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Jüdische Volksstimme · 1917-08-10 · Heft 13 (10.8.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 13 (10.8.1917)
Date
1917-08-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 13. stört; tausende und abertausende Familien von ihrer Heimatsscholle loSgeriffen und dem Flüchtlingselend preisgegeben. Töchter wurden in Gegenwart ihrer Eltern von der rohen Soldateska geschändet, Säuglinge von der Mutterbrust gerissen und aufgespietzt, Wöchnerinnen erschlagen, Greise nach dem weiten Sibirien verschleppt, wo fie ein jammervolles Ende fanden. Jahrelang schwer erarbeitetes Gut -er Bürger, wurde ein Opfer der Flammen. Tod im Schützengraben, Tod und Hunger im Hinterlande. Eiserne Fessel wurden der Menschheit angelegt, die fie weder tragen noch abschütteln kann. O, jammervolles Geschlecht, o, beschämendes Jahrhundert, o, rohe, gemeine, finstere Barbarei, o, wiederauferstandenes, grausames Mittelalter! WaS bedeuten die Ueberfälle der Hunnen, Mongolen, Tartaren gegen den ״modernen" Krieg! Wir stehen auf der Höhe der ״Kultur", wir kämpfen auf der Erde, über der Erde, unter der Erde, auf dem Wasser, über dem Wasser und unter dem Wasser. Wir morden auf der Erde, über der Erde, unter der Erde; auf dem Meere über dem Meere und unter dem Meere. Hoch, die Technik! Sie feiert gewaltige Triumphe. Wir treten ins vierte Kriegsjahr und möchten Bilanz von den ver- Wofür wir kämpfe». In diesem großen Weltringen vernimmt immer wieder das Schlagwort: Kampf für die Rechte der kleinen Motionen. Die Ententestaaten bekämpfen den preußischen Militarismus, sie wollen Europa ein für allemal von den Gegenrüstungen befreien, fie wollen die Rechte der eingelnen Völker schützen und verteidigen. Sie wollen mrt einem Worte, die Unabhängigkeit und freie politische uno kulturelle Entwicklung der Minoritäten sichern. In unseren lieben Oesterreich mit seinem Nationalitätenkanglomerat tritt die Frage der nationalen Auwnomie erst recht in den Vordergrund. Die Frage ist jetzt aktuellec, denn je. Offen und unzweideutig haben die Tfchechen ih:e Forderungen im Parlament ausgesprochen. Sie gingen sogar weiter, indem sie die österreichische Regierung ignorierten und ihre Befreiung und ihr Heil von der Friedenskonferenz erwarten. Die Polen haben der Regierung ebenfalls die Freundschaft gekündigt. Sie wollen auch nicht mehr Henkerdienste den Deutschen leisten. Und siehe da: die deutsche Hegemonie über die anderen Nationen in Oesterreich ist gebrochen worden u. der Antrag Franta drang durch. Jeder Abgeordnete kann in seiner Muttersprache die Reden im Abgeordneten- Nemesis. «on einem Rabbiner. Der eherne Lauf des Weltgerichtes, der in der Weltgeschichte einherbrauSt, läßt sich nicht aufhalten. Gehemmt kann er wohl für Augenblicke, aber für die Dauer nicht gehindert werden. Die Speichen des Weltrades dulden kein gewaltsames Rückwärtswenden, wenn einmal der Menschenfortschritt sie in Schwingung gebracht. Und selbst wenn silberne ״Kugeln" ihre Schwungkraft sternmen wollten. Vergeblich! — Sie werden zermalmt von deren Wucht. Die alle Willkür ausgleichende Gerechtigkeit auf Erden, die der Gläubige das Walten einer Borfehung nennt, für fie hat die antike Anschauung die hehre Gestatt -er Nemesis geschaffen. Ihre Macht offenbart sich in unseren Tagen an dem Zerfall des letzten Barbarenreiches Europas: Rußland. Wie im organischen, so stammt auch im sozialen Le- ....._ .. , ... . ben der Selbstzersetzungsprozeß entweder von äußeren Krank an Leib und Seele ist unser ganzes Geschlecht,! Lohn für das vergossene Blut erhalten. Wo blei- oder inneren schädlichen Einflüssen. Woraus setzen sich floffenen drei Jahren ziehen. Durch die Suggestion der! hause halten und diese müssen in der betreffenden Macht wurde die Masse stumpfsinnig, durch den ewigen. Sprache ins stenographische ׳ Protokoll hineinkommen. Drill sank sie zu einem willenlosen Werkzeug herab. Die Man spricht auch davon, daß nach dem gegenwärtigen Menschheit wurde verroht, sie wurde zur Maschine, wo. Jnterimsministerium jede. Nationalität in Oesterreich nur der Mechanismus arbeitet, nicht aber, der Geist.|^en Minister haben soll. Jede der acht Nationen soll M. Reifer.. krank wird auch ihre Nachkommenschaft sein. Menschen,!6cn wir Juden? Wo ist unser Lohn? Oder haben wir die tausende Kilometer von einander trennen, findl zeine Opfer in diesem Kriege dem Baterlande gebracht? einander feindlich gesinnt undkämpfen gegen einander. Wahr ist es zwar, daß die slavischen und romanischen Die schwarze Rasse gegen die weiße; Mongolen gegen Völker in der Monarchie mehr Opfer hatten als wir Ju- Arier. Und trotzdem ist dieser Krieg kein Raffen, und.den!!!? Die sechs tschechischen Brigaden in Rußland auch kein Nationalitätenkampf. Millionen von Menschen׳ kämpften gegen Oesterreich und hatten gewiß Verluste, wurden hingeschlachtet für Handelsintereffen, für den Bei der Kriegserklärung Italiens und Rumäniens gin- Kapitalismus. O, stumpfsinnige Masse, wann wirst du ' zur Vernunft kommen und dem Leitbock, die Gefolgschaft künden! Für englische und deutsche Handelsintereffen blutet die Menschheit; für die Hochfinanz wurden Millionen blühenden Lebens vernichtet. Durch die Haltung der ungarischen Agrarier kam der berühmte Weißkirchnersche Handelsvertrag mit Serbien zu Stande, wodurch wir uns einen Feind zuzogen. Die Aktien von Skoda und Krupp sind ins unendliche gestiegen und viele andere Unternehmungen. Dieser rapide Aufschwung wurde mit blühenden Menschenleben teuer erkauft. In der letzten Zeit kommen ganz offizielle Erklärungen von dzr Regierung, daß wir einen annexionslosen — Frieden ohne jedwede Kriegsentschädigung erstreben. gen unsere italienische und rumänische kriegsgefangenen Offiziere und Mannschaft in die italienische bezw. rumanische Armee. Aber auch serbische, slovenische, allpolnische und ruthenische Offiziere und Mannschaft die Selbstzersetzungskeime eines Reiches zusammen? Nicht ettoq aus ExpansionS- und Annexionsgelüsten Anderer, sondern aus seiner inneren Fäulnis. Was seit jeher alle unduldsamen Vötter herunterbrachte, es war zunächst das gewaltsame Vorenthalten der Rechte Anderer auf die Mühen redlicher Arbeit. An der Blindheit! für diese so einleuchtende Tatsache krankt auch Rußland und droht an ihr zu fallen. Jndeß hätte es dies nur mit sich selbst auszumachen und Niemandem stünde eigentlich das Recht den Einmengung in fremde Staatsangelegenheiten zu. Ja, schloffen sich dem Feinde zum Kampf gegen Oesterreich wenn es eben nur fremde Angelegenheiten wären! Dieau. Sie alle hatten ״Verluste" und verlangen deni ser Begriff trifft nur auf politische Probleme zu, die ״Lohn". Aber was schert das unsere Regierung, was j nach eigener Willkür zu lösen, kein Außenstehender Ankümmert dies die klerikale, antisemitische Bande, welche spruch erheben darf. Ganz anders der merkantile Weltam Ruder sitzt! Was kümmert das die Reichspest Pardon! verkehr. Dieser ist schon seinem Namen nach universell^ — post, daß die Juden ihr Heil und Gut dem Staate! weil die Bürger entferntester Reiche naturnotwendig opfern! ״Tut nichts, der Jude mutz verbrannt werden!"«au» ihn angcw׳-.scn sind. Und wehe dem Gemeinwesen, Gerade die Judenzentren, Galizien, Polen, die Buko-!das sich gewaltsam gegen die Errungenschaften der Gewina wurden ja am härtesten vom Kriege betroffen. Siej gcnwart stemmen wollte, deren vornehmlichste Handelshattest ja am meisten als Juden von den Russen zu lei-'und Gewerbefreiheit ist. Die serbischen Schweinezüchter und die montinegrinischen Hammeldiebe werden als Ration anerkannt und wir Juden, das älteste Kulturvolk, werden zu Deutschen. Polen uyd Tschechen zugeschlagen und kämpfen vergehsich um Anerkennung unserer Nationalität. * Hoffen wir, daß die Menschheit endlich zur Vernunft kommen und die Nichtigkeit der Gewalt einsehen und begreifen-wird. Dann werden wir Juden auch zu unseren Rechten kommen, denn heute lautet die Parole: suum euique. den! Und die, welche dem Schicksale der Russenherrschaft entgingen, kamen vom Regen in die Traufe. In Lagern einge,sperrt, fristeten unsere Flüchtlinge ein jammervolles Dasein. In vielen Ortschaften Böhmens und Mährens find sie dem rohen Pöbel ausgeliefert und finden bei der Behörde nicht die entsprechende Unterstützung. Sie sind ja nur Juden, arme gehetzte Achaswersöhne! Unsere Treue und Anhänglichkeit an der Regierung wird belohnt! Das systematische Ausschatten der Juden von gewissen Aemtetn, das ostentative Verweigern einer ordentlichen Kanzel den jüdischen Dozenten und a. o. Professoren an der Wiener Universität. Die Ausschließung der Juden von den Assistentenstellen an der chirurgischen Klinik in Wien. Man ging sogar so weit, daß man dem diesjährigen Nobelpreisträger der Medizin Dozenten Dr. Robert Barany die Professur an der Wiener Universität verweigerte, weshalb er einer Berufung an die Upsalaer Universität Folge׳ leistete. Bei Ernennungen an den Mittelschulen werden die jüd. Supplenten präteriert. In den Wiener Gymnasien werden die jüdischen Lehrer als ״entbehrlich" entlassen. In Posen und Breslau werden österreichische Untertanen, ine' das ״Pech" haben, Juden zu sein ausgewiesen. Unsere Regierung schweigt. Wir werden für unser Blutvergießen belohnt!! Wird einmal die Regierung darangehen, Kriegs-Entschädigungen in den vom Feinde verwüsteten Gebieten zu zahlen,, dann werden dieJuden gewiß zu kurz kommen. Sie sollen ihren Lohn haben! Im Wiener Magistrat wird kein Jude ohne Taufschein aufgenommen. In der Lemberger Statthalterei wird dasselbe Verfahren angewendet. Der Jude soll seinen Lohn haben! In den Kronländern mit deutscher Majorität muß der Jude ״teusch" sein, in den mit slavischer mutz er Slave sein. Die Rechte der Minoritäten werden gewahrt! Wir kämpfen, um zwischen Hammer und Amboß der einzelnen Nationalitäten zu kommen. Dieser Lohn sieht der österreichischen Regierung ähnlich. Sie hat kein Gehör für unsere BolkSbedürfniffe, sie ignoriert unsere nationale Forderungen, sie will unS nicht als Nationalität anerkennen, sie behandelt uns mehr als stiefmütterlich, sie zeigt keinen Ernst für unsere kulturellen Bedürfnisse Einmengung in fremde Staatsangelegenheiten! Keines Staates Erwerbsleben ist heute mit Brettern vernagelt. Handel und Verkehr lassen sich nicht Hermetisch abschließen. Es gibt Fäden, die über alle Reichsschranken hinwegsetzen, die kein Ukas zerreißen kann, soll nicht nebst dem eigenen auch das öffentliche Wohl gefährdet werden. Sie bezeichnen die Spuren des freien: Güteraustausches aller Länder. Dies wird eine der Lehren sein, die dieser Weltkrieg, wenn auch unter unermeßlichen eigenen Opfern, an der gerechten Maßregelung, die Englands Scheelsucht heute erfährt, dauerndhinterlassen wird. Was von der Schule gesagt wurde, das gilt auch vom freien Gewerbe; Er ist kein Politikum. Lies war es ja, was die große nordamerikanische Union,, als noch auf hoher Zinne der Unparteilichkeit dastand,, auf der Höhe ihrer Auffassung vom modernen Völkerverkehr zeigte. Da bewies sie noch durch mannhafte Tat dem besagten Reiche, welches in der bekannten Paßfrage den systematischen Menschen- und Fremdenhaß zum Staatsmonopol stempeln wollte, daß ein weiterer kaufmännischer Verkehr mit einem solchen Gemeinwesen tief unter ihrer Würde stehe. Sie kündigte einfach — den Handelsvertrag mit ihm. Wie manches hat seit damals sich geändert! Stützen des Weltverkehres, zernagt, zerbröckelt vom Zahne der. Unersättlichkeit. Der britanische Löwe, der moskowitische Bär, ehemals Totfeinde, vereint zur Niederringung, des guten Menschenrechtes! Nur eines ist sich selbst treu geblieben: die in ihren heiligsten Empfindungen gekränkte Rechtlichkeit, die hundertfacher Tücke siegreich sich erwehrt. Lange genug ist das internationale Vergehen jeneS östlichen Reiches gegen den menschenverbrüdernden Handelsverkehr ungeahndet geblieben. Jetzt verschafft auch ihm in gewissem Sinne die Nemesis Genugtuung. Denn'der Titanenkampf der Völker erweist sich je länger je mehr von Tag zu Tag als AuSfechtung des internationalen Handelsrechtes gegen seine Vergewaltigung. Mögen immethin manche seiner ehemaligen Anwälte״ vom blinkenden Gold verblendet, in den Wirbel gegen dasselbe hineingeriffen werden, sie zeigen nur, daß die alte Tyrannei noch nicht ausgestorben, die da vermeinte״ W Wettmeer mit — Ketten züchtigen zu können. PWPf ׳־׳־ W“■4־. '» G »

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