Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 11 (27.6.1917)
- Date
- 1917-06-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Den? 2 ״Mische Vott»sti««e" *t. 11. Mitbürger mitder innigen Bite, Uns durch frei gebige Spenden «diese Hilfe zu ermöglichen. Beiträge ersuchen, wir an das Bankhaus S. M. v. Rothschild, Wien, 1. Bez. Rennergasse 3, ״für die evakuierten in Palästina" zu senden. Israelitische Allianz zu Wien, 2. Bez., Untere Donaustraße; Verband der Israel. Humanitäts vereine B'nai B'rvth für Oesterreich; Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien; Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs, 2. Bez. Zirkusg». 33. Aus dem Leben und Wirken der bncharischen Juden. Bon M. Reifer. II. Ihre grössten AnsiedluiMN befinden sich in Alt-Buchara, Kagan, Samarkaird, Merv, Taschjkent und Kogand. Neben den bucharischen Juden wohnen in Turkestan viele europäische Juden, welche aus Rußland dorthin eingewandert sind. Das Haus des bucharischen Juden ist — wie überhaupt bei den meisten Orientalen — von der Straße durch eine hohe Lehmwand abgeschlossen. bestehen größtenteils aus orientalischen Ge- Gerüchten. Palau — eine auf Hammelfett gedünstete und mit Fleisch vermengte Reisspeift — ist eines der liebsten Nahrungsmittel, Schaschlick — auf einem Spieß gebratenes Hammelfleisch — wird von Alt und Jung mit Vorliebe genossen. Fische, eingemachte Früchte und Wein fehlen selten bei einer Mahlzeit. Unser Brot kennen sie ,nicht. Sie backen Kuchen und Lepjoschkas, ׳;ine Art Mazzoth. Die Frauen speisen abgesondert von den Männern. Kommt ein. Gast, so werden ihm die Fauen vorgestellt. Das Schlafzimmer unterschei׳ det sich nur wenig vom Speisezimmer. Wieder die verblüffend schönen Teppiche, nur das noch in einer Ecke des Zimmers eine größere Anzahl von Woll- und Steppdecken aufgestappelt sind. Die Küche überrascht uns i,n keiner Weise. Ein Beim Betreten des GotteKhaufes werden die Sandalen, die sie wie Galoschen anziehen, abgelegt. Eine Sitte, die!sie sich Vorreden Muselmanen aneigneten, bei denen es verpönt ist, Staub ins Haus resp. Gotteshaus zu tragen. Die Synagoge suchen die bucharischen Juden dreimal täglich auf. Dort sitzen sie auf Len erwähnten!niedrigen Bänken oder auf den mit Teppichen -belegten Fußboden. Während des Gottesdienstes herrscht feierliche Stille Nur der Vovbeter läßt seine Stimme erschallen. Beim ״Achzengebet" wenden sie sich nach Westen, weil Juden führen ein patriarchal. Leben. Da der Gebetbücher entbehren aller jener Kapitel, die sich auf die Leiden der Juden in Europa beziehen, wie z. B. auf die Kreuzzüge. In den religiösen Dogmen weichen sie nur wenig von den Juden Europas ab. Nur daß sie am, Rüsttage kleineres dreibeiniges, eisernes Gestell, worauf zum Osterfest! ein Lamm schlachten. Der Arme der Topf mit der zu kochenden Speise gestellt sucht sich einen Gesellschafter aus und schlachtet zu -weit zu weilen auch zu dritt «das Opfer. Die beste Stücke bekommt der! Chacham. Das Edickt des Rabüenu Gerson anerkenwird, -- versteht sich im Freien— ersetzt den Herd. Unter dieses Gestell wird Feuer ange׳ T1uu)t und so werden die Speisen gekocht. Diie Br charen Zauchen Narghile, wie sie es saunen,' nen nicht an und dürfen die Polygamie be e}nil 1 e;.!P feiner Erwcch-j ^iben. Es sind dies ganz biblische Naturen. Das nug, daß die Reichen sich zum Teile europäisiert, wird noch zuweilen, gekauft. Unwillkürlich haben und eine moderne Wohnung neben der. senken wir an den Patriarchen Jakob und sei- ו!״״״ vtunt ״,״,״״״,״,״״ .י״״״ althergebrachten besitzen, Hofraume lumeln(nen Schwiegervater Laban. Die bucharischen Durch ein kleines niedriges Pförtchen gelangt; bunt durcheinander fesche Kinder, .!ungr S30tf־| Juden führen ein Patrialchaisches Leben. Da der man in hpn rrrofepn .(Zosraum. 5lnr Straßenseitei lern und Ziegelein u. bunte Geflugelgarten. Wie Kindersegen sehr groß ist, so finden wir Familien vor, deren Zahl an die 26 36 Personen heman in den großen Hofraum. Zur Straßenseite, .. ,. , rL hat das Haus gar kein Fenster. Für dibu.!«s nun die R-mlichkeit hier bestellt ist, kann sich charische Jüdin hat das Leben uird Treiben auf ' der Leser lebhaft vorstellen. der Straße kein Interesse. Ihr gairzes Glück sin- -et sie in ihrem Heim, in ihrer' Familie. Das Haus des bucharischen Juden besteht aus einigen Zimmern. Zunächst kommt das Speisezimmer.' Auffallend ist das Fehlen jeglicher Möbel. Der ganze Fußboden ist mit feinen Tekinen- und Freitag abends. Das rege Leben und bunte Treiben auf den Straßen verstummen auf einmal» Totenstille herrscht überall. Nur hie und da dringt durch eine Mauerritze ein spärliches Licht in die dunkle Gasse. Mattes Kerzenlicht, große schattige Gestalten huschen an uns vorbei. ׳Perserteppichen belegt. In der Mitte be- Unsere bucharischen Juden kehren von der Synafindet ein rundes, kaum 30 Zentimeter hohes goga heim. Eine feierliche Stille. AnidachtSstim- Tischchen, das über ein ebensogroßes rundes ce■’ mung. mentier-es Loch im Fußboden! steht. In den Win^ Samstag dasselbe Bild. In Festgewändern termonaten wir dm diese - Vertiefung Kohle eilen Groß und Klein — ausgenommen die hinemgegeben und auf diese Weise das ganze Frauen, die nur am Neujahr und Versöhnungs- Zimmer ,beheizt. Um dieses Tischchen sitzt das, tage in die Synagoge gehen und auch dann nicht Hausgesinde mit Ausnahme der Frauen und, mitbeten, sondern nur das ״gelobt sei Du Ewistecken ihre Beine in die Nähe des ״Herdes", in-'ger" und das ״Auren" sagen, weil sie gewöhnlich dem sie noch den ganzen Unterkörper in Decken hebräisch kaum lesen können — ins Gotteshaus, einwickeln. Der Orientale ist schon gegen die ge- Dieses sieht äußerlich einer kleinen Moschee ähnranreicht.' Das Oberhaupt ist stets der greise pater familias. Ihre Kinder erziehen sie sehr religiös. Mit 5 Jahren kommen sie in die Schule, wo sie bis zum 13. resp. 14. Lebensjahr verbleiben und lernen. Die Schule befindet sich im» der Regel ilm׳ Synagogenhof. Der Elementarunterrichterstreckt sich auf das Bibelstudium und das Raschikommentar. Lehrer und Schüler sitzen auf der Erde und schreien, soll heißen studieren, um die Wette. Die Unterrichtssprache ist hebräisch. Viele schicken ihre Kinder in die von der russischeu Regierung errichteten.Schulen für die Mo׳ hcvmedaner, wo sie auch russisch lernen. Die Reichen schicken ihre Sühne ins Jaffaer resp. Jerusalemer ׳hebräische Gymnasium. Die Gastfreundlichkeit der bucharischen Huden ist schier eine übertriebene. Da wird man auf der Straße umstellt und förmlich mit Gewalt in ringste Kälte sehr empfindlich. Diese Heizoor-!ich. In: Innern fehlt uns das Fehlen v. Leuchdie Wohnung geschleppt, wo sie ihr Bestes an richtung hat noch eine andere sehr wichtige Betern auf. An den WÄnden sind ringsherum kaum'r-■1״״ m• deutung. Da man Samstag nicht kochen darf, so 30 Centimeter hohe Bänke angebracht. In den werden in diesem Ofen von Freitag an die Mitte befindet sich der Vorbeterpult. Die Lade Speisen warm gehalten,. Die Wände sind ebenmit der Thora ist,cm der Westwand angebracht, falls mit Teppiche geschmückt. Schiebt man so Die Ostwand des Bethauses fehlt .gewöhnlich einen Wandteppich beiseite, so bemerkt man eine Dies bedingt das heiße Kliima, das in einem ge in die Wanid hineingebaute Speisekredenz. Kupschlossenen Raume das Zusammensein einer ferne Waschbecken und Karaffen sind hier untergrößeren Volksmenge Unmöglich macht. Ein bracht. Setzt sich der Hausvater zu Tisch, so Wird kleines, finsteres Kämmerchen schließt sich an den ihm so ein Waschbecken und ein zweihänkliger Betsaal an, wo die Frauen an den hohen Fest»!Krug zum Waschen gereicht. .Die Mahlzeiten tagen beten. Gott im Himmel wird uns hören! Nach dem Tode meines Mannes.. " ״Nachdem dein Mann heimgegangon-,', meinst!du." ״Alles gleich! Heimgegangen oder gestorben, begraben hat man ihn. . Und ich bin mit drei Waisen — Töchtern— zurückgeblieben. Die älteste, fünfzehn Jahre alt, Ginendel. Bei reichen Leuten feiern bereits solche Mädchen Verlobungsfeste. Wir konnten an ein Verlobungsfest nicht denken, da bei uns nicht einmal ein Stück Brot im Hause war." ״Wie sonderlich du heute slprichst, Grüne!" ״Aus mir spricht der verhaltene Schmerz. Du weißt, Ginendel war seinerzeit das schönste Mädel der Stadt." ״Heute auch.... noch." ״Nein! Heute schaut sie wie eine ausgrpreßte Zitrone aus. Aber früher strahlte Schönheit wie die Sonne... Und ich habe meine Pflichten als Witwe des frommen Soifers gekannt. Ich wußte, welche Gefahren ein schönes und blühendes Geschöpf ausgesetzt ist. Wie ein Kleinod habe ich sie vor den herumschwirrenden Faltern geschützt.... Gewußt habe ich, daß man über die Keuschheit dev Mädchen Wachen muß. Und bewacht habe ich sie auf Schritt u Tritt. Nicht einen Augenblick allein gelaffen u. fortwährend Moral gepredigt ״Das ist sehr gut!" «Sehr gut!" bemerkt Grüne bitter. ״Wie steht sie aber heute aus! Sir ist wohl ein keusches und tugendhaftes Mädchen geblieben... aber von sechsunddrsUg Jahren. Eiin! abae magertes, gerunzeltes Gesicht, mit verloschenen Augen und stets zusammengepreßten Lippen.. Doch manchmal lodert die Flamme des Hasses in ihren erloschenen Augen auf. Weißt du, wem dieser Hatz gilt? Weist du, n>em sie mit den zusammengepreßten Lippen flucht?" ״Wem?" ״Mir! Mir, ihrer -eigenen Mutter!!" ״Was fällt dir ein! Wofür?" ״Sie mag es schon auch nicht wissen, Wo״ für; aber ich weiß es schon! Ich habe mich zwischen sie und das Leben gestellt. Ich habe ihrem Körper Leinen Sonnenstrahl zukommen laßen. Und deshalb muß sie mich mit jeder Faser hassen!" Ghane!starrt sie ungläubig an, sie kann das alles nicht fassen... Grüne atmet schwer auf und fährt fort: »Die jüngere Lea wollte ich nicht mehr zu Hause halten und gab sie in Dienst, in der Hoffnung, daß sie sich auf diese Weise etwas Geld ersparen wird, um dann heiraten zu können. Und ist habe sie bewacht.. Aber Dienstherren und viele andere waren hinter ihr drein... Aber ich bin ihr stets zur Seite gestanden. Unzähligemal. täglich war ich bei ihr in der Küche, habe fortwährend getttzint und Moral gepredigt.. Gott verzeihe mir, wie ich sie geängstigt habe. Und sie. das zarte, blasse Mädchen mit den guten, feucht schimmernden Augen hat sich von mir fuhren lassen ... ״Du sprichst wie von einer Toten!" Speisen und Getränken vorsetzen. Die! größte Beleidigung fügt׳ man ihnen zu. wenn man ihrer Einladung nicht Folge leistet. Wer mehr Gäste hat, steht in -größerem Ansehen. Zum Unterschiede von der mohammedanischen Bevölkerung bei der die ׳Geschlechtskrankhheiten in׳ gräßlicher Form grassieren, haben sich die bucharischen Inden rein erhalten. Ihre Mortalität ist im Verhältnis zum Wirtsvolke eine sehr geringe. Dies bedingt der Umstand, daß sie nach den Satzungen der Bibel und des -Talmuds leben. Merkwürdig ״Und du glaubst, sie lebt? Ich sage: Nein! Sie hat dreißig Rubel erspart und ich habe sie verheiratet. Er hat ihr -nicht gefallen, sie hat geweint. Aber welche Ansprüche darf ein Dienst- Mädchen und noch dazu mit Dreißig Rubel machen? .. Nach kurzer Zeit ist er mit ihren paar Rubeln durchgebrannt, und sie ist zu nur lungensüchtig.... Wie ein kleines Kind schmiegt sie sich jetzt an... Und die ganze Nacht weint sie..Und weißt du, wem diese Tränen gelten?" ״Sie beweint ihre Jugend, ihr Glück, das ich ihr raubte. ״Nun? Nun also?" ״Nun habe ich gesagt: Genug! Meine dritte Tochter soll mir nicht mehr fluchen! Sie arbeitet in der Fabrik sechzehn Stunden tagsich und verdient kaum für trockenes Brot. Sie will aber auch Bonbons, sie will lachen und ' küssen lassen.. .Soll sie machen was sie will. Da ich ihr gar nichts bieten kann.. soll auch ihr ganzer Haß nicht mir gelten..." ״Was werden aber die Leute über dich sagen?" schreit Chane. ״Die Leute haben kein Recht mitzuveden, solange sie arme Waisen -bis den letzten Blutstropfen ausbeuten.. So lange sie die Annen wie Zitronen ausdrücken.. .״ «Auch Gott nicht, so lange er..." Beide Frauen stehen sich mit blitzenden Augen gegenüber. ,/Grüne," schreit noch einmal Chane, ״Gott, Gott wird strafen!" ״Nicht mich, nicht meine Töchter! Sondern andere!... Andere!"