Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 15 (18.9.1917)
- Date
- 1917-09-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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-er. 15. ״Mische VsMstimme- Bettr 5' feit gehört, gleichfalls ein Wunderzeichen zeigen zu wollen. Rabbi Jehuda liefe den Erzbischof hierauf zum Fenster hintreten un!)forderte ihn auf, wenn, er Wunder sehen wolle, durchs Fenster hinaus zu lugon. Als!der Erzbischof es tat engten sich plötzlich die Winde des Fensters so aneinander, daß er erwürgt zu werden meinte. Er schrie aus Leibeskräften auf und bat voll Angst und Schrecken den Rabbi, ihn von einem so furchtbareu und schimpflichen Tode zu befreien: er wolle es ihm und dem. Juden sein lsbenlang gedenken Und sich so dankbar erweisen, daß er die Juden feines Landes, die er vor einiger Zeit vertrieben, wiederum aufn-ehmen werde. Rabbi Jehuda hielt ihm eine vernichtende Geiselrede und brand- .markte das Schimpfliche seines grauenhaften Vorhabens das ihm jedoch Gott im vorhinein offenbarte, rettete ihn aber schließlich, indem er .ihn schwören ließ, daß er sein Versprechen halten und den Juden Gutes erweisen werde. Der Erzbischof hielt dann in der Tat sein Versprechen, berief die Juden wiederum in sein Land und bedrückte sie nie mehr. Später zog er sich von der Regentschaft zurück, verließ seinen Glauben und nahm das jüdischste Bekenntnis an. Er führte als Proselit ein frommes Leben und man nannte ihn ״Zadik". Ein historischer Kern säßt sich aus dieser ziemlich wildgestrüppigen, phantastischen Sage!schwer herausschälen. Rabbi Jehuda aus Speier iHachassid lebte und wirkte in Regemsburg gegen Ende des 12. Jahrhunderts, starb 1217. In diefern Zeitraum saß kein Fürst auf dem Salzburger Bischofsstuhle, auf den manche, der in der Sage enthaltenen Züge auch nur einigermaßen Passen würden. Nun könnte es allerdings sein, daß eine später erzbischöfl. Gestalt in die Sage -eingespan- ^nen wurde. Die Sagenkreise Pflegen es mit ein Paar hundert Jahren׳ herauf oder herunter nicht gWau zu nehmen. Allein die ganze Geschichte der Salzburger Erzbischöfe — so reich sie an abem teuerst chen Wendungen auch oft ist — weißt keine Persönlichkeit auf, die der legendären Gestalt in -unserer Sage ähnlich wäre. Man könnte höchstens, soweit es einen Erzbischof betrifft/der die Judon verfolgt hatte unh sie dann wiederum ins Land rief an Eberhard III. von Neuhaus (vergl. Altmanm, Geschichte der ״Juden in Salzburg Bd. I, 114—128, 136) denken. Nach der Vernichtung der Juden aus Salzbürg ׳zur Zeit des schwarzen Todes (1349) hat sie der damalige Erzbischof Ortolph auch wieder zurückgerüfen. Aber auf Ortoph Paßt die Schil- Mrung der Sage nicht, wonach er sie zuerst verfolgte. (Siehe Altmann G. d׳. I. i. S. Bd. I, 84, 88—90). . Jedenfalls zeigt die Sage welch tiefen Eindrück eine׳ der Vertreibungen der Juden in Salz- Burg auf hie mittelalterliche Judonheit gemacht haben muß (vormals Eduard Urban) Kaiser - Franz - Josef - Platz Nr- 18 Übernahme von Geldern zur günstigen Verr,r n,, zlnsung. SC■ :־■ r..=j 1 An- und Verkauf von Losen in allen mügliohen ------------------ Kombinationen. ------! - 1. Bor der Tabaktrafik. Ein heißer Septembertag. Die Natur scheint Ne Manieren der Menschen angenommen zu haben — Wahnsinn! Schier unübersehbar ist der Anstellungszug. Man »drängt sich vor, wird zurückgestotzen — eine wahre Ziehharmonika. Ein Gelächter entsteht. Ein polnischer Flüchtling wird am Rock gezupft: er schaut sich um und im selben Moment fliegt sein Hut in weitem Bogen. Der Arme erträgt geMldig Me Schlickmen von Seite der rohen antisemitischen Baude. Noch einige Reihen und er ist erlöst.-Nun erlebt er in der Trafik erst recht eine Enttäuschung. Alles bekommt vier Zigaretten und er blos zwei. Am hiesigen Bahnhof werden Flüchtlingen überhaupt keine Zigaretten verabreicht. Speziell boi ihnen wird,eine Fahrkarte verlangt, wiewohl unter allen ״Angestellten" sich kaum irgend ein Fahrgast finden könnte. In der Spezialitätentrafik kommen sie schon gar zu kurz. Ist dieses Vor? gehen der Behörde bekannt und gedenkt sie irgend welche Maßregel zu ergreifen, um dieson rohen Ausschreitungen zu steuernd 2. Bor den Kohlenmagazin. Die Kohlenfrage — ein neues Schmerzenskind in unserem lieben Oesterreich. Auf eine Frage mehr oder weniger kommt es nicht am. Tausend Fragen in Schwebe, kann noch eine hinzukommeu. Nein, was kümmert uns die Kohlenfrage! Kehren, wir zum ״Anstellungszug" zurück. Ein hochbejahrter Flüchtling ist der Glückliche׳ in den ersten Reihen zu stehen. Kein Wunder! Er war schon um Mitternacht da. Schon glaubte er seine 26 Kilogramm Kohle zu haben, als der eifersüchtige Pöbel zu schimpfen begann und in roher Weise ben•cltmert Flüchtlinghinausdrängte. Der Wachmann, ״sieht durch die Finger." Es ist doch ein Polnischer. Daß dieser Greis vier Söhhne im Felde hat, daß er Steuerzahler erster Klasse war, daß er den Verlust feines Vermögens beklagen muß, daß er Tote in seiner Familie — Opfer des Krieges — beweinen muß, tut nichts., Er i stein Polnischer Flüchtling. Die Behörde sieht dem zu und schweigt. Glücklichen. Muterschlaf. - % Ein kühler Morgen. Ein armer Flüchtling eilt aus d<er Synagoge nach Hause. Er hat gebetet, seinen Leideskelch vor Gott ausgeschüttet. Mit Jnbrust hat er gebetet. Es sind doch Elultage! Er geht nach Hause an Seele gestärkt. Ein Schloß serjunge kommt mit einem zweirädigon Handwagen gefahren. Der Flüchtling Weicht dem ״Herrn" aus. Allein was hilfts! Der Schlosserjunge dreht den Wagen nach allen Richtungen und verwehrt dem Armen den Wew wobei er ihm! jedesmal anvempelt. Eime schaulustige Menge hat sich schon angesaMmelt und lächelt vergnüat ob solcher Rohheiten. Der Wachmann ging gerade damals in entgegengesetzter Richtung. Hut ab, lieber Leser, das sind ״Westler" und die Mißhandelten ״Oestler". 4. Auf der Tramway'. Vier Kinder, ein 13jähriger Knabe, ein lOjähriger, ein 8jähriger und ein OMriges Mäderl, haben fürs Neujahr in »der Flüchtlingszentrale Bekleidung erhalten. Wie glücklich waren׳ die Kleinen! Kinderfreuden! .Der Vater im Schützengraben, die Mutter krank und hungrig. Der 13jhri,ge Sohn ist der Haus-Versorger! Die Armen wohnen außerhalb der Stadt und fahren mit de Tramway. Beim Stadttheater werden sie von einem böswilligen Kontrollor aus der Tramway gejagt, wiewohl sie Karten hatten. Die Kinder weinen, sie kennen nicht den Weg mach Hause. Eine Menge von Gaffern hat sich angesammelt. Man hört die Worte: ״es sind Polnische". Eine junge, elegant gekleidete Dame nimmt sich der Kinder an, bringt sie auf die Tramway, träte Schaffnerin schaut die Karten an und sagt: ״mit diesen Karten können die Kinder bis nach Hause fahren.״ Die elegante Dame war ebenfalls ein Flüchtling, wie ich mich überzeugte^ Juden, bre* chot mit Euerer Geduld! Gibt Euch jemand eine Ohrfeige, so bietet ihm nicht die zweite Wange, sondern vergeltet eZ ihm zehnfach! Für eine zehn. Schützt man Euch nicht, schützt Euch selbst! Ihr hattet doch Makkabäer! M.R. JtimdMtau. Ein jüdischer Ritter des Maria-Theresien- Ordens. Unter den 24 neuen Mairia-Theresien-Rittern befindet sich auch ein Jude, und zwar der Hauptmann Geza Heim׳. Derselbe erhielt diese hohe Auszeichnung für die selbständige Beisetzung elines Sprengtrichters am 8. Mai 1916, wodurch dauernd günstige Anschluß- und Beobachtungsverhältnisse vor einem Teil der Jsonzofront geschaffen wurden. Er ist deir erste Jude, der den Misttär-Maria-Thoresien-Orden, mit dessen Besitz auch die Erhebung in den Adelsstand verbunden,iist, besitzt. Gegen die Nebersiedlung der rumänischen Königsfamilie nach Cherson. Die ״Times" melden aus Odessa: Der Arbeiter- und Soldatcnwt ׳in Cherson protestierte energisch gegen die Uebersiedlung der rumiänü scheu Königsfamilie und des rumänischen Kabinets nach Cherson. Auch die dortigen Juden haben sich wegen der antisemitischen Politik des rumäwischen Kabinetts ׳cm diesem Protest beteiligt. Ein geistlicher als Preistreiber. Gelegentlich sei die ״Reichspost" und ihresgleichen auf eine Meldung!aus Szatmür ׳aufmterksam gemacht, dß gegem» den nicht jüdischen, son׳ dem grieshisch-katholischen Geiiistlichen Johann Ternovan das Verfahren Wegen׳ Verheimlichung von Getreide eingelestet wurde. Der Geistlichie hat das Getreide in der Gemeinde Olahmegyes verkauft, und zwar hoch über d!en behördlich festgesetzten Maximalpreis. -Ternovan verteidigte sich da׳nOt, daß er das Getreide den, Bauern nur geliehen habe. Diese Ausrede nützte ihm jedoch nichts. Er wurde vom Oberstuhlrichtzsr zu drei Monaten Gefängnis und zu tausend Kronen Geldstrafe verurteilt. Die amerikanischen Juden gegen einen Wirtschaftskrieg. Jakob H. Schiff hat im Verein mit anderen jüd.-amerikanischen Persönlichkeiten »an die englisch-französifchie Kommission, in der sich bekanntlich Balfour, Viviani u. a. befinden, einen Brief gerichtet, dev sich gjegen den Wirtschaftskrieg nach dem Krieg wendet. BoN der Staatskonferenz. Auch ein Vertreter der russischen Indien ist auf der von Keronski jetzt einberufenen großen Moskauer Staatskonferonz zu Wort gekommen. In dieser Eigenschaft hielt Grusenberg eine lange Rjgde, worin er sagte, das jüdische Volk liehe trotz, der unerhörten Verfolgungen, denen es von der alten Regierung ausgesetzt war, gleichwohl sein großes Vaterland und habe mächtig zu seiner Befreiung und zu seiner Verteidigung gegen den Feind beigetragen. Streik in den jüdischen Zeitungen. Am 16. Aügust sind die meisten Warschauer jüdischen Zeitungen infolge eines Streikes der Mitarbeiter der Redaktionen nicht erschienen. Der ״Moment" vom 16. August schreibt dazu: ״Gestern früh!iist die ganze jüdische tägliche Presse in Warschau nicht erschienen. Der׳ Grund war, daß die Mitarbeiter aller jüdischen Rsdaktionen Forderungen nach einer Honovarerhöhung wegen der Teuoung stellten. Die Herausgeber dos ״Moment" sind in freundlichster Weise den Forderungen ,ihrer Mitavbsitelv entgegengekommen, und die Angelegenheit ist noch vo dem Streik er- » lMgt worden. In der Reaktion dB ״OaLnt" darrert der Streik weiter und die Zeitung erscheint ohne Hilfe der Mitarbeiter",