Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 15 (18.9.1917)
- Date
- 1917-09-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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»«-«»»Preise: . Für Oesterrefch-Ungarn, halbjährig . Krone» 8*20 öttttaia^cfa.. Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig ..Rubel 16 — SBctSatt, Frankreich ....... Krank» 4׳— Redaktion: Wien VIH. Lerchengaffe 6 a. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaste L Buchhändlerische Vertretung: Ott» Als««, Zkrip-l- Inserate: die Sspaltige Petitzeile S0 K Unverlangte redaktionelle Beiträge Vierden nicht ^sno. riert. — Manuskripten Ist Rückpari» deizufügen. Wien-Brünn. IS. 8spt»nb»r 1917. 28. Elul 5877. Prag—Lemberg. loeben erschien: Hlckls Jüdischer Aus dem Inh»lte: Brod Max. In der Fabrik . . ... Benedikt Clotilde: Aus der weibl. Armenpflege Ben Josei: Kriegswaisen. Cohn Dr. Carl Albumä: Judentum und Freiheit Feuchtwang Dr.: Brüder ganz Israel Färber Dr. R.: Unsere Israel. Militärseelsorge Giinzlg Dr. I.: Die Philosophie des Rabbi Beer Mezeritsch . .... Imber 8. J.r Frihling 1915 . , . König Elsig: Kriegspassah .... Kurrein Prof. Dr. A.r Rabbi Israel Baal-Schem Müller Dr. E.: Prophetenworte' . . . Neusser Regine, Breslau: Fanny von Arnstein: Ein Gedenkblatt zur 100 Wiederkehr Ihres Todes Rothbllum Dr.: Großvaters Tod. Rawltsch Mellech: Aufotmen ... Reiter M.t Pravoszitel3two Schach Fablus, Hamburg: Weltschmerz Schach Fablus, Hamburg: Jüd. Kriegsaphorismen . Scherlag M.: Die Wolken. Schmahl Grete, Wolf: Militärzug an der Grenze . Schreiber Heinr. Dr.: Die Kultussteuer und der Krieg Verein zur Errichtung von Volksküchen nach Israel Ritus. Das allgemeine jüdische Krankenhaus und Jerusalem Ehrentafel für Gefallene . . . . . . Zlocistl Theodor: Das Heilmittel Feuilleton Flüchtlinge. Eine Novelle aus dem jetzigen- Kriege. Bon J. K. Z. Freiing abend ist es. Ein schwüler Sommertag ist zu Ende. Die Kinder spielen auf der Straße. Eine Spannung liegt in Äer Luft. ״Wie steht die Situation auf dem Kriegsschauplätze?" Was war die herrschende Frage? Herr Abraham Verlierer, ein Mann in der Blüte! seines Lebens, von kleiner, korpulenter Gestalt, hatte eben das Tischgebet verrichtet, als zwei jüdische Soldaten in die Stube kamen und ganz erschöpft auf Stühlen hinsanken. Am Tischebrannten noch die Sabbatlichter. Abraham V., a nseiner Seite Frau Rebeka, der sich gerade in die Lektüre׳ eines Buches vertiefen wollte, stand puf, um, allen voran, die Erschöpften zu laben. Ein Arzt wurde herbeigerufen. David und Sarah, die etwa im Alte van, 8 und 10 Jahren standen, bemühten sich auch eifrig, ihren Eltern in dieser edlen Sache.zu assistieren. Draußen ist es inzwischen vöWg Nacht geworden. Ein Gewitter ist im Anzug. Donner rollen, Blitze zucken, Hagelschlossen klirren an die Fensterscheiben. Die beiden Soldaten waren — es war bereits 3 Uhr nachts — zu sich gekommc und erzählten, daß die Rusien große Kräfte in den ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ Zum Jahreswechsel entbieten unseren Freunden, Mitarbeitern, Abonnenten, Inserenten und Lesern die herzlichsten Glückwünsche כתיבה וחתימה טובה Redaktion und Administration ״Jüdische Bolksstimme." r - WS*! ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ Rosch-Haschonoh. ״Wenn ein feindlichles Lager sich gegen mich lagerte, mein Herz fürchtet nicht! Wenn selbst Krieg gegen mich entstünde, ich bliebe Dennoch zuversichtlich." .(Psalm 27.) Sollen wir wieder vom Krieg und seinen Schrecknissen sprechen, von der irrsinnigen Katastrophe, unter der die Erde seit mehr als drei Iahen leidet und blutet? Nein! Wir wollen, da es gilt, unserem jüdischen Jahresbeginn einen Willkommgrutz zu entbieten, da wollen wir vom Frieden sprechen, vom ersehnten Frieden und vom jüdischen Gottes frieden, welcher erst irnstände ist,!aus dem Frieden mehr zu machen als eine bloße Unterbrechung der Kriegsgeschichte. Wie'viele von uns, welche alljährlich am Neujahrsfeste in die Tempel gingen, und die beim jüdischen Schofarruf kalt und gleichgültig! und teilnahmslos blieben, wie Viele mußte erst der Kampf geführt hätten und die Oesterreicher möglicherweise sich zurückzieh enmWen. Sie selbs hätten beim Krepieren einer Granate!einen Ner» venschock erlitten und darauf sei auch teilweise die Erschöpfung zurückzuführen. Mit Dagesanbruch wollen sie sich ׳in das angewiesene ReservespiLal der unfern gelegenen Stadt I. begeben. Jetzt konnte sich endlich Abraham V. undl seine Frau Rebekka zu Bett begeben. Als die Soldaten am nächsten Tage abreisen wollten, ließ sie Abra- Ham B. nicht abreisen. Abraham V. war eben einer von denen, die noch sehr fromm waren und den Sabbat heiligten. Nach dem üblichen Sabbatgottesdienste begÄien sich Abraham V. und die Soldaten auf den Marktplatz, um Neuigkeiten zu erfahren. Welch' ein Bild bot sich ihm! dort jedoch dar! Der ganze Marktplatz strotzte von österreichisch-unaarischem Militär, das sichtlich aufgeregt war. Uno plötzlich kam Herr Hauptmann Haller und überbrachte dem kommandierenden Leutnant ^folgendes WefchlsschreiHen des Armeekommanbauten Erzh. Karl: ״Feinde ׳im Anzug. Abzug der Truppen sofort zu vollziehen. Evakuierung der Stadt sofort vorzunehmen. Befehle dem Ortsvorsteher geben." Befehlsgemäß zogen die Truppen ab. Als Abraham V., der Held dieses Feuilletons, diese Aufregung bemerkte, begab er sich unverzüglich nach Hause, denn er wüßte wohl, was dies zu bedeut enhabe. Auf dem Wege derabschiedeten sich die Soldaten, die gestern abends zu ihm kamen, auf das herzlichste, denn sie muß- Len sich sofort nach Lemberg ׳bcheben, da sie telegraphische Order Erhielten. Mjweren Herzens grausame Ruf, der brutale Eingriff des Krieges aus ihrer menschlich-jüdischen Gleichgültigkeit Wecken? Sollten wir es nicht doch!endlich uns als teuersten Besitz einprägen und unseren Kindern als teuerstes Vermächtnis übergeben, dajß die /europäische Kultur, welche durch Jahre sich mit dem Ausspruch brüstete, daß der Krieg blos eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, naturgemäß zum Kriege führen mußte?! Sollten wir uns!nicht endlich doch darauf besinnen, daß eine auf Egoismus und Mißtrauen fundierte Welt!endlich bis in ׳ihre Grundfesten hinein er׳ schlittert werden müßte?! Uns, welcher die mahnende, zürnende, versöhnende und zur Rückkehr zu Gott aufrufonde Stimme des Schofars Jahr für Jahr vernahmen, uns war es klar, daß diese Art von Kultur, die sich in den lettzten Jahrzehnten entwickelte, früher oder später zu einem katastrophalen Zusammenbruch führenkonnteja führen mußte! Denn jede atheistische Broschüre durfte. im Schaufenster des Buchhändlers ihren Platz neben der Bibel einnehmen. Jeder, der in irgend ein Buch!eines Bibelkritikers hmeingeblickt hatte, durfte die tausendjährigen, geheiligten Gmndlagen der religiösen Menschheit als Machwerk hinstellen. Jeder, der ׳m schrankenloser Herrenmoval einen willkommenen Vorwand zur ungeschränkten Entfaltung des eigenen Egoismus erblickte, glaubte dieTHerenmoral über die ewigen Sittengesetze der Religion und des besten Menschenempfindens stellen zu dürfen und׳ ie radikaler einer die alten, geheiligten Grundlagen der Religiiion zu zerstören suchte, jene Grundlagen, welche uns durch Jahrtausends Lebensfreude und Lebensmt, Trost und Erhebung boten, desto fortgeschrittener dünkte er sich. Konnte es «da anders kommen, als daß die Menschen Vox lauter Geschäftstätigkeit <di,d Be׳ smnung auf sich selbst, die Besinnung auf ihren Menschenberuf verloren, daß das Gottesbewußtsein immer mehr zu einr philosophischen Idee verblaßte, der man jede andere Eintagsidee als eintließ sie unser Abraham, nachdem er ihnen noch, so weit es möglich war, an die Hand ging. Zu Hause angelangt, brachte er — er war Vorsicher der Kultusgemeinde — wichtige Papiere in Sicherheit, ordnete allie Angelegenheiten daheim und eilte in das Gotteshaus, um nochmals zum,gütigen Vater des Himmels zu beten und — um die Thorarollen in einem Versteck zu .bergen. Gegen Mittag kehrte er schweigsam zurück. Als die Familie sich um den Tisch versmumelt hatte und die Suppe aufgetragen wurde, kam Meschulem Bruchstein, ein Freund der Fa׳ milie, und erzählte, was sich am Marktplatz zugetragen hatte und was der Leser bereits kennt. Während beide den Ernst der Situation berieten, wurde die Türe aufgerissen und ein Polizeimann überbrachte ein Schreiben des Orts-Vorstehers. In momentaner Abwesenheit Abrahams nahm fein Freund das Schreiben in Empfang und las es auf Wunsch des zurückbehrenden Freundes mit zitternder Stimme vor. Das Schreiben hatte folgenden Inhalt: ״Sehr geehrter Herr Verlierer! Böse Zelten drohen unserer Stadt. Haben Sie gestern die Gewitterwolken am Himmel gesehen? Ebensolche drohen unserer Stadt. Sie sind Vorsicher der Gemeinde; Sie haben es ebenso schwer wie ich. Bleiben Sie jedoch gefaßt und mutig am Platze. Seien S.ie versichert, falls die Lage Mi nicht verschlimmevn sollte, daß ich, erst morgen die Stadt evakuieren werde. Es schüttelt Ihre Hand Ihr Ihnen sehr erg. Hyrmmica, am 19. Juni 191. Th. Gadezevski, Ortsvorstcher.