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Jüdische Volksstimme · 1917-08-10 · Heft 13 (10.8.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 13 (10.8.1917)
Date
1917-08-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Sahrg. XVffl. Stummer 13. Ve»«»»» reifer Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig aanzjäbria. Deutschland, ganzjährig . . Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich...... . Kronen 6*20 . Kronen 12•— Mark 12*— . Rubel 16 — . Frank» 4*— Redaktion: Wien VIII. Lerchengaffe 6 a. ^Redaktion und Administration: Brür«, Adlergatze » Buchhändlerische Vertretung: Ott« Me«g^ ASiP-tß Inserate: die 6spalti«e Pettt-etle 80 % Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. T-a Wien—Brünn. Prag—Lemberg. Die Militär. Reservatbefehle. Rede des Reichsrats-Abgeordneten Dr. Strancher am 16. Juli 1917. Alle Jene, welche in diesem hohen Hause national fühlen und für ihr Volk ihr Bestes einsetzen, werden mich verstehen, werden m:ch begreifen. Wenn ich heute das Wort ergreife, so geschieht cs deshalb, weil in dem inkriminierten Reservatbefehle nicht allein jene Völkerschaften genannt worden sind, die heute von den verschiedenen Kollegen namentlich bezeichnet wurden, sondern speziell die Juden. (Hört! Hört!) DerErlaß datiert nicht vom April dieses Jahres, er datiert noch vom 10. März und lautet in seinem Alinea d: ״Juden, Italiener und Tschechen dürfen auf Wache in diese Kriegsgefangenen-Offiziersgruppe nicht kommandiert werden." (Hört! Hört!) Und zuletzt unter Alinea f: heißt es: ״Scharfe, unauffällige Kontrolle der jüdischen Wachmanschaft, sowie aller minderverlätzlichen Elemente der Wachmannschaft." usw. Dieser Reservaterlatz ist an die Lager-Kommandos der Kriegsgefangenenlager vom inspizierenden Generalmajor?rrban gerichtet. Meine Herren! Die gleiche Erregung und Erbitterung, die gleiche Empörung, die sich Ihrer von den ׳ anderen Nationalitäten und Volksstämmen bemächtigt, hat sich auch meiner bemächtigt. Denn di'e Liebe zu seinem Volke ist etwas, was tief in der Seele jedes Menschen ruht, und es kann nur als Entartung und Verrat bezeichnet werden, wenn man seinem Volke die Treue bricht. (Beifall!) Wir von der jüdisch-völkischen Richtung, die wir unser Volkstum, unsere Eigenart, unsere Nationalität ebenso Hochhalten und ebenso pflegen wie Sie die Ihrige, wir haben das bestimmte Empfinden, daß uns durch diesen Befehl ein schweres Unrecht, ein arger Schimpf angetan worden ist. Es wäre aber auch ein Wunder ge- Wesen, wenn irgendeine gehässige Verfügung erlassen würde und die Juden davon nicht betroffen worden Feuiüeton Abraham Reisen: Mein erstes Honorar. (Aus dem Jiddisch übersetzt von Moritz Hacke.) Mein erstes Honorar war zwar nicht groß. Dafür war mir aber das Zwei-Kopekenstück umso sicherer. Denn das habe ich nicht von der Redaktion einer ״großen" Zeitung bekommen, sondern von — meiner Großmutter. Ja, meine Großmutter hat gut gezahlt! Zwar war sie nicht — wie man vielleicht annehmen könnte, die Redakteurin irgend einer jüdischen Zeitung. O nein! Sie war eine einfache Krämersfrau, die mit Literatur nie in ihrem langen Leben etwas zu tun gehabt hat. Trotzdem War sie aber eine prächtige Frau und gute Jüdin. Gleichwohl hatte sie eine Faible für Reime..., ja, Reime.... Und so war sie die erste und einzige, die in meinen jugendlichen Jahren mein ״Talent" anerkannt hat. Damals war ich ungefähr elf Jahre alt. Mein Bater durfte es nicht erfahren, daß ich — dichte. Denn »»stens war er damals gegen den Jargon eingenommen und zweitens hätte er mir gesagt, eS wäre für mntz gescheiter, zu lernen. ״Lieder", so sagte er, ״sollen größere und ältere Menschen als du schreiben," Ja, daS war seine Ansicht. Ich weiß aber wohl, warum er so dachte, Er ließ fichs nämlich nicht nehmen, gelegentlich^ selbst ein Liedchen zu machen. Und da dachte ich mir: Keine ״Branche" wünscht Konkurrenz. wären, denn an odiosen Maßregelungen partizipieren wir immer. (Zustimmung.) Das ist die wahre — allerdings fragwürdige — Gleichberechtigung, die heute Se. Exzellenz der Herr Minister des Innern mit einer trefflichen Bemerkung gestreift hat. Es ist bekannt, daß in dem gegenwärtigen Kriege neben den Ukrainern und Polen im Osten unseres Reiches speziell die Juden am meisten und schwersten gelitten haben; denn schon von Haus aus sind ja die Russen böse Verfolger der Juden. ,Sie wissen, welch trauriges Schicksal die Juden unter dem zarischen Regime in Rußland zu erdulden hatten. Erst durch das gewaltigste geschichtliche Ereignis aller Jahrhunderte, durch die russische Revolution, haben — das können wir wahrnehmen — in Rußland auch die Juden ihre Freiheit erlangt. Die Verfolgung der öfterreichischen Juden durch die Russen hat aber auch in ihrem österreich. Patriotismus seinen Grund, da die Russen wußten, daß die österreichischen Juden eiye stets verläßliche Stütze Oesterreichs bilden. Deshalb haben wir Juden auch in diesem Weltkriege unsere Pflicht u. Schuldigkeit für die Monarchie im vollsten Matze erfüllt, in keinem Belange stehen wir hinter den staatstreuesten österreichischen Völkern zurück. Unsere Kaiser- und Staatstreue ist sprichwörtlich. Umso ungerechter und empfindlicher trifft uns die Verdächtigung. Mit Feuer und Schwert hat ein rücksichtslos grausamer Feind die Bevölkerung Galiziens und der Bukowina, im besonderen aber die unglückliche Judenschaft, heimgesucht. (So ist es!) Nur einem lauteren Patriotismus, einem hohen Pflichtbewußtsein, einer hingebungsvollen Opferwilligkeit, einer intensiven Selbstzucht und der Erkenntnis von der großen Tragweite unseres Verteidigungskrieges ist es zuzuschreiben, daß mit dem Fortschreiten des Krieges die Treue und Opferwilligkeit der österreichischen Völker immer mehr zugenommen haben. (Beifall!) Die grundlose, willkürliche Beschimpfung der Juden in dem Reservatbefehle ist leider nicht eine vereinzelte Erscheinung, sondern ein Glied einer ganzen Kette gehässiger Maßnahmen gegen die Juden. Meine Herren! Was ist da aber zu tun? Wenn der Vater es nicht will — gehts halt nicht. Aber. davon kann man niemand zurückhalten. Wenn der Vater mir sagen würde, ich solle nicht in den Wald gehen — würde ich da nicht gehen? Wenn mir der Vater im Winter verboten hätte, die angefrorenen Scheiben abzukratzen — würde ich sie ncht abkratzen?.... Es gibt schon einen Ausweg. Ich sollte auf den Ofen klettern (das erlaubt der Vater) und meine Lieder singen. Man muß doch jemanden haben, dem man sie Vorsingen kann. Es ist doch unmöglich, alles bei sich zu behalten. Denn ich glaube es jenen absolut nicht, die so selbstbewußt der Welt weiß machen wollen, sie sängen wie der Vogel in der Luft, um ihre eigene schöne Stimme zu hören — und die Äelt ginge sie nichts an. Ja, wers glaubt! Ein Mensch ist eben — Vogel. Das haben doch die Gelehrten schon längst bewiesen. Und wenn der Mensch, das heißt der Dichter, ein Lied dichtet, so muß er eben zwei Ohren haben, die sein Lied anhören.... Wem hätte ich nun meine Gedichte vovlesen sollen? Dem Vater? Das war, wie ich schyn früher begründete, unmöglich. Der Mutter? Sie ist aber eine geplagte Frau, wenn aucheine sehr gute Hüdin. Meiner älteren Schwester? Ja, sie versteht etwas von solchen Sachen, singt auch gar nicht schlecht. Sie wäre schon eher eine Zuhörerin für mich. Aber — ich bin im Jahre 360 Tage mit ihr böse.. Wir zanken un» nämlich bei jeder Gelegenheit. Es bleibt mir also nur die Großmutter. Sie ist zwar schon eine sehr alte Frau, aber dafür um so weiterfahrener. Sie ist immer bei guter Laune. Der große Beutel, den sie un einem Riemen um ihren Leib gebunden hatte, machte auf mich immer einen besonderen Eindruck.. Bei seinem Anblick konnte man glauben, es befän- Sie kennen die Namen der Jnfanterieregimenter aus Ostgalizien und aus der Bukowina, so das 9., 24., 48., 40., 41. und 77., des 22. Landwehr-Regimentes und so fort, welche sich in der letzten Zeit in der zehnten Jsonzoschlacht ganz hervorragendausgezeichnet und unsterbliche Heldentaten verrichtet haben, daß ganze Abteilungen aufgerieben wurden und verbluteten. In diesen Regimentern waren es hauptsächlich Ukrainer und Juden sowie tschechische Truppen, im 24. (Kolomea), mit fast 60 Prozent Juden, durchschnittlich über 30 Prozent Juden, die einen beispiellosen Opfermut entwickelt haben. Und da wagt man es, unsere jüdischen Soldaten in diesem Weltkriege, der die ungeheuersten Anforderungen an alle Völker des Reiches gestellt hat und alle ihre Kräfte, materielle, wirtschaftliche, finanzielle, geistige, seelische und moralische in Anspruch nimmt, dem ganzen jüdischen Volke einen unauslöschlichen Schimpf anzutun? ^Zustimmung.) Ich bitte zu bedenken, welchen Eindruck ein solcher Befehl auf die Arme im Felde und im Hinterlande, wie auch auf die gesamte Judenschaft machen ncuß, denn trotz der Vertraulichkeit, oder vielleicht gerade deshalb, erfährt davon die Außenwelt. Ich kann Ihnen auch den Amor dieses Befehles sagen, es ist dies General Urban und derBefehl datiert aus Ober-Oesterreich (Wels) und aus Innsbruck. Seit wann haben aber die Herren Generale das Recht, die Völker Oesterreichs zu qualifiziereu. oder gar zu disqualifizieren und zu zensurieren? Ja, was ist denn das eigentlich? Kommt das in irgendeinem Staate der Welt noch vor? (Bravo! Bravo!) Aber wir haben noch andere Dinge erlebt. Als unscre Truppen in Russisch-Polen einzogen, da hat man. Ausrufe erlassen und diese Aufrufe in der nun derpönten jüdischen Schrift und Sprache veröffentlicht. Mai: hat der Judenschaft die Befreiung zugesichert. Man hat ihnen gesagt, manwerde ihre nationale Eigenart, ihre Religion, ihr Volkstum respektieren und ihnen politische Freiheit bringen. Das haben die deutschen and die österreichischen Truppen getan. Kaum hatten sich aber die Oesterreicher in Russisch-Polen etabliert, so hatte man an die gemachten feierlichen Versprechungen den sich Reichtümer darin, und wenn die Alte hineingriff, hoffte man Schätze zu bekommen. Ihr trage ich des Abends, wenn sie vom Markt kommt, meine neuen Lieder vor. Sie wohnt im selben Hause wie ich, in einer Kammer bei ihrem Bruder, der ein' großer Lehrer, aber ein sehr böser Mensch ist. Wenn ich zu ihr in die Kammer komme, sitzt sie an ihrem Tischchen und strickt Socken. Der Großvater, ein ernster, aber herzensguter Mann, sitzt beim Ofen und liest in einem Folianten. Ich gehe zur Großmutter hin, traue mich aber nicht, etwas von meinem neuen Gedicht zu reden, so lange sie mich nicht selbst darnach fragt. Da beginnt sie schon: ״Nun, warum bist du so stumm? Sprich doch etwas!" Das Herz klopft mir. Ich nehme aus der Tasche ein Stück Papier, das über und über mit Versen bekritzelt ist, halte es eine zeitlang in der Hand, sammle Mut und beginne endlich: ״Ein Lied macht einer allein... ״Sehr schön," lobt die Großmutter, bevor sie noch die ersten Worte gehört hat, ״lies weiter!" Die Aufmunterung der Großmutter ermutigt mich und ich lese vor: ' ״Für einne Groschen Geld Geht unter noch die Welt." '־ •‘‘WRsrs*- —׳'Tf-» Die Großmutter ist zufriedengesteüt. Die Koer Zeilen gefallen ihr sehr gut. Sie wendet sich -um Groß- Vater beim Ofen und fragt: ״Hast du es gehört, Stoische? Hörst du, was für ein Talent er ist?" .'H ־״ttf ß ■ypi i׳,׳ 1 %׳ |ן

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