Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 4 (14.2.1918)
- Date
- 1918-02-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1i't't* %. ♦f ן . .- « WMPpMNB» Nr. 4. t t>k Nichtigkeit der Reformbewegung erkannt hatte. Als im Vorjahre um diese Zeit die Parole ״Hie Krieg, hie Frieden" erscholl, fanden sich die beiden wiZ)er als Widersacher gegenüber. Step- Han Wise, dessen Wiege im Budapest gestanden hatte, überdonnierte alle Kriegsanhänger mit fest nem Rufe im Streite gegen die künsten Vorkämpfer der geächteten Pazifistenbewegumig. Im Namen der Demokratie feuerte Wise zum Waffengange über den Ozean an, während Magnes unter demselben Banner für die Friedensmission Amerikas kämpfte. Da wandelte sich der feine Salonredner Magnes zum feurigen entflammenden Agitationsredner, ״Es ist nicht wahr" hörte ich ihn unter brausendem Applaus einer vieltau-!sendköpfigen Menge aller Nationalitäten und Konfessionen ausrufen, »daß die U-Boote ein barbarischeres Mittel als die Waffen der Entente darstellen. Es ist nicht barbarischer von einem Torpedo als von einem Schrapnell getötet zu werden". ״Die Deutschen haben das gleiche Recht auf unsere Bruderliebe, wie die Engländer und Franzosen!" ״Das Blut der Jugend Amerikas soll für die Geldinteressen einiger Großkapitals sten verspritzt werden". Man mutz die reißende Strömung einer tn Lauf gekommenen ameri kämischen öffentlichen Meinung kennen, um das Heroische in der Haltung des Dr. Magnes wür- Ligen zu können. Jeder Ueberzeugung sei gleiche Wertschätzung gezollt, und für das amerikanisch-jüdische Leben mögen beide Gegensätze bedeuten die sich zum Wöhle der Oeffentlichkeit gegenseitig ergänzen. Allein für die Juden her Zentvalmächte oder auch der neutralen Länder erwächst eine große, noch ungetilgte Schuld des Dankes und der Verehrung für den unerschrockenen Prediger der Einigkeit, der Völkerverbrüderung und der Zionsliebe, Rabbi Dr. Juda Leb Magnes. Dieser Herr leugnet alles, was über seinen Gesichtskreis hinausgeht, füttert die Jugend mit Hypothesen, um nur als ״Freidenker" zu erscheinen. Den ganz jungen Leuten, die rechts von links noch nicht zu unterscheiden vermögen trichtert er ״Wahrheiten" ein, die er sich ersparen könnte. ethischen Höhe emporschwingen, die ihron prägnanten Ausdruck im Satze hatte: קדשים תהיו כי קרוש אני ד אלהיכס. Dozentenweisheit. Vor einigen Monaten haben die galizischen Flüchtlinge mit Genugtuung erfahren, daß pädagogische Lehrkurse in Wien ermittelt werden, in denen man jüdische Lehrer erziehen wird. Da einige Profeßorennamen ziemlich bekannt waren, wenn auch einige den Durchschnitt nicht überschritten, ja sogar unter demselben waren, so bürgte anderseits der Name des Professor Jerusalem dafür, daß die Kurse etwas Positives leisten werden. Für die Bibelkritik wurde auch gesorgt und dafür ein neugebackener Dozent bestellt, der sich seiner pädagogischen und wissenschaftlichen Pflicht auf sonderbare Weise zu entledigen glaubte. Er macht sich über die Bibel lustig, glaubt nicht an die Offenbarung und sein!ganzes Tvachten geht dahin, die Bibel als ein Plegiat zu betrachten, da er sie als Kopie der babylonischen Literatur haben möchte. Friedrich Delitzsch' Theorie war schon be graben, Niemand kehrte sich mehr an sie, da kam dieser Dozent, blies neues Leben hinein, und es erwachte. Delitzsch redivinus! Wahrlich, einem Ezechiel würde so eine Wiederbelebungsprobe nicht mehr geglückt haben. Daß sich Männer von Rang wie: Mommsen, D. H. Müller, Jules Oppert, Jakob Barth, Hommel und Andere gefunden haben, die die Nichtigkeit der Delitzischen Theorie ad oculos demonstrierten, scheint diesen Herrn nichts anzugehen. Die.geistigen Erzeugnisse eines Volkes sind aber nie gang autochthon, sie sind vielmehr den Schätzen anderer Völker entlehnt, die es seinen natürlichen Anlagen anpaßt. Durch diese Anpassung erhält die Literatur den Stempel der Originalität und nicht nur unbegabte Völker, sondern auch die genialsten haben oft Andere nachgoahmt. Ja, je genialer ein Volk war, desto mehr stellte sich bei ihm das Bedürfnis ein,, anderen Völkern das Meiste abzugucken. Die Griechen sind dafür ein. klassisches Beispiel. Was hat dieses Volk hervorgebracht, was schon nicht im Keime und sogar in ziemlich großer Entfaltung bei den alten Völkern war? Nur konnte der griechische Genius dasjenige, was die anderen Völker nicht so sehr betonten hervorheben, es verlebendigen, aufquellen Wachen und ihm seinen Geist!einhauchen. So geschieht es auch mit Strömungen und wenn, wir das Christentum, die Renmssanze, Reformation betrachten, werden wir uns überzeugen, wie wenig sie absolut originell waren. Die Persönliche Note war vielmehr dasjenige, das das Werk gekrönt hat. Wenn es dem so ist, warum soll es sich anders mit dem jüdischen Volke Verhalten? Auch dieses kam überall herum, rtl rtlM/lrrt 44/lk WstM/tMp _ CTTV r\ I I* aC. a..... 1 Und dann von! der so verworrenen, komplizierten und unaesthetischen Schöpfungsgeschichte der Babylonier bis zur biblischen Schöpfungsgeschichte, welch kolossaler Unterschied! Welche Distanz! Nicht einmal der Harmonie trunkene Grieche hat die Schöpfung, so aesthetisch-synthetisch dargestellt, wie es die Bibel getan hat, die sogar di'e Naturforschung unserer Zeit vorweggenommen hat. Und wer verkennt denn den kolossalen Unterschied zwischen den babylonischen Psalmen und den jüdischen, die der ganzen Gefühlsklaviatur beredten Ausdruck verliehen haben?! Außerdem wißen wir sehr gut, Laß der babylonischs Einfluß sich auch, oder in noch grüßerem Maße im Talmud geltend,gemacht hat und zwar in der Agadah, wo sie nicht selten verunstattet und durch den geringen babylonischen Schönheitssinn einen Choc erleiden müßte. So deutet auch der Talmud die biblische Stelle: במחשכים הושיבנו ־ והתלמוד בבלי. ״ יIm Finsteren hat er m!ich sitzen laßen, dies ist: der babylonische Talmud" Und Abraham ibr Esra hat nicht ganz Unrecht wenn er sagt: מהם -;בים כשל,ים. ומהם כמשי הל,ים- (Manche Agadas sind so grob wie Säcke, manche aber so fein wie Seide). Die der jüdischen Lebens- und Weltanschauung entnommenen Legenden, Erzählungen und Märchen weisen ein weit ,größeres Schönheitsmaß und harmonische Liiniie auf. Der Jerusalemer Talmud hat tatsächlich in weit größerem Maße schöne Legenden geschaffen als der babylonische, da in dem ersteren der Erdgeruch sich bemerkbar macht. Aber schon im Talmud sehen wir bibelkritisch gestreute Bemerkungen, denen wir unsere Bewunderung zollen müs- ‘ fett. Wenn auch die Bibel oft nicht wörtlich n,ehmend hat er ethisch-religiöse Anschauungen gehegt, die er auf seine Wjeise!gedeutet hat. Auf die Tanaiten paßt tatsächlich des Dichters Spruch: ״Sie saßen am sausenden Webstuhl der Zeit und wirkten der Gottheit lebendiges um m₪mm hen wie hier diese jüdischen Vögel, die auch zum Stolze Frau Schmälzens die herrlichsten Lebern ihr liefern. Wlenn dereinst Meschiach4 wird kammen, die Juden erlösen, wo anders sollt' als bei ihr sein Absteigquartier er sich wählen? So nämlich denkt unser Srule und er hat damit nicht so Unrecht, da!er doch selbst schon häufig erprobt die Werke der Kochkunst aus der Küche der braven Frau, mit der er befreundet. Jüngsthin jedoch, da war ihr Passiert ein gar schreckliches Unglück: nämlich, als sie daran war, 'ne Prächtige Gans zu zerlegen und wie der Brauch es gebietet, zuerst den Weschet^ zu Priifen, da, welch' großes Schlemasel!8 — x\^ er gr§>d׳ in der Mitte auseinander, so daß die eine Hälft' in der Hand, die zweite darin blieb. Während sie nun mit keuchender Brust den Nest wollt 'rauskriegen, siehe, da hatte die böse Katz' sich hinzu leis' geschlichen, und wie Katzen schon sind, die freie Hälfte verschlungen. Aber schon hat es Frau Schmalzer entdeckt und gar heftig erboset schleudert die eisern' Kasserolle sie hin auf die Katz, die infame, gerade auf Schnauze und Kopf, die so auf Weschet's versessen. Damit jedoch, daß die Katze bestraft, kam kein Weschet zum Vorschein und ein Glück war's zu nennen, daß trotz verwickelter ״Schaa- Ie״T dennoch die Gans für ״Koscher" erklärt vom Rabbiner war worden. — Doch bei solchem Geschehnis wollen allzulang wir nicht weilen, son>- oern zu Wchtig'rem schreiten, zu den Leitern und Führern der Khille, die wir in Kürze dem Leser der Reihe nach vorführen werden. eignete sich Lebens- und Weltanschauungen frem-j Klew. der Völker an, verarbeitete sie aber so bienen- Aber auch Philo, der dem wahren Juden artig, daß es in, größerem Maße erhaben über! turne ziemlich fremd gegenüber stand und die he 1 bezahlter Tempelgänger. 8 Gabe. 8 Den Neumond begrüßen. 4 Messias. 6 Speiseröhre. 0 Unglück. 7 Rituelle Anfrage. das Original als die Griechen über die Früheren waren. Als ich literarisch europamüde wurde und mich zu den Literaturen Asiens geflüchtet habe, habe ich dort manche dichterische und philosophische Blume gepflückt und mich daran delektiert. Ich erging mich am Ganges, bewunderte die erhabene Poesie der Inder, wenn sie mir auch nicht immer zusagte. Das Barocke, Uebernatürliche, die Hyperbel haben mich oft geradezu mit Widerwillen erfüllt. Auch die Persische und arabische Lyrik hat mich ergötzt und habe auf mich die Sinnenglut wirken lassen. Selbst die chinesische Poesie hat zuweilen einen Wiederhall in rneiner Seele geweckt. Aber niemals habe ich mich so beengt gefühlt, als da ich die babylonischen Literaturerzeugniße ,gelesen habe. Lauter ungehaucne, ungemeißelte Steine und Quadern, die cyklopenartig wirken, aber von jener Musterarbeit kann schlechterdings keine Rede sein. Und aus diesen: Material so eine Bibel geschaffen zu haben, ist eine weit größere Leistung, als wenn sie die Juden ohne jedes Muster geschaffen hätten. Ist doch die Bibel über die babylonische Literatur in jeder Hinsicht erhaben und zwar in religiöser, ethischer rechtsphilophischer und sozial- Politischer Hinsicht. Diesen reinen Monotheismus haben die Babylonier nie so auskristallisieren können, Wie es die Hebräer getan haben, die den Gottesbegriff läuterten und ihm eine höhere Weihe verliehen. Und dann wie himmelhoch steht der Sabbath in der Bibel über den babylonischen Ruhetag! Wie eine Fratze und Zerrbild mutet uns dieser an, während der selbe in ethisch-religiöser Beziehung unerreicht dasteht. Und konnte sich der Babylonier zu dieser bräische Sprache nur sehr mangelhaft beherrscht hat, hat den Platon ismus in die Bibel iimportiert, wodurch er die höchsten Ideen der griechischen Philosophie schon in der Bibel angedeutet sah. So hat sich das Judentum! entwickelt Dank der Anpassung der anderen Literaturen an, die Bibel. Wohl waren auch Männer wie Abraham ibn Esra, Gersonides, David Kimchi, Josef Kaspi die gewissermaßen die Bibel Wort- und sinngetreu erklärt haben, aber anderseiits fanden sich Exegeten, die die trockene Deutung verschmähten und religiös-homiletische Weltanschauungen in sie hinemlegten. Aber alle diese waren sich dessen bewußt, daß die Bibel das höchste Werk der Menschheit ist, ja sogar Dantes Freund Immanuel Haromi, der über alles sich lustig gemacht hat, hat nicht genug Worte, um seine Ehrbietung diesem Buch gegenüber anszuspvechen. Aber was sind all diese Männer in den Augen dieses Herrn? Finsterlinge, die nicht einmal in Betracht kommen sollen? Hauptsache, Kritiker soll man fein, sich über alles ein Urteil erlauben, ja selbst über Din,ge, die einem vielleicht fremd sind. Dieser Dozent glaubt auf Grund seiner semitologischen Kenntniße alles aburteilen zu können. Mit philosophischen Schrauben will er alles erklären und erzwingen, die höchsten Probleme der Menschheit will er wie einen Schmetterling aufspießen. Wie anders dachten Herder, Goethe, Alexander von Humboldt, Ewald! Aber sie konnten ja nicht babylonisch, da sind sie im Vergleich mit diesem Wissenschaftler nur bescheidene Fliegen. Ich kenne nichts Aermeres unter der Sonne als so eine undifferenzierte, Poesie- und relitzions- ״KriegshagaÄa schel Pessach." k