Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 15 (18.9.1917)
- Date
- 1917-09-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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etnt » ״Mische velttstlmme- «r. 16' Perspektiven. Wir,durchleben jetzt eine Zeit, die für die Entwicklung der inneren Politik von größter Bedeutun-g ist. Der Ausbruch des Krieges hatte auf alle Völker überraschend gewirkt. Die Plötzlichkeit, mit der das gewaltigste Ereignis der Weltgeschichte hereinbrach, drängte das Interesse am mnerpoli tischen Leben weit in den Hintergrund. Im Vergleich zu den gewaltigen Dimensionen des Krieges erschien jedeinnerpolitische Frage als bedeutungslos und von kleinlichem Provinzialgeiste diktiert. Es bedurfte der dreijährigen Dauer des Massenmordes um sich des innigen Zusammenhanges des innerstaatlichen Lebens mit dem' zwischenstaatlichen Leben bewußt zu werden. Angesichts der Vernichtung immenser Kulturwerte, in Anbetracht der Zerstreuung fast halb Europas imd des Verblutens aller kriegführenden Völker tauchen bei, den Massen erst allmählich die Fragen auf: Weswegen dieses menschenvernichtende Morden? Wozu diese!blinde Zerstörungswut? Wie groß ist unser Anteil an dem, was wir zu verteidigen vorgeben? In welchem Verhältnisse stehen die Opfer derjenigen, die bisher unsere Wortführer waren, zu unseren? Erst jetzt wird es den Völkern klar, daß sich die Interessen klokner Gruppen bei allen Völkern ׳mit denen der breiten Massen kreuzen; daß gerade diese Gruppen die wichtigsten Funktionen der Gemeinschaft innehatten und sie rücksichtslos nur fiiv eigene Interessen walteten. Und gerade diese Gruppen sind die Nutznießer des Niederganges der Menschheit. Gerade sie aber ängstigen sich vor einem Ende der grausamen Bestialität. .Die großen Entbehrungen haben die' Massen ernüchtert, die mateirielle Not weckt in ihnen richtige Instinkte und lenkt ihre Aspirationen in richtige Bahnen. Die Erkenntnis bricht sich Bahn, daß!nicht alle Klassen die Interessen des Volkes zu vertreten im Stande sind, daß einzelnen Gruppen ihr Klasseninteresse höher kommt als die Gemeininteressen und daß Made diese Gruppen nicht zum geringsten Teile den Krieg heraufbeschworen haben und nicht unbewußt, nicht ohne Absicht; zu Zwecken, von deren Erreichung sie jetzt bei der Verarmung der Gesamtheit nicht mehr weit enfernt sind. Von dieser Einsicht geht jetzt der Wille auf Neuordnung der Verhältnisse in und zwischen de Staaten!aus. Diese Erkenntnis drängt auf eine Neuordnung der Nollenvert Teilung im öffentlichen Leben. Das sind die tieferen Gründe dar russischen Revolution, darauf ist die Neuorientierung im deutschen Reiche zurückzuführen, darauf die Frage der Verfassungsreform in Oesterreich. Wie stellt sich die Juidenschaft zur allgemeinpolitischen Neuordnung? - Die Juden Rußlands stehen nicht nur gerüstet da, sie bilden einen wichtigen Faktor im politischen Leben des 100 Mittionenstaates. Die revolutionären Organisationen des jüdischen Proletariates in Rußlandhatten ׳schon früher eine Rolle gespielt, die weit über de Grenzen des Eng-Nationalen reichte, und geben jetzt, nach der Revolution, zu den größten Hoffnungen Berechtigung. Dabei macht sich hier seil der errungenen Freiheit ein Schwinden des kleinlichen Parteigeistes und an dessen Stelle eine Großzügigkeit bemerkbar, die die früher . in schroffem Bruderkämpfe einander bekämpfenden Parteien nähert und sie wahrscheinlich, trotz aller prinzipiellen Verschiedenheit, zu einer großen ansschlaggebenden Einheit vereinigen wird. . Das jüdische Bürgertum, politisch bewußt, entbehrte vor der Revolution zufolge des Man- ׳.gels an Koalitionsfreiheit großer politischer Organisatiouen. Nach der Revolution sind Parteien erstanden, die den größten Teil des jüdischen Bürgertums erfasse und seiner politischen Ideologie, seiner sozialen Schichtung und seiner kulturellen Verhältnisse gerecht zu werden suchen. Die jüdische Intelligenz, in Rußland seit jeher die politisch wasamste und an Aktivität stärkste Klasse, kann sich rühmen nicht nur all die großen, jüdischen Organisationen geschaffen zu haben, sondern an der Umgestaltung des gesamten Staatslebens den größten Anteil zu haben. Hand in Hand mit -den politischen Organisationen haben sie eine Reihe wirtschaftlicher'und Kulturorganisationen geschaffen, die den politischen Parteien ein Rückgrat geben und zurzeit des ״Boykotts" in Polen und noch mehr bei der Kriegshilfsarbeit ihre Fertigkeit erwiesen haben. Abgesehen von den unge heueren Leistungen der Arbeiter-Gewerkschaften, -Fachveysine und -Konsumvereine, die mit eige-!nen nebst geringen Mitteln einen großen Teil der Kriegshilfsarbeit leisten und sich um diese besonders darum verdient machen, daß sie ihr den i Charakter der. Selbsthilfe verleihen, haben die!wirtschaftliche Organisatianon des Kleinbürgertums, die zahlreichen Leih- und Sparkassen, die Konsum- und Einkaufsgenossenschaften, sowie die verschiedenen Fach-Organisationen der Kriegs- Hilfe jeglichen Bettel- und ״Almosen"-Geschmack genommtzn mrd zu großem Teile -auch Funktionen des Staates ersetzt und glücklich ergänzt. Große Kulturorganisationen haben die unzugänglichen staatlichen Schulen ersetzt und den Bildungsgrad der jüdischen Masten durch Verjüdischung des Schulwesens, durch Ausbau gvoßzügjiger Bibliotheken und Errichtung von Abendkursen, Volkstiimlichen Hochschulen udgl. wesentlich gehoben. All diese Arbeit hat dem jüdischen Volke in Nußland zu der Stellung Vevholfen, die es jetzt einnimmt und erscheint es gewiß, daß die Juden Rußlands sich nicht mit der formalem- Anerkennung der Nation begnügen und eine Verstaatlichung aller nationalen Institution sowie die staatliche Nationalisierung derselben durchsetzen werden. ׳ Und so werden sie aus den: Kriege in nationaler Hinsicht gestärkt hervorgehen, die. schvecklü chen Wunden des Krieges leichter ertragen und rascher heilen können. Wie aber steht es um die östarreichischen Juden?' Bor dem Kriege kaum eine Spur von Politischer Organisation! Das nmnimeriische und noch mehr wirtschaftlich schwache Proletariat allein hatte Ansätze politischer Partei enbildung geschaffen. Das Bürgertum entbehrt jeder Ovgiainisation der wirtschaftlichen und politischen wie der kulturellen. Die Intelligenz verrät ideolo-j gische Unbeständigkeit, ist auf Momenterfolge erpicht und neigt zu politischer Korruption. Ihr erster Versuch politischer Organisation versumpft bald an ihrer Unbeständigkeit, an ihrer Verständnislosigkeit den Bedürfnissen das Volkes gegenüber, ihre Kulturarbeit, der jüdischen Sprache gegenüber bald erzwungene (Volkszählung) Zugeständnisse machend bald schroff ablehnend, ist nicht im Stande im Volke Wurzel zu fassen, ihre Versuche zur Wirtschaftlichen Organisation versiegen zum Teil in Korruption zum Teil m lokaler Bedeutungslosigkeit (Volksvov. schutzkassen!) Und so hat der Krieg die galizischen Juden am schwersten getroffen. Die KrieigAhiiilssarbeit, fast ausschließlich von assimilatorischer Kahalkliquen geleistet, wird zur Atmtzsenpolitik und raubt so den Massen den letzten Nest von Selbstachtung und Würde. Am Politischen Horizonte tauchen die Problemo der, Verfassungs- und Verwaltungsreform auf, die Schaffung von Nationalitäten-rechten und die Demokratisierung des gesamten Staatsorganismus sind «aktuell, was kümmert das die ״jüdischen" Politiker? Was hat mit all dem die jüdische Presse zu tun? Sie berichtet immer wieder von der Entwicklung dev Dinge tu Rußland und anderswo, aber die Schlüsse auf die, osterrei chischen Verhältnisse bleibt sie uns schuldig. Ihr ist immer!noch die Ernennung eines Indemstämmlmgs oder die huldvolle Aeußerung und ״loyale" Haltung einer nichtjüdischen ״Größe" wichtiger als das Gesamtinterssse der österreichischeu Judenschaft! Und erst unsere Politiker! Oder dürfen wir von den hohen ״Beziehungen" der jüdisch-zionistischen Politiker mehr erwarten als von den der Assimilanten? Galizien steht unter Militärverwaltung! Aber in Witz vielen Versammlungen haben die diversen Nationale? und Volksvevome zu den ak- Luellen politischen Fragen Stellung genommen? Wo sind ditz Flugblätter und Brochüvsn, die daS Volk über diese Fragen aufklären sollen? Wo sind die Massenpetitionen, zur Anerkennung der jüdischen Nation und Sprache, wo ditz grundlegenden, teoretischen und publizistischen Arbeiten der ״Jntelligenz"-Parteii zu.diesen Fragen? Ein großer Teil der gaMisch-bukowinaer Judtznschaft ist jetzt im Westen konzentriert. Auch bei ihnen haben die Folgen des Krieges ihre politische Aufklärungsarbeit nicht verfehlt, aber wo ist die Imtiative er Intelligenz, den Führer? In den meisten Ländern Europas und AmeriSas ist jetzt die Frage ״des jüdischen Kongreß ses" aufgetaucht. Der jüdische Kongreß soll die verschiedenen Parteien zu gemeinsamer, Potitischqr und sozialhumanitärer Arbeit koordinier ren, soll die nationalen Grundfordorungen formutieren, die Masten «aktivieren und dem Juden zum Teile das ersetzen, was die anderen Nativnen an den staatlich-territorialen Institutionen haben. Auch bei uns ist die Kongreßfrage aktuell. Aber was soll daraus werden? Ein KonvenLikel assimilatorischer Größen- und* zionistischer Führer? Wie sonst sind die diesbezüglichen ״gehtzimen" Verhandlungen der Zionisten in Wien und Prag aufzukassen? Die jüdische Bürgerschaft Oesterreichs steht vor der Frage: ״Jetzt oder «nimmermehr! Ca veant consules! A. D. Rabbi Jehuda Hachossid und der Erzbischof von Salzburg. Ein Erinnerungsblatt zum heurigen siebenhundertsten Todesjahre Rabbi Jehudas. - Von Rabbiner Dr. Adolf Altmann, Meran. (Aus dem Manuskripte des 2. Bandes seinrs ״Geschichte der Juden in Salzburg.)" In seinem Werke: ״Bet ha Midrasch" (Wien, 1877, Bd. 6, 23) beschäftigt sich Jellinek, nachdem -er eine Reihe Erzählungen aus dem ״Jüdisch deutschen Sagembuche" des Mittelalters behandelt unter Nr. 12 auch m׳i,t einer, demselben Buche entnommenen Sage, die Rabbi Jehuda Hach'assid zu Regonsburg und einen Erzbischof von Salzburg zum Gegenstände hat. Da in der ׳ Zeit Jellineks, wie er bemerkt über die Geschichte der Juden in Salzburg überhaupt nicht viel bekannt gewesen -ist (er verweist diesbezüglich auf, die einigen wenigen Notizen, die stzm Freund Bühler in seiner Beschreibung von Salzburg, 1873, liefert) mutzte er sich natürlich nur aus die Wiedergabe der Sage wie sie ihm, ins Hebräische übertragen von A. Kaplan vorlag, beschränken. Einen kurzen Auszug dieser - an die Sage vom jüdischen Papst Elchanan erinnernden Legende bringt -auch das L'schon Chassidim von S. A. Wertheimer (Jerusalem 6642 S. 4.) - Es handelt sich um eine Verherrlichung Rabbi Jehudas, der nicht nur von seinen jüdi» schen Zietgenossen mit dem Beinamen ״Hachassiid" belehnt wurde,׳ sondern auch in den Augen der Nichtjuden seiner Zeit, als ein ״Heiliger" galt. Von weit und breit suchten ihn Rat- und Hilfeheischende aus. Er führte Dispute mit Kir* chenfürsten und Neichsedlen und sein Haus war der Sammelplatz einer interkonfessionellen Geiste-Elite. Die Sage!, die sich um jede Volkstümliche Persönlichkeit rangt, hat sich in diesem Falle, um die Machtgröße des Regensburger Gottesmannes in ein umso helleres und strahlenderes Licht zu rücken, den Erzbischof von Salzbürg, «den Träger eines der machvollsten und glänzendsten Namens jener Zeit, als Antipoden Rabbi Jehudas ausersehen, um zu zeigen, wie der jüdische Rabbi, kraft seines Gottesgnadentums selbst über diesen zu siegen und dessen ränkovollen Pläne zu durchkreuzen wußte. Der Inhalt läßt sich etwa folgendermaßen kurz darstellen: Der Ruf Rabbi Jehudas drang auch bis zum Bischofsstuhle des Fürsten von. Salzburg. Den Erzbischof verdroß es jedoch, daß sich ein Jude eines solch großen uno weittragenden Ansehvns erfreuen sollte. (Er meinte, daß dies aus ihn selbst und seiner hohen Kirchenfürstlichkei, gewissermaßen verdunkelnd wirken müßte.) Er beschloß also mit dem jüd. Geistesrivalen kurzer- . Hand fertig zu werden und ihn mit eigener Hand zu ermorden. Der Plan sollte mit Hilfe einiger hochstehender Personen des Salzburger Hofes ausgeführt werden. In, deren Begleiung reiste der Erzbischof eines Tages nach Regensburg. Dort begab er sich in die Behausung des Rabbi. Dieser befand sich gerade im Lehrhause beim Vortrags und machte die Jünger schon im vorhinein «auf die kommenden Dinge aufmerksam. Der Erzbischof, ein scharf geschliffenes Messer versteckt im Schuhperke tragend, trat ein, fragte nach dem Rabbi ,näherte sich ihm und stellte das Verlangen, ihm, da er vgn Hemer Wundertätige