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Jüdische Volksstimme · 1917-03-22 · Heft 5 (22.3.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 5 (22.3.1917)
Date
1917-03-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrg. XVIII, Nummer 5, ♦ fivezoggpreise: -; i b-■—-»!Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe v. Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig .. Deutschland, ganzjährig . , , . . Rußland, ganzjährig ...... Baöan, Frankreich ....... 1-1- . Kronen 6 20 . Kronen 12׳— . Mark 12 - Redaktion: Wie« VIII. Lercherrgafse 6 a. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm. Leipzig. Inserate: die öspaltige Petitzeile 80 h. —׳16 Rubel . Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht bono- » Frank» 4׳— -1 נ | riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. T--—--—-Ö Wien—Brünn 22. März 1917. 25. Adir 5677. Prag—Lemberg. i Jüdische Politik*) Nichts ist für die jüdisch-nationale (zionistische) Politik so sehr charakteristisch als die zionistische Kulturpolitik. Von einem Kultur - Programm ist hier keine Rede, wiewohl die Kulturpolitik bei allen jungen, aufwärtsstrcbenden Völkern die!größte Rolle spielt. Eine weitverzweigte Schul- und Äuturorganstation, gut formierte und stark betonte Sprach- und Kulturforderungen erweckten die deutschen Volksmassen, wie die jungen slavischen Völker zu politischen Leben und Bewußtsein. Statt nun ein weitverzweigtes Schulnetz zu begründen und den realen Lebensbedürfllissen der politischen Massen enstprechend hier auf halbem Wege stehen. Der Anti'emitismus, llw׳e oic Einsicht der Unvollständigkeil im Lr,assen xtrC Erleben der frenvdnationalen Kultur bringt ihnen die Notwendigkeit einer ״Umkehr" zu Bewußtsein. Nicht imstande aber am Leben ihres eigenen Volkes teilzunehmen (da sie beruflich und der Erziehung an das fremde gebunden sind) und die Kulturwerte ihres Volkes unterschätzend suchen sie Vergangenheit und Zukunft, die an sie viel kleinere Forderungen stellen als Gegenwart, ohne Rücksicht auf diese zu überbrücken. Es ist dieselbe, nur in ihrem Ausmaße verschiedene, Ideologie die den Assimilanten zur Pflege der ״Wissenschaft des Judentums" und Kon- . . ־ e1״e ^eihe bon.^. ^,Reformierung" der ״!mosaischen" Sprach- und Kutnrforderrmgen zu formul,es.ssion veranlassen, ren, diese am Be-wutztsevn der Massen beständig! - - - wachzuhalten und nach außenhin kräftig zu vertreten, herrscht gerade auf diesen: Gebiete bei den Zionisten größte Verworrenheit. Jeder Füher erhebt andere Forderungen, jede Lokalorganisation vertritt einen anderen eigenen Standpunkt. Die verschiedensten Kombinationen 1 vom Hebräisch, Jüdisch, Deutsch, Polnisch und Rusfisch geben auch den! kleinsten ״Führern" Jnsolange die so wertende Intelligenz der Träger des politischen Lebens bei den Juden ist ,ist kaum eine Besserung in der ״jüdischen" Politik zu erwarten. Von diesem Standpunkte aus berührt die Begründuln.g einer jüdisch-politischen Partei der Orthodoxen in, Polen durchaus sympathisch, wenn auch diese Bewegung von ״konfessionell" Möglichkeit einen selbständigen Standpunkt zu> kierikal-mänierlichen Orthodoxen in Deutschland vertreten, dem gegenüber sich die Gesamtpartei Leitung als ohnmächtig und vielleicht als ebenso rat- und kopflos erweist. Hebräische, Hebräisch-polnisch-russische und deutsche Schulen und Kindergärten praktische Resultat dieser Denkart. inspiriert ist. * Das Erwachen des Polit. Bewußtseins der Massen, wird (auch d. Otrhodoxen) zur Einsicht bringen, daß nicht nur der Intellektuelle der besind das rufene Vertreter-der (jüdischen) Politik sei. Sie wird auch den ״Kaftanjuden" zu Selbstbewußt- Dabei bleibt es aber immer nur! Ed zu richtiger Eigenvertretung! bringen, bei kärglichen Versuchen, weil mit dem 35&$21ין: Darum schrecken uns dre fremd-klerikalen der Leiter und Führer jodeHmpl auch ein Wech-1 Gebardm dieser werdenden Parte: viidQt; fte fei der Gesinnung und Grundsätze verbunden ift.!|l״k kurcf}auä frc™^n. ^!prunges und •toemn Wollen wir uns dieses Chaos auf dem wit ihren ״Inspiratoren verfchwmden. A. Dawid. wichtigsten Gebiete Politischer Tätigkeit, und daniit auch den Niedergang per jungen einst so hoffnungsvollen Partei mit der so viele Erwartungen der jüdischen Massen zu Grabe getragen werden, erklären, müssen wir uns die psychische Verfassung der jüdischen Intelligenz, die ja der Hauptträger der zionistischen Gedanken und der zionistischen Politik -ist, vor die Augen halten. 7 , - < ״ . . .. ״ ׳ ׳ Schon in der Volksschule beginnt die Ent- Naliastchmden, und nur vor chnen wurde der fremdung des ״Intellektuellen" gegenüber! Vortrag am 18. Februar d.J. ,Mchaltvn, horten seiner eigenen jüdischen Umgebnug. In fremd- Die Aktivität der meff. Idee. Ein Vortrag Dr. Nathan Bivn-baumis soll hier kurz referiert werden, ein Vortrag, der in mehr als einer Hinsicht bedeutend war. Die ihm nationalen Kuturen! erzogen, sieht er in diesem eine allgemein ״europäische" Kultur, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Dabei erlebt er aber nicht Sein und Werden der fremden. Kuturen mit, er muß sie erst!״erlernen" weshalb er größtenteils die Wertung allgemeiner und besonderer Eigenarten übersieht und verliert. Seine Lebensart ist an frampe Sphären gebunden, von denen er auch beruflich abhängig ist. Unbewußt bildet sich ׳nun die eigenartige Psychologie, die immer mehr das eigene Wesen, mit dem Lebens- und Berufsinteressou in Widerspruch stehen, ablchnen. Nach fremdem MaUtabe und fremden Größen mißt er nun Wiesen und Werte der eigenen Volskultur, die er dem Gemäß immer Mehnen muß. Die assimilatorische Ideologie ist, oberflächlich genommen, die einzig richtige Konsequenz dieser widerspruchsvollen Lebensart. Die Jedeologst׳ der Zionistischen Intellektuellen bstibt - . Soweit europäische Kultur vom Gedanken ) Siehe ,^Jüdische Politik" in der vorigen! der sittlichen Gebundenheit — religio bedeutet Wltmtnov Cm.a4.1a * •_4.10:״ IS:U 4«. und mehr aber nicht nur wagen der im zürn- /nenden Prophetentone vorgebrachten Verdammung der Moderne auf allen Gebieten, sondern mehr noch durch die. Neufassung des jübischen Wesens mitrisson. Es wäre zu hoffen, -daß sich Bipnbaum zur baldigen Drucklegung seines Vortrages entschließt; denn nur er selbst wäre imstande, jenes pulsierende Leben seinen Ideen mitzutckl-ön, das zur Verwirklichung eines erneuerten Judentums nötig wäre. Birnbaums Vortrag zerfiel in eine *m? leitende Kritik des heidnischen Europäertums für das der glückliche Ausdruck ״heidnischweltliche Rebellion" geprägt wurde, in eine We-sensbestimmung des Judentums, das als auserwähltos und heiliges Volk den Messias hervorzubringen habe und schliWich in eine Mitteilung jener Leitsätze und WM. die zur Verwirklichung des jüdischen Messianismus nötig wären. Nummer unseres Blattes. eigentlich nichts anderes —!durchtränkt ist, m* soweit ist -sie auf den: Umwege des Christentnms jüdisches Erbe. Aber wie wenilg zeugt davon das individualistische Westlcrtum, oder gar das demokratischliberale Jourualistentum Europas, an dcjni die Juden ihren redlichen Anteil haben. Selbst der Sozilalismus trägt als Produkt l-i-beral utilitaristischen Denkens nur mit Unrecht seinen Namen. Birnbaum schreibt nun diesen Freiheitstaumel als Sündenfall dem rationalen Denken zu und meim-t den Göttesglauben fester auf. Intuition stützen zu können? Selbst das Ostjudentum, dessen Recht Birnbaum! als erster suchte, steht eg, wenigstens in der Oberschicht seiner Intelligenz, von! der heidnischen Nebellion angekränkelt. Man braucht ja bloß an die heillose Verwirrung zu denken. Ne der Sozi-alis- Nius im jüdischen Osten angerichtet hat. Bei der sonst üblichen Bestimniung des Wesens des Judentums als bloßes Gesetzjudentum bleibt Birnbaum nicht stehen. Zwar hat ge!- syalde dieser Formalismus, dieses Festhalten an der Form, das,nachexilische Judentum in . setzen, auch Weiterhin bewahren. Denn diese Form ist lischt bloße Form, sondern Dynmnismus. Diese dynamischen Formen sind aktive Jhieen, die den Gläubigen lauffordern, in: Sinne des wesentlich jüdischen Inhaltes, d. h. der fortschreitenden Heiligung und des Messianismus ׳ zu arbeiteii. Zwar werden diese Inhalte, auch von der gläubigen Masse anerkannt; aber ihr Verhalten ihnen gegenüber mehr passiv. Dieser Passivismus trägt auch die Hauptschuld an den Gebrechen der Ostjudenheit, der vornehmlicheu Bewährerm des jüdische/!: GlaubenAgutes. Die messianische Idee ist aktiv: Sie fordert den Inden auf, sich des Geschenkes )der Thora -immer würdiger zu erweisen, heilig zu werden und den Messias nicht nur zu erwarten, sondern zu bringen. Zur. Ueberwindung dieses Passivismus nun soll nach Birnbaum eine Hierarchie dienen, deren Mangel viel zur allgemein jüd. Anarchie auf allen Gebieten beigetragenl hat. . Der Hierarchie »mußte die Aufgabe und die Macht zukommen, Ssejogim, Umzäumungen als Edikte zu erlassen, Zäune,, die für den Bestand des Judentums zu errichten wären. Seit mehr als einem Jahre hat Birnbaum Mitstvebende gesucht und gefunden, um durch Beispiel das Volk aufzufordern, ״Sich durch strenge Thoratreue und intensivstes Streben nach Heiligung in Unterordnung unter eine geordnete rabbinische Gbcmbenshütevschaft das. Kommen des Messias zu erarbeiten." Die drohende Gefahr!des Unglaubens und des Abfalls würden, wie Birnbaum glaubt, ihm) und den Seinen zu Hilfe kommen. Zum Schlüsse bemerkte Dr. Birnbaum, daß er mit dem sogenannten Neo-Chastdismus der sich in letzter Zeit iw litevatur und Salon breit macht, nichts zu tun habe. Diese Art der Wirkung stehe ihm ganz fern, wenn er auch den berechtigten lebensfähigen Kern des alten Chasidismus anerkenne. Wir Juden des Westens, von Europas Rebellion erfaßt, können in unserer Halbheit nur mit Neid einer Totalität der Welt- und Lebensanschauung entgegenkommen,. jedenfalls aber sind wir mit unserem Herzen 'dabei; denn nostm res agitur, es steht die! Judenheit in Gefahr. Dr. Alexander Neuer. ~

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