Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 8 (10.5.1917)
- Date
- 1917-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Für den gewöhnlichen Gebrauch besteht »die von Dr. Zamenhof konstruierte Sprache 1000 Elementen, hauptsächlich aus den romanischen und germanischen Sprachen ausge wählt, so daß der Deutsche nur ׳beiläufig 800 Elemente auswendig zu lernen hat. Mit diesen und den internationalen Wurzeln wird durch Suffixe und Präfixe, durch Anhängung eines O für Substantiva, eines A für Ahjektiva, eines C für Adverbien, eines I für den Plural, ein ganzes Sprachensystem! geschaffen. Dr. Zamenhof war Arzt und hat bis in die letzte Zeit >an den: Ausbau und Einbürgerung seines Systems. speziell als Handels- und Juristenspräche, welche die Nationalsprache nicht verdrängen, aber ergänzen sollte, gearbeitet. Eine Konferenz der Bundisten in Petersburg. Nach einer Meldung der ״Vossischen Zeitung" soll am nächsten! Sonntag in Petersbürg eins Delegiertenversammlung der jüdischen ״Bundisten" aus Rußland, Polen und Litauen Zusammentreten. Bekanntlich hat die ״Bundisten"-Partei <jü»dische Sozialdemokraten) schon bei der Revolution des Jahres 1006 eine große Rolle gespielt In der kommenden Konferenz sollen drei Fragen verhandelt werden: 1. die Stellung zur Friedensfrage; 2. die Beziehungen der Bundistenpartei zum Arbeiter- und Soldatenverband; 3. Nationale Autonomie. Außerdem soll die Veranstaltung eines allgemeinen Kongresses der russischen Juden in Er׳ Wägung gezogen werden. Die jüdische Bundistenpartei war bebautsich seit je in scharfer Gegnerschaft zu den »Ka dstten" und demgemäß auch zu der j!etzi:gen kabettischen Negierung. Man erwartet, baß die Bundistenpartei sich gegen die Fortsetzung des Krieges erklären wird. Wie groß die Zahl der Bundisten!gegenwärtig noch ist, läßt sich schwer feststellen. Im Jahre 1905 hat man die Partei lauf mehr als eins Million Mitglieder geschätzt. Die Judenfrage in Finnland wird hoffent- Eich eine Lösung finden. Der finnländische Senat . hat sich für die Gleichberechtigung aller Reli gionen und Sprachen erklärt. Die staatliche Flüchtlingsfürsorge in Oesterreich «nd ihre politische Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft. Ueber dieses höchst aktuelle, auch weitere Kreise lebhaft interessierende Thema hielt der Organisator dieser größten österreichischen, humanitären Aktion für Wien, Herr Gemeinderat Dr. Rudolf Schwarz-Hiller, im Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbe - Vereines einen Vortrag in welechem der hervorragende Redner, anknüpfend!an die unsterblichen Worte Grillparzers: ״Die Gott als Sl-av' und, Magyaren schuf. Sie streiten um Worte nicht hämisch. Sie folgen, ob deutsch auch der Feldherrnruf. Denn -Vorwärts" ist ungarisch u. böhmisch. Gemeinsame Hilfe in gemeinsamer Not Hat Reiche unv Staaten gegründet: Der Mensch ist ein Einsmner nur im Tod, Doch Leben und Arbeit verbündet." ausführte, daß diese herrlichen Worte das Leit- Motiv für jede Arbeit i!n> unserem Vaterlande bilden sollen. Die Wiener Oeffentlichkeit sei eiamtlich über die schwierigen Probleme der Flüchtlingsfürsorge so ziemlich informiert, west ters hätten die unerwartete Länge des Krieges, sein« zunehmende Härte, Wandlungen und Am- Herungen in den Gedanken und Anschauungen maßgebender Personen wie ׳auch gewisser öffentlicher Stellen und infolgedessen auch mancher BevolMungskreise verursacht, daß er es für feine vaterländische Pflicht empfunden habe, der Oeffentlichkeit die nötigen Aufklärungen» Su geben. Man sei auf manche werten Opfern dieses Krieges, Bürgern unseres gemeinsamen g!roßen Vaterlandes Erschwerungen aufzuerlegen, die unnötig und grausam wären, vor allem aber wieder einen verhängnisvollen Fehler unserer Politik darftellen würden, und so erinnern an Fouchets Worte: ״Das ist mehr -als ein Verbrechen», das ist ein Fehler." Es wäre im höchsten Grade bedauerlich und ein großer politischer Fehler, wenn amtliche und halbamtliche Stellen, verleitet von unverantwortlichen Marodeuren des öffentlichen Lebens, der staatlichen Fluchtlingsfürsortzeaktion Schwierigkeiten bereiten wollten. Behörde gegen Behörde, in einer so wichti gen Aktion charitativen und vor allem politischen Charakters, bei. welcher «es vor allem gelte, dem feindlichen Ausland gegenüber zu erweisen, daß der Völkerstaat Oesterreich, auf dessen Zusammenbruch es rechnete, fester als je zusammenhalte und alle Völker von geradezu instinkt׳ ti-vem Zusammengehörigkeitsgefühl׳ durchdrangen seien. In dieser Völkerwanderung von fast dreieinhalb Millionen, eine in der Weltgeschichte ohnegleichen dastehende Massenbewegung, muß die Flucht!aus »dem vom Feinde bedrohten oder besetzten Gebieten zweifellos als eine Bejahung des österreichischen! Gesamtstaatsgedankens bezeichnet werden. Die Flüchtlinge können auch nicht als Flüchtlinge des infolge seiner geographischen.Lase schwer getroffenen Landes, sie müssen als Flüchtlinge der ganzen Monarchie1 beurteilt werden, denn der Krieg würde nicht von einem Land oder einem Volk oder für eine Reichshälfte, sondern er wird von jedem Land jedem! Volk für deir Gesamtstaat, für die ganze Monarchie geführt. Das Ministerium des Innern׳, in dessen Ressort die Flüchtlingsfürsorge kief, hat den großen politischen, den großen öfterreichlichen Gedanken, der die ganze Aktion durchzog, sofort und in!großzügiger Weise erkannt. Es hat die ganze Aktion vollkommen international und interkonfessionell durchgeführt, wie dies hier noch niemals in ähnlicher Weise zuvor geschehen ist. Es hat in rmvergleichlicher Weise nach den Prinzivien der Gerechtigkeit und der Gleichberechtigung arbeitet. Mögen aus -dem vollen Erfolge dieser Tätigkeit die richtigen Schlüsse für die weitere Regierungstätigkeit im Frieden gezogen werden. Wie.der U-Boot-Krieg, der Krieg der jungen Offiziere, der Kapitänleutnants ist, so ist auch die Flüchtlingsfürsorgeaktion hauptsächlich sine Arbeit der jungen!Beamten im Ministerium wie in den Statthaltereien gewesen, denn die riesige Arbeit, die von verhältnismäßig Wenigen geleistet werden mußte, hat an die physische Kraft wie an die Nerven der mit dieser Arbeit Befaßten enorme Anforderungen gestellt. Auch der Bürgermeister der Stadt Wien hat vom Anbeginn bis zum heutigen Tage der staatlichen Flüchtlingsfürsorge jedes Entgegenkommen bewiesen und niemals den Standpunkt jener vertreten, die Wien im Kriege zur Hauptstadt des Kronlandes Niederösterreich hsrabgedrückt hatten. während Wen gerade in diesem Kriege, wie nie zuvor,!als die wahre und wirkliche Reichs- Hauptstadt aufsutreten hatte. Auch Wirtschaftliche Rücksichten waren zu berücksichtigen, da mau zu bedenken hatte, daß alle die, welche als Flüchtlinge im Kriege nach Jnnerösterreich kamen, im Frieden starke Abnehmer der innerösterreichischen Industrie sind. Es sind leider auch Mißgriffe vorgekommen, wenn die Macht des Ministerium des Innern sich nicht immer bis in die peripheren Teile des Reiches geltend machte, Mißgriffe, die wohl manchmal geeignet waren. Verbitterung in unglückliche Menschen zu bringen, die nicht allzu leicht und allzu rasch vergessen werden. Man soll daher die Wieder-!holung ähnlicher unliebsamer -Zwischenfälle unbedingt zu vermeiden trachten. Was sich vor kurzer Zeit in Prag ereignet hat, muh auf das schärfste verurteilt werden. Redner sei auch deswegen zum Kaiser gegangen und sein Weg sei nicht tzrsebltch gewesen. Redner spricht dann Über das Los der Flüchtlinge im allgemeinen, in dessen ME sich jemand, der sich semes sicheren Heimes und seiner ungeschmälerten Lebens- Position befindet, nur schwer hineinSudenken vermöge. Auch die Verweigerung des Arbeitsbuches an Flüchtlinge, ein! Säumnis, das nicht dem Ministerium des Innern zur Last falle, sei ein Fehler gewesen. Man dürfe die Flüchtli-nge nie als arme oder Staatsbürger zweiter Klasse ansehen, da die Flucht ihnen! am Charakter eines österreichischen Staatsbürgers mit gleichen Rechten doch sicherlich nichts genommen habe. Wenn sich beim Zusammentreffen verschiedener Kulturen Differenzen ergeben hätten, so sei dies nur natürlich, dürfe aber nicht strenge beurteilt zu werden. Man muß und׳ wird die Menschen begreifen, wenn man das Land und dessen Verhältnisse kennt, aus welchen sie kommen, und wie man bei unartigen Kindern nicht diese, sondern vor allem deren Eltern u. Lehrer tadeln soll, so sollte man es hier gevechterweise mit der Verwaltung der in Betracht kommenden Länder tun. Redner ׳bespricht dann die charitative Seite der Aktion, führt Ziffern vor, aus welchen die gewaltige Aufgabe, welche »bei dieser Massenbewegung zu lösen war, einleuchtend hervorging, bespricht schließlich die Frage der Unter״ bringung und Äpprovisierung der Flüchtlinge -und bittet insbesondere bei diesem Punkte, die Flüchtlinge »nicht zu Prügelknaben zu machen, wenn andere Aktionen aus irgendwelchen Gründen fehlgeschlagen oder teilweise versagt haben. Acht Nationen und sechs Religionsbekenntnisse gehören die Flüchtlinge an, welche in Men sich niedergelassen haben, ei׳n! kleines Oesterreich für sich in unserer Hauptstadt. Zum Schlüße regte Redner an, nach Ar!t dev seinerzeitigen Kunst- Wanderung in Wien und eventuell in einselnen Konzentrationsstationen Besichtigungen der vielfach. mustergültigen Institutionen der Flüchtlingsfürsorge zu wohltätigen Zwecken vorzunehmen. Der Vortragende schloß mit einem Appel an jene maßgebende Persönlichkeiten, in deren Händen das Schicksal der Flüchtlinge ruht, in der Behandlung derselben keine Verschlechterung eintreten zu lassen; er wolle die Worte, die Plutarch den Cäsar auf stürmischer See dem Botsmanne sagen läßt, varnren und sagen: ״Oesterreich traget ihr -in Händen und Oesterreichs Glück!" . - .*•[ Die klaren und überzeugenden Ausführungen Vortragenden erweckten das lebhafteste Interesse und den ungeteilten Beifall der »distinguierten Versammlung und wurde dem Herrn Gemeinderat Dr. Rudolf Schwarz-Hiller vom Vorfitzenden der herzlichste Dank für seine segensreiche Tätigkeit auf dem Gebiete der Flüchtlingsfürsorge zum Ausdrucke gebracht. <Üomfponden$en. Kremsier. Am 14. April feierte die langjährige Präsidentin des isr. Frauenvereines Frau Rosa Simon, Besitzerin des gold. Ver״ dienstkreuzes, ihren 80. Geburtstag. Aus diesem Anlasse erschien eine Abordnung der Kultusgemeinde unter Führung des Vorstehers kais. Rates Knöpfelmacher bei der Jubilarin. Dieser würdigte in herzlicher Ansprache die Verdienste der Frau Rosa Simon! und überbrachte die Glückwünsche der ganzen Gemeinde. Eine besonders sinnige Ehrung! bereitete der Frauenverein seiner Präsidentin dadurch, daß eine ״Rosa-Si'mon-Ehrenstiftung" geschaffen wurde, deren jährliche Zinsen am Geburtstage der Frau Simon an ׳arme Frauen, der Gemeinde zur Verteilung gelange sollen. Im Namen des Frauenvereines,!dessen Ausschußmitgl-ieder sich vollsählig eineefunden hatten, verdolnzetschte Frau Grünfeld die Glückwünsche und den für die Jubilarin ehrenvollen Stiftungsbeschlußder Beveinsmitglieder. Aus jede Ansprache erwiderte Frau Simon in längerer Dankvodr. Allseits wurde es begrüßt, daß die Jubilarin trotz ihres hohen Alters auch weiterhin ihre!ganze Kraft in Dienst der Allgemeinheit stellen will, Auch aus allen andsren Kreisen der jüdischen und christlichen Bevölkerung Kremsiers wurde Frau Rosa Simon» vielfach geehrt. Uäberrall nur ein. Wunsch: Frau Rosa Simon möge noch ungezählte Jahre an der Seite ihres macht minder aufopferungsvollen Gatten im Kreise all ,ihrer Lieben der Gemeinden in voller Rrtzerlkcher und geistiger Frische wie am 80. Geburtstase erhalten bleiben.