system doch schon jenen Richtlinien, die wir für eine geregelte Arbeitsleistung erwünschen können. Aber was ich Ihnen in meinen heutigen Ausfüh rungen sagen möchte ist, daß diese Fürsorge in einem weiteren Umfange als dies augenblicklich geschieht, statt finden müsse. Diese Notwendigkeit ergibt sich auS den gegenwärtigen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen. Wenn wir uns um einige Jahrzente zuriickversetzen, so sehen wir noch, daß die Jugendlichen, die aus der Schule heraus- oder in das Leben hineintreten, aus einer Familie, in der sie als eigenes Kind, oder als Pfle gelinder waren, oder aus einem Erziehungsheime, wiederum in eine andere Familie kamen, sei es nun in die eines Handwerkers, oder Kaufmannes, oder sonst in eine andere, in der sie als Familienmitglieder aufgenommen u. behandelt wurden. Wir haben nun allerdings glücklicher Weise noch recht viele Kinder, die nach dem Verlassen der Schule in ihrer eigenen Familie verblei ben können. Wir haben aber auf der anderen Seite eine Ltutzerordentlich große Zahl von Kindern, welche nicht wie früher in das patriarchalische Verhältnis zu einem Lehr- Herren traten, sondern welche sozusagen auf das Pflaster des Lebens geworfen werden, um zu sehen, wie sie sich dorten Ellenbogenbreite verschaffen. Man mag das schwinden der patriarchalischen Zustände beklagen, zu rückführen wird sie uns niemand.Wir müssen nun zu diefern Zustande Stellung nehmen, denn es geht nicht an, daß wir eine große Anzahl schlecht, oder gar nicht behütter Jugendlicher in einem Alter, in welchem ihnen noch .jede Einsicht und sittliche Reife fehlt, den Lockungen und Schädigungen der Straße ausgesetzt und die schon v, ,14. Lebensjahre ab ihren Weg durch das Leben allein gehen lassen. Es geht nicht an, daß wir ihnen sagen: ..Du bist jetzt 14 Jahre alt, Du mußt trachten. Dich allein fortzubringen." Haben wir Kinder vor uns, welche ihre beiden Eltern noch haben, so ist eine Fürsorgetätigkeit nur im be schränkteren Umfange notwendig und müßte dies in besonders taktvoller Weise geführt werden. Wer auf diesem Felde arbeitet, mutz klaren Blickes in das Leben schauen und sich sagen: Trotzdem die Estern vorhanden sind, ist das doch eine Familie, neben der, oder für die, wir helfend einspringen müssen, weil Voraussetzungen gegeben sind״ die, wenn sie sich ungehemmt weiterent- .Wickeln, eine Schädigung des Gesamtwohlcs herbeifüh ren, welche es uns bedauern lassen, daß hier die elterli 'djen Rechte nicht anerkannt, oder eingeschränkt werden ckönnen, trotzdem sie zur Verwahrlosung, zum Elend und Verbrechen führen. Es ist für ein Kind oft viel schlimmer einen Vater am Leben zu haben, wenn der selbe ein Trunkenbold oder Müßiggänger ist, oder eine Mutter zur Seite zu haben, die einen lasterhaften Lebenswandel führt, als wenn der eine oder der andere Teil des Elternpaares nicht mehr am Leben wäre. Es muß also die Fürsorgetätigkeit imstande sein eine solche Familie herauszugreifen und es in verstanduisvoller Weise einzurichten wissen, daß von diesen Eltern alle jene Bedingungen erfüllt werden, die ihnen das Gesetz vorschreibt, oder es müßte für die Kinder in anderer Weise vorgesorgt werden. Umfassender müßte aber die Fürsorge für jene Kinder einsetzen, für die ein Vater nicht mehr vorhanden ist. Hiebei will ich bemerken, daß als sosche Kinder nicht nur jene anzusehen sind, die den Vater durch den Tod verloren haben, sondern auch solche, deren Vater die Mutter verlassen hat, uneheliche Kinder, um die sich der Vater nicht kümmert, also alle diejeni gen Kinder, für die kein Vater sorgt. Ist das Problem der Jugendfürsorge im Allgemeinen von außerordentlicher Wichtigkeit, so gewinnt die Fürsorgetätigkeit für die schulentlassene Jugend immer mehr und mehr an Aktualität. Die Verhältnisse während des Krieges haben es mit ssich gebracht, daß die Jugend sichen während des Krieges vielfach in Kriegsindustrieen beschäftigt werden und in diesen Löhne erzielen, die weit über das bisherige Maß hinausgehen und daß diese Jugendlichen eine Selbständigkeit erlangten, die ihrer weiteren Entwicklung in vielen Fällen nur zum Schaden gereichen wird.Sie werden aus diesen Betrieben bei Frie densschluß entlassen und wir werden uns dadurch einer großen Zahl unqualifizierter, jugendlicher Arbeiter ge genüber sehen, der es schwer sein wird, bei geregelten Jndustrieverhältniffen eine Stelle zu finden, die sich aber andererseits nur sehr schwer mehr in die früheren Verhältnisse zurückfinden wird. Es liegen auch Anzeichen dafür vor, daß das Kleingewerbe allmählich aus dem Wirtschaftsleben verschwinden wird und daß es daher in den seltendsten Fällen möglich werden dürfte, diese Jugendlichen in Kleinbetrieben als Lehrlinge unterzubringen. Um einen Nachwuchs an qualifizierten Arbeitern zu ha» den, werden die einzelnen Jndustrieunternehmungen daran denken müssen, in ihren Betrieben Lehrwerkstätten einzurichten. Wenn auch diesen FabrikSlehrlingen ein Lohn bezahlt werden dürfte, so wird dieser nie hinreichen, den Unterhalt des Lehrlingzu decken. Das meiste Interesse, einen ordentlichen Nachwuchs an Arbeitern zu bekommen, müßte aber der Staat haben. Es wäre daher an geeigneter Stelle, die Schaffung einer Einrichtung anzuregen, die diesen Jugendlichen die jetzt in der Kriegsindustrie tätig sind, die Möglichfeit gibt, sich zu qualifizierten Arbeitern auszubtlden, wobei auf diese Jugendlichen auch in der Weise eingewirkt werden könnte, daß ihnen während ihrer Lehrzeit Erhaltungsbeiträge bewilligt werden unter der Voraussetzung, daß sie wieder ass Lehrlinge in Handwerks- oder Fabriksbetrieben eintreten, also etwa eine subventio» nierte Lehrzeit. Hier mitzuwirken ist Pflicht aller sozialdenkender Menschen. Bei der Fürsorge für die schulentlassene Jugend im Allgemeinen möchte ich noch darauf Hinweisen, daß es nicht ratsam erscheint, alle Kinder einem Berufe zuzuführen, der sie weit über das in ihrer Familie gewohnte Niveau erhebt und nur in ganz ausnahmsweisen Fällen, bei ganz besonderer Eignung wäre eine höhere Ausbifdung zu veranlassen. Immer müßte aber darauf hingewirkt werden, die Schützlinge einem Berufe zuzuführen, den sie voll auszufüllen vermögen. Schwankt der Entschluß zwischen zwei Gewerben, so wäre dem entwickelteren der Vorzug zu geben. Aber immer müssen wir von der Wichtigkeit der Wahl des Lebensberufes für die Schützlinge durchdrungen sein und uns die schweren Folgen eines begangenen Mißgriffes hiebei vor Augen halten. Wenn wir heute die Kinder bloß deshalb Schuhmacher, oder Schneider werden lassen, weil gerade eine Dame, oder ein Bekannter eine derartige Stelle offen hat, so zwängen wir Kinder in Berhälnisse hinein, die gar nicht ihren individuellen Neigungen entsprechen und bewirken so das Anschwellen der Unzufriedenen. In der Regel müßte demnach die Fürsorge für die schulentlassene Jugend mit der Berufswahl beginnen. In einzelnen Fällen stellt es sich aber heraus, daß die geschwächte Gesundheit des Schützlings den sofortigen Eintritt ins Erwerbsleben, ohne ernsten Gefahren ausgesetzt zu sein, überaupt nicht zuläßt. Es ist dann immer wichtig, durch eine Erhulungsmöglichkeit den Jugendlichen soweit herzustellen, um ihn einem leichteren Berufe zuführen zu können. In jedem Falle muß aber bei der Berufswahl eine ärztliche Untersuchung darüber stattfinden, ob das Kind nach seiner körperlichen lind geistigen Entwicklung imstande ist, gerade in dem Fache eine Stelle zu bekleiden, welches für dasselbe ausgesucht ist. Wie wäre nun die Fürsorge für die schulentlassene Jugendlichen durchzuführen? Mögen Sie ein System nehmen, welches Sie wo!- len, dasjenige, welches nach den Erfahrungen gerade für die heranreifende Jugend das geeigneteste ist, wird immerhin das Pflegersystem sein, bei welchem wir aber als Grundstock für die Pfleger nicht diejenigen nehmen, die uns materielle Hilfe leisten, sondern diejenigen, die durch ihre persönliche Tätigkeit, durch ihre Mitarbeit, uns das wahre Element geben, auf dem eine solche Fürsorgetätigkeit entwickelt werden kann. Hiebei ist meiner Meinung nach zu berücksichtigen, daß wir nach den Erfahrungen mit den freiwilligen Helfern allen das Auskommen nicht finden können, wenn auch die freiwillige Mitarbeit nicht ausgeschaltet,' ja vielmehr nach Tunlichkeit herangezogen werden soll. Aber auch diesen freiwilligen Pflegern müßte in Kursen und Vorlesungen, wenn möglich auch in praktischen Uebungen ein gewisser Grad von Sachkenntnis beigebracht werden. Jede Fürsorgetätigkeit, die für die Schulentlassenen speziell eintritt, muß sich dessen bewußt sein, daß die schulentlassenen Pfleglinge eine ganz besondere Kategorie innerhalb der in Betracht kommenden Jugend darstellt, daß die, welche die Schule hinter sich haben, im Alter von 14—18 Jahren eine Altersklasse bilden, auf welche einzuwirken Pflicht der Gesellschaft ist und unser Gesamtwohl außerordentlich fördern kann. Wenn also gerade dem Schulentlassenen eine besondere Fürsorgetätigkeit zugewendet Wvrden soll, so muß diese schon an die Zeit anknüpfen, wo das Kind sich noch in der Schule befindet, muß in vollständig geregelter Art und Weise eintreten, ehe das Kind in das Leben eintritt, so daß, wenn die Zeit der EAtlassung da ist, bereits ein Beruf für das Kind gewählt und für geordnete Verhältnisse gesorgt ist. Es müßte genau festgestellt sein, für welche Kinder eine Fürsorge notwendig erscheint und für diese dann zu geeigneter Zeit die Wahl des Berufes, die Ausfindigmachung der Lehrstelle und die ordentliche Unterbringung während der Lehrzeit gegeben sein. Haben wir so für die Berufswahl Lehr- oder Arbeitsstellen, sowie für geordnete Unterkunft und Verpflegung vvorgesorgt, so wird es sich darum handeln, daß dem einzelnen Schützling ein Menschenfreund als Pfleger zugewiesen werde, der diesem Pflegling für zumindest die nächsten 3—4 Jahre in allen Lebenslagen zur Seite steht und so gut es eben geht, bei diesem die Vaterstelle zu er» setzen versucht. Diese Fürsorge des Pflegers muß sich auf das leibliche und geistige Gebiet, auf die Hebung der Intelligenz und des Charakters erstrecken. Es wäre ein Einwirken des Pfsegers oder der Pflegerin durch persönlichen Verkehr mit dem Schutzbefohlenen geboten. Der Pfleger, beziehungsweise die Pflegerin soll sich von Zeit zu Zeit um den Schützling kümmern, ihn in der Arbeitsstätte aufsuchen und ihn auch gelegentlich einmal in sein Haus kommen lassen. Ein freundliches, auf rechte Pfade weisendes Wort, ausgesprochen bei einer an einem arbeitsfreien Nachmittag mit Liebe gereichten Taffe Tee, kann, so trivial dies klingen mag, Wunder wirken. Es müßte getrachtet werden, durch Fach- und Fortbildungsschulen das Bildungsniveau zu heben, auf die körperliche Entwicklung durch Leibesübungen, Sport usw. einzuwirken, den Spartrieb zu wecken und überhaupt auf eine harmonische Entwicklung der Persönlichkeit hinzuarbeiten. Von besonderer Wichtigkeit ist es gerade bei diesen Jugendlichen auf das religiöse Moment in der Erziehung Gewicht zu legen, denn es ist zweifellos, daß ohne Religion der Charakter bei diesen Jugendlichen nicht im gewünschten Maße gebildet werden kann. Das sind die Grundzüge, die mir auf dem Gebiete der Fürsorge für die schulentlassene Jugend zu trachten notwendig erscheinen. Wenn die Zeit es mir auch nicht gestatte, mich kn weiteren Details zu ergehen, so seien Sie doch über-, zeugt, daß ich noch so manches zu sagen hätte, oenn ich bin tief durchdrungen davon, daß hier ein Stückesziale Arbeit vor uns liegt, von dessen gewissenhafter Durchführung die Zukunft unserer Gesellschaft abhängt. Zum Schluffe möchte ich meine Ausführungen in folgende Sätze züsammenfaffen: Es wäre die Gründung einer Organisation zur ׳Fürsorge für die schulentlassene Jugend anzustreben. Als Richtlinien hätten dieser Organisation drei Punkte zu dienen: 1'. Die Fürsorge für die schulentlassene Jugend müßte mehr ausgebaut und in erster Reihe den ver« waisten und verlassenen Kindern zugewendet werden. 2. Die Fürsorge iist auf dem Plegershstem aufzubauen und durch persönliche Tätigkeit auszuüben. 3. Die Fürsorge hat sich auf die Mitwirkung bei der Berufswahl, Ermittlung von Lehrstellen, Förderung des Wohles der Schützlinge in sittlicher, geistiger, körperlicher und wirtschaftlicher Hinsicht und zu mindest auf die Dauer der Lehrzeit zu erstrecken. Wenn sich die jüdischen Frauenvereine in Wien zusammenschließen würden, um die heute von mir gegebene Anregung zu verwirklichen, so wäre damit ein ganz außerordentlicher Fortschritt auf dem Gebiete der Jugendfürsorge erzielt und es könnte ein großer Teil unserer schulentlassenen Jugend vor Verderbtheit und Verrohung gerettet und zu ordentlichen Mitgliedern der Gesellschaft herangebildet werden. Ich glaube, daß alle hier im Saale Anwesenden, sich darüber einig sind, daß es das Wichtigste ist, unsere Jugend nicht verwahrlosen zu lassen, sondern unsere fördernde und schützende Hand schon vorher ausstrecken und ihnen ass Helfer zur Seite zu stehen. Wenn Sie alle dieser Anschauung sind, dann zweifle ich nicht, daß es Ihnen nicht schwer fallen wird, eine solche Fürsorgetätigkeit zu entfalten. Der Umstand, dctß eine solche Aktion mit ganz außerordentlich großom Aufwande an Geldmittel verbunden ist, möge Sie nichr abschrecken, denn ich bin überzeugt, daß mit vereinten Kräften auch dieses Hindernis bewältigt Verden kann. Brief aus Wien. Jirij der politischen spielen sieh für Jahrhunderte hinaus entscheidende Ereignisse ab. Das Wirtschafts- und Kulturleben der ganzen Welt erfährt!eine Umgestaltung von Grund aus. Leben auch die Juden auf dieser Welt? Werden auch sie von den Welterschüttevungen betroffen? Eiin Ausblick auf das Leben und Treiben der Wiener jüdischen Oeffentlichkeit ließe vermuten. Mir lebten auf einem weltentrückten Fixsterne, uns ginge das profane Leben der ma- Leriialistischen Menschheit gar nichts an. Wir wursteln fort, wählen in aller Stille unsere KultuSvorstände wieder, feiern Bar-Mizwahs, bestatten unsere kaiserl. Räte in Anwesenheit der und jener Persönlichkeiten unter kantoraler Begleitung des Oberkantors X und bauen unsere niedergebrannten Tempel in erneuter Pracht wieder «auf. Daß tausende Juden durch die Preistreiberei und abertausende durch Kriegselend und -Not deklassiert wurden, daß Tuberkulose u. Geschlechtskrankheiten auch bei uns ein« m

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