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Jüdische Volksstimme · 1918-01-31 · Heft 3 (31.1.1918) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIX (1918)
Issue
Heft 3 (31.1.1918)
Date
1918-01-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Rr. 3. ״Mische Grttt 5 Die Läden sdnd geplündert. Die Stadt, Pie während des Krieges zur Hälfte vernichtet wurde, wird jetzt ganz zerstört. Die Miliz ist hilflos,' da sie von den Holiganen entwaffnet wurde. Die Lage ist kritisch, Hilfe ist nicht vorhanden". Die Verwaltung der südwestlichen Eisenbahnen erhielt folgende telegraphische Nachricht aus Slobodka: »Soldaten des 413. Kiewer Regiments plündern bei den Juden die Manufakturwaren." Das Städtchen Tarnowzi wurde von durchziehenden Dauern geplündert. In Talny begann das Pogrom zum zweiten Mal. Der ganze Kreis Uman Ist völlig schutzlos. Das erste jüdische Gymnasium in Polen. Die Abteilung für Kultus und Unterricht erteilte, der ״Godzina Polski!" zufolge, -dem jüdischen Mittelschulverband in Konin die Genehmigung zur Eröffnung eines achtklaffi'gen Gymnasiums, das das erste jüdische Gymnasium in Polen sein werde. An seiner Spitze steht als Di!- rektor Herr Hussar, Stadtverordneter der Stadt Lodz und jüdischer Nationalist. Elijah« Levin. An einem schweren Lungenleiden verschied im Alter von 38 Jahren der hebräische Pädagoge und Schriftsteller, Verfasser hebräischer Lehrbücher und Lehrer des hebräischen Gymnasiums in! Wilna Eijahu Levin. In den zionistischen Kreisen war er auch als Redner und treuer Mitarbeiter bekannt und geschätzt. Er hinterläßt Frau und Kinder ohne jeden Unterhalt. Ooeeesponäenzen. Wien. (Todesfall.) Am 13. Jänner fand unter außerordentlicher Beteiligung die Beerdi- Mng des Hrn. Siegmund Nyitrai, Generaldirektors der Wiene Versicherungsgesellschaft und Vorstandes der Wiener Lebens- und Rentenversicherunlgsanstatt, statt. Rabbiner Dr. Bach würdigte in eindrucksoller Rede das Wirken des Derstorbenen, worauf der Senior des Vorstandes beider Anstalten Magnatenhausmitatied Wil- Helm v. Ormody, Generaldirektor der Ersten Ungarischen Allgemein enAsiekuranzgesellschaft, dem Verblichenen einen tiefempfundenen Nachruf Hielt. Namens des Oesterreichisch-ungarischen Verbandes der Privat-Versicherungsgesellschaften sprach der Vrästdent dieser Bereinigung Herr Generaldirektor Raabe, sodann Generalsekretär Konstantin Noske, der das vorbildliche Wirken des Verstorbenen und seine in 66jähriger Arbeit erworbenen Verdienste um das dem öffentlichen Wähle dienende Versicherungswesen in beredter Weise hervorhob. Namens der Beamtenschaft Hielt Subdirektor Adolf Spitzer einen tiefergreisenden Nachruf. Der Tempelbesuch. Bon Dr. Th. H. Lang, Lang ist es her, seit ich keinen Tempel besuchte, seit dem Versöhnungstage des Jahres 1916 (5677), es war dies im kleinen Bethause meines Heimatsstädtchens. Bald darauf ging ich wieder ins Feld ab, machte den strengen nordischeu Winter in Ostgalizien mit, die tropischen Hitzen des Frühlings und Sommers 1917 am Jsonzo. Aber was sind Unbilden der Witterung gegen die eigentlichen Schrecknisse des Krieges, gegen den Nahkampf der Infanterie, die schweren Geschütze der Artillerie, die Luftminen, Gasgranaten und alle anderen lieblichen Dinge, mit denen uns die treubrüchigen Welschen insbesondere während ׳der 10. und 11. Jsonzo-Schlacht bedachtenl So mich ich Gott danken, daß ich nach vielmonatlichem ununterbrochenem Felddienste mit einer verhältnismäßig glimpflichen Verletzung den Hexenkessel des Kuk-Berges verlassen konnte. Nach längerem Aufenthalte in einem Armee-spitäte, in dem ich auch die hohen Feiertage des ab-, gelaufenen Jahres, im stillen Gebete und in Er-l «tnerung an meine Lieben daheim, zubrachte,( entführte mich der Sanitätszug ins Hinterland. Das Ziel der Reise war uns unbekannt. Vorbei ging es an vielen Städten, immer weiter, bis wir endlich m der Landeshauptstadt Böhmens, dem ״goldenen", hundertthürmigen Prag auswaggoniert wurden. Prag! Welch wundervoller, magischer Klang liegt in diesem Worte, .gehört doch Prag unter die — nach Humboldt — fünf schönsten Städte Europas, zu Ben geschichtlich denkwürdigsten Orten der Monarchie, ist das geistige Centrum und das Sehnsuchtsziel der tschechoslavischen Nation! Aber auch für uns Juden hat Prag seine Bedeutung. Mit Ehrfurcht blickte einst die Judenschaft nicht nur der böhmischen Länder, sondern auch Ungarns, Polens und der deutschen Nachbargaue auf den Prager ״Jischew", diese hohe Schule jübischer Wissenschaft, wohin die lernbegierige Jugend von Weit und Breit pilgerte; und welcher Sagenkreis schlingt sich um das uralte, angeblich schon aus Libussas Zeiten stammende Prager Ghetto, dessen Legenden in Prosa und Poesie, in deutscher, böhmischer und jiddischer Srache bearbettet wurden. Noch in unserer realistischen, alles Alterwürdige mit rauher Hand hinwegfegenden Zeit besitzt Prag Anziehungskraft für unsere Glaubensgenossen, und kein fremder Jude wird nach Prag kommen, ohne es zu verabsäumen, die Ueberreste der alten Tradition, «die Alt-Neu- Schul, das jüdische Rathaus, den Friedhof, die Meisel-, Pinkas-, Klaussynagoge u. A. zu besich- Ligen. Sonst ist freilich von der alten Judenstadt oder Josefstadt, wie sie nach dem hochherzigen Spender des Toleranz-Patentes heißt, dem fünften Stadtteile von Prag, nicht viel übrig geblieben. Selbst ein großer, historisch weniger wichtiger Teil des alten Friedhofes siel der Assanierung zum Opfer. An Stelle der noch vor einem Jahrzehnt bestandeinen engen und winkeligen Judengassen mit ihren dicht bewohnten Häusern, deren Eigenthum oft nach Stockwerken verschieden war — eine juridische SpeciaMät! —, sind jetzt moderne Gebäude getreten, in breiten Straßenzügen, mit hygienisch eingerichteten Wohnungen. So manchem Lobredner der Vergangenheit wird diese Veränderung traurig gestimmt haben, es läßt sich jedoch nicht ableugnen, daß mi-t den alten Häusern, auch viel Schmutz, der sich im» Lause der Jahre hier angehäuft hatte, — im wörtlichen und im übertragenen Sinne — mit weggeräumt wurde. Es ist Freitag abends. Ich habe das Bedürf׳ nis nach langer Zeit wieder den Tempel zu besuchen, Gott zu danken dafür, daß er mich aus so vieler Lebensgefahr glücklich gerettet. Die Alt- Neu-Schul, welche ich ursprüglich besuchen wollte, ist für Fremde während des Gottesdienstes nicht zugänglich, so suchte ich die nahe gelegene Meisel- Synagoge aus. Man wies mich in den Wintertempel, ein kleines Lokal, in welchem Männer und Frauen gemeinsam, nach Bänken getrennt, ihre Andacht verrichten. Zu meiner angenehmen Ueberraschung erkannte ich in dem fungierenden Rabbiner Herrn Dr. Neach, ehemaligen Rabbiner in Gaya, der auch außerhalb seiner Gemeinde zufolge seines Wirkens auf rabbinischem pädagogischem und zionistischem Gebiete sich in Mähren einen Namen geschaffen hatte, der als erster Rabbiner in Mähren in böhmischer Sprache Predigte und auf diese Weist viel zur Annäherung der jüdischen Bevölkerung an ihre christlichen Mitbürger beitrug. Die Freude über unser Wiedersehen war, das kann ich sagen, beiderseitig. Wir wohnten gemeinsam dem erhebenden Gottesdienste bei«, der durch den melodischen Gesang des Oberkantors und seines Damenchors noch weihevoller gestaltet wurde. ״Schalaum rom al jisroel amecbo: Gebe Frieden deinem Volke Israel"— diese Worte an einer rückwärtigen, sonst wenig beachteten Stelle des »Schmonoh esrah" fielen mir diesmal erst recht in ihrer vollen Bedeutung auf. Sie sind sehr aktuell geworden, der Friede wird schon sehnlichst herabgesehnt, nach diesen endlosen Schrecknissen des Weltkrieges, nicht nur für die Kinder Israels, die zufolge ihrer diasporischen Zerstreuung die in den Reihen der beiden feindlichen Mächte-Gruppen gegen einander kämpfen, sondern auch für alle übrigen Völker unseres Erd- Halles. Gebe Gott, daß es bald komme! Aütserbefpeeikirngen. MarZinowsky, Der Mut zu sich selbst, Verlag Otto Salle, Berlin, Preis 6 Mark. In einem ziemlich umfangreichen, ebenso geistreich als flott geschriebenem Werke liefert Marcinowsky einen, wir möchten sagen, erwarteten und notwendigen Kommentar zu der bahnbrechenden Lehre der Psychoanalyse des Wiener Profeffars Siegmund Freud. Es wäre zu wünschen, daß man dieses Werk namentlich den Schulärzten, aber auch jedem, einzelnen Arzt, welcher seinen Beruf ganz erfüllen möchte, in die Hand gäbe; denn M. versteht es mit einer kaltblütigen Meisterschaft, die dunklen Regungen und Schwingungen des menschlichen Unterbewußtseins bloßzulegen und zu erklären. Wie groß, wie weitverzweigt und tiefgreifend diese unbewußten krankhaften Affekte sind, und wie richtig ihre Bloßlegung, eine gründliche Ausjätung des wuchernden Unkrautes ist, wird derjenige, der sich mit dem Buche und den zahllosen pathologischen Fällen, die M. aufsührt, beschäftigt, bald ermessen können. Wir sind der Ansicht, daß dieses ganze Gebiet umsomehr Aufmerksamkeit und Pflege verdient, als der Krieg bei vielen Tausenden Erwachsenen rvnd Kindern krankhafte seelische Zustände hervorgerufen hat, deren Bestand den Einzelnen und der Gesamtheit riesig schädich wäre. Das Meer, Roman von Bernhard Kellermann. (S. Fischer, Verlag Berlin 1917.) Der gefeierte Dichter des ״Tunnel" weilt diesmal unter Naturmenschen!auf der Insel Molen. Es sind dies prächtige, naive, derbe Kerle. Hundstreue, einfältige, mo roll ose, zuweilen auch aufbrausende Kreaturen. Gerade Michels, wie man zu sagen Pflegte, ohne Nebengedanken und Hinterlist. Meisterhaftes hat unser Dichter in der Schilderung des unruhigen, brausenden, tobenden, wallenden, siedenden, zischenden Meeres geleistet. Die Sprache ist so plastisch, daß wir gleichwm diesen ganzen Zauber mitzuerleben glauben. Wir sehen das Meer bei« jeder Witterung; in der Nacht heim Mondschein, beim dichten Nebel, bei׳ Sturm und Regen. Wir hören das Keuchen des Dampfers, den Lärm der Matrosen. Vor unst- UAqustzwppqn Mogaog mg u3hmv? usbnN usr Fischer in der Kneipe auf. Wir gewahren den Kampf eines zerschellten Fahrzeuges mit den wilden Wogen. Kurz, das ganze bunte Treiben der See hat uns der Poet in meisterhafter, schier unübertroffener Art hervgezaubert. Der Stil ist knapp, rauh, ungeduldig, wie es schon Eigenart Kellermianns ist. Das Buch ist ein wabres Spiegelbild des Meeres. Wer das Meer sehen will, lese das Buch und er wird sich gleichsam mit dem Dichter m der Bai zwischen Klippen und Zacken baden. Schwert Siegfrieds Wider Albions Gold! Vaterländischer Roman von Heinrich Vollrat Schumacher, Deutsches Verlagshaus Bong u. Co., Berlin W. 57, geheftet 4 Mark. Das neueste Werk des vielgelesenen Verfassers der »Lady Hamilton״ und der ״Kaiserin Eugenie" erweist sich bei näherer Bekanntschaft glücklicherweise nicht als eines jener schnell hingeworfenen Erzeugnis sse der Dagesschriftstellerei, die der ieweiligen Geschmacksrichtung der Leserwelt zu schmeicheln und Nutzen abzugewinnen suchen. In jene schicklalsschweren Sommertage des Jahres 1914 führt er uns zurück, die dem Ausbruch des Weltkrieges unmittelbar vorangingen und folgten, jene Zeit, die das deutsche Volk in jäher Wendung vor die ährteste aller Chavakterproben stellte, in der jeder Stand, jeder einzelne öffentich Zeugnis für seinen inneren Wert oder Unwert ablegen mußte. Die Frage galt es entscheiden, wer stärker sein würde: das Mackellose Manmesschwert des deutscheu Siegfried, oder Albions listvoll im Dunkel schleichendes Gold. Und in dieser Frage traten die beiden weltbewegenden Lebensauffassungen miteinander in Kamps, die das Werden der Völker gleicherweise wie den Gang des einzelnen bestimmen: himmelanstrebender Idealismus oder eigensüchtiger, an der Erde kriechender Materialismus. So stellt sich das Problem dar, das Schumacher auf dem gewaltigen Hintergrund des Weltkrieges vor uns entrollt und in tiefergreisenden, unmittelbar dem Löben selbst entnommenen Schilderungen an der Hand einer starken, oft erschütternden, die Anteilnahme des LeserS bis zum letzten Augenblick im Bann haltenden

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