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Jüdische Volksstimme · 1917-03-07 · Heft 4 (7.3.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 4 (7.3.1917)
Date
1917-03-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 4. ״JLdische BolkSstimme- Seit, S thode Hamans ist geradezu modern. Man findet in, Der verstorbene gehörte zu den hervorragendsten seinen Anklagen fast dieselben Worte, die unsere Heu- Schöpfern der hebräischen Literatur der 80er Jahre. tigen Antisemiten zum Programm erhoben haben. Haman klagt über die Eigenart der Juden, über ihre besondere Religion, und er wirft ihnen vor, daß sie eigene geheime Gesetze haben und das allgemeine Gesetz des Staates umgehen. Das ist dasselbe, was die Judenfeinde des 20. Jahrhunderts behaupten. Es ist ein Wunder, datz die antisemitischen Parteien dem Haman bis heute noch kein Denkmal gefetzt haben. Ja, auch psychologisch sehen wir bei Haman denselben Werdegang wie bei unseren heutigen Judenfressern. Man zürnt einem Juden, man ist aus irgendeinem Grunde ihm böse. Nun schämt man sich, dieses niedrige Gefühl beim richtigen Namen zu nennen, und — man macht aus seinen Empfindungen ein System, man redet sich ein, zu diesem Hasse berechtigt zu sein, und man überträgt ihn auf die ganze Gesamtheit. So entsteht der ..überzeugte Antisemit", der Vertreter der antisemitischeu Wissenschaft. Und den Sieg trug die Idee der Religion, die die mächtigste Stütze des Judentums im Laufe der Geschichte war. Und daher wurde auch das Purimfest zu einem Dankesfest gestempelt. Das Judentum erwies sich stets als dankbar für alles schöne und Gute, und seine edelsten Freuden waren die der Erinnerung, der Versenkung in den Geist alter Zeiten. Dadurch erhielten die Feste die große Bedeutung und die Weihe. Ein merkwürdig schönes Buch ist das׳ Buch Ester, das uns die Vorgänge dieses großen geschichtlichen Ercignisses schildert. Voller Romantik und Eigenart ist diese Erzählung. Und auch hier ist — wie häufig in der jüdischen Geschichte — die eigentliche Heldin des Festes ein jüdisches Weib, ein Weib, das sich von seinem jüdischen Herzen leiten läßt und seine Größe darin findet, seiner Gemeinschaft Opfer zu bringen. Wunderbar ist die Beschreibung dieser Ester, die ohne jede Großtuerei schlicht und recht auftritt und darin das Glück sucht, ihre Pflichten zu erfüllen und mit ihrem Volke eins zu sein. Trotz aller Verlästerungen antisemitischer Ignoranten bleibt das Buch ein herrliches, ein Denkmal echt jüdischen Denkens und Empfindens. Wie die meisten jüdisen Feste, droht auch der Purim, der Judenheit von heute in seiner Bedeutung immer mehr verloren zu gehen. Man verlernt immer mehr, die eigenartigen Schöheiten des Judentums zu Seine Werke publizistisch-beletristischen Inhaltes waren außerordentlich populär und zählen bis auf den heutigen Tag zu den besten Erzeugnissen der klassischen hebräischen Literatur. Seine erste Erzählung war ״Schirat Hasamir" (Das Lied der Nachtigall). Berühmt sind seine Erzählungen über die Erlebnisse der jüdischen Soldaten im russischtürkischen Kriege (1878), den er als Militärarzt mitgemacht hatte. Später erregten seine ״Gesammelten Werke und Erzählungen" großes Aufsehen. In bet} letzten Jahren widmete der Verstorbene sich fast ausschließlich der hebräisch-wissenschaftlichen Literatur, trat aber doch auch öfters mit Werken literarisch-poetischen Inhaltes hervor, die stets vom hebräisch lesenden Publikum freudig ausgenommen wurden. Bis zum 20. Lebensjahre beschäftigte sich I. L. Katzenellensohn mit dem Talmud, nachher wandte er sich dem ״profanen" Wissen zu und erlente die Medizin, an der er ebenfalls mit großer Liebe hing. Talmud und Medizin waren die beiden Pole, um die sich seine geistige Welt bewegte. Es ist selbstverständlich, daß er sich vor allem für die medizinischen Teile des Talmuds interessierte. Schon seine Doktordisscrtation gehört diesem Gebiete an. Aber erst 1888 erschien seine vorzügliche Untersuchung über die ״Anatomie des Talmuds und deren Beziehung zur griechischen Medizin" fast gleichzeitig in zwei Sprachen (hebräisch und russisch); kurz nachher wurde dieses Werk auch in die deutsche Sprache übertragen Etwas später zog der Verstorbene auch die Bibel in den Kreis seiner Forschung hinein. 1899 erschien hebräisch und russisch (in deutscher Uebersetzung nur kurz wiedergegeben) seine Monographie über die Hautkrankhciten in der heiligen Schrift. Endlich veröfentlichte er im Jahre 1897 seine ausführlichere Untersuchung ״Ucber das rituelle Reinheitsgesetz bei den alten Juden." In diesem anregend geschriebenen Werke streift der Verfasser wiederholt das Gebiet der Kulturgeschichte und der allgemeinen Geschichte des Judentums. Nun wendet er sich diesem Gebiete eingehender zu und als Frucht dieser neuen Forschungen entstehen seine beiden russischen historischen Exkurse über die ״Babylonische Gefangenschaft" und ״Saduzzäer und Pharisäer" (1900/1). Diese Veröffentlichungen enthalten eine Reihe von originellen und sehr feinen Beobachtungen, die der verstehen. Eine würdige Aufgabe wäre cs daher, dieses! Verfasser an den Urquellen gemacht hat und zeichnen Fest wiederum zu einem allgemeinen Familienfest auj^ durch große Lebendigkeit und Eleganz der Darmachen und es vor allem dem Verständnis unsererj Stellung aus. Eben diese Eigenschaften kennzeichnen auen Jugend näher zu bringen. Buki ben Jogli. (Dr. I. L. Katzenellensohn, 1846 1917.) In Petrograd starb der berühmte hebräsche Schriftsteller und bekannte Arzt Dr. I. L. Katzenellensohn (Buki ben Jogli) im Alter von 71 Jahren. Wird er schon alles zehnmal vergelten. Der soll ihn noch einmal plündern ,wollen. Dieser — Haman.,. Mit einem Finger wird er ihn Niederschlagen diesen — Judenfeind!.... Indessen freut sich Jasiek an ‘ die großartigen Leckerbissen, die er morgen *dem Judenjungen wegnehmen wird. Denn auch er weiß, daß morgen Purim ist, und Jossele morgen volle Taschen hat: Kuchen, Nüsse, Konfekt, Orangen.. ״Das will ich mir wohl schmecken kaffen", denkt sich Jasiek... Aber — diesmal kam es anders. In Jossele ist die gestrige Kampfesstimmung noch nicht verflogen. Er war kein Strohfeuer. So geht er an dem schönen Purimtag in seinem Feiertagsgewand in den Cheder und erinnert sich freudig an die gestrige Megille-Vorlesung. Da denkt er an Jasiek. Er muß ja an seinem Hause Vorbeigehen, und der wird ihm sicher heute wieder auflauern. Und so gute Sachen wie heute, hatte er noch nie in seiner Tasche gehabt.. Er denkt also: Der König Ahasverus hält mit uns Juden... Und den Haman hat man mit seinen zehn Sönhnen aufgehängt. Habe ich den überhaupt Angst vor Jasiek? .. Nein! Der soll mir nur kommen! Er soll kommen, wenn er sich traut!".... Da stürzt schon Jasiek auf ihn los und hinter ihm lauft seine Hündin her, die aber bald zurückbleibt und mit dem Schwänze wedelt, da sie Jossele, ihren Spender erblickt. Jasiek wirft sich auf Jossele, um sich die erhoffte Beute zu eigen machen. Jossele nimmt seine ganze die dritte Monographie auf diesem Gebiete: ״Religion und Politik bei den alten Juden" (1900—1902). Eine neue Epoche der wissenschaftlichen Tätigkeit beginnt bei Dr. I. L. Katzenellensohn in dem Jahre 1908. In diesem Jahre wurde die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (״Akademie für Orientkunde") in Petersburg gegründet, und an dieser übernahm der Verstorbene den Lehrstuhl für Talmud und rabbinische Literatur. Gleichzeitig begann die russisch-jüdische Enzyklopädie zu erscheinen, in der er den talmudischrabbinischen Teil redigierte. Dr. I. L. Katzenellensohn nahm aktiven Anteil an j allen bedeutenden jüdischen Gesellschaften, widmete aber doch sein größtes Interesse dem hebräischen Sprachenverband, dessen Vorsitzende er war. Auch als Arzt tvar Dr. Katzenellensohn sehr angesehen und war der Leiter des städt. Alexander- Hospitales. Er erfreute sich in weiten jüdischen und nicht-jüdischen Kreisen größter persönlicher Popularität. Mit ihm ist einer der letzten Repräsentanten der klassischen hebräischen H a s k a la H-Literatur. hinioeggegangen Aus dem Warschauer Ghetto. Warschau hat ein Doppelgesicht. Das eine, das Gesicht des eleganten, modernen, lebenslustigen Warschaus, blickt nach Westen — aber das Warschau der langen Unterdrückung, der Rückständigkeit, des Elends schaut ostwärts. Der östliche Teil des ostwärts blickenden Warschaus aber ist das Warschauer Getto, ein Stück Mittelalter mitten in Neuzeit, eine Welt tiefsten Elends in unmittelbarer Nachbarschaft üppiger Eleganz. In dem soeben erschienenen Februarheft der ״Süddeutschen Monatshefte", das ״Fragen des Ostens" gewidmet ist, gibt Dr. Adolf Friedmann eine Schilderung des War Kraft gegen den ״Judenfeind""zusammen. Er gibt ihm? schauer Gettos, das er selbst besucht hat. Innerhalb des eine kräftige Ohrfeige und bleibt nach kurzem Kampfe eigentlichen Warschaus sind die polnischen und jüdischen Sieger, nachdem Jasiek vergebens seine Hündin zu? Stadtteile scharf von einander geschieden, so allerdings, Hilfe gerufen hatte.... j daß wohlhabende Juden auch in den polnischen Stadt- Seit diesem Purimfest waren Rollen vertauscht, teilen tvohnen. Die große Menge -er Juden aber wohnt Wenn Jasiek Jossele, den einst so blassen, schwachen Joseng zusammengepfercht in einem Judenviertel. Dieses sele erblickt, läuft er ins Haus und versteckt sich beim' Stadtviertel, das hinter dem Rath'ause und dem alten Vater. Markt beginnt, ist eng gebaut, hat hohe und meist düstere Häuser, und die Straßen sind auffallend schlecht ge» pflastert. Ganz offensichtlich ist dieses Stadtviertel das Stiefkind der Stadtverwaltung gewesen. Typisch für Warschauer Verhältnisse ist außerordentlich tiefe Bauart mit vielen Hinterhöfen, was natürlich diesem Viertel einen besonders trübseligen Anstrich verleiht. Sobald man das eigentliche christliche Viertel verlassen hat, wechselt das Publikum; langröckige Gestalten mit schwarzen Mützen auf dem Kopfe machen nun den den Hauptteil der Passanten aus; überall öffnen sich sich kleine Kramläden anstatt der schönen Geschäfte, wie sie auf der Marschallkowska und der Newh Swiat zu finden sind. Eine andere als die polnische Sprache, ein halb verständliches Deutsch schlägt an unser Ohr und wir haben den Eindruck, daß wir nicht nur in einem anderen Stadtteil, sondern in einem anderen Lande unS befinden. An dem starken Gedränge merkt man. daß die Bevölkerung eng zusammengewohnt und größtenteils beschäftigungslos ist. Tatsächlich feiert gegenwärtig das ganze jüdische Polen, und da die Leute keine Kohle haben, um zu Heizen und in den eiskalten Wohnungen, aus denen der meiste Hausrat verkauft ist, kälter ׳ist, als auf der Straße, so stehen sie meist in den Haustüren und Gängen herum. Jeder Fremde, der dieses Gewirr von Straßen und engen Gassen betritt, jeder Offizier oder Soldat ist sofort der Gegenstand laut geäußerter Neugierde. Zwischendurch fahren die kleinen Warschauer Droschken mit halbverhungerten Pferden und befördern in Ermangelung jeden anderen Transportmittels Waren und Hausrat an den Bestimmungsort. Man sieht langbärtige Juden, die in der kleinen Droschke eine riesige Badewanne transportieren, Leute, die auf hochgetürmten Bettstellen thronen, ganze Wohnungsumzüge, die in ein oder zwei dieser kleinen Wagen vor sich gehen. Zwischen dem Publikum drängen sich unzählige Juden mit russischen Bonbons, Zigaretten und jüdischen Zeitungen, die sie mit einer Aufdringlichkeit anpreisen, die sie die erlernte. Am schlimmsten wird das Gedränge in der Nähe der Markthallen, und hier kommen wir in die Krochmalma, eine endlose, schmale, schnurgerade Straße mit schmutzigem holperigem Pflaster, welche die ärmste Bevökerung Warschaus beherbergt. Sobald unsere Wagen halten, drängt sich um uns eine nach Hunderten zählende Menge, die in die Häuser voranstürzt, uns umdrängt und einige Kopeken zu erbetteln sucht. Im Innern der Häuser ist der Kalk von den Wänden gefallen und die Treppen sind selbst am Tage so dunkel, daß man in Gefahr ist, hinabzustürzen, wenn man kein Licht anzündet. Wir steigen eine solche Treppe hinunter, zwölf ausgetretene Stufen, die in eine finstere Unterwelt führen und stehen dann in einem niederen, unbeleuchteten Kellergange, der rechts und links Türen zeigt. Etwa fünzehn Schritt vor uns ist eine solche Holztür, die wir ertasten, und als wir sie öffnen, schlägt uns ein betäubender Geruch entgegen, der sich aus dem Dunst zahlreicher Menschen und dem Moder der kalten Mauern zusammensetzt. Wir stehen in einem kaltem Raum, den von der Decke her ein wenig Licht erhellt. Ein krankes Kind liegt in einer Wiege, sonst ist an Hausrat nichts vorhanden als zwei Decken mit einigen Decken und zwei Stühle. In diesem Raum Hausen Personen: Vater und Mutter, sowie mehrere Kinder und ein Aftermieter. Aehnlich sieht es in all diesen unterirdischen Verlisen aus. In manchen liegen Kranke, überall ist gerade wegen Flecktyphus desinfiziert worden und trotzdem macht das Ganze den Eindruck wahrer Pesthöhlen. Das Elend übersteigt noch das in den Londoner Docks. In den oberen Stockwerken der Häuser sieht es ein wenig erträglicher aus. Auch hier sind die Wohnungen kalt, ungeheizt, es herrscht meist eine Llermlichkeit, von der man sich bei uns keinen Begriff machen kann, aber die letzten Spuren gewesenen Wohlstandes zeigen sich doch noch in ein paar Oeldrucken oder in'einem bunten Tischtuch. Es ist Freitag Mittag, und die Leute bereiten das Essen für den Sabbat vor, an dem nicht gekocht werden darf. Bei alledem kann man nicht sagen, daß die Wirtschaften schmutzig sind, soweit Reinlichkeit bei solcher Armut möglich ist. Seife stellt ja einen Luxus dar, den man sich nun nur selten gestatten darf. Man hat für den Sabbat vorgesorgt. Der Fußboden ist überall frisch gescheuert und dann mit alten Tüchern belegt die erst nach Sabbatanfang entfernt werden sollen, damit die Kinder nicht den Straßenschmutz hereintragen. Ueberall sucht man auch Tische, Stühle und den Herd zu säubern. Aber mit kaltem Wasser und ohne Seife ist das alles schwierig. In einem Keller fängt die Frau bitterlich zu weinen an, als wir sie fragen, was sie zum ״Schabbis" koche. Sie sagt, ihr Man sei Lastträger, und früher hatte er doch am Tage 30 Kopeken verdienen können, aber jetzt habe er manchmal tagelang keinen Kopeken mitgebracht. Trotzdem putzt sie und quält sich für den Feiertag. Freilich, an der Kleidung ist nichts zu säubern. Bei der herrschenden Kälte haben die Leute alles übereinander

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