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Jüdische Volksstimme · 1917-03-22 · Heft 5 (22.3.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 5 (22.3.1917)
Date
1917-03-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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eette 2. ״Jüdische Volk,stimme" 5 Aus der Preffe. Zwei Fragen haben!in der letzten Zeit die Gemüter der jüdischen Oeffentlichkeit in Deutschland erregt: Die Judenzählung im deutscheu .Heere und der ״Fall Smoller". Es ist aber charakteristisch für die Ideologie drr Peuschen Juden, daß der Fall Smoller in ihrer Presse bald mehr Staub aufgewirbelt hat als die Judenzählung. zu der sie nur in vorsichtig-apologetischen Resolutionen Stellung nehmen und sich jeder starken, selbstbewußten Aeußerung enthalten. Dc.s was gutn ״F ill Tchn׳aller" gesagt werden kann, bringt das ״Frkf. Jsr. FamilieNblatt" in ihrem Leitartikel vom 2. März: Der ״Fall Schmoller". ״Die deutsche Judenheit hat wieder einmal einen sensationellen, aufsehenerregenden ״Fall", einer jener ״Fälle", die so etwas wie die Höhenpunkte des jüdischen Lebens i. Deutschland bezeichnen. Ein berühmter Mann hat anti semitische Aeußerungen getan! Für alle diejenigen Juden in Deutschland, deren Judentmu lediglich darin besteht, jede antisemijische Bemerkung, die irgendwo fällt, zu verzeichnen und, ihr mi/t lautem Protest entgegenzutreten, deren! ganzes Leben von der Angst beherrscht wird,! daß ihnen irgendwer irgendwie zu nahe trete,1 also wieder eine feierliche Gelegenheit, ihr Ju-j dentum, von dem sonst nicht viel wahrzunehmen ist zu bekunden. Und so ergoß sich eine Flut von | Artikeln zur Abwehr des neuen Angriffes, eine, lebhafte öffentliche Debatte setzte ein, und der! neue ״Fall" war fertig. Der ״Fall Schmoller".׳ Was war eigentlich geschehen? Herr von Schmoller, Exzellenz, Geheimrat, führender Professor der Nationalkökonomie in Preußen, hatte in einem Aufsatz seines ״Jahrbuches für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft tiltnl deutschen Reich" einige antisemitisch gefärbte Bemerkungen gemacht. Dies war gewi>ß nicht schön; war, wenn man will, '!eine Geschmacklosigkeit durch, die unsachlich - kleinliche Form, in der sie vorgebracht wurden, und für einen! Mann der Wissenschaft, zumal einen, der stets; für -die objektive, vovaussetzungslose Methode! seiner Disziplin!eingetreten ist, alles andere eher als ׳angebracht; umso weniger, als seine Behauptungen sachlich nicht einmal stimmten. Und gewiß wäre es nur natürlich und geboten, daß jüdische Zeitungen diesen Ausfall vermerkten, und in kurzen Worten zurückwiesen und — zur — Tagesordnung übergingen. Denn es ist wirklich keine Lebensfrage für die deutsche Ju-! denheit, ob zu ihren vielen Gegnern noch einer; hinzukomlmt, und sei! es auch Exzellenz, Geheim-! rat und ein berühmter Mann. Man sollte inner-׳ halb der deutschen! Juidenheit ruhig und selbstsicher genug geworden sein, um eine solche Erfahrung gelassen zur Kenntnis zu nehmen und sie mit einen: skeptischen ״Auch Du, Brutus" zu registrieren. Statt dessen lösten die paar Zeilen Schmollers eine förmliche Erregung in deutschjüdischen Kreisen aus. Die gesamte jüdische Presse war mobil gemacht; die großen libe-. ralen Zeitungen, die die Majorität der deutschen! Juden als ihre Wortführer und Sachwalter an- Zusehen gewohnt ist, brachten große Artikel;! und eine Flut von! Privaten Zuschriften ergoß! sich über Herrn von Schmoller. Offen gesagt liegt uns an dieser Wirkung die der antisemitische Ausfall Schmollers innerhalb des deutschen Judentums auslösen konnte, wehr als an seinen Aeußerungen selbst. Vom Standpunkt eiines stolzen, selbstbewußten Posttiven Judentums gesehen, ruht hier der eigentliche ״Fall" Schmoller. Daß Herr v. Schmoller antisemitisch infiziert ist, ist nicht uninteressant, im übriigen aber wirklich keine erschütternde Begebenhet. (Sem zweiter Artikel in der ״Tag»!ichen Rundschau" hat üebrdies gezeigt, daß er sich bemüht, objektiv zu sein, aber an der — beinahe möchte man sagen: erblichen aniüsemitischen Infektion leidet.) Daß aber einige antisemitisch gefärbte Bemerkungen eines berühmten Mann genügen, um das deutsche Judentum in eine starke Erregung zu versetzen, dies ist allerdings eine wichtige Tatsache, und eine solche von keineswegs erfreulicher Natur. Wenn man zudem noch die Zeit und die allgemeine jüdische .BMaL in. MMMsteg. -FM" ereignet hat, wird er noch wichtiger und trauriger. Man bedenke: Das Judentum befindet in einer Krise, wie seit Jahrhunderten nicht; Hunderttausende unseres Volkes sind zu Gründe gerichtet, große Teile der Judenheit ringen verzweifelt um ihr Dasein; unmittelbar an den Grenzen Deutschlands, in dem von ihm okkuppierten Polen, steht die Zukunft und das Schicksal von leinhalb Millionen Juden zur Entschei-' düng. All dies läßt die deutsche Judenheit ziemj lich kalt. Von der Not des Judentums sprechen, höchstens die Rabbiner in ihren Predigten; die unerhörte Katastrophe, die der Krieg ' unserem! Volke gebracht hat, dient höchstens Rednern! als pathetische Pharase; und die polnisch-jüdische Frage begegnet höchstens hier und da akademischem Interesse. Aber es braucht nur ein» christlicher Gelehrte zu kommen — allerdings! Professor, Geheimrat und Exzellenz in einem! — und ein paar Zeilen gegen die deutschen׳ Ju- .den zu schreibeneinige banale Behauptungen und ebenso oft widerlegt worden sind, und das ganze deutsche Judentum gerät in Erregung; jede jüdische Zeitung hält sich für verpflichtet zur spaltenlangen Abwehr, Hunderte voi: Juden und Jüdinnen — und gewiß darunter sehr viele ״prominente" — glauben es von ihrem Judentum schuldig zu sein, Herrn von Schmaller durch private Zuschriften ms Gewissen zu reden, kurzum: eine Energie wird entwickelt als ob tatsächlich irgend eine jüdische wichtige Lebensfrage auf dem Spiele stände, <ei׳ne Energie, von der man nur wünschen könnte, daß sie den wirklich großen jüdischen Daseinsfragen des Tages zugewendet würde. So sieht sich der ״Fall" Schmoller an׳, von einem wahrhaft jüdischen Gesichtspunkt gesehen;!als ein neues trauriges Symptom!jener i!n!nerev Angst und Selbstunsicherheit, in de; das deutsche Judentum lebt, jener inneren Armut an! wirklich ,Positiven jüdischen Wirten, die den Kampf gegen den Antisemitismus zum einzigen Inhalt des Judentums der meisten deutschen Juden macht, jenes dauernden Hinstarrens auf die Meinungen der ״anderen", dir dann! zu solch — fast .möchte man sagen: grotesken — Wirkungen führt, wie fite der ״Fall" Schmoller «ausgelößt hat. Und die 'Lehre, die wir Juden aus diesem! Fall ziehen müssen, kann daher nur die Mahnung zu etwas mehr Selbstbewußtsein, mehr Selbst- Sicherheit und stärkerer Pflege der Positiven jüdischen Lebensinhalte sein, die allein in Zukunft uns davor bewahren können, in einer Zeit, da die gesamte Existenz unseres Volkes erschüttert ist und seine Zukunft zur Gntschicidüng steht, einige antisemitische Bemerkungen eines berühmten Mannes zum Anlaß tiefer; Erregung und Erschütterung zu nehmen. Das sollten wir aus dem ״Fall" Schmoller lernen: daß die Meinung der ״anderen" über uns, und seien sie auch noch so hoch gestellt,!nicht mehr für uns zu ״Fällen" werden könnnen, an denen wir unsere Energie und Kraft uutzlas vergeuden." Mit der Judenzählung und der vom Zentralvereinie begründeten Berufs - Beratungstelle, die eine Ueberfüllung einzelner Berufe durch Juden verhindern will, beschäftigt sich Fabius Schach iimi Israelitischen Familienblatt" (Hamburg). Des besonderen Interesses wegen wiedergeben wir hier den ganzen Artikel Im Interesse der Juden betittelt: Man glaubt garnicht, wie sehr die Welt um uns Juden bekümmert ist und was nicht alles in unserem Interesse geschieht. Wir werden furchtbar geliebt — nach dem Rezepte: wenn man liebt den züchtigt man. Da wird eine Militärstatistik angeoridnet, ׳und es wird gewissenhaft gezählt, wieviele Juden im Felde und wie viele iin der Garnison den: Vaterlande dienen. Das »geschieht selbstredend — i־n:| ״Interesse der Juden", um antisemitischen Verdächtigungen wirksam entgegentreten zu können. Da wird uns der liebenswürdige Rat gegeben, nicht so oft und stürmisch in die Reihen der Offiziere einzudringen. Natürlich — im ״Interesse der Juden", um keine nnangenehme Stimmung gegen unsere Gemeinschaft hervorzurufen. Da werden Maßregeln empfohlen, in den akiademisti scheu und juristischen Fächern die Juden nicht ״überwuchern" zu lassen. Wiederum selbstverständlich — ״im Interesse der Juden selbst", um uns zu schonen und jede droho׳. de Gehässigkeit von uns fern zu halien. Allen anderen religiösen und sozialen Ge- Mei'nschafton überläßt man es, selber zu bestimmen, was in ihrem Interesse liegt. Man wagt nicht, Katholiken und Protestanten, Jndustnellen und Agrariern das Mcht zu bestreiten, ihr Interesse selber wahrzunehmen. Man bekämst sie wohl hier und da, aber man gibt nicht vor, es in ihren: eigenen Interesse zu tun. Bei uns Juden glaubt man, die Rolle des Fürsorgers übernehmen zumüssen. Dias ist ungemein charakteristisch. Denn darin zeigt sich die ganze Vorkennung der Lage und der Natur der Juden. Alle anderen leben ihr eigenes Leben, dienen ihrem inneren Berufe, wir sollen stets um uns schauen und darauf achte:: was die andern sagen. Alle anderen wählen frei ihr Lebensziel, uns wird die Aufgäbe des Lebens diktiert. Alle anderen werden .mit denn! Maßstabe des Bürgers genrossen, bei uns läßt :na:: alle möglichen Rücksichten walten', und mau nimmt uns das Selbstbestimmungsrecht. Und das schlimmste ist, das wir uns selbst daran gewöhnen, unsere wahren Interessen von diesem Gesichtspunkte aus zu betrachten. Mir gelangen häufig zu keiner richtigen Erkenntnis unserer Aufgaben, weil unser Urteil durch alle möglichen ״politischen" Rücksichten getrübt ist. Man verliert leicht das Ziel aus den Augen, wenn man »auf dem ׳Woge statt vorwärts immer seitwärts sehen mutz. Wunderlich! Man hält doch die Juden sonst nicht für dumm, und traut ihnen doch nicht die Fähigkeit zu, beurteilen zu können, was ihr Jntereste erheischt. Läge ׳es in Interesse der Juden statistische Zahlen über ihre Beteiligung am gegenwärtigen Kriege zugewinnen, dann :nüßten sie doch selber beantragen, daß eine solche Zählung vorgenommen werde. Wenn sie es aber — wie in der Presse und iimi Reichstag vielfach hervorgehvben wurde — als Kränkung ansehen, so ist es unlogisch, zu behaupten, daß es in ihrem eigenen Interesse liegt. Und es liegt auch nicht in ihrem Interesse. Nicht weil sie etwa die Feststellung der Wahrheit zu befürchten haben, sondern weil die Sache einseitig angefaßt worden ist. Die Juden sind nicht als Juden, sondern als deutsche Bürger, als Glieder der großen deutschen Gemeinschaft ins Feld gezogen, und diese Sache hat trotz aller sophistischen Schnörkel mit ihrem religiösen Bekenntnis absolut nichts zu schaffen. Will man aber durchaus konfessionelle Feststollungen, dann muß man auch zugleich die katholischcn und evangelischen. Soldaten im Felde und :n der Garnison zählen. Nur so könnte :::an ei.: wahres Bild von der Sache gewinnen und nur so Ware diesen: Akt das Odium eurer Voreingenommenheit genommen. Und mcht anders steht es mit dem ״Interesse der Juden" auf den. Gebiete der Berufs- Wahl. Soll jeder jüdische Junge beim Beginn des Studiums nicht n:ehr nach innerer Neigung und Aussicht auf Erfolg seinen späteren Beruf wählen, sondern nach der Zahl der Glaubensgenossen, die bereits in diesem Beruf tätig sind? Soll er gar dem unzuverläßlichen Barometer der politischen׳ Witterung und der gesellschaftlichen Stimmung sein individuelles Leben einrichten? Tut es der evangelische oder der katholische Student? Das hieße doch, konsequent gedacht, verlangen, daß der jüdische Bürger stets und überall in erster Reihe als Jude und nur als Jude sich fühlen soll. Welch merkwürdige Konsequenz! Auf der einer Seite macht man uns den Vor- Wurf, daß wir uns nicht genügend ״assimilieren", daß wir uns nicht ganz als Mitglieder der deutschen Gemeinschaft fühlen, und — auf der anderen Seite will man uns eine echte Ghetto-Denkweise suggerieren. Und liegen solche gewaltsam herangezogene RüMchten wirklich im jüdischen Interesses Man kann gewiß der Meinung sein, daß es sozial, vielleicht auch ethisch ein gesünderer Aufbau der deutschen Judenheit wäre wenn wir mehr Handwerker und Landarbeiter und weniger Akademiker hätten. Aber einem jüdischen Juristen, der vor der Staats- Prüfung steht, zuzurufen — wie es tatsälich in Bayern von Judenfeindlicher Seite geschah? »Mache kein zu!gutes Examen, denn das ruft

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