Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1917-08-10 · Heft 13 (10.8.1917) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 13 (10.8.1917)
Date
1917-08-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2621806-2621995-2622008--3647-2624862
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«DCUf 2. ״Uttksche V»lk»stim«e"_ 1^. 1z. vergessen; die Deutschen hielten ihre Zusage. Und den so nahe war? Das vergisst man! An alle diese Borkomm- Juden, nämlich den jüdischen Soldaten im Felde und den Juden daheim, wird selbst die Korrespondenz untereinander und Mit ihren Angehörigen in jüdischer Schrift und jüdischer Sprache verboten. Run sind aber die Leute keiner anderen Sprache und Schrift mächtig, das werden die Herren aus Galizien und der Bukowina bestätigen. Denken Sie sich nun einen vor dem Feinde stehenden Soldaten, der im Angesichte des Todes viel» leicht seine letzten LiebeSgrüße den Seinen nach Hause schickt, Abschied bon seinen Lieben und seinem Liebsten nehmen will, der notwendige Verfügungen oder seine lryten Anordnungen treffen will. Er will seine Angele- -genheiten oder Familienintimitäten nicht preisgeben anderen unberufenen Ohren (Abgeordneter Kuranda: Und leine Kinder sterben im Flüchtlingslager!) Ja, in den mörderischen Flüchtlings- und in den Barackenlagern! Daß der Mann nicht berechtigt sein soll, mit den Seinigen in jüdischer Schrift und Sprache zu verkehren, ist das nicht eine Barbarei, eine unglaubliche Grausam keit i Ja, es existiert wohl ein altes Justizhofdekret aus dem Jahre 1814, welches bei Gericht den Gebrauch der jüdischen Schrift und Sprache verbietet. Diese Anti ׳quität graben jetzt die militärischen und anderen Be bö'.den au- und machen bonihr Gebrauch, ohne Rück sicht darauf, daß die Leute, die ihr Bestes hergeben, in ihrem tiefsten Innern verletzten. (Zustimmung.) Nun, meine Heren, ich müßte mich wiederholen und ich w'll auch nicht polemisieren gegen den Redner der deutschen Linken, weil ich ja die unerfreuliche Erfahrung gemacht habe, daß die Herren vom deutschen Nationalverband als die einzige Partei im Hause gegen den Antrag des Justizausschuffes, betreffend die Nichtgenehmigung der § 14-Verordnung gestimmt haben, mittels deren den aus Galizien und der Bukowina geflüchteten nisse denken Sie, meine Herren Deutschen nicht. Reine Herren! Wir wissen aber ganz wohl, woher der Wind geht. Die Herren vom Deutschen Nationalverband haben die § 14-Verordnung deshalb nicht aus heben wollen, weit unglücklicherweise unter diesen 600 oder 100 vertriebenen Advokaten aus Galizien und der Bukowina auch einige hundert Juden sind! Ja, wenn ich so meine Betrachtungen anstelle, wie im ״Roten Sale", in den Couloirs und Vorzimmern des Parlamentes diese verbissenen und verbohrten Judenfeinde mit den jüdischen Journalisten und Bankmenschen usw. so intim verkehren. (Heiterkeit und Beifall!) Aber hier im Hause ist man strammer national-deutscher Antisemit, die Juden sozialpolitisch und materiell zu Vernichten. Haben Sie nicht gehört, wie ein katholischer Priester, der Herr Abg. Dr. Krek, so warmfühlend, überzeugend und wahrhaft menschlich über die Frage der Flüchtlinge referiert hat. Und wie haben sich wieder diese Herren Nationalverbändler in der Flüchtlingsfrage verhalten, einer Frage, die keine politische, keine nationale Frage, sondern eine Frage sozialwirtschaftlicher Natur ist? Das ist der deutsch-österreichische Freisinn. Ja, Freisinn für sich — aber Knechtschaft für uns. (Beifall!) Und das wollen wir uns in Hinkunft nicht mehr bieten lassen. Drei Jahre sind wir landflüchtig, will man uns auch heimatslos machen? Ich will die Geduld des hohen Hauses nicht länger in Anspruch nehmen, aber ich muß mich an Se, Exzellenz den Herrn Landesverteidigunsminister wenden, und zwar deswegen, damit die vielfach kränkende Behändlung, die Beschimpfung der jüdischen Soldaten, ihre Zurücksetzung und Verhöhnung, das Abrufen mit Spihnamen und dergleichen in der Armee endlich aufhörl. — Hierüber wird bitterste Klage geführt. Und weiters, weil Advokaten verfassungswidrig die Uebersiedlung in den > kürzlich die Mitteilung gemacht worden ist, daß auch Wiener Oberlandesgerichtssprengel gesperrt worden ist. Landesverteidigungs-Ministerium jüdische Da hieß es, wir aus der Bukowina und Galizien i Unter-Offiziere, die als hilfsdiensttauglich qualifiziert seien ״Fremde". Wir, Fremde, meine Herren, wir, deren wurden und deshalb nur als Schreiber zu verwenden Haus und Hof eingeäschert, deren Habe geraubt worden f*n&׳ dort als Schreibkräfte zurückgewiesen werden, weil ist, deren Kinder im Felde stehen, und die alle schweren im Landesverteidigungs-Ministerium. die Tendenz be- Heimsuchungen des Krieges über sich ergehen lassen! itehe, keine jüdischen Unter-Offiziere zu verwenden müssen. Da sind wir im Zentrum des Reiches, in der Haupt ft״dt des Vaterlandes ״Fremde". Wird so das Gemein samkeitsgefühl, die österreichische Gemeinbürgschaft, das Vatcrlandsgefühl gestärkt? Und der Deutsche Nationalverband geriert sich als die ״Staatspartei" par exzellence als Träger des ״Treusinns" und beansprucht deshalb Vorrechte. Fördert man etwa durch ein solches Verhalten das patriotische Gefühl für das Gesamtvaterland, die Eintracht zwischen den Völkern Oesterreichs? , Wir Oesterreicher haben aber ein Vaterland, das ist eben das gesamte Oesterreich. Und ist und darf Oesterreich nicht fremd sein! Wenn wir in unserer schweren Not hierher gekommen sind, sind wir dazu gezwungen gewesen durch die katastrophalen Ereignisse. Wir haben in Galizien und der Bukowina die Mauer gegen den Westen und für den Westen gebildet und den Feind von Ihnen, von den Deutschen, abgewehrt. Was wäre geschehen, wenn wir die Schlacht von Limanowa nicht ge- Wonnen, den Feind nicht aufgehalten hätten, und wenn der Feind bis nach Krakau vorgedrungen wäre, dem er Unter diesen zurückgewiesenen jüdischen Unteroffizieren befinden sich vielfach auch solche, die mit Tapferkeits- Medaillen usw., ausgezeichnet sind, ihre Pflicht an den Fronten wiederholt treu und ehrlich erfüllt, sich Leiden zugezogen haben und nach ihrem gegenwärtigen ärzt lichen Befunde, sowie nach ihrer Altersklasse Anspruch auf Verwendung in Kanzleien und im Hinterlande be sitzen. Und wenn sich vielleicht der Fall ereignet, daß doch ein solcher Unteroffizier Aufnahme und Verwendung findet, so muß dieses ״Versehen" in Bälde ״korrigiert" werden, denn sobald man den Geburtsfehler erkannt hat, wird der im Ministerium verwendete jüdische Un teroffizier sofort abgeschoben. Auch bezüglich der Nicht Verwendung jüdischer Unteroffiziere in Kanzleien usw., bostehen Reservatbefehle wegen ihrer Nichtzulassung u. Entfernung. Es ist beschämend und empörend, daß in der Armee eine solche gesetzwidrige Rechtsungleichheit herrscht. Ich habe leider heute nicht die Zeit, ich habe aber eine umfangreiche Schrift verfaßt, beruhend auf authentischen Daten und Behelfen, in der nachgewiesen wird, in welcher empörenden Weise die arme Unglückliche Judenschaft im Felde, bei der Armee gegenwärtig behandelt wird. Die Mannschaft, meine Heren, die Kämpfer, die Söhne des Volkes, leben ein» trächtig, friedlich und freundschaftlich an der Front und im Schützengraben. Die Zurücksetzungen, Ungerechtig. keilen, Beschimpfungen usw.» kommen bon den Komman» den, Kommandanten, Behörden und Offizieren. Wir waren gewohnt, wie Se. Exzellenz der Herr Landesverteidigungs-Minister heute pointiert betont hat, in der österreichischen Armee kein einseitiges politisch» nationales oder parteipolitisches Instrument oder gar durch Vorurteile voreingenommene und angekränkelte Einrrchiiing zu erblicken. (Zustimmung.) Sie war viel» mehr jene Institution, die für unS die Einheit des Rei» ches bedeutet hat. Sie war auch jene Einrichtung, die die Stütze des Reiches gebildet hat, eine Schöpfung, zu der wir Alle beitrugen und beitragen: Geld und Men» schen! Und auch heute, da wir unser blühendes Mate« rial an Menschen hergeben, sollen wir einen Affront erleben? Denken Sie sich einmal, wenn irgendein böSartiger Intrigant oder ein wirklicher Spion — meine Herren, ich betone: ich bitte mich nicht mißzuverstehen, unter den Juden gibt es keine Jrredenta, keinen Hochverrat, keine Ausspähung; wenn sich aber jemand anderer fände aus dem feindlichen Ausland und man derartige Dinge im feindlichen Auslande verbreitete und gegen uns ausschrottet? Wie würden wir da qualifiziert? Wir Juden sind unentwegt wahre und treue öfterreichische Patrioten und die Regierüng sollte sich freuen, daß eine solche Debatte heute hier abgeführt wurde, in der alle Völker einmütig und energisch die Verdächtigung und den Vorwurf patriotischer Unzuverlässigkeit mit Entschiedenheit und Entrüstung zurückweisen. Deshalb erhebe ich im Namen der gesamten österreichischen Judenschaft feierlichen und energischen Protest gegen die wider jüdische Truppen erhobene Verdächtigung der Unzuverlässigkeit oder minderen Verläßlichkeit und weise diese Anwürfe empört zurück. Meine Herren! Gerade diese Debatte zeigt uns, in welchem Lager Oesterreich ist, und ich bin berechtigt, zu sagen, daß unter jenen Volksstämmen, in deren Lager Oesterreich ist, insbesondere auch die Judenschaft Oesterreichs gehört. (Lebhafter Beifall. — Redner wird vielfach beglückwünscht.) Im vierten Kriegsjahre. Betrachtungen von M. Reifer. Drei blutige, wüste Kriegsjahre haben wir hinter uns. Millionen von Menschen bedecken die weiten Schlachtfelder. Die Auslese unserer Jugend ist dahin. Millionen von Frauen sind ihrer Männer beraubt worden; Millionen von Mütter jammern ob des Verlustes ihrer Söhne; Millionen von Waisen beklagen den Verlust ihrer Väter; Millionen von Bräute beweinen ihre, dahingegangenen, verschwundenen Hoffnungen. Die Welt wurde zu einem unendlich großen Friedhof, durchflössen von einem Tränenstrom. Tausende Existenzen wurden vernichtet, friedliches Leben der Bürger zer- Der Großvater ist aber nicht so entzückt wie die Großmutter und brummt etwas Unverständliches in den Bart. Ich höre bloß heraus: ״Narreteien.er soll lieber lernen... " Diese Worte verfehlen nicht ihren Eindruck auf mich. Und meine Verse fallen sogar bei mjr selbst in ihrem Wert und ich sage mir heimlich selbst: ..Wozu mache ich mich mit meinem Bersekritzeln verrückt?" Da ermutigt mich wieder die Großmutter: ״Höre nicht auf ihn! Deine Verse sind sehr schön. Und eS ist gut, wenn man etwas kann." Bei diesen Worten drückt sie mir eine Kopeke in die Hand und verspricht mir eine zweite für meine Sparbüchse, wenn ich ihr ein neues Gedicht bringen würde. Das soll ein Ansporn für mich sein. Ja, eine Kopeke war für mich damals ein Vermögen. Und so lege ich mich denn aufs Dichten. Mache ein Lied, noch ein Lied — drei Lieder auf einmal, so daß ich selbst über meine poetische Fruchtbarkeit staunen muß. Und ich überlege mir, daß ich in einem Jahr ein reicher Mann werden könnte, wenn ich täglich drei Lieder dichten würde. Dann sind ja die Lieder an und für sich schon etwas wert. Der Vater hält ja in der Tat nichts davon und er will auch nicht,daß ich Gedichte mache. Der Großvater ist damit auch nicht zufrieden und brummt, wenn ich sie der Großmutter vorlese. — Doch was gehen sie mich alle an! Ich habe doch meine Großmutter, die mir für jedes Lied eine Kopeke zahlt!.... Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich habe ja schon ausgesorgt. Aber so einfach ist das Dichten nun doch nicht. Es vergehen zwei Wochen und ich bringe nicht ein Gedicht fertig. Da packt mich die Verzweiflung. Ich frage den lieben Gott vorwurfsvoll, ob er mich keine Lieder mehr dichten lassen wird. Wozu sollte ich dann noch leben? Je verzweifelter ich werde, umso weniger Reime fallen mir ein. Nur darauf, daß ich keine Reime mehr finden kann, wußte ich einen Reim: Brüder, freut euch, ihr könnt lachen. Ich kann keine Reime mehr machen. Trotzdem mein Unglück so groß war, behielt ich es für mich. Keinem Menschen wollte ich es erzählen. Zu Hause hielt man ja so wie so nichts von meinen ״Schöpfungen". Die Mutter rief mich ja so schon ״Dichterling". Als drei Wochen vergangen waren, fragt mich eines schönen Tages die ׳Großmutter: ״Nun, Awromele, warum l ringst du mir keine Gedichte?" Bei dieser Frage steigt mir das Blut zu Kopfe, ich werde ganz rot — antworte aber nichts. Ich fühle, daß mein ganzes Ansehen bei der' Großmutter verloren gegangen ist, wenn ich kein Lied mehr zustande bringe. Ich nehme mir aber fest vor, eines zu machen. Am folgenden Tage strenge ich mich tagsüber nach allen meinen Kräften an. Ich habe ein Gefühl, rls wollte mir der Kopf zerspringen. Alles umsonst.... Doch ich muß der Großmutter ein Lied bringen!? Wie soll ich das npr anfangen? Ich bin ja sonst verloren... Schon lange habe ich keine Kopeke in meinem Besitz gchabt... Plötzlich blitzt mir eine Idee durch den Kopf.... Ja, so wird es gehen, ich nehme einen Band Gedichte vom Schrank, suche das schönste Lied aus, schreibe es ab und gehe, triumphierend über meine glänzende Idee, zur Großmutter. Gleichwohl klopft mir das Herz stürmisch. Wenn man mich entdecken sollte?!. Doch da bin ich schon bei der Großmutter. Ich nehme mein Blatt Papier aus der Tasche und lese, eilig und ohne auf den Sinn des Gedichtes zu achten, mit zitternder Stimme, der Großmutter das Gedicht vor. Aber eigentümlich. Sie setzt sich im Stuhle auf und sagt: ״Das Lied gefällt mir gar nicht besonders. Mein Söhnchen, du hast dich verschlechtert!" Und wieder steigt mir die Schamröte ins Gesicht. Doch.... ein gedrucktes Lied gefällt ihr nicht?.... Warum soll ich aber im Ansehen meiner Großmutter auf Kosten eines anderen fallen? Und ohne weiter zu überlegen, platze ich heraus: ״DaS Gedicht ist gar nicht von mir!" Darauf schaut sie mich in größter Verwunderung an und ärgert sich. Schließlich fragt sie: «WaS soll das bedeuten — nicht von ׳dir? WaS. redest du so dumm?.... Geh doch, bist ein närrischer Bub." Denn meine Großmutter konnte das nicht begreifen, daß man auch ein Lied stehlen könnte. Wozu ihr dann dch? noch erklären? Ich will lieber ein ״närrischer Bub als ein ״Plagiawr" sein. Still gehe ick diesmal ohne Lob und ohne ״Honorar" nach Hause und schwöre eS mir zu, nie mehr, nie mehr in meinem Schwein Ge» dicht abzuschreiben, um es als das meine auszügeben..

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.