Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 7-8 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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K-h- 4. Nr. 7 S. heimliche Verbreitung gefunden haben, die Kindttsierblichkeit bei» uns nicht haltgemacht hat und unzählige Erwachsene heimu. LwtloS durch die Straßen rennen, daß unsere politische Entrrchtuna von Tag zu Dag -mummt, daß unsere Zugerch nicht nur dem Judentums sondern der menschlichen Kultur überhaupt entfremdet zu Kino- und Premierenhelden erzogen werden!» daß Zchntausende durch ein schändliches -Wohltätigkeits "-System /ihres Selbftbewustseins berjaubt -u niedrigen Schnorrern werden; Wen kümmert all das? Und wann aus Galizien Notrufe kommen, die an die Tage von Kischinew erinnern, wenn die rspatrierten Flüchtlinge von der polnischen Bevölkerung boykottiert und den polnischen Be- Hörden schikaniert werden, wenn die Zustände in den;Wischen Waisenhäusern, mtt denen so mancher -Titel und Orden" verdient wird, jeder Menschlichkeit und jeder Pädagogik hohnsprechen, so geschehen doch all diese Dinge gang fern im finsteren Galizien und inwieweit hier so unter Ausschluß der Oeffenüichkeit. Diese zählt noch immer die kais. Räte in den verschiedenen Vorständen und begnügt sich mit den gut ״bearbeitelen" Rechenschaftsberichten. Ja doch waS hat sich in der letzten Zeit im jüdischen Men zugetragen! Im 20. Bezirk ist eine öffentliche Versammlung zwecks sofortiger Gründung einer zionistischen Lesehalle abgchalten worden. Fast hätte ich davon nicht berichtet!! Nicht viel für die große Zeit? Nun dann hat auch die ״Agudath Israel" letzthin eine Konferenz abgehalten. ״Judentum" scheint ein gutes Geschäft zu sein. Denn die alle Zionisten und Orthodoxen, rSraelitichen Teutonen und mosaische Polen xp\ Herr sich um! ein Patent auf Judentum. Aber die Juden? schaft; starke Anspannung aller Mittel der Bovenerzeugung, der mineralischen, metallugifchen u. chemischen Gewinnung; mäßige Besserung der Valuta, starker Geldbedarf". Wie soll die Uebevgangswirtschaft diese ihr gestellten Probleme lösen? Rathenau sieht nur einen Weg: Es ist nötig, den Effekt menschlicher Arbeit so zu steigern, daß die Produktion vervop- Pelt werde. Was 40 Milliarden Gütererzeugung nicht erschwingen, das leisten 80. Mr Missen mir Kräften und Stoffen Haushalten. Wohlan, verwandeln wir die Wirtschaft in eine durchdachte und organisierte, so wird der Zwang der Verhütnisse uns zugleich zur GerechtiAeit führen. M-nMich°r M11W1 hängt in, »jttet isinie Somotau i. Böhm. DaS im Kom-t-u vom Nutzeffekt L« Arbeit ab-, d»«s« Effekt ab« nende sogenannte deutschnationale -Deutsä« kann ms Undendliche gesteigert werdm: dm»! Volksblatt". welches seit Monaten die mitisemi. durch Forderung des Wirkungsgrades der Arbeit, tischen Verhetzung der Bevölkerung im der rüdesten nicht ändern wird, bedroht unsere Existenz/ Dieser Tatsache sollten wir endlich emtrnl ins Auge sehen. Der hoffentlich bald zufarnmentrü tewde jüdische Kongreß in Österreich und das Zentmlqmjt für jüdische Angelogenhjeiten, .das es schaffen wird, haben hier ein reiches und unermüdlich wichtiges Feld für sachliche und praktische Betätigung. TO Die neue Wirtschaft. Ob die Menschheit nach vier Jahren Krieg sehend geworden ist? Man kann es füglich bezweissln, WM Man sicht, wie hilflos» Ne große Menge dem Geschehen gegenüborstcht, ohne Kenntnis vom, Ursachen und Folgen, nur ausgeliefert der mächtigen Suggestion der Tagespreise. Danbar müffen wir darum einen Versuch begrüßen, der in leichtzugänglichor Fovm, die Kriegsprobleme oder einen Teil von ihnen mit unbestochenev Sachlichkeit zur Diskussion stellt: Walter Rathenaus, des Direktors der Berliner Allg. Elektrizitätsgesellschaft, 80 Seiten-Büchlein -Die neue Wirtschaft". Rathenau, (dessen letzte Schrift der Vertei-digung feines — allerdings sehr blassen — Judentums galt) hat in seinem früheren Buche die Probleme .der Friedenswirtschaft erörtert und als Grundsatz künftiger WirtschaftsgeMtung ausgestellt: ״Wirtschaft ist mcht mehr Pripatsache, sondern Sache der Gemeinschaft". Diesmal zeigt er in kongreter Form, wie er sich den Erngriff der Gemeinschaft in das Wirtschaftsleben denkt. (״Die!neue Wirtschaft", S. Fischer Verlag Berlin. Mk. 1.60). Daß dieser Eingriff nowendig sein wird, darüber läßt Rathenau in einem sehr tristen Bllde der Zeit nach dem Kriege keinen Zweifel. Die europäischen Krkegskosten werden sich in der Grötzenotdnung von 4 — 600 Milliarden bewegen; das ist etwa die Größe des «amerikanischen Volksvevmügens. Die jährliche Wjertmenge, die der Staat aus dem Wirtschaftsganzen aufsaugen müffen wird, umNese Kosten zu bezahlen, ist doppelt so groß wie die jährliche Niationalersparnis vor dem Kriege. Eine Vermögensabgabe kann -Lese Last nur mindern, nicht beseitigen. Wie uns an. Welchen Stellen die Saugarme des Finanz- «appavates eingesenkt werden, die etwa den drttten Teil des kreisenden Saftes dem Organismus entziehen sollen: »davon hängt unsere künftige Virtfchaftskraft atz. Rathenau rechnet mit einem unvermeidlichen Rückgang des Außenhandels, Venn Handelsbeziehungen lasten sich niicht erzwingen, sondern hängen vom, guten Willen der Nationen ab; auch eine starke Arbeitslosigkeit mach dem Kriege zieht Rathenau tn Erwägung, denn wohl mutz vieles aufgebamt werden, aber die darauf Hinweisen, vergessen, daß unter dem Zerstörten sich auch Ne Mittel des Ausbaues befinden. Gr kennzeichnet zusammenfastend die Uebergangswirtschaft so: «Große Aufträge und Schwierigkeiten ihrer Erfüllung; verringerte Bauarbeit, vermehrter Ansruch der Landwirtindirekt buch Verhinderung von Material-, das ist Arbeitsvergeudung. ״Wenn wir Hunderte von Millionen für Putz, Tcmd, Schaustellung opfern, wenn Zehntausende von kräftigen Männern im einer Großstadt hinter Ladentischen lauern, wenn Hunderttausende jahrein, jahraus auf der Eisenbahn liegen, um den Konkurrenzkampf von Handelsgeschaften auszufechten, mit dem Ergebnis, daß jede Firma am Jahresende nicht viel mehr und nicht viel weniger verkauft hat als im Vor» Mr —, so handelt es sich um eine Mißleirung des gesamten Produktiansorganes, durch die ins Ungemessene Kräfte, Materialien vergeudet, Arbeitsmittel gesperrt, die Erzeugungskasten Sverteuert und äußere Wettbewerbskräfte veringert worden". Also Kamps aller Verschwendung von Menschenkrast! Rathenaus Buch weist zwei wichtige Wege der Kräftoerfpavnis: einen methodischen und eineu prinzipiellen. Der eine ist Vevvmsachung der Erzeugung durch Vereinfachung der Typen' des Produzenten. Konnte vor dem Krieg jeder nach seiner Laune wünschen, was er Lauft, so soll jetzt die Zahl der erzeugten Modelle in ailen Industrien verringert werden. Statt der Eigenbrödelei soll die Normalisierung und Typisierung so weit durchgeführt werden als mögsich. Der zweite, an sich und für uns Juden viel bedeutsamer Wog zur Ökonomie ist: Beseitigung der ,Handelsvergeudung", wie sie durch die bisher übliche Zerreißung des Pvoduktions- Prozesses bedingt war, damit Beseitigung des Zwischenhandels mit den Zwischenproduzenten, lischt mehr soll, wie bisher, die Textilindustrie zerfallen in die Spinnerei, Weberei, Zwirnerei, Färberei, Appretur usw., sondern der Weg vom Urprodukt bis zum Fertigfabrikat soll in einem Berufsverband voremigt werden. Hiedurch soll das Zickzack der verlorenen Wege und Frachten, die Verluste mib Kosten der Lagerung des Handelsrisikos, die Verlangsamung des gesamten Produktionsvorganges beseitigt Werden. Ditse Berufvverd.illde stattet ter Staat nach Rathenaus Vorschlag mit Monopolrechten aus, und beansprucht dafür Aufsicht in der Verwaltung. soziale Leistungen und Gewinuabgaben. Diese Abgaben sollen die Grundlage eines Ltaatseinkoinmens bilden, das die Ware in allen ihren Stufen erfassen soll und des Produktionsvorganges beseitigt werden. Diese Berufsverbände stattet der Staat nach Rathenaus Vorschlag mit Monopolrechten aus, und beansprucht dafür Aufsicht in der Verwaltung!, soziale Leisiungeu und Gewinnabgaben. Diese Abgaben sollen die Grundlage eines Staatseinkommens bilden, das die Ware in Men ihren Stufe, 1 er» fassen soll und den Produktionsprozeß »nicht ver» kümmert, weil es sich auf jeder Stufe der Trag' kraft des Prozesses anzupasten vermag. Dies P im Wiesen der Inhalt des Büchleins von Rathenau, das, wie dies bei dem Autor selbstverstäMich ist, auf Schritt und Tritt gro» tze praktische Erfahrung und Kenntnis verrat. Wir haben diesen Inhalt hier reproduziert, um auf die Perspektiven aufmerksam zu machen, die Rathenau für die Zukunft weift. Wir Juden sind an der Neuordnung der wirtschaftlichen Verhältnisse mehr als jedes andere Volk interessiert, weil wir wirtschaftlich fast ganz mit einem Stande verwachsen sind — dem Handel —, dessen Zukunft jetzt von allen Seiten mit Zweifeln und Fragen begleitet wird. Wo nicht der Verkäufer dem Käufer nachlauft, sondern umgekehrt, da ist dem Handel ein! großer Teil seines Weise betreibt, brachte in letzter Zeit Artikel, in welchen den Juden Vaterlandsverrat, Wucher u. s. w. zum Vorwurf gemacht, und die Bevölkerung, zu Haß und Verachtung, ja sogar zu Gewalttätigkeiten gegen dieselben, direkt cmfgeveitzt wurde. Da die Behörden dreses gesetzwidrige Treiben stillschweigend duldeten, sah sich der Vorstand d«r Kultusgemeinde veranlaßt, durch eine Dsputation beim Bezirkshauptmann umd Bürgermietster gegen dieses Treiben Beschwerde zu führen.׳ die betreffenden Ministerien auf dasselbe aufmerksam zu machen und Abhilfe zu verlangen» und an die Bevölkerung der Stadt und Umgv» bung einen Aufruf zu versenden in welchem zu. diesem gesetzwidrigen direkt verbrecherischen Treiben Stellung genommen wird. Bemerkt sei noch, daß in Letzter Zeit i!n den deutsch-böhmischen antisemitischen Blättern ein in der rohesten Weise betriebenes, systamisirtes Kesseltreiben gegen die jüdische Bevölkerung betrieben wird, ohne daß. von der sonst so rührigen Zensur auch nur das Geringste gegen dieses die öffentliche Sicherheit gefährdende, widerliche Vorgehen auch nur das Geringste geschieht. Wen. Sonntag den 14. April fand im Saal des Hotel Continental eine von der Hebr. Akad. Vereinigung ״Hatechia" einberufene Konferenz, zur Förderung des hebräischen Sprachstuviüs statt. — Tagesordnung: 1. Dr. Baron: Die hebrätsche Sprachbewegung. 2. Berichte über die״ bisherige Arbeit. 3. Dr. A. Sonne: Die jüdische Jugend und die hebräische Sprache. 4. A. Kestenbäum: Methode und Kritik unserer Arbeit. 5. Dr.. H. Glanz: Wege zur hebräischen Sprache. 6. Genevaldebatte. Wien. (Tschlenowseier.) Anläßlich des ALlebens des Dr. Jechiel Tschlenow, veranstaltete die junge, rührige akad. Vereinigung ״Barkei" eine imposante Andachtsfeier. Der große Kontinentalsaal, war überfüllt. Nach einer kurzen von! großem Applaus.aufgenommenen schönen hebr. Ansprache, Ne H. Dulberg hielt, worin er die markante Persönlichkeit Tschlenows als Mensch und Jude zeichnete, wurde Ne letzte Konferenzrede des Verstorbenen, von einem Barkeimitgliod, H. Guttmann, verständnisvoll vorgetragen, die auf die Versammelten einen tiefen Eindruck machte. Hierauf ergriff H. Adolf Stand das Wort um in einer, sowohl inhaltlich als auch rheterisch vollauf gelungenen Rede die Tätigkeit des Verstorbenen und dessen Wert für das Judentum, zu schildern. Er wies darauf hin, daß der Wert des Dr. Tschlenow nicht nur in einem nie erlahmenden Eifer, in einer nimmermüden Arbeit und Energie liege, sondern vielmehr darin, daß er das ruhige, sanfte, friedvolle Element in der Leitung repräsentierte, deffen jede junge, ausstrvbende Partei bedürfe, um! .durch blinden Eifer und hastiges Vorwärtsstreben auf keine Abwege zu geraten. Im Gegensatz zu feinem Zwillingsbruder Ussischkin, der ein ungestümer Kämpfte ein unerschrockener,niie zurückweichender Angreifer ist, war Dr. Tschlenow eine ruhige liebevolle, immer zum Frieden hinneigende Natur. Daß. dieser Nachruf äußerst warm ausgenommen worden ist, erscheint also selbstverständlich. Mit einem schönen kantoralen Vortrag, seitens des Oberkantor H. Morgenstern, tm! Leopoldstädterr großen Tempel, schloß die würdige Feier. Wien. (Zum 50jährigen Amtsjubiläum des Herrn Oberkantor Jakob Bauer,) Am 20. April werden es 60 Jahre, seitdem Herr Jabäheri'gen Feldes entzogen. Die neue Entwick-iköb Bauer, OberLantor der türkisch-isweitilung der Dinge. Ne sich mit dem Kriegsschluß! schen Gemeinde im Wien, seine Tätigkeit «ÄS-