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Jüdische Volksstimme · 1917-09-10 · Heft 14 (10.9.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 14 (10.9.1917)
Date
1917-09-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 14. »smt» giBUHiwi«* feit3 ׳ Brief aus Chrzanow. MW sonen hat sich daher aus jüdisch gesinnten jungeren Kräften ein Konnte gebildet, dessen Aufgabt es ist, ,diesem Usbel abzuhclfen und für ׳das Wphl der leidenden.jüdischen Bevölkerung undd zwar sowohl für das Materielle wie auch Geistige Sorge zu tragen. 1. Zunächst wurde ein Kinderhort gegründet, in welchem circa 120 Kinder vom 6. bis zun! 12. Lebensjahre nachmittag unentgeltlich Jausen erhalten. Der Kinderhort besteht seit November 1916. Während der Schulferien werden die Km׳ der km Handarbeiten unterrichtet und zwar lernen alle Kinder Kleider und Wäsche flicken, Strümpfe stopfen, Schürzen und Taschentücher waschen. Auch gewisse Zweige,der Hausindustrie, wie Verfertigung von Haarnetzen, Schleier, Handschuhen, Hausschuhen, werden den Kindern beigebracht. Jedes Kind erhält eine Sparbüchse, in welcher der Verdienst gesammelt wird. Sehr tatkräftig unterstützen diese Arbeit die Mitglieder des zionistischen Mädchenvereines ״Hatochija". Die Kosten der Erhaltung dieses Kinderhortes sind ziemlich groß und werden durch freiwillige Gaben erzielt. Auch wurde im Winter eine einmalige Sammlung veranstaltet, die circa 1000 K brachte. 2. Nach langem Vorarbeiten wurde am 1. Juli 1917 eine Spielschule eröffnet. Dieselbe wird von circa 130 Kindern und zwar 90 Mädchen und 40 Knaben!besucht. Von den obigen 130 Kindern .wurdon! 70 unentgeltlich ׳ausgenommen. Zwei i Lehrerinnen und eine Hifskraft sind im derselben ‘ tätig. Sie wird im, jüdischen Sinne geleitet unter Berücksichtigung der polnischen mnb hebräischen Sprache.. Nebst verschiedenen Spielsachen wurde ein Projektionsapparat unü ein kleiner kinomatographischer Apparat an geschafft. Außer den Unterzeichneten Personen wirken noch Frau Dr. Brimbram und Frau Dv. S. Rieser und Herr Zeimer mit. Die Eröffnung und Führung der In der Stadt Chrzanow leben circa 8000 Spielschule ist durch die materielle Unterstützung Juden, meistens arme Lernte^Krämer und Kleinj (1000 K jährlich) der Allianz Israelit in Wien Händler. Vor dem Kriege häkelten sie in den, ermöglicht. Da jedoch, diese Summe nicht aus- Grenzgebieten Preußens und Russisch-Polens u.s reicht, wurde eine Kinovorstellung veranstaltet, ernährten sich so kümmerlich. Dieser Handel die einen Betrag von faßt 1000 K brachte. Ferwurde «durch Ausbruch ׳des Krieges total unterbrachen und «nach Einberufung der Männer zum Militärdienste, wurde die Lage der daiheingoblije- Lenen Frauen und Kinder sehr kritisch. ' Die Not war und ist unbeschreiblich und ner steuerte Herr Generalkonsul H. Mandelbaum (Manoli), Berlin einen Beitraa von 6000 K bei. 3. Das Konnte machte sich zur Aufgabe, der männlichen Jugend Selbstachtung und Selbstvertrauen beizubri-ngsn. Es wurde ein Jugendverunter ihr leidet am meisten «die jüngere Geneein gegründet, «dem circa 80 Mitglieder vom 13. ration, die sich selbst überlassen der Gefahr der; bis zum 18. Lebensjahr, beigetreten sid. Es wur- Straße ausgesetzt ist. den Kurse errichtet und zwar für Polnischer, Die offiziollon jüdischen Vertreter, d. h. derj deutscher und jüdischer Sprache, in Bälde wird Kultusvorstand und die reichen Kaufleute rührauch hebräisch, ferner Rechnen und Buchhaltung 1. " £ -..1 4*4«.* Ss * »V* /YAl/lMvi A4 ^4• A 11L 41 ten überhaupt nicht mit dem Finger um diesen! Uebel abzuhelfen. Unter der Leitung der Unterzeichneten Pergelehrt werden. Eine gute Jugendbibliothek, Vor träge, Jugendzeitschriften, sorgen für die geistige Entwicklung der Jugend, die auch zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Der Verein hat sei« eigenes Heim. Die Kurse׳ werden von den Damen Mandelbaum Br., Dunkelblum, L. Klein, Herrn H. Rieser, Schorr und Dr. Nichtberger geleitet. 4. Eine Volksküche wurde gegründet. ES werden täglich zu Mittag circa. 700 Portionen verabreicht, hievon 460 unentgeltlich. 6. Zur Wahrung der Interessen der ärmeren Bevölkerung wurde ein Rechtsschutzburoau, das von Dr. jur. Nichtberger geleitet wird und das bis heute circa 600 verschiedene Gesuche sowohl an die Staatswie Gemeindebehörden erledigte. 6. Endlich beabsichtigt das Konnte einen dem männlichen Jugendveveine analogen Mädchen- Verein zu gründen. Diese Arbeit zeitigt jettzt schon Früchte, indem, die Orthodoxen, dieser Arbeit nicht «nur Anerksnnung zollen, sondern auch hie und da mitwirken. Dies zeigte sich auch bei einem unlängst veranstalteten Blumentage, bei dem alle Kreise mitwirkten, und uns einen Ertrag, von 240 K für unsereZwecke und 340 K für die ׳notleidende Bevölkerung Palästinas brachte. Für das Komke: Dr. S. Melitberger Regine Rieser S. Rieser. Der Brand des Leopoldstädter Tempels. am 17. August 1917. In jener Unglückssstmde, in welcher der Leopoldstädter Tempel, dieses in die enge Tem- Pelgasse eingeschachtelte architektonische Kleinod: das Wahrzeichen. der Juden Mens, im seinem Jnmern von verheerendem Feuer verwüstet wurde, ward es erst ofenbar. was dieser größte Tempel Wiens den Juden der Residenzstadt gewesen und noch heute ist. Kaum wurde in der Stadt die Nachricht von dem Brande bekannt, als aus allen Bezirken, besonders aber aus der Leopoldstadt Tausende herbeieilten, um sich Persönlich zu überzeugen, ob es denn wirklich wahr feil, daß die herrlichste, größte Andachtsstätte «dem verheerenden Feuer zum Opfer falle. Man sah angesehene Gemeindemitglieder, die seit Jahrzehnten Besucher des Tompels sind, die noch an der Hand ihrer Väter in diesem Tempel Trost und Stärkung fanden, Tränen vergießen, als sie der Katastrophe ansichtig wurdon. Das erste, woran alles dachte, war die Rettung der Thorarollen, jener Pergamentrollen somit auch der einflußreichste alle Ehrenämter auf sich vereinigende Mannn des Ortes, miachk, bei der am .frühen Morgen sich verbreitenden Kunde dohender Gefahr, dem Träger das Anierbieten eines fabelhaften Betrages — ganz, gegen seinen bewährten Geiz — für seine Dienste bis zur nächsten Mniige Meilen entlegenen sicheren Bahnstation. Nicht wenig aufgebracht war er aber״ daß der ״KaLzan" — wie er verächtlich den mit Glücksgüter nicht begünstigten Träger benannte — sein, Anerbieten zurückwies. War dies ja eine Verletzung semer Autorität, «ein schlagender Beweis der Unootmähigkeit, des verweigerten Gehorsames eines Armen gegenüber dem Reichen. Zufln ersten Male im Leben, und gerade zur Stunde ernster Gefahr wurde er gewahr , daß indische Güter an Wert unstätt sind, u. dem Besttzer über Not nicht hinweghelfen können. ״Die Menschen sind schlecht, und deshalb ergießt sich nun oer Zorn Gottes Wer ihre Häupter" machte er resigniert seinem Zorn Luft. Mojes Ber der Träger ließ sich nicht beirren und handelte mach seinem Gutdünken. Auch er ward Morgens von der allgemeinen Panik mitegrissen, um> es beherrschte ihn «der Gedanke — außer dem eigenen Leben und dann seiner Ehe- Hälfte — das möglichst Transportable seines Hab und Gutes zu retten. Er war «nicht im glücklichen Besitze von Reichtümern, umso kostbarer war für ihn alles buchstäblich ״im Schweiße des Angestchtes" erworbene. Die Mühe und Freude am schwer Erarbeitetem, hastete an jedem Gegenstände seiner Wohnungseinrichtung. Er war nur ein simpler Lastträger. Hatte auch nicht die Ambition als mehr zu gelten. Während Ler Werktage Var er von seinem mühseligen Beruf ganz in Anspruch genommen. Der frei gewählte ״Standort" am Ringplatze bildete seine jeweilige kurze Erholungsstätte nach dem rastlosen Einherschreiten in gedrückter Haltunig vor den mit Lasten aller Art beladenenWagerl. Eine klein: Abwechslung war der täglich sich,monoton, wiederholende fluchtige Besuch zun! Gebete zur Früh- und Abendzeit im ״kleinen Schülchen" oder der regelmäßige Gang am Sabbathnachmittage zum »Beth Hamidrasch", um dem gelehrten ״Melamed" beim Vortragen des Wochenabschnittes aus ״Chumesch mit Raschi" zuzuhören. Dabei kam er — der vom nichtig vor, daß sein Platz immer schüchtern am äußersten Ende der Zuhörerbänke war ... Doch in seiner Wohnung daheim war er am» Sabbathtagen den anderen Stammes- und Glaubensbrüdern ebenbürtig. Wenn auch die ganze Woche rin Arbeit und Entsagung verstrich, würden seinersevts immer Anstalten getroffen uyi bert siebenten Dag würdig zu begehen. Henne und Fische mußten den Tisch würzen und ein geladener armer Mann verlieh ihhm manchmal seinen besonderen Glanz. Dabei schwelgte Moses Ber -im Seligkeit. Sein Blick streifte vergnügt bald den Schabes-Gast bald die Frau, den gedeckten Tisch, die verabreich ten Speisen, die — speziell für den Sabbathgebrauch dienenden — schönen Geschirrstücke und Bestecke, das blankweise Tischtuch und die nettgebügelten Bettücher, und manch anderes aus der Mode geratenes Möbelstück, das hijer sein! ehren- Haftes Alter verbrachte. Dies alles hatte er sukzesiv von den durch Arbeit seiner Hände und Ent״ sagmrg «erübrigten Ersparnissen angeschafft. Ein mal «der Woche weidete sich sein Auge an diesen Kostbarkeiten. Nun hieß es mit einem Schlage von diesen seinen schwererworbenen mit ger innern Seele und Erlebnissen engverknüpftem Gegenständen, zu fliehen. Außer dieser Hauseinrichtung und seiner stillen ״Alten", hatte ׳er nichts das ׳ihm nahe lag. Sein halbes Dutzend Kinder ist längst schon der Eeihe nach übers Meer nach Amerika hinübergewandert. Nun golt es üfr ihn so manches Stück seines Eigentums — wie Bettzeug und ähnliches — fortzuschaffen. Kein noch so hoher ihm angebotener Lohn dermochte ihn zu verleiten für andere Dienste zu leisten, deren er allein bedarf. Er sah wie die Leute ihre Bündel am Rücken schwerbeladen an seinem Fenster vorbeischoßen, und wolltee sich zur Aufladung am Wagerl hermachen. Doch unschlüssig «blieb stehen und musterte untätig die vorbeihuschenden Gestalten. Keine einzige Fuhre, nur Fußgänger. Alle, alle bekannten Gesichter — allerdings verzerrt und mit verzweifeltem Ausdrucke — passierten. Da .fiel ihm etwas ein: Jeder kommt vorbei, mit der Eine noch immer nicht. Was geschieht mit ihm? Was sangt er nun an mit seinen achtziger Iahren? Denkt eine ganze Gemeinde nicht im Momente gesteigerten Unglücks an ihr Oberhaupt, an den langjährigen Wegweiser, an den Gelehrten und frommen der durch sein gottgefälliges Wandern ihr Verteigider vor den Allmächtigen gewesen ist? Wo mag er nur sein, der alte Rabbiner? Schatten letzter Flüchtlinge huschten noch vorbei. Moses Ber entriß sich mit einem Ruck seinem Nachgrübeln, ließ die m Angriff genommene Rettung seiner Eigentümer fahren, und bald war er mit Windeseile im Hause des Rabbiners. Der alte Rabbi war allein. Seine Ehehälfte

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