Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 6 (26.3.1918)
- Date
- 1918-03-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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e*tt« 2. ״Mische Der Jude sah das Schlechte, die Knechtschaft stets in der Vergangenheit, wenn aber auch die Gegenwart traurig war, dann hat er seinen Blick in die Zukunft gerichtet und immer neue Befreiung erhofft und erwartet. Aber auch seht, wo die Kriegsfuric ihre Geißel schwingt, wo die Kanonen mehr das Wort führen als die Logik, wo Gewalt vor Recht geht und das Judentum in seinen Grundfesten erschüttert wird, verliert der Jude nicht den Glauben an eine bessere Zukunft, die alle Gesetzlosigkeit und Ge- Walt von der Erde verschwinden lassen wird 1m> wo wir zusammen mit der ganzen Menschheit da? Pessachfest feierlich begehen werden, um mit Recht ausrufen zu können: עבדים היינו ״Knechte waren wir einst, einst, aber setzt nicht in er." schen Stellungen vielleicht gleichzeitig em. Häuflein russischer jüdischer Krieger zu dem gleichen Zwecke sich zusammen fand. Kämpfen doch zufolge der schon durch fast 2 Jahrtausende währenden Diiaspora die in alle Welt?.erstreuten Juden in den Reihen nahezu sämtlicher kriegführenden Staaten gegen einander! Man erzählt von einem jüdischen Soldaten unserer Armee, welcher im Nahkampfe einen rusfischen Soldaten niederstach, wobei dieser mit dem Ausrufe: ״Schmäh isroel meine sieben Kinder!" sterbend zusammenstürzte. Es ist dies ein symptomatisches Ereignis. Der Krieg ait der russischen Front hat seither aufgehört. Die Russen, welche mit ihren unzählbaren Heeresmassen bereits vor den Toren Krakaus standen und über Ae Karpathen nach Ungarn eingebrochen waren, sind geschlagen warden. Der Zarismus, der gefährliche Hasser unse-! rer Monarchie und der Juden, der, gestützt auf die Macht!der Bajonette und des Klerus, für unerschütterlich galt, ist wie sine morsche Säule zusammengebrochen, unterdrückte Nationen find zu So sind wir richtig bei den vierten Ostern neuem staatlichen Leben erwacht, und im Innern während des Weltkrieges an,gelangt, und noch; des beträchtlich kleiner gewordenen »Gvoß-Rußimmer ist kein Ende des furchtbaren Völker-Rinland" gährt und brodelt es wie in, einem Hexen- Vierte Kriegs-Ostern. Bon Dr. Th. H. gens abzusehen. Zu gewissen Zeitperioden fühlen wir uns veranlaßt, in Gedanken stehen zu bleiben und einen Rückblick zu werfen auf die Fülle ׳der in unaufhaltsamen Drängen sich abspielender Ereignisse. Solche Zeitpunkte sind Beispielsweise dsr 1. August, der Jahrestag des Beginnens des Weltkrieges, der jüdische und der allgemeine Neujahrstag, es sind ׳auch die Osterfoiertage: das Erlösungsfest der Kinder Israels aus kessel. Auch auf dem Balkan sind ׳große Veränderungen vor sich gegangen; Serbien und Montenegro sind von den siegreichen Heeren der Mittelmachte niedergetreten worden, und auch Rumänien hat bereits den wolverdienten Lohn für seineu tückischen Ueberfall empfangen. Aber noch lange sind wir nicht am Ende des gräßlichen Krieges angelangt, von׳ dem ein Wundervabbi bei seinem Beginn geweissagt haben der ägyptischen Knechtschaft, das Fest der Aufer-' soll, es werde eintreten, wenn im Herbste die Tö-, f bem P w Berliner Vertrages aebliestehuug des christlichen Heilands, die schon tot der! ne des Schofar erklingen werden. Aber der Scho- 1LL ^11* £5 Friedensbotschaften, mehr oder minder aufrichtig gemeint, sind hie und da aufgetaucht und haben der vielgeprüften Menschheit neue Hoffnitng eingeflößt, aber gar bald zerfloß der schöne Traum, wie eine Fata Morgan«, an> dem hinter der Maske der Huwnnität und Völkerbefreiung verborgenen Vernichtungswillen unserer Feinde, welche angeblich den Krieg weiterführen, um künftigen Kriegen vorzubeugen, den Teufel durch Belzebub vertreiben wollen. Düster sind trotz des Friedens im Osten die Aussichten auf einen allgemeinen Gesammt-Frieden, für die Menschheit im Allgem>einen, und für uns Juden nicht minder, welche mitunter im Laufe des Weltkrieges mehr zu leiden hatten als ihre christlichen Mitbürger. Mit Schaudern gedenken wir der düsteren Herbsttage des Jahres 1614. als endlose Züge galizischer Inden, meist vollständig ihrer Habe beraubt, nach dem westlichen Oesterreich, insbesondere nach Böhmen und Mähren, gebracht wurden uni wenigstens das nackte Leben vor der Vrutalitat der kosakischen Horden zu retten. Die russische Gefahr ist nun vorüber, die Flüchtlinge konnten Hereits zum größten Teile in ihre Heinrat znrückkehren, wo sie freilich vielkoch nur die Schutthaufen ihrer ehemaligen- Wolmhänser vorfanden; ihr Hab und Gut war aewähnlich in. allen Winden zerstreut. Ans dem Territorium des ehemaligen! russischen Reiches bat der Sieg der Revolution auch den Juden eine Erleichterung ihrer sozialen Stellung gebracht, welche hoffentlich bei Wiederkehr geregelter Derhältnisse andauern wird, u,n׳d auch in Rumänien denkt man. scheinbar bereits ernstlich daran, die römischen Kultur-Epoche bestandene Feier Erwachens der Natur. Bei uns Juden ist Ostern ein Famalienfest, ebenso wie Weihnachten bei den Christen säm>tlicher Riten. Freilich Waren die Sedor-Abende die sonst die Familienmitglieder von nah und fern zusammenführten, auch Heuer, ebenso wie in den verflossenen 3 KriegKjahren, so manche Lücke an Teinebmer aufzuweisen haben, denn viele Manm<er, Söhne und Brüder weilen fern von der Heimat in Schützengräben, oder liegen verwundet in entlegenen Spitälern, oder befinden sich in! Gefangenschaft im Feindesland, tausende Meilen des far hat bereits viermal den Beginn eines neuen Jahres verkündet, jedoch noch nicht den Einzug des so heiß ersehnten Friedens. Der Kriegswille bene Gleichberechtigunug «der Juden in die Tat mnznseben. In den übrigen europäischen Staaten erbosder feindlichen Staatenlenker besteht noch in ho-j ferJ, üiüchfalls die endliche wirkliche Gleichhem M-ihaufrecht, immer mehr -,reift das bluti-j der Juden, welch« trn Weltkrwae s>» als « Ringen um sich, Mittel werden neu erfunden.'reue Unterkmen ihrer Himntslander -rw-esen und vewollkommnet. um Menschen su töten u. zu י»®«". und im wahrsten Sinne des Works Gut und Blut fürs Vaterland opferten. Und wenn wir letzt an den bevorstehenden oder-Abenden die Befreiung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft und den Zug ins gelobte verkrüppeln. Nicht mehr auf die Kriegführenden allein sind die Einwirkungen des Krieges beschränkt geblieben, auch das Hinterland, gleichgiltig welches Staates, leidet unter Hunger und Unter-Ernährung; Geburten-Rückgang, erhöhte j Land feiern, so erinnern wir uns auch daran, daß Krankheitsfälle und Sterblichkeit machen sich als!nach den freilich mil großer Vorsicht aufzunehvon ihren Lieben entfernt. Und wie viele find, die Folge-Erscheinungen immer mehr bemerkbar..! menden Versprechungen der Entente, denen sich nicht mehr wiederkehren-! Aber auch die Tiere werden dezimiert, Nutz- und' übrigens auch unsere Staatenlenker nicht zu der- Zugvieh; der Boden kann zufolge unrationellerj schließen scheinen, in Palästina, wo vor kurzem Bewirtschaftung nicht mehr den vollen Ertrag die Engländer als ״Befreier vom türkischen Joliefern, die Rohstoffe und Industrie-Produkte,! che" eingezogen sind, ein selbständiger Judenstaat welche für Ernährung, Bekleidung, Beleuchtung,'errichtet und so der zionistische Traum, die Idee Beheitzung und andere Bedürfnisse des mensch-, Theodor Herzls verwirklicht werden soll, lichen Lebens erforderlich sind, werden immer sel-j Ob und in welcher Form es zur Realisierung temer, sind zum großenTeile unwiederbringliche dieses Ideals gelangen wird, das nicht nur in auf dem Meeresgründe gebettet. Kein Gebiet, dasj unseren täglichen Gebeten ausgedrückt wird, sonvau den verheerenden Wirkungen des Krieges ^dern insbesondere auch in der an! den Seder-Abenverschont geblieben wäre, nicht bloß bei uns, auch, den ausgesprochenen Hoffnung, das nächste Jahr in den feindlichen Ländern,auf dem ganMn Erd-j in Jerusalem zu verleben, ist noch in tiefes Dunball!! kel gehüllt. Wenn auch nicht vereint mit ihrer Familie, gedenken die jüdischen Soldaten in der Ferne cm׳ diie-sen Abenden dennoch ihrer An gehörigen,ob si e auch gemeinsam mit mehreren Kameraden die Ceremonien des Seder begehen, so weit dies nach Lage der Verhältnisse möglich ist, oder ob sie nicht einmal^dies zu tun vermögien. Oft erinnere ich mich der ersten Ostrn im Felde, die ich im Kreise einiger jüdischer Offiziere und Unteroffiziere an der russischen Front verbrachte, am Ufer des Dunajez, während drüben, am anderen Ufer des Flusses, in den rufst zu beheben, hatte Papst Saul III. über drängen der weltlichen Herren, insbesondere des römischdeutschen Kaisers Karl V., diese Kirchenverfamimlung ״zur Reformierung der katoli-schen Kirche cm Haupt und Gliedern" einberufen. Durch gemeinsame Beratung und Formulierung der strittigen Punkte sollte eine Einigung, erzielt, und eine dauernde Loslösung der Protestanten von der Mutterkirche verhindert werden. Aber der angestrebte Zweck wurde nicht erreicht. Die Protestanten beschickten den Kongreß nicht, und dieser selbst mußte zufolge offener und geheimer Gegensätze zwischen den Anhängern des Papstes und des Kaisers, sowie zufolge kriegevischer Unruhen wiederholt unterbrochen werden. Das Resultat des Kongresses war schließlich das entgegengesetzte von dem, was eigentlich beabsichtigt wurde: die Glaubenslehrer der katholischen Kirche wurden wohl formuliert, jedoch nicht im Einvernehmen, sondern im Gegensätze zu den Protestanten, welche durch die Beschlüsse des Konzils für immer von der katholiischen Kirche abgetrennt wurden. Em im Chore der Kirche in der Nähe des Hochaltars befindliches Oelgamälde aus dem Iahre 1563 zeigt uns die Teilnehmer der damaligen kirchlichen Beratungen: 7 Kardinäle, 3 Patriarchen, 33 Erzbischöfe und 235 Bischöfe.! Auf unseren Wanderungen durch die Stadt gelangen wir auf den Friedhof. Die Grabsteine' find hier durchwegs in gleicher Form und Größe ausgeführt, sodaß hier alle Menschen nach dem Tode auch bezüglich der Gedenktafel gleich sind, und man keine Verschiedenheit gewahrt, welche «auf bessere oder mindere Vermögensverhältnisse Schlüsse ziehen läßt. In der Mitte des von Säulenhallen umrahmten Friedhofes erhebt sich em kolossales Mausoleum mit einem mächtigen Adler und einer Inschrift, welche besagt, daß hier heldenmütige Verteidiger Südtirols aus dem Weltkriege ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. II. Bozen. Ein herrlicher, sonnenklarer Morgen führte uns von Trient gegen Norden, durch das auf beiden Seiten von. kahlen Bergabhängen eingeschlossene Etschtal stromaufwärts. Es folgen noch eini- Stationen mit italienischen Ortsnamen, doch bald sind «auch diese verschwunden, und von Salurn cm befinden wir uns auf deutschem Boden. Das Gebirge steigt almählich, immer neue Berggruppen breiten sich, vor dem überraschten Auge aus, von zerrissenen Schluchten und Wildbächen durchzogen. Kurz bevor die Etsch sich mit der hoch oben vom Brenner kommenden Eisack vereinigt, entfernen Wir uns von ihrem» Flußlaufe, und sind׳ im weiten Talkessel von Bozen angelangt, welcher sich einem riesigen Garten gleich vor uns ausbreitet. In bunter Reihenfolge wechseln in diesem fruchtbaren, von milden Südwinden durchzögein/en Becken Rebenhügel mit Maisfeldern und Obstpflanzungen, Südfrüchte werden hier gezogen; Feigen und Kastanien, Mandeln und Pfirsiche, Orangen und Citronen Prangen in südlicher Frische. In weiterer Entfernung sind jedoch im malerischen Kontraste schneebedeckte Alpenhöhen sichtbar, welche dieses «Stück Italien auf deutscher Erde" gegen die rauhen Stürme des Nordens schützen, und es daher zu einem insbesondere für Lungenkranke heilsamen Aufenthalte gestalten. Und mitten in dieser anmutigen Landschaft, umgeben von einem sich immer mehr ausdeh- «neNden Villenviertel, umsäumi von friedlichen Dörfern, erhebt sich Bozen mit seinen vielen, durch seinen Baustil noch an die Nähe Italiens mahnenden, altertümlichen Gebäuden neben modernen Neubauten. Aber nicht nur durch die Na״ tur, welche hier die Reize des südländischen Klimas mit der Gewaltigkeit des Hochgebirges harmonisch vereinigt hat, ist Bozen begünstigt, sondern auch durch seine glückliche Lage am Ausgange aus der Gebirgswelt der Alpen, bei der Veremigung der durch die Täler der Etsch und der Eifack, über die Pässe des Reschen-Scheideck und des Brenner führenden Wege v. Deutschland nach Italien. Hiedurch ist Bozen schon zur Zeit der nי at>a Pessach 44