Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 6 (26.3.1918)
- Date
- 1918-03-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2622015-2622020--3750-2624985- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
״Lt.üL,q^ ^,;.,iuirat׳ ־ .<׳; ׳!<.*> zeichnet redigiert und vertritt nicht nur Parteiinteressen, sondern nimmt auch Stellung zu ollen dos Judentum berührenden Drogen. Scharr in den ersten Nummern dieses Blattes bot Prof. Tr. Gavio Schwarz in Zagreb das Wort zur Reforrn des Religionsunterrichts ergriffen. Sosehr manche Pllm/kte -beherzigenswert und diskutabel sind, so erwies er sich doch in der Art der Auseinandersebmrg seiner A׳n׳sichien so subjektiv,!daß man sich, beim Lesen des Aufsatzes des Herrn Prof. Schwarz des Gefühls nicht erwehren "kann, als habe der Verfasser dieses Aufsatzes auch die Pfeile aus seinem Köcher gegen irgend welche ihm _ __ mißliebige Personen in öffentlicher jüd. Stellung! Städtchen windet, anzutreten. Und auch er, der abprallen lassen. In Zagreb (Agram) existiert! Fluß selbst, rührte sich endlich auch. Das dicke Eis, bekanntlich eine jüdische Bibelschule eine sögedas ihn während 'des ganzen Winters emgeschlosnannte Talmud-Toraschule, deren weiterer Fort-! sen hielt, barst plötzlich in einer lauen Nacht. Und bestand dem greisen Oberrabbin-er Dr. Jakobi j als er seine Fesseln gesprengt fühlte, trat er über sehr am Herzen liegt. Es ist auch ein jüdisches! seine Ufer, um noch so langer Haft einmal ordent- Interesse, daß idiie Schule erhalten bleibe. In dielich Atem zu holen. Und so weit das Auge reichte ser Schule wird die Bibel den Kindern in deut-j sab man nur Wasser, Wasser und Wasser, frfüor Svnk7äb>?׳ (,vFfrtrf ßtarmtt Sitofa a+s»«« i 3ß{e freute sich der kleine Jossele ob dieses erst dos Eintreffen dieser Sendlmge der Natur, dann Plötzlich mät einen! so Hellen Lachen herausabwarten müsse. Und richtig täuschte ihn sein?.!!Platzen, daß nun aller Zorn verging und man Hoffen nicht. Es war eben wie in! Vorjahre. mit ihr mitlochen mußte. Der Schnee der sich während des ganzen — Warte nur, dn Schalk, pflegte nian ihr Winters stolz geberdct hatte und sich zu immer! emzuschärfen, indem man die Bestrafung bis größeren Massen anhäuftc, wurde plötzlich klein-,zur nächsten Gelegenheit verschob, du wirst schon laut, schrumpfte immer mehr zusammen und aus' auf deine Rechnung kommen! Natürlich lachte Gram wechselte er sein hellglänzendes Gewandtste diese zukünftige Nemesis sofort vom ganzen um ein schwärzlich-schmutziges Tuch um. Und end-׳ Herzen aus. lich verschwand er ganz. Stehwasser bildete sich! Schon lange drohte ihn!, diese kleine schalkallerorts und unzählige Bächlein suchten ihren hafte Esther, den Rang, den er zufolge seiner mühvollen Weg zu den Rinnsalen, um von dort aus den großen Weg zum Fluß, der sich um das scher Sprache erklärt. Gegen diese Unterrichtsme? thode nimmt Prof. Dr. Gavio Schnatz in den! c ״Gelehrsamkeit" innehatte, abzulaufen, indeni sie fast alles, was die Kinder in «der Schule leruten, vom bloßen Zuhören aufsagen konnte. Er pflegte sich aber darüber hmwegzusetzen: ״Nachgeäfftes Herunterletern!" Pflegte er verächtlich!uachen, wenn sie irgend ein Gedichtchen schnell vom Stehgreif vortrug. Aber diesmal war die Gefahr wirklich groß. Die Mutter der Esther ließ einen Lehrer kom- «neu, damit er sie die ״vier Kasches" unterrichte. Nun fühlte er, daß es zu einer Kolliission kommen großartigen Anblicks! Ihn! war, als sähe er den «müsse. Denn das war nicht mehr etwas Aufge ersten Nummern des ״Zidov" Stellung. Er ver-! großen Ozean, von dem er so viel erzählen hörte wahrt sich aber im Voraus gegen den Vorwurf! und dieses kleine Boot, das sich dort langsam bedes kroatischen Chauvinismus, der ihm eventuell! wogte, war für ihn eines jener großen Dampfer, aus diesem Anlasse gemacht wüvde. Hier hat Prof, i von denen man ihm sagte, daß sie das ganze Dr. Schwarz gefehlt. Denn erstens mangelt es Städtchen in sich bergen können, in Kroatien an jüdisch-kroatischen Lehrkräften,! Von der fetten, schwarzen Erde hoben sich die pädagogisch ausgebildet sind. Da an einer« dünne, durchsichtige Dantpfschwaden empor, und kroatischen Volkschule noch heute kein Jude als plötzlich zeigte sich an vielen Stellen grünes Gras. Lehrer angestellt werden kann, sogar der Bischof, Es war, als ob dieses dort drinnen, im Innern Straßmeyer,, den ma-n sonst als Demokraten fei-j ber Erde, die Ankunft des Frühlings sohnlichst erte, hat sich darüber aufgehalten, daß einst eine'erwarte um bei der ersten Gelegenheit sich so rasch Lehrerin jüdischen Glaubens und jüdischer Abals möglich <.!,׳! die Oberfläche zu drängen. Diestammung an der städtischen Volksschule in Es-' ses war'aber so zart und herzlich, daß es Josseles segg wirkte — widmete sich in Kroatien kein In-! Herz ergriff. . ,. , de dom Volksschullehrfache. Es wird kein verstän-i Auch andere unanfechtbare Anzeichen des vor den! diger Mensch in Abrede stellen ' " *־ r1 ׳ " r ־־“ v " f־vr1—c~rj0״ f:•* ״״'׳• nt-*.1 man schon jüdischen Kindern! teilt, cs für selbe vom Vorteile fange,n-es. Abgelauschtes, das war schon »Erkerntes". ITnb besonders Peinlich war ihm, daß sie ihm di-.׳ Alleinherrschaft strittig gemacht hatte. Er wußte, daß er ihre Konkurrenz zu fürchten habe. Und die befürchtete ״Katastrophe" stellte sich bald ein. Nach einen! arbeitsreichen Tage wo die lebten Anstalten für die Feiertage getroffen waven■ als die ganze Familie sich in der Veranda versammelte, wurde er ersucht, auch diesmal die ״vier Fragen" aufzusagen. Natürlich widersetzte er sich anfänglich diesem Wunsche. Er fürchtete, daß diese an Wert verlieren werden, wenn er sie ederabend zum besten bieten werde. diesen Unterricht eine Pädagogisch geschulte Lehr-, geschoben׳, alles wurde gewaschen, gereinigt, gekraft erteilt. Zweitens existiert noch bis heute, putzt und gescheuert. Die Koffer und Schränke ׳nicht eine jüdischkroatische Bibelübersetzung.; wurden geöffnet und die darin sich befindlichen Was würden z. B. die hochgebildeten Juden, verschiedenen Dinge wurden im ganzen Zimmer Oesterreichs und Deutschlands dazu sagen, wenn'disloziert, um besser ׳nach irgendeiner verirrten in ihren jüdischen Schulen ihren Kindern der. Brotkrumme nachsuchen zu können. Da kamen Bibelunterricht nach Martin Luthers Bibelüber-! die schönen Hochzeitskleider der Mütter zum Vorsetzung erteilt würde? Wer mich aus meinen schein und auch die verschiedensten, kleinen scho- Schriften un»d Reden kennt, weiß es m׳ur zu gut,! neu Dinge, die man vom Großvater geerbt hatte, daß ich alles Andere ׳bin!, denn ein Pangerma-' wurden ans Tageslicht befördert, nist. Und doch glaube ich daß es für die kroatischen! Und ihm, dem kleinen Jossele, erging es w!e Kinder jüdischen Stammes gar nicht schädlich ist,' der alten Hauskatze: immer stand er dort, von wo« wenn sie den Bibelunterricht in deutscher Spra-! er weiter geschoben werden mußte. Und nicht seiche genießen. Seit Mendelssohn ist in keiner ten geschah dies auf eine sehr unsanfte Weise. Sprache der Wielt die jüdische Wissenschaft so ge-! Insbesondere wenn er sich einer seiner, besonders pflegt worden als in der deutschen. Und schon der j eifrigen, Schwester in den Weg stellte. Er nahm geistreiche und .gelehrte Dr. S. Bernfeld hat den« aber alles für lieb an. ״ Nachteil hervorgehoben der gerade für die Vertie--- Und endlich kam auch das ״Cheder" an. die fung in die jüdische Wissenschaft dadurch entsteht,! Reihe. Dort wurden nun alle anderen Gegendaß sie jetzt in allen möglichen Sprachen behandelt! stände zu Gunsten der spezifisch österlichen, be!- wird, was doch jedem gebildeten Juden klar sein! feite geschoben. muß. Die beste Geschichte der Juden hat Graetz Es hieß jetzt die ״Fragen" mit Text und geschrieben, dessen hundertster Geburtstag jetzt! Uebersotzung lernen. Auch das Hohelied wurde in gefeiert wurde. Sie ist in deutscher Sprache ge-! der ihm eigenen Melodie unterrichtet, schrieben. Warum soll nun, da keine kroatische ' Und wie war es ihm lieb, als er sich an war- Bibelübersetzung von jüdischer Haud vorhanden! w״ Abenden zu »Muttern" auf die Veranda seist, der jüdische Bibelunterricht in Kroatien nicht! ^en nm^e, um von den Geschwistern umkreist, in deutscher Sprache erteilt werden können? in hi!» Lnndesivracbe Wort- Ich glaube, daß mit derartigen Patriotismus, wie er in dem erwähnten Aufsatz entwickelt wird, dem Judentum in Kroatien kein׳ großer Dienst geleistet Wird. Prof. Dr. Gavio Schwarz ist ein fleißiger und tüchtiger Theologe, der auch das kroatische wie kein anderer Rabbiner in Kroatien beherrscht. Nun soll er sich der Aufgabe unterziehen, die heilige Schrift im jüdischen Geiste ins Kroatische zu übersetzen, dann eventuell kann der Kampf gegen die sogenannte veraltete konservative Lehr- Methode ausgenommen werden, aber nicht früher, denn dann Wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. sicht auf und fing zu ״fragen" an. Da erblickte er Plötzlich, daß die blitzenden schwarzen Augen der kleinen Esther an seinen! Munde haften und ein vielsagendes Lächeln auf den roten Lippen sich lagerte. Dies verwirrte ihn. Cr stockte und verlor sich im Nachsinnen. Scheinbar hat sie nur auf diesen Moment gewartet. Dem! ein Lachen, daß es ein Echo gab, platzte plötzlich los und schon war sie auf einen Schemel gestiegen und das Verlangte wurde blitzschnell und sicher rezitiert. Jossele fühlte, daß er diesmal eine Niederläge erlitten. Der Zorn stieg ihm ins Gesicht und miit weinender Stimme schrie er sie an: — Warte nur, du Fratz, von «nun an׳ hast du bei uns nichts mehr was zu suchen! Hörst du? Und er nahm sich vor, ihr die Freundschaft auf immer zu kündigen. Mit ׳dem »frechen kleineu Fratz" wollte er nichts gemein haben.... Konkurrenz. (Eine Kindergeschichte für Pessach.) Als der kleine Jossele eines Tages erwachte und die Schwelle seines Elternhauses überschritt, da scheinte ihm ein blauer Himmel entgegen und ein warnier Wind hauchte ihn an. Sofort wußte er, was das bedeutet. Immer gehen den Ostern das Schirhaschirum in die Landessprache Wort lich zu übersetzen. Was gab es da m Lachen, als er auf eine merkwürdige Uebersetzung verfi'eU Auch die ״Vier Kasches" kannte er bereits. Und auf diese tat er sich nicht wenig gut. Denn eme wichtige Mission wurde ihm dadurch verliehen. Das wußte er: ohne ihn werde nun die ganze schöne Zeremonie nicht von statten gehen können. Da tauchte Plötzlich eine gefährliche Konturrentin, in׳ Gestalt dev kleinen Esther, das Mch- Lerchen eines gutbefreundeten Nachbars, auf. D!eses war ein fünfjähriges Kind mit so wunDervoll schönen schwarzen Augen und blondem Haar, daß Up pin lebet lieben mußte. Jeder und auch er. Das Kaddischgebet und unsere Jugend. sie ein jeder lieben mußte. Jeder Vielleicht er noch mehr als die anderen. Zwar war er ein wenig älter und besuchte bereits die Schule. Das hinderte ihn aber nicht die freie Zeit mit ihr zu verbringen. Besonders zaubervoll war ihr Helles lautschallendes Lachen. Und lachen Pflegte sie fast ״״, _״. .. immer Ihm war es, als höre er die silbernen Es ,st seitdem .gewissermaßen das Klemod Glöcklern, die die milchweißen Ziegen am Berge - einer jeden öffentlichen Andacht, die w!r ohne das- Gilead anbaben, schellen.! stlbe uns gar nicht mehr denken können und an Dieses Lachen war für sie eine wirksame Abunseren großen Feen Roschhaschana und Jomdiese Boten voran. Genau so war es auch im Vorwchrwaffe. Als sie manchmal was anstellte und tippux MIbet ej! bar jahre. Und immer wann er sich an die schönen man schon auf sie loszugehen im Begriffe war. j den Gipfelpunkt, 1a den ergreifendsten Teil un- Osterfeiertage erinnerte, da wußte er, das er zu-' da pflegte sie eine traurige Miene aufzusetzen um! sever Liturgie und macht auch sonst immer in Eines dev erhabensten Gebete ist unserer Liturge ist unser ״Kaddisch", das ״Heiligungsgebet" die größte Huldigung, die wir unserem himmlischeu Vater bringen. Es ist ein weltumfassendes Gebet, es verbindet unsere Vergangenheit mit unserer Zukunft, ja mit der Zukunft des ganzen Menschengeschlechtes, es ist gewissermaßen die Essenz aller unserer Gebete, erhaben in seinen Grundgedanken und erhaben im Ausblick auf die kommenden Zeiten, ״die das Gottesreich auf dem ganzen Erdenrunde herbeiführen werden" und in. denen ״die Gotteserkenntnis wie Wasser das Meer die ganze Welt erfüllen wird." Als vor fast zwei Jahrtausenden in unseren Hochschulen und Lehrhäusern das Kaddischgebet als Schluß des gottgefälligen Thorastudiums eingeführt, ja als durch den großen Märtyrer Rabbi Akiba den untröstlichen Waisen dieses Gebet wie ein heilender Balsam fü rdas wunde, tiefbetrübte Herz empfohlen wurde, da nahm es ganz Israel «dankend an und führte es in allem seinen Synagogen ein.