Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 7-8 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2621806-2622015-2622021--3757-2624993- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Vr. M. 1&8״f5* Ds^x-KKr" 3 Würdigkeit, nicht mit spöttelnder Ironie ,und wilden Debatten die fast einen Grad von Kysterie erreichten, dürfen wir diese Wichtige sozial gewordene Frage behandeln. Mit der Zertäimmerung der zackstischen Walze, leuchten auch den Ostjuden neue politische Horizonte entgegen und umsomehr ist es an der Zeit unseren mtelektue- Len jüdischen Individualismus zu bewahren. Ihre nationalen und politischen Rechte können die jüdischen Minderheiten nur als Volk mit nationaler Ausgeprägtheit, nicht aber als konfessionelle Gruppe beanspruchen. Me Erledigung ronsessioneller Angelegenheiten bleibt immer Aufgäbe der Kultusverwaltung, die aber auf die Politische Lage der Judenschaft in der Diaspora nie wesentlichen Einfluß hatte. Der Charakter eines jeden Volkes basiert auf einer mächtigen Grundlage und dieses unsrschütterliche Fundament bildet die Sprache. Die Gegner .djer jiddischen Sprache führen oft «inen Umstand ins Treffen der dem sogenannten ״Jargon" oder -deutsch-jüdischen" Idiom jedwede jüdische Urart abspricht. Bedenkt man aber das die Sprache mit ihren LOprozentigen hebräischen Elementen nicht nur von mehreren Millionen Seelen gesprochen und gefühlt wird, bedenkt man daß aus diesem bis . nun stiefmütterlich behandelten ״Kauderwelsch" das rührende jiddische Volksl'i-ed entwachsen und!ein umfangreicher Literaturschatz mit Presse von nicht zu unterschätzendem Werte und soziologischen Wirkungen entstanden ist, dann werden wir in unserem Glauben fester, die Sachlage erscheint ackzentuirter und wir sehen die Schwäche der gegnerischen Argumente ein. — Als im Herbst 1908 die jüdische Sprachkonferenz!tot Czernowitz tagte und ihre bekannte Resolution unsere Gasse bis auf den heutigen Dag mit Schwefel und Pech belegte, hat auch in diesen erbitterten Sprachgefechten die zur Freude unserer äußeren Feinde und zur Spaltung unserer inneren Einheit nicht Wemig beigezollt haben, keiner der kämpfenden Parteien d enLorbeer errungen. Gesiegt hat die Volksnotwendigkeit, die historische Tatsache mit ihrer Alles-überrumpelnden Wucht; aus den Tiefen der Wahrheit!ist die jiddische Sprache aufgestiegen. Sie hat uns ton Iahre 1910 bei -der allgemeinen Volkszählung ihren temperamentvollen Puls gezeigt, sie hat uns gegwungen nur auf Grund ihrer Eigenart unseren Willen als Nation in die Welt hinauszurufen, sie hat mit offener Geste ihren Gegnern bewiesen wie sie in diesem heiligen Ringen jeder Waffe entblöst sind und hat ihnen sich selbst als Schwert in ihre Faust «gedrückt. Allein der klardenste Inhatte freilich ton Altertums wegen seiner mehr ab festigen Lage nicht die Bedeutung, wie der Brenner, über welchen schon unter Kaiser Augu- «stus, zur Zeit der Geburt Christi, eine Militärstraße führte, welche Verona mit dem jetzigen Augsburg verband. Die an dieser Straße angelegten Forts ^und Kastelle bildeten ,die Grundlage für die meisten Orte der Jetztzeit. Auch im Mittelalter war die Brennerstraße als die kürzeste Verbindung zwischen dem deutscheu Reiche und Italien, und zugleich als der niedrigste Uebergang in jenem Teile der Alpengebietes die besuchteste. Im 18. Jcchrhunderte wurden über den Semmering (im Jahre 1726) und den Brenner (im Jahre 1772) die einzigen fahrbaren Poststratzen über die Alpen erbaut; auf allen anderen Alvenwegen mußten damals die Wagen auSeinandergenommen und auf diese Weise über das Gebirge geschafft werden. Mit der zunehmenden Konsolidierung der österreichischen Alpenländer war die Bedeutung des Semmering als Verbindung zwischen Wien und Graz, bzw. Triest gewachsen; der Brenner verblieb freilich auch weiterhin die wichtigste Le- ׳bensader Tirols, und der Verkehrsweg, auf dem Deutschland seine Jndustrieerzeugnisse gegen die Rohprodukte Italiens tot Austausch brachte, trat jedoch für Oesterreich im Allgemeinen erst in zweiter Linie. Ebenso wie die vorerwähnte Stvaße, wurde daher auch die Eisenbahn über den Semmering früher errichtet (in den Jahren 1848 bis 1854), also zu einer Zeit, in der sich das Eisenbahnwesen in Oesterreich erst auszubreiten begann. Ritter von Ghega, dessen Büste am Demmeriyg zu scheu ist, war es, welcher diese, inSbesondere für die damaligen Zeitverhältnisse be. sonders kühne, ja einzig dastehende Leistung in verhältnismäßig kurzer Zeit vvollbvachte. Die Eisenbahn über den Brenner wurde unter der umsichtigen Leitung Etzels, dessen Denkmal wie. de muß gestchen daß ohne Anerkennung der jid- .dischen Sprache als solche, keine autonomen Erfolge!im Königreiche Polen zu erzielen sind. Schon heute tritt diesbezüglich in allen jüdischen Lagern Nüchternheit ein. Der nutzlose Streßt hat unstve Kulturwelt vielmehr erschlafft als gestärkt und nur ein endgültiger Gprachenausgleich rönnte diese Kluft des Mißverständnisses Überdrücken. Wir lieben und achten das Hebräische als Sprache unserer gloreichen Heldenahnen -und der derheißungsvollsten Zukunft die nur in unserem Ideal Palästina ihren fruchtbaren Boden finden kann. Sprache und Boden eines Volkes Und unzertrennbare Faktoren die ein.jeder Geschichtsschreiber, Philologe!und Sozialpolitiker anepkennt. In Dr. Martiin, Bubers Monatsschrift ״Der Jude" (Maiheft 1916) äußert Hillel Zeitlin trefflich: ״Zu der allgemeinen Verteidigung der bürgerlichen und nationalen Rechte der jüdischen Minderheit in Polen gehört auch die der «jüdischen Sprache und jüdischen Kultur über- Haupts — Und in der Tat ist auch die moderne Kultur der Ostjuden ein Teil-Produkt der jiddischeu Sprache, da die Erziehung der Massen nur auf Grund ihrer sprachlichen Entwicklung und Bedienungsmöglichkeit vor sich gehen kann. Es ist nun an,der Zeit -daß Wir dieser unleugbaren Tatsache weder mit krittelnder Nörgelei, noch mit kleinlichem Parteiegoismus Wie Vorurteile entgegenkommen. In einer Zeit die historische Evolutionen wie politische Mstamorposen schafft ist es heiligste Pflicht eines jeden Volkes mit vorsichtiggm Ernst über seine vitalen und nationalen Interessen zu erwägen. Mit der Bekämpfung und Verkennung der jiddischen Sprache können wir uns nur folgende Alternativen vor Augen Haiten: Entweder bleiben wir eine politisch-entvechtete, kulturell-mimderwärtige Religionsgenossenschast, also ein rudimentärer Rumpf unter den Anderen, wie wir es im Mittelalterghetto waren, oder.es steht uns der Weg zur Assimilation offen die ohne ihren Zweck zu erstreben nur eine kulturelle Agonie der ostjüdischen Massen herbei-- führen könnte. Beides wollen «gewiß nicht die jüdsischen Gegner der jiddischen Sprache di!e Mt der ganzen -Tragweite ihrer «aufrichtigen Gefühle der jüdischen Nation angehoren. Verbreitet Hickls ״Jüdische Volksstimme:" derum in der Station Brenner erblickt wird, und seines Nachfolgers Thommen in einem noch kürzeren Zeitraum« von drei Jahren (1864 — 1867) zur Ausführung gebracht. י . Die Steigerung ist bei den beiden Gebtrgsbahnen Pie gleiche .(1:40), auf beiden befinden sich eine große Anzahl Tunnels (auf der Brennerbahn von Bozen bis Innsbruck» auf einer Strecke von 129 km. 27, auf dev Semmeringhahn von Gloggnitz bis Mürzzuschlag auf einer Länge von 55 km. 16); während aber die Semmeringbahn« 16 Viadukte und mehrere in die Felswände eingebauten Gallerten besitzt, wurden beim Baue der Brennerbahn größere Brücken -und Viadukte fast «gänzlich vemisden, weshalb sich bei ihr auch der Kostenaufwand verhältnismäßig niedriger gestaltete. Beide Bahnen geben ein ehrendes Zeugnis von den außerordentlichen Fortschritten der Lechnischen Wissenschaft, welche mit wahrhaft eyklo״ pischer Arbeitskraft die ihr da und dort so vielfaltig sich entgegenstemmenden Hindernisse erfolgreich beseitigt hat. Staunend stehen wir unter dem gewaltigen Eindrücke, den di« durch menschliche Kunst so harmonisch erzielte Verbindüng derselben mit der Natur und die Unterwerfung der gigantischen Bevgriesen unter die Bedürfnisse des Menschengeschlechtes in uns hervorrufen. V. Innsbruck. Von dev Station Brenner an geht es wieder bergabwärts. Wir haben die Wasserscheide zwiüberschritten, und während wir vor dem scheu dem Adriatischen und Schwarzen Meere Laufe der am Südabhcmge des Brenner entsprin« genden Eisack aufwärts fügten, geht eS jetzt längs der im nördlichen Teile des Bvennergebietes «nt. springenden Sill, deren grünschimmerndes Berg- Wasser uns auf unserer weiten Bahnfahrt bis zu Jüdische Zukunft und Jugenderziehung. Von Dr. H. Kadisch, Vöslan. Wir leben derzeit in einem übergamg-stadium der allgemeinen kulturellen Entwicklung. Die Beziehungen der Individuen, Nativinen, Rassen, Konfessionen und Klassen zu einander sind in Wandlung begriffen; die bisherigen Derfassungs- und Wirtschaftsformen sind im ihren Fundamenten erschüttert, die Neuorientierung über die werdende Zukunft fehlt den meisten Parteien aber noch vollkomimlen. Es ist die Abenddämmerung einer sterbenden Zsitepoche mit großer Gährung uno noch nicht gefundener Klärung. Dieser Gähru-ngsprozeß tritt auch in Österreich bei! allen Völkern und nicht in letzter Linie bei dien Juden zu Tage. Er kann sehr deutlich, besonders in der jüdischen Jugend beobachtet werden, die genau so wie die Jugend aller übrigen Vöker tot einigen Iah׳ ren berufen ist, an der Erneuerung ihres Volkes und des österreichischen Gesamtstaates mitzuarbeiten. Von einer, den Forderungen der Zeit ent. sprechenden Jugenderziehung hängt also toti hohem Maße gleichmäßig die Renaisance der Völker, wie -des gesamten Donaureiches ab. * * * Vor einigen Tagen wurde nun eine Denkschri-ft der nationalorganisi.erten Judenschaft amdie österreichische Regie» rung überreicht, in welcher ihre Postulate anläßlich der bevorstehenden Reichsverfassungsrevisimt in unserer Monarchie formuliert wurden, unter anderem nebst ״Anerkennung der jüdischen Nationalität und Gewährleistung des freien Be» kentnisses zu derselben" auch ״das Recht der Inden aus ihre Schule, auf Erziehung ihrer Kinder im jüdischen Geiste". Sollen diese und die übrigen Forderungen des jüdischen Volkes nach staatsbürgerlicher, nationaler, religiöser, sowie wirtschaftlicher Gleich» berechtigung verwirklicht werden, dann wird es wohl unerläßlich sein, durch eme umfassende Agitation un!ter den Juden in Gesamtösterreich einerseits, die alte Generation zu organisieren, andererseits durch eine zweckentsprechendie Politische Erziehung aber auch unsere Jugend zu 1«w«M^wi»1»1B8!01j raiarwjigjimi!# ihrer Einmündung in den Inn bei Innsbruck begleitet. Gleich hinter dier Station Brenner erblicken wir den kleinen forellenreichen Brennersee und in seiner Nähe die Brennerwerke, weche mit einer Wasserkvaftanlage an der Sill Wer 6000 Pferdekräfte liefern. In kühnen Kurven fahren wir längs der stei» len Talwände des sich ober der wildbrausenden Sill ausdehnenden Wipptales mit seinen tiefen waldbedeckten Schluchten und tosenden Wasserstürzen, seinen stillen Gehöften, freundlichen Dörfern, schmucken Kirchlein und Kapellen. An grötzeren Orten Passieren wir die beliebten Sommerfrischen Gries, Steinach, Matrei mit dem mjalerischen Schlosse Trautsou und Patech, fast durch- Wegs aus der Römorzeit stammend. Ununterbrochen bieten sich uns neue, herrliche Ausblicke dar auf die schneebedeckten, silbern erglänzenden Gipfel der Alpengletfchor, welche den Abschluß des vor dem Horizonte auftauchenden Panorama bilden. Klima und VegetiLion besitzen bereits einen .durchaus nördlichen, kontinentalen Charakter. Mehrere Tunnels werden noch durchfahren, der letzte durch den Jselberg, den Schauplatz wie» verholter heldenmütiger Kämpfe des Tiroler Landsturmes unter Hofers Führung mit den Franzosen und Bayern. Wir gelangen nach Wüten, der ehemaligen großen römischen Anstedlung, mit seinem alten Klöster, und sind bereits wenige Minuten danach auch schon in Innsbruck angelangt, der Hauptstadt des Landes seit der Erwerbung Tiroldurch die Habsburger (1363), denn durch seine nähere Lage zu Men und den österreichischen Erblimoern war Innsbruck hiezu geeigneter als Meran, die vorherige Landeshauptstadt unterhalb d. Stamm» schlosses der damaligen Landesfürsten, der Grafen von Tirol. Innsbruck, welches schon auch vorher durch' seine günstige Lage an der AuSmündung dev