Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 10 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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fall %> ״MM KMstt«««* Nr. 10 riker wird beim Blättern in diesem« Buch mit Liebe bei, diesem Blatt verweilen, das Zeugnis abliegt vor der Verbindung der Sühne des z-erstreuten Volkes im Momente des kostbaren Gewirres ihrer Freiheit mit ihrem ewigen Vaterland, Erez Israel. An Euch, GesinnungSgrnvssen, ergeht vom Bureau des Jüdischen Natioualfands die Aufforderung, den Beschluß ehestens durchizuführen. Wir find sicher, daß Ihr dies in!einer Form und in einem Ausmaße tun werdet, die des jetzigen Momentes würdig sind." £»־;^י זימ»«• י ז*5<■ ■*•י ■ Not in Warschau. Unter den 385.000 Juden in Warschau befinden sich' viele Lausende Arme; der Hungertod ist durchaus nichts seltenes. Eine zielbewutzte ausreichende Hilfsaktion existiert nicht. . Die Zeitung ״Haint" macht auf die beispiellose Not aufmeksam und beklagt, die Gleichgültigkeit der Bemittelten angesichts dieser tausendfachen Pikuach nefesch. In der Warschauer Zeitung ״Moment" wird die ungeheure Notlage bestätigt. Dort wird geschrieben״ :׳Wenn die Füße neu Dienstversa^en, wenn man verschmachtet ist, wenn es schwindelt vor den Augen und der Verschmachtende den Boden unter den Füßen verliert... Nein, das bann, das Witt ich nicht schildern, das übersteigt meine Kraft. Und was ist mit den Kindern, welche die Not auf der Straße treibt?! Seht ihre Gesichter u. Aeuglein, so werdet ihr Alles wissen... Wo ist die Gemeinde, wo sind die Zedokohkomissionen, die Vereine, dis billigen Küchen?" Es fehlt an einer großen Zentralkommission, um der großen, großen Not zu steuern. Hebräische Druckerei in Wilna. י*,. ■$F~ •v Eine der Hauptsehenswürdigikeiten der Stadt Wilna ist die Druckerei «Witwe und Gebrüder Rom," di eseit dem! Ausgange des 18. Jahrhunderts im Besitz der Familie war, deren Namen sich in der Firmenbezeichnung findet, seit eingen Jahren aber in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Die Druckerei ge- Ausgaben der hebräischen Literatur; namentlich treffliche Talmudsausgaben mit hervorragenden wissenschaftlichen Randglossen stammen aus dieser Offizin. Im ״Buchhändler-Börsenblatt" macht Kanonier Rich Ehrlich fesselnde Mitteilungen überdie hebräische Druckerei, die auch für das gesamte deutsche Buch- und Druckgewerbe wissenswert sind. Freilich IW sich die hebrätsche Druckerei nicht ohne weiteres mit einer Druckerei vergleichen, die in »deutscher Sprache druckt. Trotz des ehrwürdigen Alters der Firma ist die Druckerei durchaus modern, eingerichtet; die in ihr Tätigen find alle Patriarchengestälten, denen Geist und Intelligenz aus den Augen schauen. Ein Korrektor mußt dort Talmudist und Schriftgelehrter sein; oberflächliches Wissen reicht für seine Tätigkeit nicht aus. Bis zum Kriegsbeginn beschäftigte die Druckerei mehrere Hundert Menschen, jetzt arbeiten die Motoren nicht mehr und rund 30 Angestellte erledigen die dringendsten Arbeiten im Handgetriebe. Wie >in einer großen Druckerei sieht es in dem modernen, fabrikähnlichen Neubau aus, vom Setzersaal bis i!n die verschiedenen Maschinensäle, von den Buchbinderwerkstätten bis in die bedeutendsten Lagerräume, in denen fertige Druckbogen und gebundene Werke aufgestappelt sind. Wohlgeordnet finden sich hier tausende hebräischen Geisteswerke; weiter sind eine eigene umfangreiche Bibliothek, grofäe Papierlagerräume und — das Wichtigste — ׳ein feuersicherer Bau vorhanden, in dqm in Metallkasseten die Matritzen zu sämtlichen in der Druckerei hergestellten Werken kartochekartig aufbewahrt werden. Die Druckerei ist so jederzeit in ׳der Lage, jede einzelne Seite irgend eines Buches sofort nachdruchen zu können, während der Neusatz auf große Schwierigkeiten stoßen würde. Der erste Inhaber der Druckerei, deren erstes Werk, ein Kommentar zu den Psalmen von Jakob ben Chajim Cohen, im Jahve 1788 erschien, hatte vom Könige Stanislaus August Poniatowski die Erlaubnis erhalten, in der Königlichen StaatsdruckeM hebräische Drucke herzustellen; auf den meisten Äs 1765 erschienenen Drucken steht der Polenkönig daher auch als Verleger verzeichnet. Das Stammhaus der Firma« das sich in Grodno befindet, mutzte seine Offizin schließen, als die rusiische Regierung im Jahre 1837 den Druck hebräischer Werke auf die beiden Städte Wilna und Kiew beschränkte. Ans dem Leben und Wirken der bucharischen Juden. Don M. Reifer. Als der großer Babylonier-König Nebukadnezar das Reich Juda im Jahre 686 v. Ehr. zerstört und prächtigen . Tempel vernichtet hatte, schleppte «er fast die ganze Bevölkerung in babylonische Gefangenschaft. 70 Jahre später gewährte der so großherzige König Cyrus, der Begründer des Neu-persischen Reiches, den Gefaugenen die Rückkehr in die Heimat. Unter Serubabels Führung kehrte der kleine, ärmere Teil der Juden, begleitet von Esra und Nehemia, ins gelobte Land wieder und begründete hier ein neugeordnetes Staatsleben. Esra wucke das geistige Oberhaupt, einzweiter Moses, Jerufalem das geistige Zentrum des ganzen Voltes. Das Groß der gefangenen Juden blieb in Babylon zurück und ,gelangte zu großem Wohlstände. In kultureller Beziehung standen sie ׳im Laufe der Zeit ihren Brüdern in Palästina ni,cht!nach. Sura und Poxnpodita wurnden ihnen zu neuen Kulturzentren, wo die größten Gelehrten wirkten. Hier entstand der Babylonische Talmud, ein grandioses Werk menschlicher Schöpfungskraft, wenn auch nicht ganz frei von Einflüssen der babylonischen Kultur. Im Laufe der Jahrhunderter resp. sie zur Genüge vom ״kultivierten" Europa her» kennen. , Und merkwürdig genug ist es, daß das sinstere Rußland, dgß sich!durch seine bekannten Judengesetze die Krone der Gemeinheit aufsetzte nach der Eroberung Turkestans der gesamten autochtomen Bevölkerung ohne Unterschied der Nation und Konfession alle Rechte gab. Natürlich hatte die Regierung ihr eigenes Ziel im Auge, weil sie in den Juden ein sicheres Element zur Befestigung ihrer Herrschaft sah; eine Erscheinung, wie wir sie bei den Juden in Galizien zux Zeit Maria Theresias vorfindsu. Unter dem׳. Seepter der Romanows gelangten die bucharischen Juden zu großen Reichtümern. Fast der ganze Handel konzentrierte sich in ihren Händen. Die größten Baumwollfabriken, wie auch die Baumwollplantagen gehören den Juden von Buchara an. Die ärmere Bevölkerung betreibt neben regen Südfrüchten- Handel auch das Handwerkergewerbe. Auch di 'Manufakturfabriken und der Manufakturklein- Handel liegen in deren Händen. Sie haben! ihre eigenen großen Bankhäuser; sind zu Kartellen verbunden und monopolisieren geradezu die Baumvollindustrie. Bi>s zum Jahre 1916 waren sie wie die gesamte autochtone Bevölkerung Turkestans militärfrei. Aber auch jetzt wurden sie nur für den Etappendienst mobilisiert. Dabei ist es zulässig einen Vertreter zu schicken. In religiöser Beziehung sind sie ganz autonom. Verhältnismäßig minimale Steuern müssen sie jährlich entrichten. Um den Leser «näher mit der Lebensweise ( ״ ■w״־־_1—<■r_. Jahr-, Lausende Verbveitetensich die Juden vHhier aus'^r buchävischen Juden vertraut zu machen, bitte über das heutige Mesopotamien, Persien, Afihn, mir ins Judenviertel von Samarkand rtAnjfiMn. -k._ C_ r• •1 t t ■י.* frtlnnn IflvfrtTII •»1t» «hld! ganistau, Turkestan usw., indem sie mit der dortigen Bevölkerung Handelsbeziehungen angeknüpft hatten. Alle diese Juden fanden in dem babylonischen Kulturzentrum ihre geistige Nahrung. Wann die Juden in diese ׳einzelneu Länder kamen, steht nicht genau fest. Jedenfalls um die Zeit, als der Handel in den genannten Ländern auf der Höhe stand. Schon der Mydrasch erzu folgen. Die Stadt selbst zerfällt in zwei Teile: Neu- und Altstadt. Erstere ist kaum 40 Jahre alt und wurde unter her russischen Herrschaft «erbaut. Sie zeigt ein ganz modernes Gepräge: Große Hotels, vornehme, komfortable estaurants, breite Straßen, große Boulevards und schattige Alleen. Letztere hingegen zieht uns diel mehr an als die Neustadt. Schon von׳ Ferne begrüßen uns die gewaltigen Türme und Miwähnt die Stadt Samarkand. Unter dem grö-׳ naretts, die großen Königsschlösser und die ßen Fürsten Tamerlan, der ganz Zentral-Asien Prachtvollen Moscheen. I stes doch die Stadt, unter sein Szepter vereinigt hatte, sollen der von der ein muselmanischer Schriftsteller be- Sage nach auf sein Geheiß die ׳irdischen Ueberreste des Propheten« Daniel von Babylon nach Samarkand überführt worden sein. Noch heute «erhebt sich das großartige Mcvusuleum, das nach, kand. hauptet: Willst Du Reichtum sehen״ geh' nach Indien; Willst Du Frömmigkeit sehen geh' nach Mekka; willst du beides sehen, bleib' ,in Samareiner Version hin das Grab des Daniels soll. Mit dem Namen ״buchiarische Juden" werden alle autoptomen Juden von Turkestan, nach ihrem Zentrum ,im Emirate Buchara, benannt. Im Laufe «des ganzen Mittelalters mußten sie unter verschiedenen Herrschern rmanigfache Leiden ertragen. Am schlechtesten erging es ihnen im 18. und 19. Jahrhundert, einer ׳Zeitepoche in Turkenstan, die ganz dem Raubritterfume -im 12. Jahrhundert in Europa gleicht. Die Emire und Chans lagen in ewigen K.mpfen miteinander. Das ganze Volk ertrug die schweren Lasten des in grausaimer Weise geführten Krieges der orientalischen Despoten. Oft derschmachteten die Juden in den grauen-erregenden Kerkern der Emire und Chans und konnten nur gegen. hohes Lösegeld ihre Freiheit wieder er langen. Da sie kulturell höher standen als ihre Wirtsvölker, konnten sie sich diesen nicht afsimilieren und bewahrten am «reinsten ihre Eigenart. Das stetige Studium des Talmuds und de׳- Lohre verlieh ihnen stets neue Kraft den ihnen zugefügten Unbillen standhaft zu trotzen. Bis zur Eroberung Turkestans durch die Russen d. i׳. in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, mußten sich die Juden auch in der Tracht durch gewisse ihnen aufgezwungetne Merkmale von der mohamiedanischen Bevölkerung unterscheiden. Es war dies zwar nicht der gelbe Schandfleck Jmozens III. aber dennoch genug beschämend und drückend, um die Juden der rohen Plebs auszuliefern. So durften die Juden beispiesweise Vom Pferd reiten, sondern nur einen Esel, keinen Gürtel tragen, der ihren Mantel festhielt, sondern nur einen Strick; ׳das Trottoirs nicht betreten, sondern nur die schmutzigen Strassen. Ging ein Muselmann vorbei, so Mchte der Jude, vom Esel aLsteigen und ihm Reverenz machen. Verordnungen, die uns nicht befremden, zumal wir Sogar Alexander den! Großen zogen die Reichtümer dieser Stadt an. Als er über den Oxus und Jaxartss gegen Indien zog, gab er in Samarkand ein Gastmahl, bei welchem er feinen Freund Kliitus getötet haben, soll. Di«e Stadt ist jetzt infolge der hier herrschenden Malaria stark entvölkert. Die Einwohnerzahl ist von 300.000 auf 93.000 gesunken. Von der Neustadt führt uns der Weg längs einer alten Zitadelle dem Stützpunkte Samarkands, in die Altstadt. Welch' herrliches Panorama entstaltet sich hier vor unserem Auge. Kleine, eng aneinander gereihte, niedrige Lohmhäuschen mit flachen Dächern; schmale, schmutzgie Straßen, die von kaum 2 Meter breite Gassen durchquert werden. In diesen kleinen Hüttchen sind die winzige Krams untergebracht. Hier werden Südfrüchte und Manufakturwaren Pfeilgeboten. Fast in jejem dritten Hause befindet sich eine Theehalle, die nur in dor kurzen Winterzeit benutzt wird. Im Sommer hingegen wird in >ein«jm ״Kiosk" Tee getrunken. Dieser besteht aus einer 4—5 Meter Langen und ebenso breiten Holzpritsche, die mit einer Kamelhaardecke bedeckt ist. Die Höhe dieses Gestells beträgt gewöhnlich 50-—60 Centimeter. Hier sitzen Reiche und Arme friedlich nebeneinander mit untergjeWagenen Beinen und delektieren sich an «göttlichen Nektar, dem einheimischen Früchtentee. Südfrüchte. Kandiszucker und farbige Bonbons geben das Ambrosia ab. Hier spielt sich das ganze öffentliche Leben ab, hier-werden die meisten Geschäfte abgeschlossen. Es ist unsere Börse. Auf den Straßen ist ein ewiger Lärm, verursacht, durch das Geschrei des Fußgänger, das Knarren «der Lastwagen und durch das Traben der Reiter. Die bunten Gewänder der Orientalen gewähren einen maleriMn Anblick. Bald fesselt die aufgeregte Rede eines Derwisches eine SMP von Zuhöhern, bald sieht mn sie gruppenweise in zerlumpten Kleidernunmherziehen . Gegen