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Jüdische Volksstimme · 1917-09-10 · Heft 14 (10.9.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 14 (10.9.1917)
Date
1917-09-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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י-י -י •<-י ירי »»3»חי¥ WWfpiBir Nr. 14. die nationale Autonomie mehr denn, eine Lanze. Und nicht zuletzt unser altbewährte Ga. Dr. Hermann Kadi sch, »der die Schaffung der nationalen AutlmqmD zu feinem Lebenszwecke machte. Und!nun sind wir wieder in dem toten Punkts angelangt. Uebevall drängen sich in Oesterreich Völker aneinander. Die Regierung rechnet mit den kleinstem Volksstamme als Machtfaktor. Und das große eineinhalb Millionenvolk der Juden wird als quanti negligeable betrachtet, nnd noch ärger. Es gibt nichts Häßliches, nichts Gehässiges, ,nichts Niederträchtiges, Sage ich, das man nicht andichten würde. Feigheit, Drückebergerei, Kriegswucher, politische Unverlässigkeit und wie alle diese häßlichen Auswüchse des Krieges heißen mögen, fragt man uns nach Uns Juden, die wir für dieses Staatengebilde mehr gelitten und geduldet haben, denn jedes an dere Volk ü!er Monarchie. Alle häßlichen Vorwürfe kennen wir! Aber das man sich erkühnt, einem Volke, das als reinstes dasteht was Loyalität und Reichstreue anlangt,!daß man sich erkühnt, wiederholeich, uns politische Unzuverlässigkeit vorzuwerfen, das ist zu stark! Das ist /auch uns Juden schon zu viel. Und wie? Da kann das offizielle Judentum schweigen? Da ist es stille? Statt aüfzubrüllen unter diesem, furchtbaren Peitschenhieb? Ja darf man denn mit uns Juden in diesem Staate machen, was man will? Politische Unzuverlässigkeit? Wir wollen mit den österreichischen Völkern rechten! Die Deutschen, das Loyalitätsvolk Par exellence, haben eine hohenzölleri-sch-o-rientierte alldeutsche Partei. Die Polen, die Ruthenen, die Tschechen eine russophite oder s-erbophile Jrredenta. Die Slovenen, Kroaten, Serben eine großserbische Bewegung. Die Rumänen eine rumänische und somit rusfophi-le Jrvedenta. Die Italiener eine italienische. Mit einem Morte alle inichtdeutschen Völker der Mo- . narchie verfolgten vor dem Kriege eine mehr oder weniger österreichisch-sei>Miche Ententepolitik. Nur die Juden nicht. Nur die Juden waren, wie ich es schon vor dem Kriege in diesen Blättern schreiben konnte, das reichstreueste Volk des Staates. Ist das der Dank des Vaterlandes, daß es uns nun Politische Unzuverlässigkeit ׳vorwirft? Wer in Oesterreich hat die kühne Stirne dies behaupten zu wollen? Welchem, Volke gehört der ' Mann cm? Er komme und bekenne sich, damit wir mit ihm abrechnen können. Wir Juden haben gar keinen- Grund, uns .zurücksetzen zu lassem Im Gegenteil. Unsere Politische Lebensführung ist rein und mackellos, und wird es bleiben, so lange ein selbstbewußtes Judentum existiert. Man mujtz endlich reinen Tisch machen zwischen uns und jenen Männern, die leider -auch Juden sind oder dazu gerechnet werden. Man muß endlich in der OeffenttWeit unterscheiden können, zwischen Jungjuden, die stolz, selbstbewußt und rem sind, und jenen Juden von der Sorte eines Dr. Witt, Dr. Liebermann um teueres Geld zu ׳erreichen. Das brauchbare diente dem Kriege, das Unbrauchbare wollte jeder eher für seine eigene Familie verwenden! .Der Mensch des zwanzigsten ׳Jahrhunderts mit den hochentwickelten KoMnunWationsmöglichkeiten, mujhte mit :einem Schlage zur primitivsten Form zurückgreifen: Zur Fußwanderung. Schwier -erarbeitete Vermögen, durch Jahrzehnte, aufgehäufte Werte, wurden Preisgegeben. Jeder Bauer führte nur sein Rind einher, jeder Jude trug sein Kind und seine ״Dalis und Tesillim" mit. Nur die Stiefkinder der Gesellschaft, die Parias des jüdischen Gemeindelebens — arme Besitzer vovn ״Einspännern" und Lastträger mit ihren ״Hcmdwaperln" — waren jetzt die Glücklicheren. An ihnen klammerten sich die Reichsten und Wohlhabendsten. In der Not triumphierte der Genius produktiver Arbeit über alles Andere. Der eigene Erhaltungstrieb!aber ließ die Ärmsten der,Armen jedes GeldanerLieten zurückweisen: auch sie sind Juden und können als solche ebenso ihre Pflichten gegenüber den eigenen Frauen und kleinen Kindern . . . Vielleicht mischte sich auch hie und -da in der Stunde der Not ein Gefühl -von Vergeltung des kleinen Mannes.gegen den sozial höherstehenden und von oben herab schauenden Reichen? . . . Gesellschaftliche Rücksichten und Unterschiede schienen in einen Nu sich aufgelößt zu!haben. Das Gememleben des stillen Städtchens hatte sich in Atome verwandelt, die voneinander losgelößt einander sich überstürzten und überrannten.... Die Straße westwärts des Städtchens wurde zum «empfangenden und weiterleitenden Kanal und Dr. Diamant usw. Wenn diese .Herren- .iw fvsmdnationalsn Parteien stehsn, dann mögen sie sich lieber ganz vom Judentum separieren, damit sie nicht mit uns verwechselt werden. Wenn ein Dr. Liebermann den Mut hat, Generäle vom Ansehen eines Generalobersten Viktor Dank! anzuklagen, dann gehe er lieber ins Königreich Polsn und überzeuge sich dort von der Loyalität seiner polnischen ״Brüder". Wenn ein Dr. Diamant sich erkühnte für den Legionen-Brigadi-er Piliudski zu intervenieren., so muß man dazu schweigen, denn diese Tat des jüdischen Sozialoemokraten ist so empörend, daß mcmob so viel Speichelleckerei schweigen muß. Ja, aber wollen wir Juden denn immer schweigen, wenn ein Diamant für einen politischen Abenteuerer eintritt, und etwas besieres ist Pi-lsudski nicht, da mag man in Krakau noch so viel demonstrieren. Reinen Tisch machen Ihr Juden Oesterreichs! Leiden und Schmerzen haben wir ruhig ortragen. Aber solchen Hohn nicht. Wr Juden, die wir Gut und Blut für Oesterreich hingeben, werden uns wegen gewisser Herren nicht politische Unzuverlässigkeit vorwerfen lassen. Ihr Juden Euch jene Männer! Rechnet mit ihnen ab im Galiziens. Ihr Juden der Monarchie merket gegebenen Augenblicke! Dies -alles könnte nie geschehen, hätten wir eine jüdische, politische Organisation. Hätten wir ein jüdisches Forum. Lassen wir die Di-skussioneu, Enqueten über eine jüdische Konferenz! Tretet doch auf 2 bis 3 beherzte Männer und rufet sie ein! Dann wird man sehen können, ob Oesterreichs Juden überhaupt reif sind für eigene Politik, ob Oesterreichs Juden «noch etwas Ehr- und Schamgefühl besitzen! Freie Bahn» für einen jüdischen Parteitag! Aber je eher, desto besser. Die Zeit drängt. Schnell! Bevor es zu spät wird! der flütenden Menschenmenge. Kavallerie und Artillerie, Pioniere und Fußtruppen verschiedener Waffengattungen, Maschinengewehre und. Geschütze -aller Art, Autos, u. Trainwagen, sahrende Feldküchen im wirren Durcheinander mit Privatwagen vollgepropft mit Kindern auf Bünbet und Bettzeug und Gepäck, Fußgänger und Vieh. In den zu beiden Seiten der Straße Parallellausenden Gräben, endlose Züge fußwam dernder Kinder, Frauen- und Greise. Hinter ihnen her keuchend und schwitzend als letzter Trabant der ״Schames", welcher, nach mit Todesgefahr bewerfftelligter Rettung der Tora-Rollen, kaum mjit heiler Haut der Gefahr des einmarschierenden Feindes mit seiner Bernichtungswut entronnen, die Fliehenden erreicht und dem Zuge sich angeschlossen -hat. Abgerissene Kommandobefehle, Knarren schwerer Geschütze und Autos, Trab-Trapp der Pferde, Ächzen der Lastwagen, Mäckern des Vie״ hes. Stöhnen der Männer, Seufzen de Frauen, Meinen -der Kinder, vereinen sich im Wirrwar der Flucht zu einem vereinten Jammerschrei von Mensch, Vieh und Maschine. Der Schrei aber rollt unter und über ihnen, hinter und vor ihnen, vverfliegt in zu beiden Seiten der Straße breitgedehnten Feldern. Mt und hüllt die Natur in langen Schnecken, u. ringt sich bis ins unendliche Firmament empor, bis zum Thron der Ewigkeit u dnUnendlichkeit, zu einem gellenden Protest, zur SeMstanklage der Schöpfung... An einer Stvaßenkrümmung entsteht eine Stauung. Anfangs beschwert sie hemmend die Fortbewegung, bis die kritische Situation mit einer -gänzlichen Lahmlegung derselben drioht. Ein Schreien und Toben, ein Rufen -und Zurufen, ein chaotisches Entwirren das die Vereinigung lijur mehrt. Militär und Zivilbevölkerung, das im Ujnglücke harmonisch verschmolzen, nsbenrin» ander , durcheinander und Miteinander einherzieht, bemächtigt sich ein einheitliches — zufolge der gefürchteten Verfolgung feindlicher Übermacht — ausgelöstes Gefühl: Vorwärts zu kommen. Die Einen sehen 'in -den Anderen ein Hemmnis, einen Ballast. Es begitiint ein Ringen ungleicher Kräfte um Vorsprung zu gewinnen. In diesen verworrenen Knäuel erkämpft sich mit Anstrengung seiner äußersten Kräfte ein Mann Bahn. Es ist dies MoseS Der dev Lastträger. Eine emporgeschosssns hagere Figur mit vom Berufe gebeugten Rücken, langen Maaeren Armen, einem von Schweiß bedeckten vergivltem Gesichte, das in seinem ungepflegt-zottigem Barte von melierter Farbe sich vor fremden Blicken zurückßicht Md -im Schatten desselben scheu derborgen bleibt. Bei jeder erneuten Kraftanstrengung beugt und bückt sich tiefer der gekrümmte Rücken und sein Handwagerl hinterher ziehend, schreit er sich ^heiser: ״Platz! Platz!" MoseS Ber ist einer der wenigen Glücklichen Besitze eines eigenen — für den Lastträgerberuf nötigen HandioagsrlS zu sein. So Manche« hatte ihn heute wegen dieses Besitzes beneidet und um jeden Preis denselben zu seinen Diensten erwerben wollen. Der reichste Mann deS Stadtchens. Chaim Mb der ״Brösentnik" (Geldverleiher) der ,Mt Juden in der Tasche hat" — daS ihre Akzepte besitzt und sie ausbeutet יי-

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