Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 7-8 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Vene 4. ״Mische »,tt-fti««.- KM. 7-8. moderen Juden, modernen 'Österreichern und modernen Kulturmenschen hercmgubilden. — Gewiß ist es natweMg, daß sie die Geschichte und Literatur des jüdischen Volkes können lernt, nach Tunlichkeit die im zukünftigen palästinischen Kultur- sowie Emigrationszentrum Herrschende hebräische Ratio nalsp rache sich Eignet, aber damit — allein ausgerüstet wird die jüdische Jungmannschaft weder für ihr Volk in Österreich zu wirken im Stande sein, noch ihren Aufgaben in Neuösterreich als Staatsbürger und Kulturmenschen genügen können. Ja noch mehr! Nach kurzem Rausch der Begeisterung wird innerliche Zerrissenheit und, Pessimismus sich sehr vieler Angehöriger der Mlschen Jugend bemächtigen. Soll dies dermiedel: werden, dann muß ihr auch — innerhalb der Jugendbewegung vor allem eine ethische Erziehung zu Teil werden. Damit wir harmonische Menschen bekommen, einig, mit sich mit ihrem jüdischen Volke, mit dem Staate dessen Bürger sie sind, sowie mit dem modernen Kulturmenschentum. Wäre in diesem Sinne Äiis Jugenderziehung in den letzten zwei Jahrzehnten erfolgt, fo wurden in dem gegenwärtigen historischen und für das Schicksal der ösberrreichiischen Juden entscheidenden Momente in unseren Reihen nicht so viele fehlen, die in der Vergangenheit in studentischen Korporationen undj Verein!- gangen sich stets als Nationaljuden und Zionisten bekannten.- Soll der Zionismus, was seine Aufgabe bildet, zu einer allumfassenden jüdischen Renaissancebewegung werden, bain/n muß jjmMer mehr die Überzeugung in seinen Reihen und spHi-ell in der jüdischen Jugeinid durchdringen, daß ohne Bruch mit der materialistijschen WslLanschauung und ohne ethische Umwertuing dev jüdischen Massen Leine wertlose Erneuerung unseres jüdischen Volkes möglich ist, weder in der Diaspora, noch in Palästina. So lange wir nun keine Schulen haben, die uns jüdische neue Menschen er׳ Mht, ist -dies Aufgabe aller derer, die sich zur Einsicht d-urchgerungen haben, daß mehr als bei jedem >anderen Volks von dem Denken, Fühlen und Handeln unserer jüdischen Jungmiannschaft unsere jüdische Zukunft abhängt. Diese ist speziell in Österreich enge derknüpft mit den Schicksalen des Gesamtreiches und seiner Völker und die in der Denkschrift der nationalorg-anisierien Judenschaft an biie öfterreichische Regierung formulierten Postulate haden nur dann Aussicht verwirklicht zu werden, wenn der dualistische Staatenbund Österreich- Ungarn, welcher in der jetzigen Foum, einen Länderstaat bildet, in ein inodevnes nationalautonomistisch organisiertes soziales Groß- Österreich umgeformt wird. Also in einen Bundessticmt aller seiner.dieswie jenseits der Leitha wohnenden Völker, welche im Rahmen der Reichein-heit vollständig gleichberechtigt gemeinsam an dem Ausbau des Reiches zu einem modernen Kultur- und Wirtschaftsstaate arbeiten zum Nutzen des eigenen Volkes und der ganzen Monarchie. Diesen Kenn des österreichischen Problems hat trotz 60jährigen Parlamentarismus die alte Generation sämtlicher Reichsvölker nicht er* faßt, die der Juden schon darum nicht, weil sie kei,n»s jüdische Volkspolitik kultivierte. Von dem Verständnisse für diese Ziehe hängt die Zukunft der Juden Österreichs ab. Eine Aktion für die Kinder Galiziens. Generalversammlung des Vereines zur Rettung verwahrloster jüdischer Kinder Galiziens und der Bukowina. nur des Ansehens und der Macht unseres Vaterlandes, sondern vielleicht auch des Sieges des Friedensgedankens erblicken, so wollen wir doch das Werk der Nächstenliebe und der Kultur, da- Wir auf dem Boden der gememsam eingeleiteten Hilfsaktion für galizische.Kinder aller Konfessionen begonnen haben, nicht etwa für beendet halten." Brennerstraße in die Jnntallime ein Wichtiger Verkehrsknotenpunkt war, blühte unter ld'en Habsburgischen Fürsten, welche hier ihren mitunter dauernden Wohnsitz!nahmen, sichtlich auf. Herzog-׳Friedrich mit der leeren Tasche erbaute daselbst (1426) die Burg mit dem schönen gothischen Erker unb bmn ״goldenen Dachel", und insbesondere Kaiser Maximilian der Erste hielt sich hier häufig auf, um in den umliegenden Bergen dem edlen Waidwerke zu fröhnen, und trug so viel zur Hebung der Stadt bei. Er selbst entwarf -diie Pläne für sein in der Innsbrucker Franziskaner- oder Hofkirche befindliches Grabdenkmal: einen marmornen Sarkophag mit schönen Reliefs und der knieenden Figur des Kaisers, umgeben von 28 überlebensgroßen Erzstatuen seiner Ahnen un daUderer Fürstlichkeiten. Jedoch sein Wunsch, in Jnnsruck begraben zu liegen, ging nichit in Erfüllung; das Prachtvolle Mausoleum steht leer, und die Leiche des ״letzten Ritters" befindet sich in der St. Georgs- Kapelle der alten babenbergisch enBurg (jetzt Militärakademie) zu Wiener-Neustadt, seinem Sterbeorte. Mer andere Persönlichkeiten sind! in! der Innsbrucker Hofkirche bestattet: hier ruhen Erz- Herzog Ferdinand (gestorben1596), Sohn derö- Mschdeutschen Kaisers Ferdinand des Ersten, und seine Gattin, die durch Schönheit und Bildüng hervorragende Augsburger Patriziertochter Philippine Welser, welche er heimlich geheiratet hatte, weswegen er vom Hofe entfernt und für sich und seine Nachkommenschaft von der Erdfolge ausgeschlossen wurde. Hier ruhen ferner Andreas Hofer mit seinen Getreuen Josef Speckbacher und P. HaSPin-- ger, und viele andere Tiroler Freiheitskämpfer, die würdigen Ahnen der VaterlandsverteMger aus dem jetzigen Weltkriege. Unter sehr regier Beteiligung von Abordnunin «der israelit. Kultusgemeinde, der Alliance ,sraelite, der angesehensten Humanitären und Kriegsfürsorgevereine fand kürzlich die zweite Generalversammlung des Vereines zur Rettung verwahrloster jüdischer Kinder Galiziens und der Bukowina statt. An derselben nahmen teil!in Vertretung des Ministeriums für soziale Fürsorge der Vorstand des Kiegshilfsbureaus Hofrat Dr. Eduard Prinz von und zu Lichtenstein, für das Ministerium für Galizien Hofrat Neumann, die Reichsvat ab geordneten Dr. v. Löwenstein und Kolisicher und für die Sektion Lemberg Dr. Parnaß. Der Präsident Dr. Eduard Kohn schilderte in der Eröffnungsansprache die traurige Lage der jüdischen Bevölkerung Galiziens. Der staatliche Unterhaltsbeitrag für!eine Kriegerwaise von IKrone 60 Heller reiche nicht aus, um die Bedürfnisse zu befriedigen, es seien mindestens 2 Kronen erforderlich, damit der Verein seine Aufgäbe erfüllen könne. Die Schwierigkeiten, die ver- Auch jüd. Blut ist rot. ES kämpfen und bluten in Oesterreich gar viel Völker und Nationen für ein gemeinsames Ziel. Deutsche und Böhmen, Slaven und Magyaren Streiten und ringen Wider Barbaren, Die sich vermaßen gegen das Reich, Alle empfinden und fühlen sie gleich. Und zwischen all des vergossenen Bluts Mischt sich noch eins, das des Juds. Deutsche wie Böhmen, Slaven und Magyaren Schätzten den Juden nur als Barbaren. Sie rümpften die Nase hörten sie sagen: Auch der Jude vermag sich zu schlagen. ■:tt Nun hat wohl mancher umgelernt Doch sind viele noch entfernt. Einzugestehen im Zeichen vom Tod: Auch jüdisches Blut ist rot! Tiroler Front, November 1917. Feldrab. Dr. Mtmann. Fürsorge für die schulentlassene Jugend. Vortrag gehalten in der Generalversammlung des Vereines ״Zukunft" am 6. April l. I. von Moriz Ungar, Ober-Offizial der isr. Kultusgemeinde Wien. Das Problem, gder zumindest eines der wichtigsten Probleme der Gegenwart bildet zweifellos die Frage, die heute gemeinhin unter der Bezeichnung »Jugendfürsorge" alle öffentlichen Kreise beschäftigt. Die Fürsorge für die Kinder ist eine Erscheinung, die nicht neu ist und gerade bei den Juden haben sich seit undenkli- ..^_q. . chen Zeiten die Aelteren nicht nur im Schosse der Familassenen Kinder unterzubringen, seien nur dann lie der Kinder angenommen, sondern sich vorbildlich zu überwinden, wenn der Verein, der auch bereit-! auch in der Waisenhilfe betätigt. Die Jugendfürsorge willigst sich auch der armen Kinder anderer Kon«'hat sich die längste Zeit hindurch nur auf jene Kinder fessionen angenommen hat, von seinen Gönnern beschränkt, die den Vater, oder beide Elternteile verlo-, und edlen Menschenfreunden unterstützt werde. ren haben, also als Waisen bezeichnet werden konnten. In dem Tätigkeitsberichte wird bervorge-' Eine weitere Fürsorge wurde dann den Kinder rm schulhoben, daß der Verein m zwanzig neuen Anstal- Pflichtigen Alter zugewendet und erst viel später hat sich ten 1200 Kinder untergebracht hat. Die größten diese auf die Kinder im schulpflichtigen Alter erstreckt, befinden sich in Lemberg, Przemysl, Sambsr, Wenn auch die bestehenden Einrichtungen für diese bei- Tarnow, Jaroslau, Stanislau, Kolomea. Dar-! den Katgorieen Kinder noch nicht als vollkommen zu .nopol, Krakau und Ernsdorf bei BiÄitz. Die Leitbezeichnen sind, so sind die Wege, die beschritten werden tung und VerflegUiNtz ist eine mustergültige. Diej müssen, immerhin vorgezeichnet und alles, was jetzt wei. von der Regierung für diese Zwecke gewidmete ter geschieht, kann nur vom Standpunkte der Verbeffe-- Subvention von 460.000 Kronen reicht bei weitem nicht aus, das grenzenlose Elend ׳der Krieger- und Flüchtlingswaisen aus der Welt zu schaffen. Bei Familien sind 6000 Kinder untergebracht. Für diese betrage der staatliche Zuschuß 300.000 Kronen. In einer längeren mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ansprache würdigte Hofrat Dr. Eduard Prinz von und zu Lichtenstein die außerordentlich verdienstvolle Tätigkeit des Vereines und zollte namentlich der Werbetätigkeit und wirtschaftlichen Betätigung des Herrn Dr. Ludwig Gelber, ehrendste Anerkennung. Er teilte mit, daß Aussicht vorhanden sei, die Jakob Hermannsche Stiftung zu Lemberg bald ins Leben zu rufen, welche es ermöglichen soll, in vier Häufern in Lemberg etwa die Kinder zur Hälfte jübischer, zur Hälfte christlicher Konfession zu vereinigen. Für die Erreichung dieses Zweckes wurden vom Kriegshilfsbureau 60.000 Kronen zugesagt: der durch Adaptierung und Investition noch fehlende Betrag wird baldigst aufgebracht werden. ״Wenn, meine Verehrten, eine gewisse nationale Ueberempfindlichkeit, über die ich nicht richten will, weil ich die Gefühle eines in einer langen Leidensgeschichte vielgeprüften Volkes mit ermpfinde und seine Enttäuschung würdige, in Galizien vielleicht gegenwärtig auch Erscheinungen zeitigt, die wir mit Kopfschüttebn beobachten und in denen wir eine schwere Gefährdung nichts leitet ist. ' rung aus des bereits Bestehenden betrachtet werden. Wenn ich vom Vereine ״Zukunft" aufgefordert wurde, in der heutigen Versammlung das Thema «Fürsorge für die schulentlassene Jugend" zu besprechen, so meine ich, daß damit allein der Beweis erbracht ist, daß auch hier sich die Erkenntnis vvon der Notwendigkeit einer solchen Fürsorge bereits durchgerungen hat. In allen kultivierten Staaten, insbesondere aber im Deutschen Reiche bestehen seit Jahren verschiedene Fürsorgeeinrichtungen für diese Kategorie der Jugendlichen. Nur Oesterreich hatte bisher, von den wenigen Lehrlings- Unterstützungsvereinen und Stellenvermittlungen abgesehen, keine derartige Einrichtung. Ansätze hiezu machten sich erst in der jüngsten Zeit bemerkbar. Die Lehrlingsfürsorgekommiffion des Winer Fortbildungsschulrates inaugurierte eine große Lehrlingsfürsorge-Aktion, die sich aber noch in einem ganz unzulänglichen Staoium befindet. Die Gemeinde Wien hat in der Stadtratsitzung vom 17. Februar 1916 den Beschluß gefaßt, die Fürsorge auf die im Alter von 14 — 18 Jahren stehenden Jugendlichen auszudehnen. Allerdings beschränkt sich diese Fürsorge nur auf die in Armenpflege stehenden u. nach Wien heimatberechtigten Kinder. Nach dem Motivenbericht der. Mag. Abt. 12, der diesem Stadtratsbe, schlusse zugrunde liegt, ist die Fürsorge aber durch noch weitere Bestimmungen eingeengt und beschränkt sich fast ausschließlich auf die Gewährung von Erhaltungsbeiträgen, wie überhaupt diese ganze Fürsorge mehr von fiskalischen als von sozial-politischen Gesichtspunkten ge«