Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 16 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2621806-2621995-2622011--3675-2624893- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nf. 16 N»Wßr««r^ Von Juden haben .die Freiheit erlangt, ״die Freiheit", welche den Menschen von dem unvernünftigen Tiere und das Volk vom Vieh unterscheidet: wiedergibt, welche bewirkt, -aß jeder Arm seine geistert und ihm seine ganze natürliche Stärke wiöderaibt, welche bewirkt, daß jeder Aron seine ganze Kmft, jedes Gehirn seine ganze Gedankenfülle entwickelt, welche die Nation durch den Einzelnen, den Einzelnen durch die Nation groß macht." (Pelletan, Lia nouvelle Babylons.) Millionen von Juden feiern ein Auferstehungs-, ein Befreiungsfest. Ihre ökonomische Lage wird sich mit einem Striche bessern. Die Juden werden die Ausstedlungsrayons verlassen, sich Wer das machtige russische Reich ausdehnen und die Zentren stark entlasten. Die Konkurrenz wird sich derringern und in manchen Gebieten und Zweigen Überhaupt verschwinden. Tausend neue Berufe werden ihnen erschlossen werden. Der Prozentsatz in den Hoch- und Mitelschulen ist beseitigt worden. WissenAdnrstßg wird sich unsere Jugend auf das Studium werfen und im mächtigen Reiche Verwendung finden. Auch zu den öffentlichen Aemtevn sollen sie Zutritt bekommen. Bei der Lostrennung Polens von Rußland wird man im letzteren noch kaum vom sogenannten Luft- Proletariat sprechen können. Und wenn es noch in manchen Zentren vorhanden sein wird, so wird es in den vielen für die Juden neuerschlossen Bernfen Verwendung finden. Der wirtschaftliche Aufschwung wird mit demi sozialen Hand in Hand,gehen. Mit der sozialen Befreiung ist auch die ökonomische Wiedergoburt erstanden. Bei oberflächlicher Betrachtung wäre man zur Ansicht geneigt, daß die Wirtschaftliche Begründung des Zionismus durch die Gleichstellung der Juden in Rußland, wenn schon nicht ganz wegfällt, so doch wenigstens stark abgeschwächt werde. Daß dem nicht so sei, lehrt uns die Geschichte. Es sind! schon genug Ghettomauern in Europa geschleift worden, woran die Juden -große Hoffnungen knüpften. Anfangs hat sich ihre wirtschaftliche Lage auch gebessert. Sie nahmen Besitz vom ganzen Handel und wahren solange am Ruder, bis die Wirtsvölker ihnen dies Werk abgegukt haben und selbst die wichtigsten Handelszweige in ihre Hände nahmen. Durch das Hinausströmen aus den Aussiedlungsrayon werden zwar die russischen Juden von der jüdischenKonkurrenz befreit werden, wogegen ihnen aber mit der Zeit eine neue, starke Konkurrenz von Seiten des Wirtsvolkes erwachen wird. Die ökonomische Frage der Juden kann für Jahrzehnte aufgeschoben, aber niemals beseitigt wer- Den. Aber auch das nationale Bewußsein werden die russischen Juden in ihrem Freiheitsrausche nicht verlieren. Zu tief wurzelt es in dev Volksseele, als daß eine zeitliche Erschütterung es abschwächen könnte. Bekanntlich sind die Polen in Posen und in Rußland, wo sie am meisten unterdrückt wurden, von ihren Nationalismus am meisten durchdrungen. Die Not dringt am tiefsten in die Volkspsyche und läßt die nachhaltigsten Spuren zurück. Die Leiden der russischen Juden haben ihre Körper geschwächt, ihren Geist aber gestählt. Im Befreiungsrausch kam ihnen erst recht ihr nationales Bewußtsein zum Ausdruck. Sofort rafften sie sich auf und gaben in unzweiheutiger Weise ihren Volkswillen kund: *־ ״Erstvebung eines politischen und kulturellen Zentrums in Palästina und der sozialen Gleichstellung in Rußland, die nach allen Nich- Arbeit im Goluth, Stärkung unseres Wirtschaftlichen Einflußes in Palästina ect." Welch gewaltiger Unterschied zwischen den Juden nach der französischen Revolution und den nach der rufstscheu! Zwischen dem Napoleonischen Synedrion und dem Kongresse in Petrograd! Dort gute Franzosen, brave, fromme aber schwache Juden, hier gute Russen, aber auch starke, siegesbewußte, aufrechte Nationaljuden. Dort verweichlichte, rückgratlose Juden, hier stolze, politisch geschulte Makkabäersöhne. — Durch die Revolution ist auch das größte -Hindernis für aktive zionistische Arbeit in Rußland beseitigt. Wen man bedenkt, daß früher keine öffentliche zionistische Versammmlung abgehalten, daß Nativnalfond nur im Geheimen gesammelt, daß jede irgendwie geartetezionistische Propaganda nur von Mann zu Mann betrieben werden ׳durfte, so wird letzt außer Zweifel unsere -nationale Arbeit einen starken Aufschwung nehmen. Neue, ungeahnte Kräfte werden entstehen und sich ganz in den Dienst des Zionismus stellen, Tausends und Abertausende werden jetzt unverzagt in unsere Reihen treten und dieselben verstärken. Unsere Bewegung wird mit Riesenschritten vorwärts schreiten. Mit der russischen Revolution treten wir in die zweite große Phase der zionistischen Bewegung in Rußland. Die Ansicht Dr. Paul Rahrbachs in den ״Neuen jüdischen Nachrichten" Nr. 4, daß in Rußlandein großer Teil der Bauern, Popen und B!- schüfe judenfeindlich ist und bei der Friedenskonferrenz die Rechte der Juden gesichert werden müssen auf Initiative -der Mittelmächte, teile ich keineswegs. Es steht heute in Rußland fest, Laß die Organisatoren der ״Schwarzen-Hundert" und die Pogromstifter die russischen deutsche Untertanen waren. Die Deutschen haben den Antisemitismus nach Rußland verpflanzt. Die Führer der finstern Reaktion in Rußland wareu die Tvepphofs, die Stürmers, die Ritticks, ect. Wenn es einer Sicherung der Juden besorgen. Deutschland soll zunächst seinen Juden alle Rechte geben, dann möge es sich um) die Schmerzen der andern kümmern. Die russischen Juden werden sich für jede Einmischung von Seiten Deutsch- Lands schön bedanken. Der natürliche Instinkt oer Massen, die leitenden, Persönlichkeiten bürgen ihnen für ihre erkämpfte Freiheit. Rußland wird nach Ansicht des ״Bund" ein Eldorado der Juden werden. Es wird eine Auswanderung von Amerika und England ins freie Rußland erfolgen. Unter den: Einflüße.der russischen Revolution trat die jüdische Hochfinanz in England und Amerika in unsere Reihen und bekennt sich offen um zionistischen Programm. Es dringen Nachrichten von den Ententeländern, daß man sich dort an leitender Stelle mit der Frage der Schaffung einer jüdischen Neptiblik in Palästina beschäftigt. Die Weltpresse erörtert die zionistische Frage. Zangwill landete nach langen Jrrfarhten in Palästina. Eduard Bernstein findet eine gemeinsame Plattform -mit den Zionisten. Dte luden der ganzen Welt blicken heute mit großen Interesse auf die Vorgänge in den Ententeländern, von wo ihnen die Freiheit zuwinkt. Vom jesuitischen Oesterreich und vom antisemitischen Deutschland kann ihnen kein Heil kommen. Sehon wir doch gerade jetzt, daß die österreichischen Untertanen in Posen und Breslau ausgewiesen werden ungeachtet ihrer jahrzehntelangen Ansässigkeit, ihrer tadellosen Führung, wie Abg. Scheidemann -in einer Interpellation 'an den Kanzler ausführt. Die österreichische Regierung schweigt, weil es sich um Juden handelt. Der Weltfriede wird hoffentlich allen kleinen Nationen zu ihren Rechten verhelfen, er wird ihnen volle nationale und kulturelle Entwicklung sichern, denn das vergossene Blut verlangt Sühne. Auch den Juden muß in ben Zentren für sie freie kulturelle und nationale Entwicklung Gewähr geleistet werden, denn sie haben den tragischesten Kampf gekämpft — Brüder gegen Brüder — und wollen ihren Lohn haben und müssen ihn erhalten. Das Judenland. Unter dem Titel ״Das Judenland" bringt das bekannte christliche Tagblatt ״Standaard" in seiner Nummer vom 1. September einen Leitartikel über den Zionismus dessen Verfasser, wie das Bureau berichtet, einer der einflußreichsten Politiker Hollands ist. Wir entnehmen dem Aufsatz folgende Stellen: ״Diese Woche waren es zwanzig Jahre, daß der erste Zionismuskongreß in Basel zusammentrat, wo Dr. Herz das zionistische Programm entwarf: Die Rückkehr des Judentums nach dem Lande der Verheißung. Ein Jubiläum, das Beachtung vor allem in diesen bangen Taigen verdient, wo das jüdische Problem durch das Lös, das in Bälde Palästina treffen wird, und die Befreiung einiger Millionen Juden im früheren Zarenreich mehr -denn je Aufmerksamkeit findet. Auf dem ersten Zionistenkongreß erklärte Dr. Herz, daß die Emigration nach Palästina in großzügigen Maßstabe in Angriff genommen werden müßte. Mit dem. bisherigen System erreiche man nichts. Selbst wenn jährlich zehntausend Juden nach Palästina einwanderten, dann würden noch 900 Jahre vergehen, bevor man 9 von den schon heute 13^/4 Millionen nach dem heiligen Lande brächte. Andere Wege müßten darum eingeschlagen werden. ׳ ', Die Emigration nach Pallästma hat inzwischeu wie «auf den folgenden Kongressen konsta- Ge tr $ rusalem bildeten die Juden beim Kriegsbeginn biie Mehrheit und int Norden und Süden des Landes fimrdet man blühende jüdische Bauerkolonien. Mit Stolz dürfen die Zionisten auf die Ergebnisse ihrer unermüdlichen Arbeit zurückblicken. Indessen hat der Weltkrieg einen eigenartigen Einfluß auch auf den Zionismus ausgcübt. Einerseits ist die Erwartung, daß Palästina!tunmehr den Juden zufallert wird, stärker denn je. Die Zionisten rechnen selbst darauf, Laß als Erged-nis des Krieges, ein Jundanstaat in Palästina wird errichtet werden können. Aber anderseits ist die tiefe Kluft, die der Krieg in den Kirchen und Völkern erzeugte, auch Len Zionisten, nicht erspart worden. Der deutsche Zionist fühlt deutsch, der englische Zionist englisch; hier werden alle Der Artikelschreiber beschäftigt sich dann mit den Berechnungeit der Aufnahmsfähigkeit Palästinas für einwa-ndernde Massen, die er sehr hoch wertet. Auch eine günstige ittdustrielle Entwicklung scheint ihr int Bereiche der Möglichkeit zu liegen. ״Doch meint der Verfasser, ist dies eine Frage, die erst in ei nem späteren Zeitpunkt aktuen werden wird. Die!große Frage -des Augenblicks ist und bleibt; Kommt es zu einer Aufteilung des asiatischen Besitzes der Türket oder bleibt alles im großen und ganzen ׳beim Men? Boi-nt Beginn des Weltkrieges entstand in England eine starke Bewegung für die Uebergabe Palästinas an die Juden, — allerdings unter englischem Protektorat. Auch in der französischen Presse wurde der Plan, lebhaft bejubelt. Doch allmählich bildete sich eine neue Strömung, die die Lösung der zi!onistisch!en Frage Len Vereinigten Staaten anvertrauen wollte. Man erachtete dies wünschenswert, um in erster Linie Meinungsverschiedenheiten zwischen England und Frankreich vorzubeugen und der Türkei den Verzicht auf Palästina — immerhin dann doch an einen neutralen Staat — zu erleichtern. Nun ist, da die Vereinigten Staaten gleichfalls in den Krieg verwickelt und Feinde der Türkei! sind, dte Situation wieder ganz"verändert und wartet die Frage, die es werden wird, wenn die Entente über Palästina! zu -geb ten haben wirdnoch immer auf eine Antwort. Dev Befehlshaber -der englischen Armee in Palästina sprach von einem Palästina unter englischem oder französischen Protektorat. Lord Rothfchild schrieb in der ״Times" von einem Palästina unter Souzerenittä der Eittente. Auch hat man jenseits des Ozeans als b-allon d'essai die Frage der Neutralisierung Palästinas aufgeworfen, damit -die Juden inder Tat begreifen, daß sie ttun ein eigenes Land haben. Und von italienischer Seite wurde wieder gemeldet, daß auf der letzten Konferenz der lettenbeit Staatsmänner der Ententelänber Südpalästina als Deckung der Verbindung zwischen, dem Suezkanal itttb Mesopotauten als -englische Interessensphäre, Nordpalästina mit den heiligen Orten als gemeinsames Schutzgebiet Englands, Frankreichs und Italiens erklärt wurde. Soll es zu dieser Verteilung kommen׳, dann muß -natürlich die Entente die Türkei!. zuerst niederwersen. Auch in Palästina hat sie die Zähigkeit des Türken kennen! gelernt. Noch immer stehen diie englischen Trupsn vor Ghaza, 80 Kilo- Meter von Jerusalem entfernt, und kommen nicht weiter. Sicherlich würden sich ganz neue Möglichketten für die politischen Verhältnisse im heiligen Land eröffnend wenn die Engländer in Jerusalem einzögen. Mer soweit ist es nicht und es gibt mehr als einen zu einem Urteil Befugten, der es selbst als sehr zweifelhaft erachtet, daß die Entente jemals ihre Hand auf Jerusalem legen wird. Für den Praentsntezionisken wäre, das sicherli-ch eine Enttäuschung. Für die Sache indes, die der Zionismus vertritt, müßte es indes am allerwenigsten gleicherweise sein. Denn auch von Sette der Zentralmächte, bte natürlich den Türken in seinem asiatischen Reich als Herrn belassen wollen, tritt man eifrig für eine Massenauswanderung der Juden nach Palästina eif." Der Artikelschreiber weist auf einige deutsche Stimmen hiy, welche das Interesse Deutschlands und dev Türkei an der Verwirklichung des Zionismus beweisen wollen und fährt dann fort: ״Wir können ^alle diese politischen Berechnungon beiseite lassen. Aber jedenfalls dürfen wir indes feststellen: Das Ideal des Zionismus ist in seinen Jubiläumsjahr seiner Verwirklichung beträchtlich näher gekommen. Wird es dieses Geschlecht mach erleben, daß als fruchtbare