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Jüdische Volksstimme · 1917-09-18 · Heft 15 (18.9.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 15 (18.9.1917)
Date
1917-09-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nf. IS. mtmtorn* «fite 3 unsere nur -allzu berechtigten Ansprüche auf m ser so teueres Mutterland Palästina erheben. Und unsere mehr als 20jährige Arbeit ersteht unserem geistigen Auge. Von Aufruf der Selbstbesinnung,an durch Theodor Herzl (Judvnstaat 1896) m gerechnet, da wollte.es nun einmal nicht aufhören, das Gären bei uns im politischen Leben des Judentums und gleichviel ob» durchs Lesen einiger Propaganda Broschüren oder Parteizeitschriften, durch Anhörsn einige! zionistischer Versammlungen, oder gar durchs Studium ganzer philosophischer Systeme, dicker Bücher, Statistiken oder Protokolle zum Zi-omiisten erzogen, ließ es uns nicht eher ruhen, als bis wir nicht die doch so kleine Welt, die uns umgibt, geheilt!hatten von dieser bei uns nur allzu massenhaft austvetenden Krankheit ״Indolenz". Me viele zogen da aus, um den Zionismus zu suchen und fanden das Judentum? Wollten wir denn mehr, als sie dem Judentume zurückzuführen und sie aufvichten zur Selbstbesinnyng? Sage uns keiner unsere Arbeit in diplomatischer und kolonisatorischer Hinsicht wäre schließlich doch vergeblich ge- Wesen, wie es unS jetzt der große Weltkrieg bewiesen hätte. Nein! All die vorangegangenen Stadien unserer Bewegung sie waren zur Herbeisüh- ( sührung des gegenwärtigen unbedingt notwendig und wenn heute die ganze Welt unser Recht anerkennt, so ist dies nicht zuletzt ein Verdienst unserer Bewegung. Noch ist jedoch das große Ringen dessengleichen unsere alte Erde noch nie gesehen und hoffentlich nie mehr sehen wird, nicht entsiche׳ den, noch hält der Tod Ernte und all die Ocoane und Erdteile werden.zu Kriegsschauplätzen und gewinnen an Ausdehnung durch die schrecklichen Fortschritte der Technik und ungeheueren Massen der Kiisger, wie sie ein Attila und Napolon in ihrer Phantasie nicht erwägenkonnten. Die Grenzen der Staaten sind auf Hunderte von Kilometern stark besetzte Angriffs- und Verteidigungslinien geworden. Seit mehr als 3 Jahren .׳vergeht kein Tag, am dem niG der Moloch zu Hunderten seine blutigen Opfer gefordert hätte. Das Schreckliche -ist uns alltäglich geworden, das Unerträgliche Gewohnheit. Und ein Bild ist immer wieder das uns in diesjon schweren Tagen wiederkehrt: Theodor Herzl verklärt vom Glorienschein des Unsterblichen auf «der Basler Brücke. Mit seinen großen dunklen Augen hinaibstarren in die Lxchineilenoen Fluten sinnend, sagend: Wohin?-Wohin?- Und wäre er noch heute in unserer Mitte er «hätte sicher nur den einen Wunsch, könnte er doch sein eigenes großes goldenes Herz hernehmen, es zerreiben und in taufende kleine Stücke zerLrechen und es vertilen unter all diese Feinde, die keines haben .hübeini und drüben Die Juden im Weltkriege. Wir vieröffentlichen ncMtehhendsn Artikel ohne uns miit -den Ausführungen desselben zu identiffizieren. Der Autor ist über Vieles wenig orientiert. Er spricht von einer Gleichberechtigung auf dem ״Papier" in Rußland, er klagt England an, |e׳r spricht von Eigenschaften der Galizianer- und Bukowinäer Juden, die nicht zutreffen. In Rußland -haben die Juden mit der Revolution die vollkomjmone Freiheit erlangt. Englands Presse sprach sich für eine jüdische Republik -aus und die Brüder aus Galizien und besonders aus der Bukowina stehen lange nicht um Jahrhunderte den westlichen Brüdern nach. Wo bleibt die jüdische Studentenschaft in Galizien und der Bukowina? <Anm. d. Redaktion.) ״Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Wie ein Freudensruf tönten diese Worte vom Berliner Schloß, in die gesamte jüdische Welt, glaubte man doch, daß der Antisemitismus für ewige Zeiten gebannt sei. Und wir hatten zu dieser Annahme allen Grund, denn die Juden, die im Heere dienen, haben sie sich nicht tapfer geschlagen, tapferer als Müsse Stämme unseres geliebten Vaterlandes, sind sie noch immer feig, ziert nicht das Eiserne Kreuz die Brust so manches Juden, wurden nicht viele Juden in Deutschland zu Offizieren befördert? Haben nicht unsere Glaubensbrüder in Galizien und der Bukowina Hob und Gut zurückgelaffen, weil das Staatsinteresse dies gebot? Ist nicht die erste feindliche Fahne von einem Juden erobert worden? Das Pohl! Aber seitdem eben unsere Glaubensbrüder aus׳ Galizien und der Bukowina zu uns kamen, da ist wieder der Antisemitismius zur schönsten Blüte gelangt. Die ״Polnischen" machen die Teuerung» die ״Polnischen' kaufen alles zusammen u. s. f. mit diesen Schlag- Worten arbeitet die antisemitische Presse gegen, jene Unglücklichen, die zum Unglück den, Spott noch tragen müssen, verdienen es jedoch diese Leute? Wenn es so angenehm ist, soll s oein Redakteur eines gewissen Blattes, das wir mit dkm Schweigen -der Verachtung übergehen und an die- Ser Stelle nW nennen wollen, diese Evakuierung elhstmitmachen, dann wird er anders denken, lnd all' diese albernen Artikel -werden, von jenen Kreisen geglaubt, die die entscheidenden Faktoren!des AntisemitMmns sind. Ein beliebtes Schlagwort ist auch das, daß die Juden im Kriege reich geworden seien. Sind nicht ebensoviel Katholiken reich geworden? Jeider, der ein halbwegs gut gehendes Geschäft hatte, wurde reich ohne Unterschied der Konfession. Um aber auch zu zeigen, wie ״glänzend" es den Juden im! Kriege geht, wollen wir die Latze der Indem in denkriegführenden Ländern untersuchen. Die Lage der russischen Juden. In Rußland müssen wir zwei Perioden unterscheidsn: das zaristische und revolutionäre Rußland. Im zaristischen Rußland mjachte zu Beginn deS Krieges der ehemalige Zar den Juden in zwei Manifesten Konzessionen, um dann wieder seine Knute auf die Juden nisdersausen zu lassen. Viele, v'iiele russische Juden rückten -ein und mit diesem Material wüstete die russische Heeresleitung in schändlichster, allen Geboten des Völkerrechtes spottender Weise. .Um nur etwas wieder der Vergangenheit zu entreißen, was diefür der beste Beweis ist, will ich hier folgendes anführon: Als -die Russen zum erstenmal« Przemysl belagerten, wurden die Juden des russischen Heeres vorzugsweise zum Sturm verwendet und Tausende fielen für ihr ״edles" Väterchen. Ist er dessen würdig-? Hat er vergessen, da Hein! jübischer Professe M seinem kranken Sohne -berufen wurde? IM Hinterland erging es den- Juden nicht besser. Als die Zentralmächte im Sommer 1914 -ihre denkwürdige Offensive unternah׳ men, wurde die Bevölkerung, in der Hauptsache Juden, aus den bedrohten, Gebieten deportiert, nicht wie bei uns evakuiert. Ihr Hab und Gut wurde vom den eigenen Soldaten geplündert und verbrannt. Blühende ׳Gemeinden wurden zu Grunde gerichtet. Ganz anders im revolut-ionäreu Rußland. Hier haben die Juden wenigstens Gleichberechtig, u. Wohnungsfveiheit. Pie Juden im weiteren Operationsgebiet, die Er einpaar Markscheine bei sich tragen, werden als Spione verhaftet. Im allgemeimen kann man jedoch sagen, daß für unsere Brüder, im Osten! das Licht der Freiheit aufgeg-angn ist. Das -ist allen diesen Märtyrern aus tiefstem Herzen zu!gönnen. Jemand könnte mir den Vorwurf machen, daß das, was sich früher bezüglich der Juden im engeren Operationsgebiet mitgeteilt habe, nicht wahr sei. Mir schrieb dies aus -dem. Umwege durch di« Schweiz mein! Vetter. Me Lage der rumänischen Indem!ist schrecklich. Die Juden, di« -dort heben, sie haben noch ihren Zaren. Ihre Lage ist durch den Eintritt Rumäniens in den Krieg nur noch mißlicher geworden. Freudig können wir es nur begrüßen, wenn dio russischen Juden dem Aufenthalt der rumänischen Regierung in Cherson Widerstand entgegensetzen. Der rumänische König versprach den Juden Gleichberechtigung zu gewähren. (!) In England, jenem Lande, das sich an der Spitze der Kultur und Zivilisation einherzuschreiten dünkt, hat nicht einmal der Kr-iegsbeginn -den Burgfrieden herzustellen versucht. Wahrlich ein trauriges Zeichen. Und gerade während dos Krieges, .m einer Zeit, da die Juden Schulter an Schulter mit dem! Soldaten der anderen Konfession kämpfen und sterben, waren Pogrome, da wurden in den Vorstädten Londons jüdische Läden geplündert, Juden geprügelt am hellichten Tage! In diesen Ländern war bis zu dem Zeitpunkte, da unsere Brüder in größeren Massen gen Westen wandern mußten, Burgsriede. Dann brach aber wieder -der Antisemitismus aus. Weshalb sind denn die Juden weniger patriotisch als beispielsweise die Tschechen? Haben nicht die Juden ihrem Kaiser und ihrem Vaterlcmd mit Gut und Blut ,gedient? Aber immerhin ein Fortschritt ist zu verzeichnen. Die Antisemiten entrollen ihre Fahne nicht ganz. Sie haben im Verlaufe der letzten Jahre es kennen gelernt, wie süß es ist, gehaßt zu werden. Aber dennoch können sie von dem albernen Märchen -nicht lassen Las immer und immer wieder in der ״OMutche Rundschau" zu lesen ist. Keyenski sei -ein Jude. Der Zweck ist st» klar. Ganz anders liegt di!e Sache bei den galizischen und bukowinaischen Juden. Diese wurden von der ihnen so lieben Heimat fortgetrieben, -wurden in Viehwagen wie das liebe Vieh Wochen hindurch herumgeführt, um schließlich in Baraken, wahren Kerkern, untergebracht zu werden. Das ist und bleibt ein! Schandfleck in Oesterreichs Geschichte. Hier in Galizien und der Bukowina wäre noch ein gewaltiges Stück Kul׳ turarbeit zu leisten, denn die galizischen und bukowinäischen Juden sind uns gegenüber mit wenigen Ausnahmen in der Kultur um Jahrhunderte zurück. Die Brüder des Ostens sind aber!auch nicht frei von Fehlern und Lasten, dafür sind sie doch mvc Menschen wie wir, Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften. Ein beliebtes Werkzeug antisemitischer Angriffe bildet die übergroße Frömmigkeit der polnischen Juden. Soll man -ihnen das jetzt rauben, da sie im doppelten Exil leben? Wäre es nicht vernünftiger, statt, wie es leider häufig der Fall ist, darüber mitzuschimpfen, sich lieber ihre Frömmigkeit nicht in allem, aber in vielen zum Muster zu nehmen? Wie wir von ihnen, so sollen aber auch sie von uns lernen. Sie sollen von uns lernen, nicht bei Geschäften falsch und bol jeder Kleinigkeit zu schwören und aufrichtig zu sein, die Glaubensschwestern aber Emsigkeit und Geschäftigkeit im Haushalt. Zum Schlüsse will ich noch die Lage der Judem! in der Türkei, näher beleuchten. Erst kürzlich sah sich der türkische Grotzvabbiner Ehrw. Herr D-. Ehrenpreis gezwungen, -bei -dem türkischen Grotzvezier dagegen zu protestieren,!daß,den Juden der Zutritt zu den Aemtevn versagt bleibe. Das besagt genug. Wir können «ine solche Regierung nicht -verstehen. Leben wir im Mittelalter oder was soll denn das heißen? In Palästina herrschte schon in Friedenszeiten namenloses Elend. Das hat sich Äer noch verfielfältigt, als di« Türkei in -den, Krieg eingetwten ist, denn jetzt sind den dort lebenden Juden alle Erwerbsguellen, die hauptsächlich in der Ausfuhr von Ritu-alien bestanden, dadurch unmöglich gemacht, daß sie einfach in viele finanziell gut gestellte Länder nichts -ausfühwn können. Große Not herrscht dort, Mangel an allem, selbst an Arzneien, trotz großer Epidemien. Vor etwa einem halben׳ Jahre sah sich die türkische Heeresleitung aus Gründen militärischer Natur veranlaßt, einzelne Städte, unter anderen -auch Jaffa u. Jerusalem,, zu evakuieren. Das Elend nahm noch mehr überhand. Die meisten dieser Unglücklichen gingen in bereits bestehende Mische Kolonien. Die Ententepresse be״ nützte -das natürlich dazu, um behaupten zu können, die Juden seien mißhandelt, seien gewaltsam weggeschleppt worden u. a. Das widerlegte Herr Dr. Ehrenpreis, Wie das ״Jüdische Wochenblatt" für die Schweiz vor einiger Zeit gemeldet hat, auf das entschiedenste. Selbstverständlich ist es, daß Tausends und Tausende die HeiNmt derließen, um, sobald die Sonne -des Friedens uns wieder ׳anlachen wird, wieder in das geliebte Hei- Mailand zurückzukehren. Aus vorstehenden Tatsachen geht hervor, daß die Juden im jetzigen Krijsge viel getan, aber auch Viel und schwer gelitten haben. Sache eines Ehrenmannes — und das sind wir Juden doch unbestreitbar — ist es, wie ein, bekannter Römer sagt, nmlta siaceve et Panea de se loqui (vieles zu tun und wenig von sich zu reden). Wir alle sollen Gott dafür danken, daß er uns vor Feindesnot und Epidemien beschützte, und sollen diese Dankbarkeit dadutch bekunden, daß wir der armen, unglücklichen Brüder Galiziens und Palästinas gedenken. Die bevorstehenden hohen Feiertage. werden' reichlich hiezu Gelegenheit bieten. Zwittau (Mähren) Gerhard Kantter.

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