Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 4 (14.2.1918)
- Date
- 1918-02-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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.Jüdische Bottsstimme" N. 4 Talaat Pascha mit einem Vertreter der ״Vossischen Zeitung". Der Großvezier stellte die Abschaffung der die Einwanderung und Kolonisation!der Juden in Palästina beschränkenden Maßnahmen, die Zulassung der jüdischen Ein- Wanderung nach Maßgabe der Aufnahmefähigkeit des Landes, sowie Gewähruna lokaler Autonomie im Rahmen eines allgemeinen ׳neuen Gesetzes betreffs der Lokalverwaltrmg in Aussicht. Dieser Erklärung schloß sich unmittelbar darauf die deutsche Negierung!durch den stellvertretenden Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von dem Busche an. Einer jüdischen Abordnung aus Vertvetern des Zionistischen Aktionskomitees und des Komitees für den Osten mit Dr. Hanitke und Professor Oppenheimer an der Spitze erklärt er die Bereitwilligkeit der deutschen Regierung, die auf die Entwicklung ihrer Kultur und Eigenart gerichteten Wünsche der jüdischen Minderheit in den Ländern, i,n denen sie ein stark entwickeltes. Eigenleben haben, zu fördern. Gleichzeitig begrüßte er die von Talaat Pascha hinsichtlich des Zionismus gemachten Aeußerungen. Wenn die türkische Negierung ihr Vers,prochen einzulösen entschlossen ist, so würde dies einen großen Fortschritt gegenüber ihrem bisherigen Verhalten zun: Zionisnms bedeuten. Vor dem Kriege wurde die,jüdische Kolonisation in Palästina auf Schritt und Tritt behindert, sowohl unter Abdul Hamid als unter der jungtürkischen Regime. Neben den Rückständigen Verwaltungs- Methoden, die dem Aufblühen des jüdischen Kolonisationswerkes sehr ungünstig waren, kamen direkte Maßnahmen gegen die jüdische Einwanderung und Kolonisation. Taalat Pascha schreibt diese Maßnahmen den Kapitulationen und dem Umstande zu, daß die russischen Juden nicht die Möglichkeit hatten, die türkische Staatsangehörigkeit anzunehmen. Es ist jedoch unbestreitbar, daß mangelnde Einsicht der türkischen Regierung in die wohltätigen Wirkungen der jüdischen Kolonisation auf die Entwicklung des Landes in diesen Beschränkungen eine große Rolle spielt. Wiährend des Krieges holte Djemal Pascha, Oberbefehlshaber der syrischen Armee, zu einem Vernichtendem Schlage gegen die jüdische Kolonisation aus. Er hätte seine Absicht sicherlich ausgeführt, wenn nicht die amerikanische und deutsche Regierung dazwischen gekommen wären. Im vergangenen Sommer ließ Djemal Pascha die jüdische Bevölkerung Jaffas und eines großen Teils der Kolonien evakuieren, wodurch er sie ins tiefste Kriegselend stürzte. Diese Maßnahme, die mit militärischen Gründen nicht zu rechtfertigen war, rief allgemeine Entrüstung in den neutralen Ländern hervor. Welche Absichten Djemal Pascha mit dieser Evakuierung verfolgte, geht aus einem Interview hervor, das er dem Vertreter einer deutschen Zeitschrift, der ״Deutschen Politik" einige Zeit darauf gewährte. Er erklärte sich in diesem Interview als Gegner des Zionismus und der jüdischen Ein- Wanderung und sagte wörtlich: «Meiner Meinung nach ist der Zionismus eine sehr schädliche Bewegung für das türkische Reich und ich tat mein Möglichstes und tue es auch heute noch, um einer Erweiterung dieser Bewegung in diesem Lande entgegenzuarbeiten. Ich halte dieses für meine Pflicht." Es Wirft daher ein eigenartiges Licht auf die Versprechungen Talaat Paschas für die Zukunft, wenn er sich dabei auf das ״Wohlwollen" der türkischen Regierung gegenüber der jüdischen Kolonisation in! der Vergangenheit beruft. Die Juden aller Länder könnten es nur freudig begrüßen, wenn die türkische Regierung hinsichtlich der jüdischen Kolonisation in Palästina revidiert hat. Allein die Erklärungen Talaat Paschas sind zu allgemein gefaßt und lassen zu viele Deutungen zu, als daß man überzeugt sein könnte, daß die türkische Regierung tatsäch lick entschlossen sei, jüdischer Kolonisation keim Schwierigkeiten mehr zu bereiten. Bedenken erregt namentlich die Stelle, wo von der Zulassung der jüdischen Kolonisation ״im Rahmen der Aufnahmefähigkeit des Landes" die Rede ist. Hier wird mit einem ganz dehnbaren Begriff operiert. Daß es auch im jüdischen Interesse liegt, die Ein- Wanderung in Palästina nicht zu überstürzen, ist ohne weiteres klar. Aber die Aufnahmefähigkeit deS Landes kann durch moderne Verwaltungsmaßregeln ungeheuer gesteigert werden, und wo rauf es hier vor allem ankommt, ist, ob die türkische Regierung wirklich geneigt ist, mit der ab ten rückständigen Wirtschaft aufzuräumen und moderne Rechts- und Verkehrsverhältnisie im Lande zu schaffen. Für das Gedeihen der jüdischen Kolonisation ist ferner Begünstigung des Bodenerwerbes, vor allem die Verwendung der Leti fundien, herrenlosen und staatlichen Ländeveien für Kolonisationszwecke, Erleichterung der Naturalisation der Einwanderer und Sicherung der nationalen Selbstverwaltung für die voläufig -noch eine Minderheit bildende Bevölkerung, unerläßlich. Me stellt sich die türkische Regierung zu diesen praktischen Fragen? Was den formellen Wert der Erklärungen Talaat Paschas betrift, so ist darauf hinzuweisen, daß es nicht üblich ist, Aeußerungen von Staatsmännern gegenüber Journalisten als bindende Verpflichtungen ansehen. In jedem Falle kann die Zukunft der Juden in Palästina nicht von Belieben der wechselnden türkischen Regierungen abhängig gemacht werden. Die jüdische Demokratie fordert die Regelung der jüdischen Frage durch den iinterniationalen Friedensvertrag. Dazu gehören auch Bürgschaften für eine ungehinderte Einwanderung und kolonisatorische Arbeit in Palästina. Von diesem Gesichtspunkte muß auch die deutsche Erklärung betrachtet werden. Sie erweckt den Eindruck, daß die deutsche Regierung die jüdische Kolonisazion in Palästina als eine interne türkische Angelegenheit behandelt sehen will. Von dem Busche hat,nur die Zusicherungen Taalat Paschas beg!rüßt ohne seinerseits für die deutsche Regierung irgend eine Verpflichtung zu übernehmen. Auch das vermindert ungemein die Bedeutung der deutschen Erklärung. Auch, der auf die jüdischen Minoritäten in Osteuropa bezügliche Kassus der deutschen Erklärung kann die jüdische Öffentlichkeit keineswegs befriedigen. Sie tut die so brennende Ostjuden frage mit allgemeinen kautschukartigen Redensarten ab. Eine konkrete Stellungsnahme zur Forderung nach niatio- .naler Autonomie wird offenbar geflissentlich vermieden. Die bisherige deutsche Praxis in Polen und Lithauen gibt keineswegs zu einer optimisti'schen Beurteilung der deutschen Zusicherungen Anlaß. So wurden die Juden Polens in der bekannten Verordnung der deutschen Verwaltung über das jüdische -Gemeindewesen als bloße Religionsgemeinschaft behandelt. Und selbst diese Verordnung wurde den. Pol!n׳ischen Chauvinismns zuliebe so gut wie fallen gelassen. Das jüdische Schulwesen wurde völlig der Polnischen Gesellschaft ausgeliefert. Auch die Juden Polens und Lithauens können die Versicherung ihrer Rechte nur vom internationalen Friedensvertrag erwarten. Die Deutschen verlangen, daß Palästina der Türkei einverleibt werde u>nd die Jungtürken mit den Juden dasselbe tun, was sie ׳mit den Ara- -bern und Armeniern getan haben. Selbst die Bolfchewiki finden dies unannehmbar. Wir Juden können -nicht weniger als diese verlangen, wenn die Deutschen etwas anderes meinen, sollen sie es klar und deutlich sagen. Die Zeitschrift »Palästina" kommentiert die Aeußerungen von Talaat Pascha gegenüber der ״Vossische Zeitung". Sie meint, daß sie keine Anerkeimung von! Palästina als eines nationalen Heimes für das jüdische Volk enthalten. Die lokale Autonomie, wie sie in den jüdischen Kolon!!«- en bestand, wird durch die angekündigten Neformen in starkem Maße eingeschränkt Der Groß- Vezier strebt nach Zentralisation und Türkifizierung der nicht türkischen Nationalitäten. Zur Erklärung der Reichsregierung über die Judenfrage. Bon Prof. Dr. Franz Oppenheimer, Berlin. Zu der dieser Tage bei uns veröffentlichten Erklärung der Reichsregierung über die kuturellen Forderungen der Ostjuden und insbesondere über die Bestrebungen der Zionisten äußert sich Prof. Dr. Franz Oppenheimer, der bei dem Empfang zugegen war, in den in Berlin erscheinenden ״Neuen Jüdischen Monatsheften" (Nr. 7 vom 10. Januar) folgendermaßen über den ersten Teil der Erklärung: ״Die Erklärung, die Herr von dem. Busche Hiddenhausen den Vertretern zweier «jüdischer! Komitees erteilt hat, zerfällt in zwei Abschnitte, deren erster vorwiegend für das ״Komitee für «den Osten", deren zweiter vorwiegend für das ״Zionistische Aktions-Komitee" bestimmt war. ' Der erste betrifft den Schutz der nationalen Min-!derheiten in den Randgebieten Westrußland, der zweite die Kolonisation Palästinas. Da die beiden Angelegenheiten innig zusammenhängen und in ihrer Gesamtheit das außenpolitische Interesse der deutschen Judenhcit überhaupt bilden, hat die R-eichsregierung den Weg gewählt, sie in einer an eine neutrale und eine zionistische Abordnung gerichteten gleichlautenden Erklärung zu behandeln. Uns interessiert an diesem Orte — unbeschadet der Wichtigkeit, die auch wir dem Palästinaproblem beimessen, und der Genugtuung, me wir über den Fortschritt seiner Lösung empfin- ׳den — vor allem der erste Teil der Erklärung, der sich an, uns richtete und zu dem׳ ,großen Problem Stellung nahm, das ׳in diesen Blättern von Anfang an in den Mittelpunkt der Arbeit gestellt war: zum Schutz der jüdischen Minderheit im slavischen Osixn. Wir begrüßen die Erklärung mit hoher Freude, wahrlich nicht, weil sie einen Erfolg unserer beharrlichen Arbeit darstellt, sondern weil sie beweist, daß die leitenden Männer Deutschlands den Forderungen der Zeit Verständnis und guten Witten entgegenbringen.Die öffentliche Meinung der Welt erklärt sich immer enhelliger und mit immer lauterer Forderung kraft des Prinzips der Gerechtigkeit für die sprachlich-kulturelle Autonomie der Minoritäten. Das mag man in einigen dumpfen Amtsstuben in Krakau und Warschau noch nicht gemerkt haben ... aber auf der freien Höhe unserer Reichsrsgierung hat man offenbar empfunden, woher der Wind weht, der allmählich zum Sturm wächst, und man hat sich beeilt die Segel zu rasfen. Wir haben das sprachlich-kulturelle Problem niemals anders begriffen denn, als einen kleinen Teil eines welturnfassenden Problems allerersten Ranges, und unsere Hoffnung auf seine Lösung, die vielleicht nur stufenweise erfolgen wird, hat i mmer darauf beruht, daß die große Flut, die wir kommen sahen, auch dieses schwache Schifflein flottmachen und mit sich tragen würde. Es Hanbeit sich nicht um Juden und Polen, es handelt sich um paneuropäische, panplaneta-rische Not- Wendigkeiten; es handelt sich um ein Prinzip, um ein nicht länger einer Hinauszögerung fähiges Interesse der größten Gruppe der Erde, der europäisch-amerikanischen Kulturmenschheit: und es bedeutet die Erklärung der Reichsregierung darum den Sieg -dieses Prinzips. Wir sind weit davon entfernt, die augenblickliche Praktische Bedeutung der Regierungserklärung zu überschätzen. Aber wir freuen uns ihrer als ׳gute Europäer, weil sie einen Gedanken weiterträgt, ohne den die Staatengemeinschaft unseres Erdteils zugrunde gehen muß; als Deutsche, weil unser Vaterland nicht gedeihen kann, wenn die Staatengemeinschaft leidet, in die es unlöslich verflochten ist, und weil das Bekenntnis zu dem Prinzip Deutschland wieder einmal, trotz aller Phrasen uniserer Feinde an der Spitze des ftiarken Heeres zeigt, das die Zukunft erobern will;— und schließlich als Juden, weil damit unseren Glaubensgenossen im Osten die Aussicht auf wirkliche Freiheit und Gerechtigkeit erschlossen wird. Und darum ist unsere Befriedigung darüber, daß unsere Reichsregierung den Gedanken anerkannt hat, der uns vor allem geleitet hat, ebenso aufrichtig wie unser Dank an die Männer, die die Zeichen unserer stürmischen Zeit zu deuten wissen. Das Prinzip hat seinen ersten Sieg erfochten — und der Endsieg ist sicher. Seelensang im Lainzer Bersorgungshaus. Im ״Abend" liest man: ״Bereits zu wiederholten Malen mußten wir uns mit den Zuständen in Wiener Versorgungshäusern beschäftigen. Wir verweisen da insbesondere auf unsere Berichte vom Elend, das im Greisenasyl im zweiten Bezirke ״Im Werd" herrscht. Solchen Anklagen gegenüber wurde ja immer auf das Lainzer Versorgungshaus als das Muster eines Versorgungs- Hauses hingewiesen. Daß aber ׳auch in diesem Musterhause nicht ideale Zustände herrschen, beweisen Vorkommnisse, die sich gerade iv letzter Zeit häufen: Wir meinen da das Schicksal der jüdischen Insassen des Vorsorgungshauses. Man be-