Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 15 (18.9.1917)
- Date
- 1917-09-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«* tue £ Attische V.lk-stimme" *t. 15. gleichberechtigt zur Seite stellen konnte?! Konnte es da anders kommen, als daß der überwiegend größere Teil der zivilisierten Menschheit!die wahren sittlichen Ziele menschlichen Daseins, das eigentliche menschliche Leben im besten Sinne des Wortes nach und ׳nach aus den Augen verlor und von Modephilosophien, Modetorheiten u. Modeschlagworten verwirrt und durcheinandergeworfen wurde?! Denken wir uns einen westeuropäischen Diplomaten in seinem mit Überschwangsichern Luxus eingerichteten Palais sitzen und mit diplomatischer Gewandheit die Fäden zu -einer nilenschenmordenden Jntrigue spinnen. Mußte da nicht ein gewaltiges Gewitter über eine Politik herein brechen, die hauptsächlich barin bestand, daß einer dem andern mißtraute und daß jeder die Sprache dazu benützte, um die Gedanken zu verbergen?! Begrüßen wir also unser altes, ernstes, ehrwürdiges Rosch-Haschonohfest mit Freude und Zuversicht. Legen wir unser und unserer Lieben 5678. Betrachtung zur Jahreswende. Bon Fritz Rosner, Wen. So treten wir nun in e>in neues Jahr unserer Zeitrechnung. Unser Atem hält inne beim Gedanken, daß wir ein wenig rasten wollen auf d!er Straße unseres Lebens und Rückschau zu halten über das was sich seither ereignet rmd geändert hat. So dicht sehen wir Ereignisse von historischer Bedeutung aneinamdergereiht, daß es uns unmöglich erscheint, solche einzeln anzuführen, geschweige denn solche detailliert zu erörtern. War es im Vor-Vorjahr Italien, so war es jetzt vor einem Jahre Rumänien, das in uns allen Verzweiflung auflöste, als wir an den heimtückischen Eiinfall in unser schönes ׳Siebenbürgen nur allzufrüh sollten sich die bangen Stunden der Ungewißheit klären und verhöhnt als Zeichen der Schwäche gedeutet werden wir überall zurückgewiesen. Und siehe! Dort wo wir es am allerwenigsten erwartet hätten m schwärzesten Schwarz des des- Poti schen Rußland regt sich zuerst das Gewissen und schon durch schwirren, Geüchte vom Sondierfrieden die Luft. Doch schon über Nacht kommt die Metamorphose. Die hohen Verbündeten er׳ fahren nämlich!davon und entfesseln die große Revolution, die Zar Nikolaus II., den Thron raubt. Und als wäre in einemgroßen Vortragssaale Plötzlich durch Kurzschluß alle in Finsternis geraten, so sucht alles durch Flucht panikartig den Weg ins Freie. So waren auch wir Zeugen diescs im Finstern, herumtappen!der ertremsten Poli׳ti schen Strömungen in unserem Nachbarlande. Ordnung nach Unordnung. Das bleibt Naturyesetz. So konnten wir abwarten, was uns dsr nächste Tag bringt. Da drahtete der Arbeiteru. Soldatenvat eine sTages die Devise vom Frieden ohne Anexionen und Entschädigungen als erstes Geistesvrodukt aus diesem fürchterlichen Chaos in die Welt hinaus. Und seit dem Ausbruche der russischen Revolution und zweifelsohne und unter ihrem Eindachten. Man. muß mit diesen ärmsten der armen Geschick vertrauensvoll in die Hände der göttli- Flüchtlingen gesprochen haben und -mit der richchen Vorsehung. Der Friede wird nicht durch Er-'tigcn Abscheu dieses traurige Ereignis beurteilen schöpfung, sondern erst dann kommen, wenn׳ sich zu können. Auge um?luge, Zahn um Zahn kam der so einfache, so tief in unserem besten Empfin»! die Vergeltung. Dann kam unser erstes Frie- /den festgewurzelte und doch immer so vergewal-; densangebot. Die tiefe Wirkung, die dieses austige Gedanke durchringt, daß Menschenleben undj gelöst hat, muß jeden menschlich fühlenden -und Menschenglück und Menschenschicksal Gottes sind! redlich idün!Venden Menschen unauslöschlich m. Er-??lvnon un . und da!ß die Welt nur durch kräftigste Heraus-! innerung!bleiben. e ^a^er! arbeitung des Menschenrechtes zur Ruhe getan׳ Als dann der reiche Onkel Amerika offiziell! Deformen, m Aussicht genommen. Kaiser M!lgen kann. Wenn auch dem gläubigen Juden das seinen Beitritt zur Vereinigung ״Aushungerung! I^lw bat in seiner Osterbotschaft von 1917 voll Leben jetzt nicht minder schwer ist als den andeder Mittelmächte" anmeldche, bfet1 hatten wir schon!maTl^״r ^'lie! Vaterlandsliebe ren, so hebt ihn doch das feste Gottvertrauen und alle das Empfinden, der schon lange vorbereite-׳. * Klassen der Bevölkerung angeordnet, daß das unverrückbare Gottesbewußtsein turmhoch ten Hand, und auch ohne Verrat der deutschen?ח' Prmlßm ^in neues Wahlgesetz onf Grundlage ~ ־־' neriika wäre es dazu gekommen.! des allgemeinen Wahlrechtes emgefnhrt werde. Seither hat man viel van der VarlamentarDerung der deutschen Regierung gesprochen und die im Reichstag angenommene Friedensresolution, über die Bedrängnisse des Alltags hinaus zu j Depesche an Amerika einem höheren Standpunkt unb schützt ihn so vor Verzweiflung. Wir Alle hoffen, daß uns Gott der Herr mit dem neuen Jahr den baldigen Frieden senden wird, daß dann alle Wunden geheilt, alle Tränen getrocknet und aller Kummer gestillt wird. In ehrfürchtiger Trauer gedenken wir der vielen, vielen Opfer, welche so früh ihr Leben las sen mußten. In aufrichtiger Achtung gedenken wir der׳ ungezählten Hjglden und Heldinnen, welche die schweren Lasten des Krieges so stand- Haft, ertragen. Mut und Erhebung allen Bedrückten, Trost allen Trauernde!:, Hilfe allen Leidendien,!Versöhnung! allen Entzweiten, Friede den Fernen und Friede den Nahen! Leopold Grssnhut. Die weitere. Gewinnung anderer, alter u!nd neuer Republiken, die Entthronisierung König Kvm stantin des Standhaften, geschah schließlich nur aus Menschenfreundlichkeit — um in kürzester!^we, st icdenfalls. daß den Vertretern des Bok Zeit Frieden zu haben. Schließlich kamen &ie?"*?'*!.'«/ten Fra>Mn> daS Recht Einzelbemüh,MMN hervorraciendcr Persönlich-! der Initmt.ve zulkeli». Be« uns wieder hat Kaiser Nachdem er mit dem Lesen dieser Zeilen geendet hätte, waren alle vor Schrecken außer sich, ausgenommen Abraham V. Meschulem B. entfernte sich nach kurzem Gruß, um, zu Hause Verschiedenes zu erledigen, Abraham V. bat -einen Bekannten, von den: er wußte, daß er nicht fliehen werde, auf seinen großen Grundbesitz Acht zu geben. Wagen auf Wagen rollte mit Gepäck und Habseligkeiton weg. Meschulem und Abraham hatten auch ihr Gepäck fortgeschickt, um morgen leichter fliehen zu köirnen. Es sollte nicht dazu komnien. Als ihr Gepäck gerade expediert war, kam ein Polizeimann und verkündete, daß infolge Jnvasionsgefahr der Ort heute abends geräumt sein müsse. Abraham Verlierer rief entsetzt!darüber, daß er am Sabbat fahren rnüsse, seine Familie zusammen, allein David fehlte. Ein Bekannter erzählte ihm, daß David schön mit einem ״Goi", geflohen sei. Höchst aufgeregt gingen alle zur Bahn. Dort war der letzte Zug bereits fortgefahren. Im Bahnhofgebäude waren große Haufen von Gepäck sehr viele Leute, -alle in Verzweiflung Wege!: ihrer Lage. Sollen sie hier bleiben oder nach Horodenka sich begeben? Abraham V. mietete sich kurzentschlossen um 200 Kranen einen Wagen und fuhr nach letztgenannter Stadt. Dort wollteder letzte Zug gerade abgehen, als er am Bahnhof anlangte. Der Bahnhof i-n dichtem Rauch eghüllt, Leiten und großer einflußreicher Körperschaften zur Beschleunigung des Kriegsendes, unid aus vollem Herzen wollen wir ihnen, dafür danken, denn die ,gute Absicht und das ehrliche Bestreben der Veranlasser.kann nicht geleugnet werden. Doch noch'wichtiges als diese sich überstürzenden Tagesereignisse des Weltkrieges und die Eiüzelfviedensbestrebungien sind deren dauernde Gestaltungen zu .denen sie Anlaß gegeben. Dramatisch seht da das so sehnsüchtig erwartete Kriegswunder ein- Wie die Mittelmächte schallen die Fviedenspo saune in׳ die Welt hinaus. Der blasse Gedanke an die Möglichkeit eines Frie-, dens ließ uns freier und tiefer aufatmaen. Doch verpachtet, habe einen seiner Wagen sich herrichten lassen und sei als erster in: ^uge gewesen, wo er bereits ׳eine halbe Stunde sitze. Als sie eine geraume Zeit gefahren sein mochten, sähe!: sie Nussenhorden, die den Zug beschossen. Die Gefahr wuvde durch mitfiahrende österreichische Soldaten abgewendet. Die Nacht senkte sich hernieder. Sie mußten ohne Beleuchtung fahren, um ׳nicht die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich' zu lenken. So vergingen -mehrere Wochen. In den größeren Stationen wurden dis Aermeren kostenlos a labt, die Reichen konnten sich etwas kaufen. Wie stürtzten sich alle auf einen Schluck Kaffe! Nachdem der Zug Krakau und Brünn passierte, ge langte,er nach Wien, wo er zwei Tage auf dem Geleise'der Ostbahn stand. Am 3. Tage kam die Verfügung der Negierung, daß der Zug nach Böhmen zu dirigieren sei. Man passierte aber mals Brünn, um endlich im Städtchen T. bei Pilsen zu landen. Jetzt brachen aber neue Sorgen über die Familie herein, galt es doch, eine Wohnung, Lebensmittel und. Kohle für den Wmtter zu beschaffen. Das Purde alles glücklich be« schafft. Auch zeigten sich die Behörden sowie die Bevölkerung sehr wohlwollend gegen bile Leute. Sie bekamen alles Vorgeschriebene von der Re» gieru-ng. Aber Abraham V. hatte,einigermaßen Sorge um David. Inzwischen verging die Zeit und die hohhen Feiertage kamen heran. Da Minwar vom Klagen und Weinen der Zurückgeblie-jjan, somit ein öffentlicher Gottesdienst abgehaldenen erfüllt. Hier küßten sich Mutter und Sohn Karl nicht nur in seinem ersten Manifest das Wobl!der arbeitenden Bevölkeruina besonders betont, sondern er hat and) in Oesterreich die Glei/chberechtiaung der Nationalitäten und in Ungarn den Ueberaang zum allgemeinen Wahlrecht ein geleitet. Und Vaßonvi Wilmas wurde als Jude zum Minister beeidet. So sehen denn schließlich auch wir Juden der Monarchie in dem großen Weltkrieg ״den Vater aller Dinge". Keiner der Mächte kann sich mehr verschließen einst am Tage des Gerichtes uns Juden den mit so schweren Blutopfevn erkauften Sitze am Tische der einstigen Fvi-edneskonferenz einzuräumen. Dort wollen wir dann endgültig ten werden konnte, wuvde Abraham V< zum Vorzum letztenmale, dort nahmen Brüder voneinanbeter ernannt. Traurige Wochen vergingen, denn rer Abschied, dort endlich tauschten Freunde Ab- Jsak Leser, ein Vetter Bruchsteins, starb den schiedsgrüße aus. Abraham V. drängte sich durch Heldentod im Kampfe. Inzwischen kam das die Massen hindurch und bestieg einen! der voübe- Passahfest ins Land und mit ihm neue Sorgen, setzten Pferdewagen. Wie erstaunte er, als er seioenn woher Mazzos -nehmen? Aber richtet sich, nen Freund Meschulem samt Familie dort fand!,richtet sich sozusagen von selbst. Man hatte Maz- Abraham V. erzählte ihm seine uns schon bekannzos. Die Zeit eilt und es würde Sommer. Wieder ten Abenteuer, Meschulem B. erzählte, er hätte!ist ein schwüler .Sommertag zu Ende, wie damals seinen Acker verkauft und seine übrige Wirtschaft-,als Abraham V. gedenkt seiner Besitztümer und durchrmßt gedankenvoll die Hauptstraße des Städtchens, als er einige Fahnen im Winde flattern sieht. Er, der im Orte sehr beliebt ist, erkundigt sich, was dek Grund der Befläggung wäre. Als -er erfährt, daß im Osten eine große Offensive der Verbündeten׳ Zentralmächte oin!gesetzt habe, freut er sich und spendet!als begeisterter Zianist und sehr wohltätiger Mann einen größeren Betrag für den Jüdischen Nationalfonds. Mit Spannung verfolgte er die amtlichen Heeresberichte. Und als er eines Tages las, daß seine Stadt vom Feinde befreit sei, dankte er gerührt Gott, dem Allmächtigen, für diese Sch-icksalssüguiig. Allmählich packte er seine Sachen und kehrte, nachdem er sich die Erlaubnis der Behörde geholt hatte, in die Heimat zurück. Dort war sein Haus ziemlich zerstört, doch welch' eine lieber raschung bot sich ihm dar! In seinem Hause waren Soldaten, die er an dem denkwürdigen Freitagabend bewirtete, an ihrer Spitze Hauptmann Haller. Dieser Soldat erzählte ihm, sein Sohn David sei mit dem Schwiegersöhne des Bürgermeisters geflüchtet und halte sich gegenwärtig in Przemysl auf. Er selbst sei, nach drei Monaten auskuriert, wieder an die russische Front!abgegangen und habe am Siegeszug in Galizien teilgenommsn. Jetzt bilde das Militär in Ermangelung von Polizisten die Polizei. Abraham V. baute mit Hilfe der bei ihm einquariterten Soldaten sein Haus wieder auf. Nach kurzer Zeit kehrte auch de.r Schwiegersohn des Ortsvorstehers zurück und Abraham V. feierte frohes Wiedersehen mit David. Da bereits genügend Polizisten vorhanden waren, rückte das Militär ab. Abraham nahm -gerührten Abschied von den jüdischen Soldaten. Bald kehrten auch die übrigen Familien zurück und es begann wieder friedliche Beschäftigung.