Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 14 (10.9.1917)
- Date
- 1917-09-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wische >MsD«e. »»»»»»vreise: Für Oefterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6-20 ganzjährig ..Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12׳— Rußland, ganzjährig.Rubel 16 — BaÜan, Frankreich.Frank» 4 — Redaktion: Wien VIII. Lerchengaffe 6 a. Redaktion und Administration: Brün«, Ldlergaste t Buchhändlerische Vertretung: Ott» Inserate: die Sspaltige PetitzeUe SV & Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht 7 rno» riert. — Manuskripten ist Rückport» deizufügen. Wien—Brünn. 10. Soptomdvr 1917. 22. Elul 5877. Prag—Lemberg. Ablösung des Jomkippur- Seelenlichtes für die Kriegswaisen in Palästina. Ungeheuer ist verhältnismäßig die Anzahl, unbeschreiblich das Elend der jüdischen Kriegs- Waisen im Heiligen Lande. Alles, Was briefliche Darstellungen darüber berichteten, verblaßt vor den anschaulichen Schilderungen, die etwa zwei hundert vor der unerträglichen Not bisher geflüchtete Familien aus dem Lande der Väter uns ientwerfen. Hilfeleistung ist unaufschiebbar. Wir bitten deshalb, dieses Jahr die Seelen (Neschomo)-Lichte durch Spenden für die Kriegs- Waisen in Palästina avzulösen. Die Hilfskommission 1915 für Palästina. Zuschriften und Spenden erbitten wir an das ״Mährische Landeskomite der Hilfsaktion für Palästina," Brünn, Adlergasse Nr. 16. Feuilleton Der Lastträger. Still lag das Städtchen. Im Hintergründe schmiegte es sich cm dem Fuß des darüber emporragsnden Berges, der wie ein Riese machtbewußt sich' meckte und seine Fittiche schattig über Gassen und Gäißchen ausbreitete. Im Vordergrunde wagte es sich hervor bis hart an das Gestade des Dniesters, ließ sich von dessen hinbrausendem Wjasser. belecken und verharrte tränlmerisch im stummen Anhören seines ewig-gleichen Wellenrauschens. Auf diesem von Land und Wasser engumrahmten Platz, hausten die nach Abstammung, persönlichen Mgsnschaften und Berufen verschiedenartigen Menschenkinder in stiller Abgeschiedenheit, untereinander eng verknüpft wie Angehörige einer Familie, eine kleine stille Welt in der großen brausenden Welt bildend. Still, lag das Städtchen, ließ über sich Jahr- Hunderte ergehen, kocketierte bald gegen den yo- Herr Berg, bald gegen den niedern Strom, und streckte hie und da einen neuen Gassenarm in die sine oder die ander« Richtung hin. Gaffsn und Gähchen lehnten sich an das Matrum ״Ringpl-atz" und wagten sich wie kleine Kinder die beim Spiel waghalsig ihre Mütter verlassen aber immer wieder zu ihr hinWerschisben, zur Höhe und zur Niederung. Einem rastlosenader Allen Ameisen- Haufen glich das Leben das meist von ׳jüdischen! Kaufläden okkupierten ,Mngplatzes", in sich versunken waren die von christlichen Bm«rn und« Zur jüdischen Konferenz. Im August 1917. Gustav Kohn. Schwer lastet der Krieg -auf uns. Die gange Welt seufzt unter der schwerem» Katastrophe. Uoberall sammelt man sich für einen bald zu erwartenden Frieden. Die Judenhsit der ganzen Welt .die so schwer gelitten hat und mach immer an den Begleitumständen des Weltbrandes leidet, sucht Maßnahmen für den kommenden Friedenskongreß zu treffen. Rußlands befreite Judenheit fand sein Sprachrohr int zionistischen Kongreß. Amerikas Judenheit versucht dergleichen. Wir österreichischen Juden, die wir nächst den russischen Juden am meisten an der schweren Last des Krieges zu tragen haben, wir allein sind ohne jedwede Vertretung. Seit!mehreren Monaten wird im jüdischen Blätterwalde die Idee einer jüdischen Konferenz lanciert. Bis nun jedoch ohne wenig sichtbarem Erfolg. Es ist als ob Oesterreichs Judenheit so ganz und gar nicht lebensfähig wäre, als ob sie sich gar nicht emporraffen könnte zu einer allgemeinen Beratung über unseres Volkes nächster Zukunft. Die österreichisch-ungarische Monarchie findet sich aller Wahrscheinlichkeit nach in einer Krisis der Umwertung. Wird dies kommen? Und 'wird diese Umwertung auch die Umwertung aller unserer bisherigen Politischen Werts bedeuten? Das Ministerium Martmic schrieb, so schien es, die Neuwerdung Oesterreichs auf sein Panier. Martinie mußte gehen. Das Ministerium Seidler schwankt von einer Idee zur anderen,, ohne zu einem positiven Entschlüsse gelangen zu können. Unterdeß tobt der Krieg weiter und das Männermorden, welches grausiger und schauer- Handwerkern besetzten Vorstadtgassen, und gar träumerisch lugte die Synagoge hervor aus den niedrigen sie umringenden verfallenen Häuschen, aus der Stätte jüdischer Arbeit und Armut, dem Obdach des jüdischen Handwerkers, dem Asyl des jüdischen Fuhrmannes, Lastträgers, Marktaufkäufers, Maklers und ״Luftmenschen" . . . Nur winzige sich wiederholende Erscheinungen störten die Ruhe manchmal: ein tviumphiersndes Kling-Klang der Glocken von den katholischen u. griechisch-katholischen Kirchen-Kup- Peln, ein wehmütiger Ausruf des ״Schulschames" (Synagogendisners) an den Fwitag-Vorabendsn der durch ein gedehntes ״in Schul herein" die Grenze zwischen Merk- und Ruhetag zog, ein dumpfer Schall des durch die antike Felltrommel irgendetwas verkündondon» Polizisten, ein schriller Gesang des besoffenen Iwan begleitet von seinen Fluch-!und Wutausbrüchen, ein monotones laut hergesagtes Mode-Ani-Gsbet des ״Stadt-Meschugenen" Welwel cm Sommev-Frühmorgen. Doch D es anders gekommen. Die über das Städtchen kreisenden Friedens- und Ruheslügel unsichtbarer wohlwollender Engel, erlahmten. Die Städte friedlichen Lebens und Wtebens verspürte eine Erschütterung. Das welltentrückte Stäbchen ist in die wilde Kriegszone hmeingerissen worden. Unversehens ist es gekommen. Noch am Abend vorher breiteten sich allerlei Staotpolitiker über die Perspektiven des Krieges aus, als wäre es eine Sache die außerhalb ihres Bereiches läge. In Bethäusern und ״Mausern" geftikuUsten oie Heute nach vverrichtetem Wendgebet und Leim Heimgang verfocht jeder seine ״ " ״׳ t, bk int nachbarlichen Kreise kleiner Grup׳ licher nicht gedacht werden kann, nimmt seinen erbarmungslosen Fortgang. Die Regierung wiederhole uh, schwankt von einem System zum anderen. Ja,es gibt Leute, die sogar Analogien in der Zeit nach 1848 zu finden glauben. Soviel jedoch ist sicher, daß man eine Neuordnung der Dinge in der Monarchie! will. Nicht nur hat sie Sr. Majestät der Kaiser in seiner seinerzeitigen Thronrede ungebahnt, man will sie auch verwirklichen. Und da kommen wir wieder zu dem toten Punkt. Die Frage bleibt offen. Was nun? Historisch-politische Individualitäten?" Provinzen mit den altgesteckten Kronlcmdsgrsnzen, oder totale Absage an das Althergebrachte und Schaffung der nationalen Autonomie unter Weglassung aller Lckndesgrenzen. Kenner der österreichischen Geschichte wissen, daß dieser Streit nicht von heute ist. Es ist so alt, wie die österreichische Verfassung selbst, wenn nicht noch älter. Schon der Kremsierer Reichstag des Jahres 1848 hörte Debatten, wie sie eben im Parlamente angeführt wurden. Ein Graf Stadion entdeckte in,Galizien die,Ruthenen schon im Revolutionsjahre, als zweitstärkste Nation im Lands., Dr. Adolf Fischhos, der ״jüdische Edelmann" hat seit 1848 bis zu seinem' Tode nicht aufgehört, die nationale Autonomie zu predigen. Ein Ministerium Clam^Martinic—Hohenwarth-- Schäffle befaßte sich mit einem Landesföderalismus. Denn damals schon vor 40—50 Jahren stritt man darüber, ob Landesgrsnzen erhalten bleiben sollten oder nicht. Der unglückliche tschechische Publizist Kare! HavliLek-Borovsky hat vor mehr denn einem Menschenalter die Nation für alle Völker Oesterreichs verlangt, cmch für dis Juden. Die Tschechenführer Palacky und Rieger ein Erstarken der politischen Macht ihres Volkes angestrebt im österreichischen Sinne. Moderne Publizisten, wie der Rumäne Dr. Aurel Popovic und der deutsche Dr. Karl Renner brachen für tzMSSNNM'MivMNMSM.! Pen noch, spät in der Nacht in! Fortsetzung und Ende aüsgeklungen ist. Doch am Frühmorgen schon änderte sich das Bild. Noch nie gesehene Szenen entrollten sich. Em Chaos von Menschen- Massen ergoß sich über das Städtchen, und darüber hinweg. Ein vereinter markerschütterndteir Schrei durchzittsrte und erschütterte die Luft, und sein wilder Klang durchbebte die Atmosphäre gräßlich und schauerlich: Der Feind kommt! Es schrien die Unmengen fahrender und fuß- ,gehender Flüchtlinge aus der Gegend von jenseits des Dniesters,!es verkündeten die Zurückflutenden, in Unordunig vor der Übermacht des Feindes weichenden. Truppen״ :׳,Der Feind kommt!" Wimmernd und klagend wogte der Widersall, um über Stadt und Leute hinwegzurollen, mit den Akkorden des unheimlich-geheimnisvoll rauschenden Dniester!sich vereinigend, die Umgegend in graunenhafte Panik einzuklemmen. Gräuekbilder roher Feindesrache spuckten wie schwarze Geister herum. ״Der Feind kommt!" erschpll!es wie eine Parole aus dem Munde der ersten dom Zuge vorantrabenden Reiter, wiederholte sich aus tausend Zungen und. nebst Wavmüiig vor heran-, nahender Gefahr, rief es Bestürzung und Kopflosigkeit hervor. Ein Empfinden übermannte alles: Hinausvotten, jenseits des Städtchens landeinwärts, weiter gegen die Karpathen zu. Hinüberkommen um joden Preis. ״ . ... Und jeder schleuderte feinen Silber- und Goldgötzen hinweg . . ." buchstäblich wie es der Prophet verkündete. Keine Eisenbahn stand zur Verfügung. FeindeAgesahr schlich medusen- Haft über das Geleise. Kein Fuhrwerk war selbst