Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 6 (26.3.1918)
- Date
- 1918-03-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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,H»ttsche BoMstimmrtte-u 3 Nf.6 Hoffen wir jedenfalls auf eine bessere Zukunft, auf die ausgehende Sonne eines balditzen allgemeinen Friedens nach der langen, schrecklichen Nacht des Völkermordens. Bersaffungsresorm u. die Juden des Donaureiches. Bon einem Großösterreicher. Die Verhandlungen über die Bewilligung des Budgetprovisoriums haben wieder einmal der breiten Öffentlichkeit deutlich vor Augen gebracht das die Verfassung des Donaureiches einer notwendigen Revision unterzogen werden muß. Umd es muß schon sehr dringend sein, wenn sogar Ministerpräsident Ritter von Seidler die Not- Wendigkeit dieses Schrittes einsieht. Erhellen sich endlich Oesterreichs Köpfe? Sollte man tatsächlich eingesehen haben, daß es bei׳ uns auf den bisherigen Wegen nicht mehr ginge? Es hat den Anschein. Und doch! drängt sich Ms unwillkürlich der Zweifel auf. Der im Herbste tagende sozial-demokratische Kongreß hat sich, wie seit dem Brunner Parteitage nicht mehr, mit der Frage eingehend beschäft-igt. Dv. Karl Renner hat ein eingehendes alle Detail's umfassendes Referat gehalten. Der Ruf nach dernationalen Autonomie ist sogar bis in die Provinzblätter gedrungen. Ministerpräsident von Seidler hat sie im Parlament erst am 7. u!nd 8. März versprochen. Wenn trotzdem Bedenken in uns aussteigen, so geschieht dies nur deshalb, weil der Schritt der gemacht werden muß, zu radikal ist, als daß ihn ein altösterroichi scher Minister tun würide, und weil-noch immer Parlamentarier und Publizisten befangen sind von dem altösterreichischen historisch-poMischen ״Jndividua-!!täten". Hat doch am 9. März 1618 der Freiherr von Paris im Herrenhause erklärt: ״das Böhmen ein Recht habe, als selbständige Individualitat zu leben", im ganzen tschechischen Volke lebe diese Ueberzeugung. Früher existierte diese Ueberzeugnng in den Köpfen deutsch-bürgerlicher Politiker Böhmens. Man verrent sich hier znlande in die ältesten verfassungsrechtlichen Ideale, an denen man mit einer Hartnäckigkeit festhält, die eher an! Verbohrtheit und Eigensinn, deiwn an Charakterstärke erinnern. Und׳ es ist tieftraurig, noch iminer sehen zu müssen, daß! bei uns niemand von dem Kiege etwas golernt hat. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Friedensverhaindlnngen der Gedanke, des Selbstbestimmungsrochtes der Völker. Graf Ottakar Czer- »in gewiß die stärkste Persönlichkeit Brest-Litowsk, die ausgeprägteste Individualität Neuösterreichs hat diese Formel akzeptiert und denkt sie zu tK’rtDirfli{•!)«» Selbstbestimmungsrecht der Völker bedeutet aber ,nichts anderes, denn eine radikale Verfassungsrevison des Donau reiches. Römer als wichtiger Handelsplatz zu Wohlstand und Beideutung gelangt, und wurde auch im Mittelalter eiti Hauptstappelplatz von Waren, als die gewaltigen Hoerhaufen der Kreuzfahrer und der römisch-deutschen Kaiser sich über die Alpen ins sonnige Italien ergossen, und den kriegerischen Massen der friedliche Kaufmann mit seinen Waren folgte. Auch die Naturprodukte und Schätze des Morgenlandes, die durch die venetiani,scheu Seefahrer herbeigeschafft worden waren, nahmen größtenteils ihren Weg nach Deutschland über Bozen. Diese Bedeutung als Handelsstandt hat Bozen bis auf die Eueste Zeit bewahrt, wenn auch nicht für den Durchzugsverkehr, so doch für die eigenen Naturprodukte, die edlen Aepfelsorlen, die feurigen Weine, die konservierten Früchte und Gemüse, welche von dort in reichem Maße exportiert werden. Aber auch die ׳deutsche Heldensage war hier zu Hause. Hier war der Machtbereich Dietrichs von Bern (Verona), zu Garten (Garda am Garda-See) saß auf seiner festen Burg Otnit Lamparten (derLombiardei), hier lebten und webten Hugjdietrich und sein Sohn Wolfdietrich, der Zwerg-König Laurin, und wie alle diese wunderlichen, von den Mmnesängevw verherrlichten Helden der altgermanischen Romantik hießen. Es hatte ja auch einer der bodeutendsten Meistersänger hier seine Hemmt, Walter von' der Vogelwei'de, welcher angeblich auf dem noch heute so ׳benannten Vogelweidhof zwischen Waid- Des Gesamtstaates. Das Selbstbestimmun gsrecht der Völker darf aber niemals an der Leithe haltmachen. Wenn der Polenklub behauptet, daß seine .Haltung in der Cholmerfrage recht und billig sei, went׳.r polnische Parlamentarier mit dem Brusttone ihrer Ueberzeugung versicherten daß sogar die ehrwürdigsten u. hochwürdigsten pol. Episkopate in der Cholmerfrage eine eminent wichtige völkische Frage erblicken, so können sie dadurch vielleicht die weite unorientierte Oeffentlichkeit beeinflussen und solche politische Parteien, denen solche Beeinflussung zugute kommt, aber einer genauen Prüfung kann diese Stellungnahme der polnischen Parteien nicht standhalten. Das ganze Cholmer Gouvernement zählt 760.000 Seelen, von denen allein 110.000 Juden sind. Und nirgends weder in Cholm noch in den anderen Städ-- ten erreicht die polnische Bevölkerung mehr dem, 42 vo,n> Hundert. Abgesehen davon, daß die orthodoxen russischen Behörden auch ׳die katholischen Ukrainer den Polen zuzählten. Aber selbst zuge standen, daß׳ die Polen mit Recht aus ihre völkiübe Selbstbestimmung nicht verzichten wollen, dann wird den Juden, Deutschen, Ruthenen recht sein, was ihnen billig ist. Aber das Selbstbestinnnungsrecht für sich selbst in Anspruch nohrnen, um Minoritäten zu unterdrücken ist ein Hohn auf jedes Menschenrecht, lind des tun die Polen. Wenn anders, warum geben! sie den Juden nicht was diesen zukommt? Es ist' ein Verbrechen am jüdischen Volke, wenn jüdische! Abgeordnete des Polenklubs diesem Gefolgschaft leisten. Mögen die Inden des Donaureiches nienmls vergessen, daß sie in Gaizien eines der staatstreuesten Völker sind. Möge der Autisemitismus während des Krieges, möge er nach dem Kriege wahre Orgien feiern, niemals sollten die Juden vergessen, daß sie sich in den schwerster, Tagen treu zum Staate und dessen Herrscher, treu zur Armee auch der Verbündeten Mächte gehalten haben. Daß Landesverrat in diesen, Kriege ein Verbrechen ist, daß der Jude überhaupt nicht kennt. Was vollends Juden an Kriegsgefangenen deutschen und österreichischen Soldaten u,nd Ossizieren getan haben, davon wird später einmal gesprachen. Die Haltung der Juden während des Weltkrieges verteidigen zu wollen fällt uns nicht ein. Wenn unser Zeitalter in Vorurteile verstrikt sich Scheuklappen vor die Augen bindtet, kommende Zeiten werden den Juden gerecht werden, wenn anders an der Gerechtigkeit wicht überhaupt gezweifelt werden soll. Was jüdisch-national fühlt, was selbstbewußt jüdisch denkt, empfindet mit Schmerz einzelne Ausgeburten u,n׳d׳ Schädlinge seines Volkes; kann aber von diesen absehen, das solche Erscheinungen der Krieg bei allen Völkern gezeitigt hat. Diese stolze Haltung, die ,jederzeit die Jungjuden ausgezeichnet hat, mögen nm nicht verloren gehen, durch Politische Gefolgschaft bei- Parteien, ,die sich politisch ko mprom stierten. W!ie weit sich di!e polnischen Parteien kompronntierten, was in letzter Zeit in Galizien und der Bukowina geschah, darüber zu schreiben, verbietet die w w IK־ m - -v1r.v״>ssnwnm11H w'il.H brück und Lajen in der Nähe vom Bozen geboren wurde (um1170), und dem seine engeren Landsleute im Jahre 1889 im Bozen auf dem Johan- ׳nies,platze, der seither Malterplatz genannt wurde, vor der ׳Hauptkirche sin Denkmal errichteten. Alte Burgen und verfallene Ruinen sind im weiten Umkreise der Stadt zu sehen, und׳ geben uns Zeugnis, daß der Gegend um Bozen auch in der Geschichte des Landes eine bedeutende Rolle zukam. Am Zusammenflüsse der Etsch und Eisack ׳erhebt sich die große Burgruine Siegmundskron, nördlich von ihr die Burg Runkelstein mit berühmten altdeutschen Wandmalereien, insbesondere Szenen aus ״Tristan und׳ Isolde" darstellend. Kaiser Franz loses ließ die Burg m den Jahren 1848 — 1888 restaurieren, und schenkte sie sodann der Stadt Bozen. Nur wenige km. von Bozen entfernt, bei Meran, erhebt sich die in jüngster Zeit vestaurierte Burg Tirol, deren Schloßherren im 14. Jahrhunderte die Politische EmiMNg des bis dahin sn einzelne Grafschaften zersplitterten ״Landes im Gebirge" vollzogen, ihm den Nanren ihres Schlußes gaben, und die anr Fuße ihres Stammsitzes gelegene Stadt Meran, den bekannten Luftkurort, zur Landeshauptstadt erhoben. Die letzte Sproßin der Grasen von Tirol,!die angeblich wegen der Form ihres Mundes jo benannte Margarethe Maultasche welche die unweit von Bozen befindliche Burg, jetzt Ruine allgememe Sachlage. Mögen sich nur Juden von der Politik des Polenklubs fernhalten; dann sollte einmal das jüdische Volk infolge verkehrter Staatsknnst seiner Abgeordneten im Polenklub Schaden leiden, bei Gott! rnan wird mit diesen jüdischen Abgeordneten rechten. Wie -weit nun das Selbstbestimmungsrecht «der Völker bei einem allgemjeinen Friedenskongretz auf die Juden Anwendung finden wird, wissen wir nicht. Ob Graf Ottakar Czevnin bei d. rumänischen Friedensverhandlungen die Judenfrage erörtern wird, können wi heule noch nicht sagen. Ob die Ententesozialisten bei den allgemeineu, endgiltigen Friedensverhandlungen — wie es jüngst Von der Velde getan — wirklich die Palästinasrage aufrollen werden, hängt noch y. der zukünftigen uind endgiltigen Besitzergreifung PalästinaL. Aber es ist besser, man gäbe sich nicht allzutrügerischen Hoffnungen hin. Was wir jedoch wissen, was wirklich auf dem Wege ist, das ist! die Verfastungsrevision Alt-Oesterreichs. Vor dem Kriege schon konnte ich m diesem Blatte schreiben: ״Wenn einmal die Werbetrommel zur nationalen Autonomie gerührt wird, wöge das jüdische Volk gerüstet sein!" Sind die Juden gerüstet? Wird die neue Verfassung die Inden vorbereitet finden? Die Juden des Donaurei'ches, als ein Volk mit abnormaler soziologischer Struktur und Bewohner aller Gebiete des Reiches, haben gar keine Verpflichtung, sich für »politisch historische Individuali'täten" zu erwähnen. Und es ist ja nur der altösterreichische Zopf, der sich die Monarchie nicht anders vorstellen bann, denn in Kronländer geteilt, die die Völker scheiden, spalten und! gegeneinander Hetzen. Abgesehen von den langw'ieriaen und kostspieligen Verwaltungskörpern'. Di׳? selbstbewußten Juden Oesterreichs waren stets für eine national-kulturelle Autonomie. Die Jumgjuden haben es auch in ihren! ״Krakauer Programm" niedergelegt. Die junqiüdische Partei war auch ׳eine der ersten politischen Parteien 'die eine Verfassungsreform in ,diesen! Sinne vertritt, und der noch einer nicht genug! gewürdigte Dr. Her!nann Kadi sch hat es zu seinem Lebensziele gemacht, den Gedanken dieser Autonomie den breiten jüdischen Massen sinzuimpfen. Früher mag m!an ja über uns, die wir die nationale Autonomie verfochten, die Köpfe geschüttelt haben, aber nun ist sie doch wenigstens Parlamentsreif geworden. Wenn auch zugegebew wird, daß sie weder morgen, noch übermorgen eingeführt wird. Aber sicherlich ist sie in ein Stadium getreten, über das deutlich gesprochen werden muß. Vielleicht wäre es trotz aller Schwierigkeit״» doch möglich eine Konferenz Ämzuberufen, in welcher über dieses gewiß sehr wichtige jüdische Probien!! gesprochen wind!. Ein Problem den auch die führenden Juden Polens, der Ukraina und Rumäniens tangiert. Denn Oesterreich wird ja früher oder später daran gehen müssen, seine Indenfrage zu lösen, wenn schon nicht iin allen Be- ^־^־•fl*jrririillf• 1 T7־־»WMyrii1iW־«>i> > 11 > nBTiil'i 11!!tt'ii Maultasche bewohnte, ist bekannt wegen ihres Ehe-Romans. Im Alter von 12 Jahren wurde sie von ihrem Vater mit dem 8jähritgen Sohne des Böhmenkönigs Johann, von Luxemburg vermahlt. Nach 12jährigem Bestände dieser ״Ehe" vertrieb Margarethe, welche inzwischen großjährig geworden und nach idem Tode ihres Vaters in den Besitz des Landes Tirol gelangt war, den ihr widerwärtigen Gatten, und vermählte sich mit dem Sohne des deutschen Kaisers Lug-viig! IV. von Bayern. Dem Kaiser war es nähmlich um die Erbschaft Tirols zu tun,!deswegen schied er eigenmächtig Margarethes erste Ehe und erteilte ihr Ehfnspens bei Lebzeiten ihres ersten Gatten. Der darob erboste Papst verhämigte den Bann über das junge Ehepaar und seine Nuchkommenschaft, welchen er erst ׳nach 17 Jahren durch Vermittlung des österreichischen Herzogs Albrecht II. löste. Die Absicht Albrechts und Margarethes, ׳ihre Kinder mit einander zu vevheiraten, scheiterte zwar durch den frühen Tod von Margarethes einzigen Sohne: die weitere Absicht, welche mit der Eheschließung der Kinder verbunden war, die Vereinigung von Oesterreich und Tirol, führte sie jedoch trotzdem durch, indem sie (1863) zu Gunsten der Habsburger abdankte, sodaß auf diese Weise Tirol seither, fast ohne Unterbrechung, inu Besitze des Hauses Habsburg verblieb. (Schluß folgt.) ,.Hickl's Jüdischer Kriegskalender/'