Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 7 (23.4.1917)
- Date
- 1917-04-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Hr. 7. ״Mische BottSsttmme" Lkksr - noch!nicht, daß diese den Flüchtlingen in ihrer ziösem Charakter; die andern lächelten sarka- Gesamtheit zu Gute ommen. Man kennt, daß, tisch und freuten sich den Shylock u!nd somit bei! System unserer ״Wohlfahrts"-Vereine: Geben,! Juden!an den׳ Pranger zu gestellt zu sehen. .aber ja nicht zur rechten Zeit, ja nicht zur rechten Stelle. Wir wollen dabei Herrn Rabb. IDv. Cohn gar nicht nahetreteen, aber unsere Wohltäter seheen überall gleich aus in Gewitsch wie in Brünn, hier wie Deutsch-Brod, Prag usw. Brünn z. Beispiel erhält von der Allianz eine viel höhere Subvention. Aber zu wessen .Händen? Leute, deren Beschränktheit und Verständnislosigkeit jeder Vernunft widerstrebt, Heren kleinliche Eitelkeit vor Nichts zurückscheit, verfügen über die Gelder unserer (der galt.) amierikanischen Brüder. Was geschieht mit diesen Geldern? Man schafft Bettlier, Schnorrer, Verbrecher!aber willige, gehorsame und dank- Vare" Nehmer, nur keine aufrechten, starken u. eigenartigen Menschen. Nicht nur daß sich die Verteilung der öffentlichen Kontrolle entzieht?(freilich sind ״Belege" vorhanden!), sie werden immer faßt als persönliches Geschenk, als milde Gabe, nie aber an die wirklich Bedürftigen gegeben. Die Art dieser Wohltätigkeit, bildet ein Affeutlicher Skandal an dem auch die ״Allianz" Linen Teil der Schuld trägt. Eli. •- —:■־öS -V '״#' Kü«serberpre<sung. Literarische Mitteilung. Es hatte den! An. schein, als sollte die junge galizisch-jüdische Lite- Natur seit Kriegsbeginn ganz versiegen. Von der heimatlichen Scholle Vertrieben in größter materieller und physischer Not haben nun die galizischen Juden im Eigentümer des ״Jüd. Buch- und Kunstverlages" einen Mäcen ge-!funden, der ihren Publicisten und Literaten zur gebührenden Beachtung verhelfen will. Herr M. Hickl kündigt im Anoncenteile dieses Blattes Äas Erscheinen ״Jüdischer Jom-Tow-Blätter" an. Das Schewuoth-Heft, in dem die bedeutendsten Publizisten und Literaten Galiziens vertreten sind, verspricht sehr viel und erscheint in besonders schöner Ausstattung und Druck i>m Laufe dieser Woche. m Dr. Rosenberg: Beiträge zur Geschichte der Juden in Steiermark. Verlag R. Braumüller, Wien—Leipzig. Dem Buch, daß besonders die Rechtsverhältnisse der Juden in Steiermlark!eingehend behandelt, sind sehr wertvolle Exkurse angeschlossen, die eine gründliche Durch .Forschung der Archive zeigen, aber nicht in jeder Hinsicht voll und ganz ausgenützt sind. A. Manche wieder wollten den Shylock zum Hans Wurst stempeln. O, welch Unrecht fügten, alle, die Gekränkten und die Frohlockenden, dem großen Dichter zu, der über alle Parteien erhaben ist, dom alles nur der Kunst als Selbstzweck zu liebe zu tun war. Verweilen wir ein wenig bei Shakespeares Vorlagen und prüfen den Einfluß derselben auf den Dichter. Die Geschichte von der Ver׳ schreibung des Pfundes Fleisch ist recht alt und wurde oft als Rechtsanekdote erzählt, ohne daß es sich um «einen Juden gehandelt hätte. Schon den des Brunnenbesitzers zu gehen." <v. Wei׳ len). Es ist also dem Juden ein Unrecht geschehen. Die Hartnäckigkeit Shylocks entschuldigt und verteidigt der Dichter selbst, indem er ihn! folgende Worte in den Mund legt: ״Wo alle Kaufmannschaft zusammenkommt, ״Er haßt mein heilig Volk und schilt selbst da, ״Mich, mein Geschäft und rechtlichen Gewinn, ״Den er nur Wucher nennt. — Verflucht mein Stamm, Wenn ich ihm! je vergebe!" An einer anderen Stelle heißt es: ״Fisch mich zu ködern. Sättigt es sonst niein den griechischen Gesetzen — Zwöllftafelgesetz! manden, so sättigt es doch meine Rache. Er hat Recht, dem dem Leibe De- Dr. Herrman L. Strack: ״Jüdische Texte, Lesebuch zur Einführung in Denken, Leben und Sprache der osteuropäischen Juden. I. C. HinrichZrsche Buchhandlung, Leipzig!. — Dieses Alle Quellen berichten von dem ״gr Büchlein, daß das Stracksche jüdisch-deutsche! Gerechtigkeit gründet, welche verlangt, daß 461 a. CH. n. — finden wir zahlungsunfähigen Schuldner aus Fleisch zu schneiden. Shakespeare liag als Quelle die 96. klamation in A. Sylvains ״Omtor" vor, in welcher erzählt wird, daß ein Jude ein Pfund Christenfleisch gefordert hätte. Eine Novelle aus dem 14. Jahrhundert von den ״Abenteuern Gianettos" berichtet von den Werbungen Gianettos um eine überaus schöne Fvcyu. Die erste und zweite Werbung ging fehl, wobei unser Held sein ganzes Vermögen einbüßt. Er will noch zum letztenmale sein Heil bei׳ der schönen Frau versuchen. Sein Ziehvater leiht für ihn beim Juden in Me st re 10.00»°) Dukaten unter der Bedingung, daß bei Nichteinhaltung der Zahlungsfrist ein Pfund Fleisch vom Leibe des Schuldners 1cm den Juden verfalle. Der weitere Gang in der Novelle ist derselbe wie im Drama. Da Gianettos Ziehvater am Verfallstage die Schuld nicht begleichen konnte, ließ ihn der Jude festnehmen und bestund auf sein Recht ihm ein Pfund Fleisch auszuschneiden. Der Ureilspruch wie die ganze Verhandlung weicht fast gar nicht von Shakespeares Fassung ab. Der Schluß ist Weniger tragisch: da der Jude sein Recht nicht findet, zerveist er seinen Schein. Das Shakes- Poare diese Novelle als Duelle benützte, ist außer Zweifel, zumal die Handlung und der Ort der Handlung — Belmont — hier wie dort derselbe ist. Shakespeare hat nur schärfer das sittliche Problem betont, wodurch ,er die Charakteristik der einzelnen Personen hob und verallgemeinerte. Da zu Shakespeares Zeiten die Juden in England nicht wohnten, so ist,es anzunehmen, das der Dichter seine Shylockfigur nicht aus dem Leben, sondern aus seinen Duellen bloß darstellte. Marlowes »Der Jude auf Malta" hat dem Shakespeare als Vorbild für seinen Shylock gedient. Bei Maylowe erscheint der Wucherer Barrabas als abscheulicher Mensch, als grausiges Ungeheuer, während bei Shakespeare dieselbe Figur veredelt, gehoben und idealisiert ist. Alle Quellen berichten von dem ״grausamcm Wörterbuch ergänzen soll, zeigt di!e Innigkeit mit der Strack den vi«el verachteten ״Jargon" liebt und läßt in Bezug auf unvoreingenvmmejnen Gründlichtkeit nichts zu wünschen übrig. Be wundernswert ist die Geschicklichkeit und das hohe Verständnis, mit dem der Autor aus einer Unzahl v. Zeitungen, Brochüren u. Büchern das sprachlich und inhaltlich Beste und Kunstvollste auszuwählen verstand. Wer Denk- und Lebens art der Ostjuden kennen lernen will, dem ist das Büchlein aufs wärmste zu empfehlen. Brünner Stadttheater. x ■ William Schakespeares ״Der Kaufmann von Venedig" mit Rudolf Schildkraut als Shylock. (Einmaliges Gastspiel am Brünner Stadttheater.) -r Es muß schon einleitend «betont werden, dicytz «das Gros des Publikums wenig Verstandnis für den großen Künstler hatte, noch weniger das Drama als solches verstand. Wer nur ein Wenig die Gespräche in den Foyers belauschte, der muß mit mir «derselben׳ Meinung sein. Die Kritik war eine geteilte. Die einen sahen im sich über das Gefühl hnwogsetze in Bezug auf «den Unterschied zwischen der eigenen Person und der des andern. Die Ethik der Gerechtikke.it muß dies Gefühl überwinden. Das Mitleid darf uns niemals so weit treiben, das Recht zu beugen. Shylock schlägt die Rache höher an als sein Geld, selbst als seine Tochter. Seine Angelegenheit mit Antonio, die Privatsache ist, macht er zu nationaler Angelegenheit; ein deutlicher Zug iw Judentum, das über das Jndividium hinweggeht und in der Volksgemeinschaft alles sieht. Wenn man auch annehmen würde» daß Shakespoare im Shylock einen jüdischen Wucherer verkörpern wollte, daun könnte man ja zur Entschuldigung, des Shylocks die höhnischen Worte j wirklichen Leben gegriffen, würde Europa zurufen: ״Ihr habt uns zu Wuchern׳ nicht annehmen und lieber, wie uns gemacht, da ihr uns jegliche!Gelverbe verbotet!" Daß Shakespeare eine humane und gute Auffassung vom Judentume hatte, beweisen viele Stellen im Drama selbst. Er kannte die Bibel und mußte nollens vollens von einem Volke, daß ein solches Buch der Menschheit schenkte, Achtung haben. Jhering hat die Rechtsfrage vom Wissenschaftlichen Standpunkte aus besprochen. »Er bezeichnet Porzias Spruch als einen Rabulistenkniff, schlimmer als Shylocks Vertrag. Ein Schnitt i»ns Fleisch ohne Blutung ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn z. B. jemand^ einem mich beschimpft, mir gehindert eine halbe Million; meinen Verlust belacht, meinen Gewimr bespottet, mein Volk geschmäht? meinen Handel gekreuzt, meine Freude verleitet, meine Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmatzen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschäften? mit derselbe Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von dem Wüter und Sommer, wie ein Christ? Wenn ihr uns stecht, blu׳ ten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt lächeln wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir -auch euch in allen Dingen nicht ähnlich, so wollen wirs euch auch darin gleichtun. Wenn «sein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Nächstenliebe? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß sein seine Geduld nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben und Meistern!" Man bedenke: Shylock ist immer geschmäht, verachtet, icmgespien worden; seine Tochter samt seinem! baren Mermögen wurde ihm geraubt; dazu kommt noch der allseitige Hohn, und die Verspottung, was seine Handlung wenn nicht rechtfertigen, so doch mildern konnte. Abgesehen davon, ist die Shylockfigur!ganz und gar unecht, men" Juden, der auf sein Recht beharrt. Heute würde sich unser Rechtsgefühl gewiß gegen einen solchen Menschen aufbäumen, aberr ebenso gegen die grausame Behandlung der Sklaven. Was Gang und Gebe war, «das kann sich heute nur schwerlich mit unserer Weltanschauung vertragen. Ein Blick in das finstere Mittelalter genügt, um zurückzuschrecken vor den Grausamkeiten, dir damals für selbstverständlich galten, heute aber verflucht und verdammt werden. Was der Dichter mit seinem! Shylock sogen wollte, darüber gibt es eine!gewaltige Literatur; Kommentare zrL Kommentaren, Kritiken zu Kritiken. Oft schreibt man dem Dichter Gedanken zu, an die der Dichter niemals gedacht hatte. Das Werk ist eben so groß, daß jeder mit seiner Weltanschauung darin Platz findet. Manche Ausleger sind der Ansicht, daß Shakespeare den Gedanken vertrete, das geltende Recht auf die Spitze getrieben, werde^zu Unrecht, nur in Verbindung mit Liebe werde es zur sittlichen Basis der Menschheit. Andere legen auf Porzias Worte: ״Ich sehe, nichts ist ohne Rücksicht gut" ihr Hauptgewicht. ״Der Grundzug in Shylocks Charakter ist wilde Leidenschaft, die im egoistischen Wirken ihre Befriedigung findet. " Andererseits tritt in ihm die jüdische Moral zu Tage, die sich auf wenn man erwägt, was bei einem Juden, wie Shylock, die Taufe bedeutet. Ein Jude aus dem bie Taufe die Ge¬ Kaufmann van Venedig" und somit in Shakes-!Fremden erlaubt, diese dadurch auch die Erlaubpeare antisemitische Anspielungen, eine Verhöhzu schöpfen, hat dieser dadurch auch dieErlaubinnig des Judentums, ein Drama mit Lendennis, zu diesem Zwecke über den Grund und Boschichte lehrt, auf dem Schei.terhauf«rn sterben. Allein, wie erwähnt, kannte Shakespeare keinen Juden aus dem Leben, sondern aus tendenziösen Schriften aus der Tradition. Die Juden Venedigs standen stets auf einer hohen Kulturstufe und haben Kraft ihrer Intelligenz zur Blüte des venezianischen Staates ßchr viel beigetragen. Die Juden der damaligen׳ Zeit waren zufrieden, wenn man sie ruhig leben ließ und übten gewiß niemals eine solche Härtell aus, wie sie in Shvlocks personifiziert ist. So sehe ist den Shylock. Nun zum glänzendsten Darsteller des Shylock selbst. Es ist eine bereits anerkannte Tat* sache, daß die Juden auf dem Gedielte der Schauspielerkunst mehr als Hervorvagendes geleistet haben. Hat sie «das Goluth gelehrt, die