Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 13 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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y. - ״ ־ ■יV ’׳*®-■’׳'*'■'’»^ידי״׳ייי■׳ ״"*׳"־׳"Vp «r. IS Was fernerhin allen engherzigen Rationen zum Verhängnis gereichte, das war ihre Versündigung an dem freien Seelen- und Gemütsleben des Menschen, das leinen Zwang verträgt. Die Einheit der göttlichen und menschlichen Heilsziele soll nur in Mannigfaltigkeit sich durchringen. Die Geistes- und.Gemütswelt des Menschen ist keine Baumschule mit gleichmäßig zugestuhten Wipfeln, sondern ein Garten voll wechselvollen Blüten- und Blätterreichtum. Dis Mißachtung dieser Maxime mußte gar mancher Seelentyrann von Antiochus bis auf Philip den H. schon bitter büßen. Als die Proteste der geistigen Auslese Europas aus Anlaß der Greuel gegen eine konfeffionelle Minderheit in Bessarabien (1906) hageldicht auf das schuldbeladene Haupt jener Regierung niedersauste, da gab es Ueberkluge, die auch diese Proteste als ״schädliche Einmengung" in fremde Staatsangelegenheiten verschrieen haben. Doch nein! Sie hatten Recht. Weil eS eben nur papierene Proteste waren, handgreifliche wären schon damalS wirksamer gewesen. Traurige Gedenktage dies heute, rot angestrichen in den Jahrbüchern der Geschichte mit dem Blute unschuldig Erschlagener! Die streng mahnende Nemesis läßt ihrer nicht vergesscn, wenn auch die sanfte PietaS voll Selbstbegwingur.g wehmütig den Mantel der Vergessenheit über sie breiten wollte. Heute fragen viele: für wen kämpfen wir wir noch? Nein, die Frage muß anders lauten: Wer kämpit für uns noch? Der Gott der Geschichte ist eS, den es gibt, zu strafen und zu richten; die Nemesis, die der Nebel Größtes auf Erden heimfordert: die Schuld, --vii. kämpfen für uns selbst, indem wir für Rußlands Parias und ihre drangsalierten geistigen und seelischen Interessen kämpfen. Gewiß, mobile vulgus. DaL. Volk ist wankelmütig und leider der undankbarste Schuldner seiner Erlöser, wie es auch heute in jenem finsterem Reiche vielfach der Fall sein mr g. Es liebt mitunter auch seine Ketten, wenn diese nur aus Gold sind; ja, es begeistert nicht selten die wackcren, die eS samt seinen geflickten Lappe« aus den: brennenden Haus retten wol- -len. Das darf die nrenschenerlösende Nemesis nicht beirreu. ..Brennt des Nachbars Wand, so bist du selber ge- -fähldci." 1 Anno 1905 las man, daß der Gouverneur BeffarabienS in dessen Ghettis Maschinengewehre auffahren und deren, in gerechter Selbstwehr sich schützende Be-, :wohner einfach niedermähen ließ. Während diese Zeilen geschrieben werden, wiederhallt dieser, mit Gewalttaten gedüngle Boden von der rasenden Jagd seiner eigenen, alle Bauerngüter plündernden Bewohner. Sie ebnen -nur den Weg unserer siegreichen Bataillonen, die der beleidigten Gerechtigkeit Sühne verschaffen, auch Sendboten der Nemesis. Eine Einmengung in fremde Staatsangelegenheiten. Nur leider eine zu blutige. Während sic seinerzeit, im rechten Augenblick angewendet, weit weniger folgenschwer ausgefallen wäre. Darin äußert sich ja der Segen wahrhaften Kulturlebens. Er ist der starke Wall, der alle Bürger des Sittenreiches wie eine gen,einsame Heimat schützend umhegt. Wehe aber, wenn einmal dieses kulturelle Bürger, recht durch Indolenz verraten wurde:! Es fordert dann früher oder später mit unerbittlicher Pünktlichkeit seine Genugtuung heim. Das dritte Uebel endlich, aber nicht zuletzt, woran alle reaktionären Staaten krankten, und das eigentlich die natürliche Folge der beiden ersten ist, war die Knebelung aller geistigen Regsamkeit. Wer die Freiheit von Leib und Seele wünscht, der fördert auch ihre Herolde, Ver sie fürchtet, der verfolgt auch ihre Verkünder. Die Knulte war stets noch das LooS aller freien Geister Rußlands. Davon weiß ein Gorki, ein Tolstoh, ein Lschechov manch trauriges Lied zu singen. Das Loos der erleuchteten' Köpfe des einen Reiches kann denen in einem anderen zum Verhängnis gereichen. Aber ihr Leid weckt dafür trostvollen Wiederhall im Herzen dieser. Nicht anmaßende Einmengung in das Recht Anderer ist es, das diese für jene mit ihrem Teuersten kämpfen 1°׳H, sondern das vitalste Interesse der Gesamtheit. Jener finstere Mann in der Zarenfamilie — ein wahrer Großfürst in der Kunst der Menschen- und Völkerentzweiung, der sich vermessen, eine ganze friedliche Welt herauszufordern, er ist es auch, der zu Anfang des Weltkrieges jenem armen Schriftgelehrten aus Radom ins gewaltsame Grab den Hohn von ..ein paar mehr oder weniger" nachgeschleudert. Heute mutz die Menschheit unter Leid und Wehe einsehen lernen, datz diese Geißel des größten Ghettos der Welt auch ihre eigene Geißel geworden ist. Die Nemesis läßt manchen Tyrannen langewüten, um desto nachdrücklicher an dessen endlichen Sturz die Reputation des gelästerten Menschschenrechtes zu offenbaren. Wehmut mag freilich die Heerführer beschleichen, wenn sie ihrsieggewohnteS Schwert notgedrungen zur Vpllführung ihres Ri'chterämteS' schwingen und soviele kostbare Menschenleben als Opfer fordern Müssen. Aber es ist ein providentielleS, im Plane der Nemesis gelegeneS Richteramt, deren Maß von Geduld längst schon erschöpft war. Aus dem Schauerdrama der Welt, das sich vor unseren Augen abfpielt, leuchtet die trostvolle Tatfache sichtbarlich hervor, das alles krankhafte aus jenem gewaltigen sklerösen Staatsorganismus zum Heile der Gesamtheit entfernt wird. Die Katharsis die Läuterung unter Leid und Qual, die der große Denker aus Stagira von jeder Tragödie als Bedingung fordert. Wohl mag es noch immer naive Gemüter geben, die unüberzeugbar glauben, daß das Wehe der Welt dadurch hätte verhütet werden können, daß man mit jenem Kolotzreicheanstatt mit dem welschen Feind im Rücken paktiert hätte. Wir sind keine Politiker. Aber ein Pakt mit einem Reiche, das organisierten Mord und Raub, Dichter- und Denker Einkerkerung, Sibirien, Kasematten, Pogrome, Ritualmordprozesse und dergleichen schöne Dinge mehr als oberste Staatsmaxime duldete?! Wenn schon das Böse alle Guten hassen muß, weil es schon in deren Dasein allein eine lebendige Anklage gegen sich fürchtet, um wieviel nachhaltiger muß d-S Edle die Verworfenheit verabscheuen, die eine stete Gefahr ihm bietet. Aber wie? Die Allianz der so hochstehenden Westmächte selbst mit ihr? Diese dürften längst schon in stillen Stunden von der blutigen Ironie jenes bekannten Wortes auf ihr eigenes Geschick überzeugt worden sein: ״Es tut mir in der Seele weh, wenn ich Dich in der Gesellschaft seh"! Nein, Dank und Segen der Diplomatie, die den Weg uns geführt, der von der Bahn!eneS Sündenreiches uns abhielt, der vor bewußtem Unrecht und Vertrauensbruch uns bewahrte! Befriedigender — wenn auch nicht besser Lieber zehnmal Unrecht leiden als einmal Unrechtzufügen. Unermeßliches Wehe hat uns dieser Weg gebracht: aber auch den in den Augen aller Rechtlichen unausbleiblichen Erfolg. Lange läßt sein Tag auf sich warten. Aber kommen muß er, weil sonst alle erhabenen Ziele der Geschichte, wofür die Edelsten gelitten, ein Wahn wäre und unter sie ein schwarzer Strich gezogen werden müßte. Für die Menschen wohl mitunter spät, aber für die großen Welt- Probleme niemals zu spät bietet die Nemesis endlich die Bestätigung ihrer sozialen Notwendigkeit. Schauerlich ist der gewaltige Aderlaß für die Menschheit, von welchem ein Soziologe behauptete, daß er angeblich für sie von Zeit zu Zeit notwendig sei, entsetzlich, wehevoll! Aber nicht gänzlich unheilvoll. Er fördert Ihren Genefungsprozeß. Die Narben, die er hinterläßt, sie beinträchtigen und trüben das Gesamtbild des,Jdealismus. Aber dessen Lebensgeister werden erfrischt; verjüngt. Jener große Kartager, der Romas Macht endlich erliegen mußte, er hat nicht vergeblich gerungen. Sein gefürchtetes Schwert hat doch nicht zum geringsten ihr gewaltsames Imperium mupdi gelockert, untergraben. Der gewaltige Corse, der endlich, an St. Helenas Felsen machtlos geschmiedet, dahinsiechen mußte, er hat doch manchem mittelalterlichen Geisterspuck Europas den Garaus gemacht. Gar viele Sendboten hat die Vorsehung. Heute ist es der aus Eisen und Blei geschmiedete Bund der Zentralmächte. Aus tausend Wunden blutend, schreibt er gleichwohl ins Gewissen des Frcveltums die Wahrheit ein, daß das geheiligte Menschenrecht nicht ungestraft angetastet werden darf. Menschliche Teilnahme müßte eigentlich der Sturz jenes Selbstherrschers über Millionen erwecken. Sein Purpur verblichen, sein Thron gestürzt. Aber heute: bedarf es noch deutlicher Spuren der Nemesis aufErden? Welch abschreckendes Beispiel für alle Tyrannei! Wie präg er heute seinem verlorenen Regentenruhm nachsinnen, der so glänzend hätte sein können, wenn er den Seinen freien Erwerb, freies Bekenntnis und freies Gewissen vergönnt hätte, anstatt sie heute unter unermeßlichem Wehe von anderen für sie erkämpfen zu lassen! Vom dunklen Grund des einzelnen Wehes hebt sich die lichte Welt der Gesamtheit ab. Die Menschen dulden, aber die Menschheit wird erlöst. Ihr Pfad bewegt sich oft in Schlangenwindungen. Scheinbar gekrümmt und auf Jahrhunderte zurückstürzend, erhebt er sich alsbald wieder zu lichten Höhen. Die rohe Uebermacht des Unrechtes, sie mag für Augenblicke die zum Verderben des vereinsamten Menschenrechtes widernatürlich vereinigte Tücke und Scheinheiligkeit vor ihren Wagen spannen. Umsonst! Es bleibt eine unfruchtbare Meßallianz und wird zermalmt vom Wirbelsturm eines gerechten WaltenS. Dies ist nun einmal die Bahnh der Nemesis. Der Menschheit Banner, auch in diesem Weltbrand sooft zu Boden geschleift, eS wird siegreich auferstehen. In seinen Falten wird dereinst der Name all derer glänzen, die in diesem Weltkriege schuldlos gelitten haben. Majne ChalojmeS. (Aus dem Buche ״Ruinengros", Jüd. Buch- und Kunst- Verlag M. Hickl, Brünn.) Un majne finstere chalojmeS hengen sich schwer Un dem verchaleschten hals fün majn neschome, Un schleppen sich ihr noch. Warfendig mit di schwere gewender Ouf rechts un ouf links. Unmajne chalojmeS jenen der ajnziegr ojzer Was majn'neschome farmogt; Wajl wen es togt, IS st wider orim, majn neschome. — Un majne chalojmeS jenen majn leben, Un jenen majn tojt, Majn seeles Wasser, un majn seeleS brojt — Un jenen ihr libe. — Mejlech Rawitsch. ittmdfdmu. Beförderung. Der Leiter des Finanzministeriums hat den Finanz-Sekretär, Herrn Julius Stößler, zum k. k. Finanzrate für den Dienstbereich der Finanz-Landes-Direkton in Brünn, ernannt. Persönliches. Unser Mitarbeiter und Freund Herr abs. Phil. M. Reifer erteilt allen Abonnenten der ״Jüd. BolkSstimme", gegen eine Spende von 1 Krone für die Evakuierten in Palästina und Rückportovergütung, Auskünfte über die Kriegs-Gefangenenlager in Turkestan (Taschkent, Troyzkoe-Lager, Solotaja-Orda, Samarkand, Aschabad usw.). Derselbe ist jüngst aus der Gefangenfchaft heimgekehrt und wohnt dzt. in Brünn, Ottgasse 30 Mezzanin, wohin auch die Zuschriften zu richten sind. Die Redaktion. DaS Flüchtlingsgesetz im HerenhauS. Die Vorlage über die Flüchtlingsfürsorge wurde ׳ nach den Darlegungen des Grafen Silva Tarouca und des Ministers des Innern, Grafen Toggenburg, an di« Kommission zur Umarbeitung zurückgewiefen. Die meisten Bestimmungen des Entwurfes werden vorläufig im administrativen Wege durchgeführt werden. Weil er Jude ist. Die ״Morning Post" wendet sich gegen die Ernennung des Lord Montagu, weil er Jude sei. Neben seiner Liebe zum Geburtslands sei der Jude seiner Nation treu ergeben. Es wäre daher nicht ratsam, in die Regierung zu viele Juden aufzunehmen. Nationale Autonomie sür die Juden. Leon Chasanowitsch telegraphierte dem Jüdischen Korrespondenzbüro im Haag, die Delegation des Arbeiter- und Soldatenrates in Stockholm habe ihm in einer Konferenz die Versicherung gegeben, daß der Arbeiter- und Soldatenrat zweifellos für die nationale Autonomie der russischen Judenheit eintreten werde. Bon der Würzburger Universität. Geh- Rat Prof. Dr. Ernst Mayer liest deutsches Recht und sagt gelegentlich der Erörterung der rechtlichen Lage der Juden im Mittelalter: ״Die Juden, welche auch setzt im Begriffe waren, uns die Kehle zuzuschnüren/' Man wandte sich persönlich an den Rektor der Universität, Prof. Dr. Schmidt, durch den dem Beschwerdeführer folgendes eröfnet wurde: ״Das Rektorat als solches hat mit der Angelegenheit amtlich nichts zu tun. Zur Vermeidung eines Skandals hat der Rektor lediglich ve« sucht, die Sache in Güte zu ordnen. Prof. Mayer sieht sich zu einer Erklärung dem Beschwerdeführer gegenüber nicht veranlaßt. Er hat nur an den Rektor einen Brief gerichtet und ihn ermächtigt, dem Beschwerdeführer dessen Inhalt bekannt zu geben. Danach bestreitet Prof. Mayer die Aeutzerung nicht, erklärt jedoch, dieselbe sei in einem Zusammenhang gefallen» der jede beleidigende Absicht auSschließe. Er habe nämlich den Standpunkt vertreten, daß die Juden von jeher durch das ganze Mittelalter hindurch in schroffstem Gegensatz zum Ger. manentum gestanden hätten, was sich bis zum heutigen Tage erhaltenhabe. Beweis dafür sei der Abfall Jt«. lienS, da- Eingreifen Amerikagegen Deutschland; beides sei auf jüdischem Einfluß zuruckzuDhren. ES